Wellblechgarage

Mein Vater hatte eine Wellblechgarage, die aussah, wie ein zu klein geratener
Flugzeughangar aus einem dieser amerikanischen 2.Weltkriegfilme,
und es war immer sehr heiß darin, wenn die Sonne draufknallte,
und im Winter war es dort beinahe kälter als draußen,
und vielleicht lag es daran, daß das Auto meines Vaters
immer  v o r  der Garage stand, zuerst der VW-Käfer, dann der weiße Peugeot Kombi
und später der Ford Turnier 20M.
Der einzige, der die Immobilie wirklich nutzte, war ich.
Ich richtete dort eine Geisterbahn ein, mit Bettlaken, alten Decken, Karnevalsmasken
und irgendwelchem Gerümpel, und ich war Obergeist und Kassierer zugleich.
20 Pfennig kostete der Eintritt für Kinder, für Erwachsene 50.
Dann war die Wellblechgarage noch eine Imbißbude, wo heiße Dosenwürstchen
mit Ketchup oder ohne angeboten wurden
und ein kleiner Supermarkt, einer der ersten, wo ich zu einem fairen Preis
frische Waldhimbeeren, Brombeeren und Blaubeeren verkaufte,
im Herbst auch Pilze,
oder eine Tauschbörse für Comics: Fix und Foxi, Bessie, Donald Duck.
Und als ich mich langsam auf das Teenageralter zubewegte,
wurde die Garage von mir mit ein paar gezielten Handgriffen
in ein Krankenhaus umfunktioniert, wo ich das um einen Kopf größere
Nachbarsmädchen nach allen Regeln der Kunst verarztete, oder sie mich.
Man konnte einen Besenstiel zwischen die Klinke schieben,
es gab keinen Schlüssel, um das Krankenhaus, bei besonders kniffligen
Operationen, vor den neugierigen Augen der Außenwelt zu schützen,
die Behandlungen mußten ja äußerst diskret ablaufen,
denn, wie gesagt, es war immer sehr heiß in der Wellblechgarage,
und als wir dann in eine andere Gegend zogen,
machte mein Vater endlich Nägel mit Köpfen,
er baute eine Garage an, aus solidem Ziegel, und setzte ein richtiges Dach drauf,
ab da standen seine Autos dann immer i n der Garage,
und ich bereitete mich darauf vor, erwachsen zu werden,
es blieb mir ja fast nichts anderes übrig.


 

