Zackes Textedition 3:

Diesmal hatte ich keine Lust, meine alten Texte zu lesen, um welche auszusuchen. Stattdessen habe ich neue geschrieben. Nach dem Motto, schlimmer geht es immer, können Sie sich das jetzt antun.

 

18.11.00

Ein eigentümlicher Moment:

Was bedeutet "jetzt", was heißt Erinnern? Der Augenblick, den wir Jetzt nennen, ist sehr flüchtig. Das Jetzt gibt es eigentlich nicht, da es sich fortwährend in sein Gegenteil wandelt und zu Vergangenheit wird. So gibt es viel mehr vergangene Zeit als jene, die das kurze Aufblitzen des Jetzt ausmacht. Trotzdem können wir nur im Jetzt leben. Wenn wir das Jetzt aufgrund seiner numerischen Nichtigkeit nicht mehr ernst nehmen, werden wir faul.

Die Vergangenheit nennen wir Erinnerung. Oft sagen wir, etwas ist lange her. Dabei halten sich unsere Erinnerungen selten an unsere Logik von der Zeit. Manches, was schon lange her ist, erscheint uns, als wäre es eben erst gewesen.

Manche Erinnerungen lassen sich mit dem Maß der Zeit gar nicht beschreiben. Das Maß der räumlichen Entfernung scheint angebrachter zu sein. Zwar sagt niemand, diese oder jene Erinnerung wäre fünf oder nur zwei Meter von heute entfernt, trotzdem erinnern wir manches sehr nah. Dann sind Situationen so nah, als ob man nur eine Tür auf dem Flur zu öffnen bräuchte, um wieder da, bzw. dort zu sein. Natürlich existiert diese Tür vielleicht gar nicht mehr, oder an einen völlig anderen Ort, vielleicht auf der anderen Seite des Globus.

Unser Gedächtnis ist nicht weniger eigenwillig, als das, womit es sich befaßt. Was wir uns merken, scheint keinem verläßlichen Prinzip zu gehorchen. Vieles vergessen wir schneller, als es vergangen ist. Ob es wichtig war oder nicht, hat nicht immer einen Einfluß darauf. Manchmal merken wir uns unwichtige Dinge, oder wir erinnern wichtige nicht korrekt. Manches können wir uns nicht merken. Vermögen und Unvermögen unseres Gedächtnisses zählen zu unseren individuellen Charaktereigenschaften.

Unser Gedächtnis wohnt in unserer Fähigkeit zu Denken. Beides muß einander sehr verwandt sein. In unserem Denken ist Ordnung lediglich ein angestrebter Zustand. Die Zeit ist eine Konstruktion unseres Denkens, mir deren Hilfe wir uns orientieren. Wir beweisen uns die Existenz der Zeit, indem wir Vorgänge mit ihr beschreiben. Wir zweifeln die Zeit selten an. Dabei beweisen wir nur die Vorgänge und übertragen deren Eigenschaften auf die Zeit. Sonst würde keine Uhr funktionieren, egal wie sie funktioniert. Daß mechanische Uhren früher zu schnell oder zu langsam gehen konnten, beunruhigt uns heute nicht mehr. Womöglich haben wir es mit dem Verschwinden der mechanischen Uhren verlernt, die Zeit gelegentlich lieber zu ignorieren.



 

24.11.00

Pampelmuse:

Das Teil liegt rund vor mir. Der Platz zwischen den Paragraphentägs gähnt mich wie ein weißes Blatt Papier leer an. Was könnte ich für sie dichten? Sie ist schön, vermutlich jung, hoffe ich, kommt aus einem fernen Land mit viel Sonne, hat vielleicht Temperament und mehr, was man bei unseren Musen nicht so ohne weiteres findet. Vielleicht ist sie aber giftig, von Fungizid und Pestizid. Dann wäre ein Prosatext angebrachter. Verschwinde, o Pampelmuse, laß zu Deine Bluse!

