Zackes Textedition 5:

Ob Silikonspritzen die Schlaffheit vor der Leichenstarre verhindern können? Machen Lifestile und Fitnesspillen das Gesundheitssystem bald überflüssig?

 

14.12.00

Tod:

De facto wissen wir nichts über des Sterben jenseits unserer hiesigen Wahrnehmung. Wir wissen nicht, ob wir uns davor fürchten oder ob wir uns darauf freuen sollen.

Woody Allen:"Ich habe nichts gegen das Sterben, ich will nur nicht dabei sein, wenn es so weit ist."

Der Tod lauert wie die Scheiße auf dem Trottoir.

Das Leben ist schlimmer als das Sterben. Es dauert länger.

Der Tod ist eine brutale Enteignung, egal wie sanft oder gewaltsam er eintritt.

Als Gegenteil des Sterbens wird meistens das Leben genannt. Warum nicht das Geborenwerden?

Sich vor dem Tod zu fürchten, ist nur eine theoretische Übung. Das Sterben geht anders.

Tantristen sagen, im Schlaf übe man das Totsein.



 

24.12.00

Erinnerung an die Sprache:

Ich weiß nicht, was ich eben gesagt habe. Ich kann es nicht wiederholen. Ich versuche die Situation zu erklären, doch niemand hört mir zu. Alle brüllen vor Lachen. Jemand sagt mir zwinkernd, das könne schließlich jedem mal passieren, ich solle mir keine Gedanken machen. Diese Worte kränken mich. Es ist mir nicht passiert. Es ist eine besondere Fähigkeit. Ich fühle mich nicht verstanden.

Soetwas ist mir schon öfter passiert. Ich bin jedes Mal selber überrascht. Ich denke normalerweise nicht daran, um mich nicht all zu anders fühlen zu müssen. Wenn ich etwas mit den gebräuchlichen Worten sagen kann, dann benutze ich sie, ohne an ihnen zu zweifeln.

Manchmal spreche ich ganze Sätze, ohne daß mich jemand versteht, manchmal ist es nur ein Wort. Wenn ich in Gedanke bin und rede, weiß ich oft nicht, welche Sprache ich gesprochen habe. Dann sagst Du mir, ich hätte wieder sinnloses Zeug geredet. Es war nicht sinnlos, auch wenn ich mich jetzt an nichts mehr erinnern kann.

Du hast mir mal grinsend rückwärts aus der Zeitung vorgelesen. Ich spreche nie rückwärts. Kinder denken sich im Spiel neue Sprachen aus. Doch sie wissen nicht, was sie wirklich tun. Vielleicht erinnern sie sich noch ein wenig an das Erlernen des Sprechens. Manche Menschen lernen in der Fremde eine Sprache, ganz ohne Unterricht und Wörterbücher. Das hat mehr mit dem Verstehen, als mit der Bedeutung einzelner Worte zu tun.



 

02.01.01

Schimpfprophylaxe:

Im folgenden handelt es sich um psychohygienische Übungen, also nicht um Anleitungen zur Beleidigung von einzelnen Personen. Sie können sich zum Beispiel in den Wald begeben oder zu Hause den Fernsehapparat einschalten und den Ton wegdrehen. Oder schimpfen Sie mit der Waschmaschine. Vielleicht mögen Sie Ihre Nachbarn nicht, dann brauchen Sie keine weiteren Hilfen.

Übung 1: Du Drecksau!

Ich habe bewußt nicht das weltweit beliebteste Schimpfwort gewählt, denn wir wollen ja etwas Neues lernen. Halten Sie Gargarisma oder Essigwasser zum Gurgeln bereit, falls Sie noch nicht sehr geübt sind und zur Heiserkeit neigen.

Übung 2: Du Rotzlöffel!

Vielleicht ahnen Sie schon ein wenig die ethnologische Herkunft dieser Übungen. Wenn Sie den süddeutschen Raum vermuten, liegen Sie nicht verkehrt.

Übung 3: Du Hosenscheißer!

Das waren bis jetzt die einfachen Übungen. Wie wäre es mit dieser:

Übung 4: Du Lumpenseckel!

Die nächste Übung müßte eigentlich in Lautschrift angegeben werden. Versuchen Sie es mit meiner Umschrift:

Übung 5: Du Soacher!

Halten Sie sich die Nase zu, dann gelingt Ihnen die Artikulation. Oder verwenden Sie eine andere Variante des selben Wortes:

Übung 5.1: Du Seicher!

Nun können Sie die bereits gelernten Ausdrücke mit dem Attribut "blöd" verknüpfen:

Übung 6: Du blöde Drecksau! Du blöder Rotzlöffel! Du blöder Hosenscheißer! Du blöder Lumpenseckel! Du blöder Soacher!