Der Kapitän des sinkenden Schiffs

Harry S. kam von einer längeren Reise zurück.
      Sein Flugzeug war pünktlich auf dem Münchner Flughafen gelandet.
Dort hatte er etwa eine Stunde auf den Bus gewartet, mit dem er dann zu dem nächstgelegenen Bahnhof gefahren war.
      Von hier aus hatte er den Franz Kafka- Interregio genommen, der bis nach Prag fuhr, aber Harry S. stieg in Regensburg aus, wo er sich vor ein paar Jahren in eine Dachgeschoßwohnung in der Nähe des Bahnhofs eingemietet hatte.
      Die eisigen Schnüre eines Novemberregens machten ihm, links und rechts an zwei schwere Koffer angekettet, den Gang zu seiner Wohnung auch nicht gerade leichter.
      Bilder aus der nahen Vergangenheit tauchten auf, gestern zum Beispiel, wo er am späten Nachmittag noch zum Leuchtturm hochgewandert war, wie er den herrlichen Blick über die Bucht genossen hatte, wie er dann den schmalen Pfad an der Westseite des Leuchtturmberges heruntergeklettert war und unten noch einmal ein Bad im warmen, freundlichen Meer genommen hatte.
      Die Bilder seiner Ankunft in dem liebreizenden Örtchen an der spanischen Grenze tauchten wieder auf, der Kräuter- und Macchiaduft, von dem der dort empfangen worden war, die hohen Berge, das azurblaue Meer, die Blütenpracht der Bougainvillea, die dort in Hecken wuchs, nicht wie in deutschen Wohnzimmern in verschimmelten Blumentöpfen.
      Er hatte es sich dort leisten können, auf all die Rituale und selbstauferlegten Pflichten zu verzichten, mit denen er daheim sein Leben regulierte, dem Chaos von Stadt, Beruf, familiären und freundschaftlichen Bindungen einen Rahmen steckte, um nicht von diesen Alltagsgegebenheiten verschluckt zu werden.
      Er hatte es sich leisten können in den Tag hinein zu leben, still und in sich versunken Sonnenauf- und -untergängen beizuwohnen, sich in den Kreisen, die die Fischadler über entlegenen Meeresbuchten zogen, zu verlieren.
      Er hatte es sich leisten können, ein Verhältnis mit einer Schweizerin anzufangen, die im Appartement unter ihm wohnte und auf der Suche nach der Emanzipation war.
      Er hatte sich dies leisten können, während seine Freundin einmal in der Woche in seiner Wohnung nach dem Rechten sah, die Blumen goß, den Briefkasten entleerte; weil sie nicht dort war, wo er war, und sie sich nichts von dem erzählten, was ihnen während der Zeit ihrer räumlichen Trennung widerfuhr; und weil die Schweizerin nur eine Urlaubsbekanntschaft war, die ihn, und er sie, schnell wieder vergessen würde, wenn sie sich erst einmal aus den Augen waren.
      Wenn ihm nur nicht das Geld ausgegangen wäre, Geld stinkt, aber das Geld hatte ihm die monatelange Atempause, den farbigen Traum vom Anfang ohne Ende erst ermöglicht.
      Monatelang hatte er vor sich hin gelebt, ohne einen einzigen Gedanken an das Ende seiner Reise zu verschwenden, und als es dann prompt vor ihm stand, hatte er es, ohne Murren, angenommen.
Je näher er aber seiner Wohnung kam, umso unsicherer wurde er sich in seiner Akzeptanz des Unvermeidlichen, der Rückkehr in sein Ghetto, zu dem tödlichen, von der Gesellschaft vordiktierten Tagesablauf.
      Hinzu kamen die vielfältigen Auseinandersetzungen mit Menschen, die man gar nicht, weniger gut oder ganz besonders gut kannte, Auseinandersetzungen, die auf einen warteten, wenn man in einer Stadt in Mitteleuropa wohnte, denen man sich kaum entziehen konnte, wollte man nicht in ein Irrenhaus eingesperrt werden oder sich zumindest ständig vor irgendjemandem rechtfertigen.
      Es hieß wieder, dieses erbärmliche Spiel spielen, wie heißt du, was machst du, warum tust du das und das, glaubst du, du kommst damit durch, wir müssen uns auch anpassen.
      Kälte, Nässe und diese Visionen von ständiger Konfrontation, des Zusammenpralls eigener Bedürfnisse, dem Anrecht auf eigene Bedürfnisse, mit dem, was andere, personifiziert als Freunde, Bekannte, Arbeitskollegen oder unpersonifiziert, als der eiserne Arm Staat, von ihm verlangten, schüttelten ihn durch und durch, als er die Wohnungstür aufsperrte.
      Er bekam keinen Schock, als sich ihm schon im Flur das Chaos offenbarte, es war, als ob er zeitversetzt auf alles reagieren würde, mit dem er seit seiner Ankunft in Deutschland in Berührung kam.
      Ein wahrer Pesthauch schlug ihm entgegen, Jacken, Mäntel, waren von der Garderobe heruntergerissen und wahllos auf dem Boden verstreut worden.
      Dreckbatzen, groß wie Kuhfladen, klebten an den Wänden.
      Er sah keine Einzelheiten, er sah nur ein schäbiges, immer größer werdendes Loch vor sich.
      Langsam stieg er über den Unrat, der sich vor ihm ausbreitete und öffnete die Tür zur Küche.
      Das also war einmal eine Küche gewesen. Oder hatte er sich vielleicht in der Türe geirrt?
Es sah aus wie in einem Schweinestall, der seit Jahrzehnten nicht mehr ausgemistet worden war.
      Was ihm mehr ins Auge stach, der meterhohe Schimmel auf Tisch- und Stuhlresten, die umgekippten Eimer von, wahrscheinlich, Senf, Ketchup, Mayonnaise, wußte er nicht zu entscheiden.
      Ein Meer von roter, stinkender Flüssigkeit brodelte ihm entgegen.
      Wein? Blut? Gallonen übelriechender Farbe?
      Welche Dämonen hatten hier ihre Exkremente abgeladen?
      Er wankte rückwärts durch die Tür, drehte sich und betrat das Wohnzimmer.
      Seine Bücher waren zerfetzt, das Mobiliar Kleinholz, der Teppich war herausgerissen, die Wände grinsten ihm enthäutet entgegen.
      Harry S. stellte die zwei Koffer ab, setzte sich darauf, schloß die Augen und schaltete den Rest seiner Wahrnehmung aus, so als ob es eine Möglichkeit gäbe, anhand dieses Tricks das Geschehene ungeschehen zu machen.
      Er wartete, versuchte noch, die so erfreulichen Bilder zurückzuholen, die ihn die letzten Monate begleitet hatten, aber es kam nichts mehr, auf Befehl ließen sie sich nicht abrufen, es war einfach nur leer in ihm.
      So saß er, ohne das geringste Zeitgefühl, seine Zeit ab.
      Er war endgültig zwischen zwei Welten geraten und er machte sich keinen einzigen Gedanken darüber, ob er dort jemals wieder herauskommen würde.


