Zackes Textedition 7:

Dies ist nun bereits das siebte Stelldichein von Texten. Falls es wirklich jemand geben sollte, der alle gelesen hat, möge man mir dies mitteilen. Dann schreibe ich sofort noch mehr. Wer braucht schon keinen Zuspruch?


11.06.01

Das besondere Fest:

Ich habe keine Ahnung mehr, wie lange es her ist. Damals war ich wenig zu Hause. Ich war überall, wo es gute Musik gab. Ich durchwühlte die Stadt-Gazetten nach verdächtigen Terminen. Als dann im Rahmen von Festtagen ein Konzert mit Stella Rambisai Chiweshe Nekati auf Bonni's Ranch angekündigt war, mußte ich hin.

Das Tempodrom hatte extra sein kleines Zelt abgebaut und auf dem Gelände der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik aufgestellt. Die Beschilderung des Weges war ungefähr so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Es ging kreuz und quer, möglicherweise aber auch in einer Spirale, auf das Zelt zu. Ich erahnte die Weitläufigkeit des ganzen Areales.

Am Nachmittag sollte ein Workshop mit Stella und den Jungs stattfinden. Stella ist sowas ähnliches wie ein Pastor, oder sagen wir, sie ist eine Alternative dazu. Ihre Antworten sind kulturhistorisch gesehen bestimmt älter und archetypischer, falls sich jemand darunter etwas vorstellen kann. Um was es in dem Workshop gehen sollte, hab ich vergessen. Es waren außer mir und ein paar Honoratioren kaum Leute aus Berlin gekommen. Die Herren hatten wohl irgendwas mit der Organisation der Festtage zu tun. Es waren überwiegend ein paar wenige Bewohner anwesend.

Die Jungs schleppten mehrere Trommeln an. Diese führten sie sehr excellent vor. Von einem Baum rupften sie Zweige ab und schlugen damit und mit einer Hand auf die Instrumente. Das hab ich hinterher selber mit Begeisterung ausprobiert. Insofern lernte mir der Workshop durchaus was.

Vielleicht wußte Stella selber nicht so recht, was sie mit uns Europäern anfangen sollte. Gerne hätte sie uns ein Lied oder typische Tanzbewegungen beigebracht, doch wir blieben passive Zuschauer. Außerdem waren auch Gehörlose dabei. Niemand getraute sich, den leisesten Pieps von sich zu geben. Nachdem die panafrikanische Hymne, "Nkosi Sikelel' iAfrica" nicht von uns abgesungen war, verschwanden plötzlich alle. Außer ich.

Ich schaute beim Aufbauen der Intrumente und beim Soundcheck zu. Ein paar Bewohner durften dies ebenfalls. Die Jungs redeten Englisch und Shona. Eine Bewohnerin ärgerte sich darüber und schimpfte. Deshalb sollte ich versuchen, sie auf deutsch zu beruhigen. Ich hörte Ihr einfach zu, was half: Sie war neulich im Zoo und der Löwe aus Afrika sprach Deutsch. In Afrika wird also Deutsch gesprochen. Außerdem haben heute alle Kinder Geburtstag. - Auf ihre Art hatte sie sogar recht.

Später kratze ich meinen ganzen Mut zusammen und redete ein paar Takte mit Stella. Was, hab ich vergessen. Als der offizielle Beginn des Konzertes näher rückte und noch kaum Besucher aus der Stadt da waren, fragte mich Leonard, einer der Jungs von Earthquake, nach den Berlinern. Ich stimmte ihn mit der Feststellung zuversichtlich, daß Stella viele Fans in Berlin hat. Ich hatte Recht. Eine Stunde später wurde das Zelt proppevoll. Das Fest konnte loslegen.

Was Stella am Nachmittag nicht gelungen war, gelang ihr nun mittels elektrisch verstärkter Rhythmen innerhalb weniger Minuten. Dort wo keine Stühle standen, wurde getanzt. Daß manche plötzlich aufsprangen, hatte allerdings einen zusätzlichen Grund. Oben in der Zeltkuppel hing trotz aller Vorschriften für den Feuerschutz ein Kronleuchter mit Kerzen und von da tropfte heißes Wachs. Es tropfte nicht nur. Bevor es zu tropfen aufzuhören drohte, kam der Anstaltsdirektor mit einer großen Leiter, kletterte zum Kronleuchter und ersetze die Stummel.