Meistens ist es möglich, ein Attribut vom Begriff selbst abzuleiten:

Übung 7: Du lumpiger Lumpenseckel! Du dreckige Drecksau! Du rotziger Rotzlöffel! Du angeseichter Soacher! Du vollgeschissener Hosenscheißer!

Eine nachgestellte Wiederholung des Attributes verstärkt den Ausdruck:

Übung 8: Du lumpiger Lumpenseckel, Du lumpiger! Du dreckige Drecksau, Du dreckige! Du rotziger Rotzlöffel, Du rotziger! Du soachiger Soacher, Du oag'soachter! Du vollgeschissener Hosenscheißer, Du voller!

Üben Sie diese Übungen mindestens zwei Jahre lang täglich.



 

08.01.01

Wasser:

Wer das Wasser nicht ehrt, ist das Wasser nicht wert. - Das wäre schön! Leider verschwenden wir es gedankenlos. Wenn mal nichts aus dem Wasserhahn kommt, herrscht Aufregung. Vielleicht wollten wir gerade duschen, können uns nun keinen Tee machen und die Klospülung geht nicht.

Daß wir ohne Wasser nicht lange leben können, weiß wahrscheinlich jeder. Die meisten wissen auch, daß wir überwiegend aus Wasser bestehen, wie fast alles, was wir essen. Ältere Leute, oder welche die es mit dem Magen haben, trinken Wasser. Viele trinken selten Wasser. Es gilt als Arme-Leute-Getränk. Manche finden frisches kühles Wasser köstlich. Manche nur, wenn sie riesigen Durst haben.

Wie schmeckt Wasser? Wie schmeckt lauwarmes Wasser? Wie schmeckt heißes? Wie schmeckt es, wenn es noch nicht gekocht hat? Schmeckt man einen Unterschied, wenn es gekocht hat und abgekühlt ist. Wer jetzt nur dumm lacht, wird nie hinter die Geheimnisse der Zubereitung bestimmter, nicht fermentierter Teesorten kommen und sowieso sagen, es schmeckt nicht.

Warmes, nicht zu heißes Wasser, aus einem Glas getrunken, schmeckt hervorragend zum Essen. Es könnte uns etwas mehr Andacht lehren, bei allem was wir tun. Nicht jeder auf dieser Welt hat sauberes Wasser, ganz abgesehen davon, daß nicht jeder satt wird. Wer wüßte das nicht? Wir wissen alles.



 

08.01.01

Gott:

Wenn der Dämon kommt, gib ihm Stockschläge! Wenn der Buddha kommt, gib ihm Stockschläge!
(Taisen Deshimaru)
Spaltet ein Stück Holz und ich bin da! (Jesus)

Es gab einst mehrere Religionen, die das Vorhandensein eines einzigen Gottes verkündeten. Sie unterschieden sich durch ihre Bräuche so sehr, daß sie sich gegenseitig anzweifelten und bekämpften. Daran sieht man, wie wenig Religion mit Logik oder gar Denken zu tun hat. Wenn es nur einen Gott gibt, dann müßte es sich eigentlich in allen Religionen um den selben handeln. Diese Kritik greift leider zu kurz. Hauptsächlich wurden Religionen in der Geschichte als Instrumente der Machtpolitik eingesetzt. Schriften und Reliquien wurden gefälscht. Ich vermute, das war in allen Religionen der Fall.

Ich mag keinen Gott aus alten Büchern. Dies erscheint mir so, als ob ich leider das Pech hätte, damals nicht gelebt zu haben. Ich gehöre nicht richtig dazu. Ich war nirgends dabei. Bei keinem Wunder zum Beweis der Wahrheit, nicht mal bei einer Sintflut. Ich bin eben zu spät geboren. Alles ist längst gelaufen und ziemlich lange her.

Außerdem bin ich unschuldig geboren und für mein Handeln verantwortlich. Ich möchte weder auf protestantische Art zum nativen Sünder und Büßer gemacht werden, dann könnte ich in Grunde nichts dafür, noch möchte ich durch das verklärte Leiden eines Erlösers erlöst werden. Freak Jesus hätte für mich nicht leiden müssen. Er wurde ohne Urteil, ohne Beistand und Rechtsmittel hingerichtet, weil er für das herrschende System eine politische Gefahr darstellte. Propheten umzubringen, statt ihnen Gehör zu schenken, hat sowieso Tradition. Im Nachhinein zählt ein Märtyrer um so mehr. Es ging oft grausam zu. Wie viele Menschen wurden und werden im Namen von Religionen bestialisch gequält!