 

Hart zu knabbern

Ich hatte dieses Kreislaufproblem und noch dazu eine angeknackste Psyche, und als ich wieder aufwachte, rotierten meine Augen in ihren Höhlen und ich dachte, Uhh, jetzt ist es soweit, ich bin endgültig in der Hölle gelandet.

Das einzige Fenster hier an diesem Ort war vergittert und führte zu einem düsteren Schacht, der das wenige Licht aus dem Raum saugte. Ich hatte das Bett direkt an der Quelle der Dunkelheit. Krampfhaft hielt ich mich an irgend etwas Festem fest. Nur ja nicht verschluckt werden und namenlos und unbeerdigt im Nirgendwo verschwinden. Automatische, tickende Konzentration. So was muß man nicht lernen, es ergibt sich, je nach Umstand, aus der Situation heraus, und das hier waren die perfekten Umstände und die gelungenste Situation, die sich gesunde und kranke Hirne dafür ausdenken können.

Die Bettdecke im Bett neben mir lag flach und bewegungslos, die Portion Mensch darunter hatte schon mit allem abgeschlossen, jeglichen Widerstand gegen übermenschlich boshaft agierende Kräfte aufgegeben. In der dritten Bettstatt, die sich in der Nähe der Tür befand, krümmte sich ein Greis, er hatte sich freigestrampelt und reagierte nicht auf Zuruf. Wahrscheinlich war er taub oder tot oder beides, wobei sich das eine aus dem anderen ergab. Wie es aussah, war ich allein. Auf die Solidarität anderer Höllensklaven konnte ich nicht hoffen. Immer besser, gleich das Unmögliche aus dem Repertoire zu streichen, jeglichen Schimmer auf Linderung sich abzuschminken, dann war es eher möglich, klar nachzudenken. So etwas wie Hoffnung verklebte einem nur das Hirn. Man rechnete gerne fest mit dem Schönen und Angenehmen und wurde dann doch von der trockenen Realität verschluckt.

Wir waren also tot oder warteten auf den Tod, der sich bereits seine besten Wanderschuhe geschnürt hatte, um möglichst bald bei seiner Beute einzutreffen. Daß es nun so schnell gehen sollte... Ich konnte Teer und Teufel schon riechen. Es wäre an der Zeit gewesen, ein nichtsnutziges Leben zu rekapitulieren, aber ich beschloß, mir nicht auch noch selber Daumenschrauben anzulegen. Daran drehten seit jeher schon genug andere.

Jetzt rührte sich aber doch was im Bett neben der Tür. Der Greis ächzte und gab Klagelaute von sich. In Zeitlupe setzte er seine dürren Stecken auf den Boden und schob sie in Richtung Klo. "Heh, Sie da! Was ist mit dem hier neben mir? Müßte der nicht schon längst unter der Erde liegen?" , rief ich. Der Alte winkte ab. Er dachte im Augenblick einzig und allein daran, sein kleines Geschäft zu verrichten. Und das dauerte. Ich dachte schon, er wäre kopfüber in der Kloschüssel verschwunden, als es ein häßliches, ordinäres Geräusch gab. Ja, genau, so wie wenn ein alter Mann mit seinem Kopf gegen die Kante eines Waschbeckens knallt. Verdammt, ich sprang hoch, rannte zur Badtür und stemmte sie auf. Hilflos ruderten zwei Ärmchen in der Luft herum. Aus seiner Stirn sickerte Blut. Ich trug den Greis in sein Bett zurück. Ein Gutes hatte es also, daß ich hier auf der Siechen- und Altenstation lag. An dem hier hatte der Teufel nicht mehr viel zu futtern und ich nicht mehr viel zu schleppen. Dann klingelte ich der Schwester und redete beruhigend auf den Alten ein.