Ob das wirklich der Direktor war, also einer der wenigen Verrückten, denen ich da begegnet bin, weiß ich nicht. Ich nenne ihn einfach Direktor, so wie ich Leonard einfach Leonard genannt habe. Ob Stella immer noch Stella Rambisai Chiweshe Nekati heißt, oder ob nach so langer Zeit neue Namen dazu gekommen sind, bin ich mir nicht sicher.

Verrückte zu erkennen, ist manchmal nicht leicht. Sie tarnen sich, da sie von ihren Macken wissen und wirken besonders seriös. Auf diesem Fest, war das noch schwieriger, weil alle durcheinander tanzten.

Mit Rücksicht auf die verschiedenen Erkrankungen der Bewohner gab es keinen Alkohol. Nur Koffein in zwei Darreichungsformen. Damit ich jetzt keine Reklame mache, lasse ich dies so dahingestellt. Meine Stimmung, und die der anderen, war trotzdem ausgezeichnet. Alkohol hätte die Wahrnehmung, daß es ohne auch geht, nur unnötig beeinträchtig.

Stella ist nicht nur eine wunderbare Musikerin, sie tanzt genausogut. Anders als bei anderen Konzerten, war hier der Abstand zu ihr auf der Bühne eher symbolisch. Ich hatte sie öfter bewundert, doch hier tanzte nun ich für sie. Alle tanzten für sie. Sie brauchte mit ihren Jungs nur die Musik dazu spielen. Es lebte sogar die alte, lokale Tradition der Polonaisen auf. Sowas habe ich auf keinem anderen Konzert mit afrikanischer Musik jemals gesehen oder gar mitgemacht.

Obwohl ich nicht besoffen war, hab ich mich auf dem Nachhauseweg in dem großen Park verlaufen. Ich versuchte vergeblich, im Dunkeln den gleichen Weg zurück zu gehen. Irgendwann kam ich zufällig am Ausgang vorbei. Warum ich weder mit den Berlinern, noch mit den Bewohnern mitgelaufen bin, sondern meinen eigenen Weg suchte, ist mir bis heute relativ rätzelhaft.




11.06.01

Die darbenden Brunnen:

Berlin hat ungefähr 500 Brunnen, was man leicht über das Internet herausfindet. Die Finanzlage des Senates ist schwerer zu eruieren. Das Geld reicht nichtmal für den Strom, um die Pumpen aller Brunnen in Betrieb zu setzen. Noch schlimmer sieht es mit dem Geld für das Wasser aus. So sprudeln nur wenige, repräsentative Plätschereien. Gerechter wäre es, alle abzustellen.

Das Geld reicht leider auch nicht mehr, um alle Brunnen mit Sand zuzuschütten. Selbst Sand hat seinen Preis. Es müßte jedoch nicht unbedingt Sand sein. In Berlin gibt es zur Zeit wahrscheinlich an die 1,8 Millionen Haushalte. Auch die haben nicht alle genügend Geld. Die genauen Zahlen erfährt man unter http://www.statistik-berlin.de.

In fast jedem Haushalt wird mehrmals täglich Kaffee zubereitet. Wenn dabei mindestens 100 Gramm Kaffeesatz anfallen, sind das 180 Tonnen täglich. Das ist weitaus mehr, als gar kein Sand. Wenn man für jeden Brunnen etwa drei Tonnen vorsieht, reicht das bereits für 60 Brunnen. Alle Brunnen vorübergehend den Blicken zu entziehen würde ungefähr achteindrittel Tage dauern. Wenn sich alle etwas anstrengen, müßte dies in einer Woche zu schaffen sein, sofern es nicht regnet.




11.06.01

Rolloggen:

Wer zufällig nahe eines Einkaufszentrums oder in der Nähe bestimmter U-Bahnstationen wohnt, der hat es in vielerlei Hinsicht bequem. Außerdem kann man eine neue Trendsportart pflegen. Diese hat sich noch nicht endgültig durchgesetzt. Man sieht sie nicht jeden Tag und nicht überall, wo sie möglich wäre. Man braucht nur das richtige Outfit und eine Rolltreppe. Das ist zur Zeit ein absoluter Geheimtip.