Den Gott aus den Büchern kann man nirgends sehen. Er versteckt sich oder es gibt ihn nicht. Vielleicht hat er sich umgebracht. Wem würde das auffallen? Die Kirchen sind leer, erst recht, wenn sie noch sakral genutzt werden. In einigen wird Fußball gespielt und getöpfert, was womöglich sinnvoll ist. Wann macht die erste Schachtelkino-Erlebniswelt oder ein Einkaufszentrum in so einem Gebäude auf? Nebenbei bemerkt, finde ich viele Kirchen als Bauwerke wirklich schön. Schönheit hat stets was göttliches.

Mein Gott balanciert vielleicht gerade auf der Kirchturmspitze oder es war doch nur der Schornsteinfeger. Er ist immer überall da. Jeder sieht ihn. Jeder könnte ihn erkennen. Er ist nie der Gleiche. Es ist sinnlos, über ihn zu streiten. Vielleicht blickt er Dich aus den Augen eines lieben Menschen an. Vielleicht aus denen eines Taugenichts. Vielleicht erkennst Du ihn, wenn im Frühling alles sprießt oder wenn der Himmel besonders blau ist. Ich weiß nichtmal, ob Gott eine Person ist. Gott ist nicht vorstellbar, wenn er wirklich so ist, wie wir ihn uns vorstellen. Klar steht in der Bibel, wir wären nach seinem Ebenbild und wir sollen uns überall breit und die Erde uns untertan machen. Einen Teil der anderen Lebewesen haben wir bereits ausgerottet. Die Erde als solche kriegen wir auch noch klein. An welchen, die Schöpfung zerstörenden Wahn, soll ich da glauben gemacht werden? Ist das nicht Blasphemie? Ich glaube an nichts. Bestenfalls hoffe ich auf Gerechtigkeit. Einige der Übeltäter sollten wenigstens im Jenseits bestraft werden. Was für ein Traum! Als ob Strafe Einsichtigkeit und Reue erzwingen könnte. Ist erzwungene Einsicht wirklich Einsicht?



 

15.01.01

Arbeitslose Fantasie:

Das letzte Mal als ich arbeitslos war, saß ich tatsächlich auf einer Bank in einem Park, so wie mancher sich das von einem Arbeitslosen vorstellt. Ich war nicht arbeitslos gemeldet, bekam also keine Kohle. Die Miete leerte mein Sparkonto und mit meiner Musik auf U-Bahnhöfen verdiente ich kaum was. Ich schaffte es, von 10 Mark für eine Woche einzukaufen, ohne zu hungern. Es war ein schöner Sommer. Doch mir ging es auf der Parkbank nicht gut. Ich mußte wegen einer immer heftiger werdenden Bronchitis mit dem Gitarrespielen und Singen aufhören und wegen den Temperaturen gab es viel Ozon in der knappen Luft. Ich saß da und stellte mir einfach alles ganz anderes vor.

In guter Sichtweite lag ein Imbißcafé. Ich stellte mir vor, ich säße da an einem Tischchen und nicht auf der Bank. In Gedanken bestellte ich auch so ein Bier im hohen Glas und ließ es mir gut gehen. Ich bestellte einige Biere, an verschiedenen Tagen und manchmal einige am selben. Mein wirklicher Zustand unterschied sich nur unwesentlich von der Wirkung des nur virtuellen Alkoholes. Besoffen trollte ich nach Hause.

Nun bin ich wieder arbeitslos und nach längerem Zögern nehme ich Geld vom Arbeitsamt. Ich könnte weniger für meinen PC ausgeben und so saufen, wie es sich für einen Arbeitslosen gehört. Das großgewordene Mädel aus dem Osten schlägt schon wieder in die, Arbeitslose wollen ja nicht arbeiten - Kerbe. Es gehört tatsächlich einiges dazu, gerne für 10 Mark die Stunde bei einem Sklavenhändler zu arbeiten. Wer will überhaupt arbeiten, wer bliebe nicht morgens viel lieber liegen und was für eine Einstellung zur Arbeit haben wir überhaupt? Den antiken Griechen galt Arbeit als eines freien Menschen unwürdig. Unfrei waren die Arbeitenden immer und das Wort Beruf hat in einer nur von der Rentabilität bestimmten Welt keinen Inhalt mehr. Geld nicht mit Arbeit, sondern mit Geld zu verdienen, gilt als obercool. Die Börsenkurse sind wichtiger geworden, als der tägliche Wetterbericht. Nur weiter so, das hat schonmal die Weltwirtschaft ruiniert und den zweiten Weltkrieg begünstigt. Es gibt sowieso zu viele Menschen. In der Absahnökonomie sind Löhne ein Störfaktor. Die Menschen, die wirklich arbeiten wollen, stören und nach dem dritten Weltkrieg ist der Aufschwung gewiß. Die Führbarkeit von Kriegen im euroäischen Raum, im Zeitalter von Atomwaffen, wurde ja längst ausprobiert. Mit Tschernobyl und mit dem Balkankonflikt. Das bißchen erhöhte Strahlung sortiert die letzten Schwächlinge aus. So ein Krieg bräuchte nicht lange dauern. Wer es sich leisten kann, macht so lange Urlaub. Mit den neuen intelligenten Waffen kann man an einem einzigen Tag mehr Areal bereinigen, als früher in Jahren.