Auch die Schwestern in der Hölle machten ihrem Namen keine Ehre. Sie müßten eigentlich besenschwingende Teufelspriesterinnen oder warzentragende Seeungeheuer genannt werden. Dieses Exemplar hier war fett und fast zwei Meter groß und garantiert nicht meine Schwester. Ich mußte mitansehen, wie sie dem Alten alle Knochen brach. Aber sein Körper wurde sowieso nur noch durch das Pergament seiner Haut zusammengehalten. Meine Güte, alles geht den Bach runter, dachte ich, wer dieses Leben geplant hatte, mußte eigentlich wegen Kurpfuscherei sieben Tage die Woche an den Pranger gestellt werden. Na ja, die größten Dilettanten waren gleichzeitig die mächtigsten und einflußreichsten Bosse dieser Welt. Das sagt alles.

"Das ist doch gar nichts", sagte Schwester Luzifer und knallte dem Greis ein Pflaster auf die Stirn. Jetzt war der also auch noch hinüber.

"Schwester", rief ich, "wo bin ich hier eigentlich gelandet? Ich kann mich nicht mehr erinnern, was passiert ist."

"Sie halten mal lieber ihren vorlauten Mund", antwortete Luzifer, "sturzbesoffen und das am hellichten Tag. Wenns nach mir gegangen wäre, hätten Sie jetzt ein Einzelzimmer bei Wasser und Brot."

"Ja, und was ist das hier, wenn ich fragen darf", schob ich hinterher.

"Werden Sie nicht unverschämt, Sie haben hier die bestmögliche Betreuung."

"Ja, das sehe ich", sagte ich und deutete mit dem Kopf zu meinen beiden Leidensgenossen hin. "Und schwedische Gardinen haben sie hier auch und es stinkt nach Tod..."

Die Schwester warf mir noch einen haßerfüllten Blick zu. Dann knallte die Tür. Ich hatte ihr die Kaffeepause vermiest.

Ich hatte einen fürchterlichen Traum. Ein Walroß mit einer riesigen Warze auf der Oberlippe zerquetschte mich zwischen seinen Flossen und küßte mich dabei auf den Mund. Aber als ich aufwachte, hätte ich die Realität liebend gerne gegen den Alptraum eingetauscht. Schwester Luzifer brachte das Frühstück. Continental Breakfast. Die anderen beiden bekamen nichts zu essen. "Die kriegen nur noch einmal am Tag. Können es nicht bei sich behalten", sagte sie höhnisch.

"Und wo bleibt das Rührei mit Speck, die Würstchen, die Chilibohnen", fragte ich.

Frau Schwester ignorierte das Rascheln dieses Wurms.

"Hier, den Dreck können Sie gleich wieder mitnehmen", sagte ich und knallte das Tablett gegen den Gekreuzigten, der an der Wand abhing.

"Dafür werden Sie zahlen", zischte Madame und drückte mir einen Stapel Papiere in die Hand. "Hier, melden Sie sich damit auf Station 5, Zimmer 001." Dann verschwand sie dort, wo sie hergekommen war, im Feuer.

Ich mußte durch ein unterirdisches Labyrinth. Meterdicke Heizungsrohre hingen von der Decke runter und verliefen den Korridor entlang. Überall hämmerte es. Die Sklavenmaschinerie lief auf vollen Touren. Neonlicht flackerte. Keine Fenster, nur zwei, drei Türen. Und alle verschlossen. Keine Menschenseele befand sich auf dem Gang. Station 5? Vielleicht 5.Stock? Aber wo war der verdammte Aufzug? Wo befand sich der Fahrstuhl zum Licht hinauf? Ich tapste herum. Der Gekreuzigte hatte es schon lange hinter sich. Warum gab es keinen neuen Heroen, der, auf der Stelle, mir mein Leid abnehmen wollte? Ich würde es ihm umsonst überlassen. Endlich fand ich den Aufzug. Drückte 5.Stock und erhob mich wie Phoenix aus der Asche.

Nach dem dritten Klopfen trat ich ein. Der Teufel trug Weiß und hatte keinen Röntgenapparat nötig, seine Augen blickten glatt durch mich hindurch, und er ließ es dauern, bis sich seine Lippen bewegten, um seinem Patienten die Leviten zu lesen. "MMhh, Tabletten und Alkohol, das ist fürwahr keine gute Mischung, nein, nein. Wir haben Ihnen den Magen ausgepumpt. Wissen Sie das?" Nein, das wußte ich nicht. "Wissen Sie eigentlich, was uns der Spaß kostet? Die Versicherung? Krankenwagen mit Blaulicht, der Notarzt, das Krankenzimmer. Wissen Sie, wie das stinkt, jemandem den Magen auszupumpen?"