Diese Sportart wird bei gesundheitsbewußten Mitmenschen das Image der Rolltreppe erheblich aufwerten. Galten diese bisher doch eher als Sinnbild für Bewegungsmangel und des sich daraus ergebenden Übergewichts. Das einzige Problem ist vielleicht, daß Rolltreppen ursprünglich nicht als Sportgerät gedacht waren. Doch was spricht gegen eine multiple Nutzung? Mit etwas Disziplin, Verständnis und in dank der Geschicklichkeit der Sportler wäre dies möglich. So gesehen würde dieser Sport das soziale Miteinander aller als Nebeneffekt trainieren.

Falls Sie es noch nicht gesehen haben, erfahren Sie nun, worauf es dabei ankommt. Es ist eine Ausdauersportart. Es geht nicht darum, die Rolltreppe zu besiegen, sondern sich mit ihr in Einklang zu bringen. Die meisten nehmen zuerst zwar Anlauf, doch nur, weil es irgendwo in der Mitte schöner ist, als ganz unten. Normalerweise werden die anderen Benutzer nicht gefährdet, da sie entgegenkommen. Man sieht sich. Das ist anders, als wenn von hinten irgendwelche Spinner drängeln. Der Rollogger [rh'lotsch'a] oder die Rolloggerin [~'rin] spurtet gegen die Fahrrichtung, bis er oder sie seine Höhe erreicht hat. Dann richtet man sich nach dem Tempo der Treppe und kann so, wenn es gefällt, stundenlang eine gleichmäßige Laufleistung erbringen. Wie auf einem Laufband, nur eben anspruchsvoller. Mancher Marathonathlet hat schon immer von solchen Möglichkeiten zu trainieren geträumt. Diese wurden bisher einfach nicht genutzt. Sport war zu oft etwas fernes, elitäres. Rolloggen bringt den Sport mitten in die Stadt. Wozu sich bei Regen und Wetter in menschenleeren Parks abquälen?




12.06.01

Mein Park:

Illusionen soll man nicht zerstören. Mein Park ist doch nicht so groß, wie es einem vorkommt, wenn man drin rumläuft. Ich spazierte außen rum. Dabei war ich die ganze Zeit in der Stadt und erlief mir so die wirkliche Größe. Mehr als ein Garten ist es immerhin. Dann fand ich einen Plan auf dem stand, was das für Erhebungen sind, die diesen Park erst interessant machen. Es sind Bunkerberge. So hat mir der Krieg wieder mal etwas beschert, das wie unschuldige Natur aussieht.

Immerhin ist bei uns kein Krieg und in diesem Park ist es bei fast jedem Wetter schön. Wenn es doch nur überall Parks statt Krieg gäbe.

Auf dem kleineren Berg ist oben eine Liegewiese. Weil die höher liegt und weil dort keine Autos fahren und Ozon schwerer als Luft ist, gibt es dort keines. Außerdem liegt man ein paar Meter näher an der Sonne und wird schneller braun. Wer einen Ozonthrill braucht, kann sich in den Treptower Park legen. Dort brettert eine Straße mitten durch. Traut Euch doch mal, die wegzuplanen!

Nach dem Bräunen auf dem Dach des Bunkers, kann man im Schatten den langen Weg hinunterwandeln und sich wie an einem Urlaubsort fühlen. Souveniers und Ausflugsdampfer, wie im Ozonpark, gibt es hier nicht. Aber Wasser. Ein kleiner Teich mit Haubentauchern und mit den Goldfischen, die Sie auf dem Hintergrund dieser Seite sehen.

Neulich kam mir ein Typ entgegen, mit einem großen leeren Kanister umgehängt. Darauf spielte er mit weichen Schlegeln. Das war genau die richtige Musik. Als ob der Park sie gemacht hätte.

In den nächsten Monaten und Jahren wird er umgestaltet. Dies läßt nichts Gutes ahnen. An einer Stelle sieht man bereits ein lächerlich enges Netz von Wegen. Die Natur ist zum Glück stärker und einfallsreicher als die Planer. Mein geliebter Park, bleib was Du bist!



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