Ich saufe lieber nicht, ich möchte wenigstens mitkriegen, wie das alles läuft. Ich könnte gar nicht saufen. Das Café ist längst abgerissen, auch der Schuppen. Der ganze Park wurde umgestaltet. Der gewonnene Raum macht alles noch steriler, so sehr sich die Mitarbeiter des Gartenbauamtes mit der Bepflanzung der Blumenbeete Mühe geben.

Einmal kam ich nach der Arbeit vorbei, als gerade der neue Rasen das erste mal gemäht wurde. Es roch so gut. Ich sah plötzlich Wiesen, Heuschober, einen Bach und in der Ferne spitze Felsen mit Schnee. Ich folgte einem Pfad und wußte, auf der Almstube gibt es krustiges Buttermilchbrot. In der Ecke stand ein Radiogerät älteren Datums, kaum kleiner wie eine Gefriertruhe. Wer nur hat sich so abgequält und den Koloß hochgeschleppt? Er ist nicht wieder zu Tal gerollt.



 

23.01.01

Berlin duftet:

Uns steht schon wieder ein Skandal höchster Güte bevor. Zur Zeit wird nicht öffentlich darüber gesprochen. Die Besucher unserer Stadt sind noch völlig ahnungslos. Wohl entgeht ihnen nicht, wenn sie sich abseits der herausgeputzen Wege bewegen, daß auf unseren Trotoiren besonders viel Hundekot zu liegen scheint.

Am Aussehen ist meistens kein großer Unterschied zu erkennen. Fachleute stellen einen etwas anderen Geruch fest. Absolute Gewißheit verschafft letztlich nur eine genaue Gen-Analyse. Wenn wir endlich ein Register mit den Daten aller Bürger hätten, könnte man leicht die Verursacher feststellen. Meistens handelt es sich nicht um die Hinterlassenschaften von Obdachlosen, was nahe läge. Es sind oft die Hundehalter selbst.

Vielleicht hat mal jemand aus Jux oder Ärger seine Notdurft auf dem Bürgersteig verrichtet. Inzwischen ist das für einige Leute längst normal. Gelegentlich kann man am hellichten Tage seriöse ältere Männer bei dieser Betätigung beobachten. Herrchen kauert neben Bronco, beide machen das gleiche. Niemand sieht es, so groß ist die allgemeine Gleichgültigkeit. Bei älteren Damen, die ihre Blöße unter einem Rock verbergen können, mag man vielleicht an einen Schwächeanfall glauben, um das Geschehen nicht wahrhaben zu müssen.

In manchen Straßen trifft sich das ganze junge Volk morgens und abends zum Shitin. Männlein, Hund und Weiblein entlehren sich ohne Scham. Die Stadtreinigung kommt selbst mit Spezialmaschinen nicht dagegen an. Manch einer von denen hat selber einen Hund.

Man hört schon erste Gerüchte über die Schuldfrage. Vielleicht sind es die aus Indien gekommenen IT-Spezialisten, denn dort gibt es keine flächendeckende Kanalisation und somit nicht überall Toiletten. Man sollte aber ebenso bedenken, daß sich die Sauberkeit selbst in Europa erst allmählich durchsetzen mußte und daß Rückfälle nie auszuschließen sind. Das ganze Mittelalter über wurde jeglicher Unrat einfach aus dem Fenster gekippt. Der eine oder die andere erinnert sich vielleicht noch an Wohnungen mit Außenklo. Dieses lag vor noch nicht all zu langer Zeit auf dem Hof. Wer wich da nicht mal aus, wenn dauernd besetzt war.

So schlimm das alles ist, Berlin war noch nie eine saubere Stadt. Dazu sollten wir uns wenigstens bekennen. Warum erfindet nicht jemand was, wie man die Scheiße von den Schuhen schnell wieder wegbekommt? Wir bräuchten alle hundert Meter mindestens eine Emergency-Clean-Station.



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