"Im Krankenzimmer stinkts nach Tod, das weiß ich", sagte ich. "Vielleicht schicken Sie mal jemanden da runter, der nachsieht, wer schon alles gestorben ist. Oder bleiben die Toten bei Ihnen für immer da liegen?"

Der Doktor war etwas irritiert. Er räusperte sich, besah noch einmal die Unterlagen und meinte dann: "Sie werden von mir hören."

"Wann kann ich hier raus?"

"Ich sagte doch, Sie werden von mir hören." Das warŽs. Der Weißkittel war auf ewig verstummt.

Als ich wieder unten ankam, fehlte das Bett neben mir. Der Alte, dem das Pflaster inzwischen halb von der Stirn herunter hing, gurgelte heftig aus seiner Kehle heraus. Ich beugte mich zu ihm herab.

"Der ist seit gestern Nacht tot. Wir haben die ganze Nacht über mit einem Toten im Zimmer verbracht." Er konnte sich gar nicht mehr einkriegen. Dieser alte Mensch hier hatte noch nicht aufgegeben. Er hing an seinem letzten bißchen Leben, obwohl ihm die bösen Buben schon beide Flügel ausgerissen hatten.

"Warte, die Alte schnapp ich mir", sagte ich. Ich rannte raus, aber nirgends war so etwas wie ein Schwesternzimmer. Meine Wut verpuffte zwangsläufig. Ich ging ins Zimmer zurück und starrte durchs Gitter. Die Aussicht war nicht besonders erhebend. Stunden vergingen, ich fragte mich, wo die Schwester oder der Arzt blieben. Man hatte hier unten für die Siechen und Alten und Verrückten ein Notquartier errichtet. Unseren Anblick konnte man keinem normalen Menschen zumuten. Schade nur, daß das mit dem Sterben nicht so zügig voranging. Wahrscheinlich lag das Kühlhaus auch gleich um die Ecke. Also warteten wir weiter. Ich schlief ein, und das Walroß hatte inzwischen zwei Warzen.

Und wieder wachte ich in der Hölle auf. Das Laken meines Zellengenossen bewegte sich nicht mehr. Jetzt hielt ich es endgültig nicht mehr aus. Ich rannte und rannte, knallte und trat gegen Türen, verdammt noch mal, es wird mich doch irgendjemand hören, wo geht es hier nach oben, ins Licht, in die Freiheit.

Eine Tür öffnete sich. Ich befand mich im Treppenhaus. Hetzte hoch, und irgendwie w ar ich dann im 5.Stock, Zimmer 001. Diesmal klopfte ich nur einmal. Der Doktor saß noch genau so da wie bei unserer ersten Begegnung. Wenn überhaupt, dann hatte er das Zimmer nur zum Pissen verlassen.

"Hören Sie, machen Sie mir die Papiere fertig, ich will hier raus, kapito?"

Wieder wirkte der Mann im weißen Kittel leicht irritiert.

"Die Papiere sind doch seit letzem Abend fertig, Sie hätten doch gestern schon gehen können, sagen Sie, was wollen Sie eigentlich von mir?"

Dieses Luder von weiblichem Luzifer. Na, ihre Rache hatte sie wirklich gründlich gehabt. Vergiß es. Ich schnappte mir das Telefon. Rief an. Dann wartete ich unten, im Parterre. Ich würde nie wieder in meinem Leben einen Keller betreten. Lebend.

Nach einer halben Stunde kam Elisabeth. Sie hatte Tränen in den Augen. "Ich hätte dich nicht einfach so auf der Straße liegen lassen dürfen, das war nicht richtig, nein, das hätte ich nicht tun dürfen. Aber du warst so gemein zu mir, und da wollte ich dir eine Lektion erteilen. Aber wenigstens habe ich den Krankenwagen gerufen. Ich wollte doch nicht, daß dir etwas zustößt, mein armer Liebling."

Daran hatte ich jetzt wirklich hart zu knabbern.


 

Zur Bibliographie des Autors:

Falls Sie am Oevre von Herrn Schweisthal Gefallen gefunden haben, gibt es auf sonicsites eine Bibliographie und Informationen zur Person.

Außerdem unterhält der Autor einen Verlag, in welchem er andere Autoren publiziert. Besuchen Sie den PO EM PRESS Verlag und erzählen Sie bitte überall weiter, daß es auf Text-Planet.de Texte von Thomas Schweisthal gibt. Vielen Dank!

© All words by Thomas Schweisthal. Design for UFOCOMES by Zacke. January 2002.