Na ja, war nur ein Schreibversuch. -



 

25.11.00

Schnee bei 35 Grad im Schatten:

Wenn ich nur wüßte, wie Du wirklich heißt. Ich nannte Dich immer Kristine, weil ich Deinen Namen so verstanden hatte. Jemand sagte mir einen anderen, den ich leider vergaß. Meine Anrede störte Dich nie. Später hast Du mir in einem Umschlag zwei Karten aus Spanien geschickt. Anonym und ich grübelte, ob Du Dich von mir verabschiedest oder von einem anderen Abschied berichtest. Auf der einen Karte lag Schnee, am Strand und auf den Häuseren an den Hängen. Die Straßen wanden sich zwischen ihnen nach unten. Ich verstand sofort, wer mir schreibt. Außerdem wußte ich ohnehin ungefähr, wo Du bist. Auf der anderen Karte spielte ein Mann Gitarre und eine Tänzerin saß daneben, nahm nur mit ihrer herabhängenden Hand eine typische Pose ein.

Es war unwichtig, was Du wem schriebst. Du hörtest beim Schreiben Miguel Powedo. Ich habe mir immer noch keine CD von ihm besorgt. Der Schnee am Strand und das tiefe Grünblau des Meeres, drückten mir seltsam schwer auf den Atem. Jedes Mal wenn ich hinsah, drückte es neu. Eine Zeit lang hingen beide Bilder über meinem Schreibtisch. Nach dem Umzug hab ich die meisten nicht ausgepackt. Jeder Ort ist anders.

Manchmal fragt jemand in mir, wie es Dir gerade jetzt geht, ob alles so geklappt hat, wie Du wolltest und, was für eine Arbeit Du angenommen hattest, um so schnell weg zu sein. Im letzten Sommer sollte Deine Freundin nachkommen. Ihr wolltet mit Zigeunern durch die Gegend ziehen. Auch gab es öfter Bombenattentate. Meistens hab ich Dich vergessen, obwohl das gar nicht geht.

Wer sonst versteht das mit dem Schnee? Du hast mir von den Sevillanas vorgeschwärmt und irgendwann bekam ich eine Kassette mit wunderschöner Musik von Dir geschenkt. Noch nie habe ich Musik bekommen, die mir von Anfang an so viel bedeutete. Ich verriet Dir, daß ich bei solcher Musik manchmal Schnee fallen spüre. Warum weiß, ich selber nicht. Vielleicht war es bei den Aufnahmen in Studio sehr heiß und die Musiker träumten von Schnee. Nun ist dieser Schnee Bestandteil der Musik geworden. Ich brachte Dir unterschiedlichen Flamenco mit. Auch aus der Türkei, wo Flamenco Mode ist und teilweise glaubhaft adaptiert wird. Dir gefiel Paco Pena's Messe. Du sagtest, die Musik mit dem Schnee, soetwas hättest Du noch nie gehört.

Bei Carmen Linares entdeckte ich den Schnee das erste Mal. Santa Ana repica und Qué dolor en mi alma, welcher Schmerz in meiner Seele! Flamenco in dem es nicht brennt und schneit, interessiert mich nicht. Plötzlich wird die Musik still oder die Zeit hält an, was weiß ich. Die Tageszeit wird unbestimmbar. Endlose Landschaften breiten sich aus, jeder Ton schüttet mehr Flocken, die weiße Masse deckt alles zu. Anders kann ich es nicht beschreiben. Nur Du weißt, was ich damit meine. Was heißt, Pasa una mujer Ilorando?

Anfänglich bildete ich mir ein, ich hätte Dir etwas gegeben. Spätestens mit dem Schnee am Strand, der fast bis an's Wasser reichte, nur ein kurzes, verwirrendes Stück Sand dazwischen, und mit der bewegungslos im Sitzen Tanzenden, sah ich, wie sehr das alles Dir gehört.



 

25.11.00

Lautsprecher:

Ich war noch ein kleiner Junge, vielleicht um die Zehn rum. Mit der Laubsäge schnitt ich ein rundes Loch in ein Stück Sperrholz. Aus Pappe formte ich einen passenden Kegel. An diesen nähte ich kurze Stücke Unterhosengummi. Mit vier Reißzwecken spannte ich den Kegel über dem Loch ein. Durch die Spitze schob ich einen Nagel oder eine Schraube, auf die ich Kupferlackdraht wickelte. Der stammte von Spulen, die mir meine Mutter manchmal von der Arbeit mitbrachte. Eine Konstruktion aus Klötzchen und einem weiteren Brett diente dazu, über oder neben der von mir gewickelten Spule, einen oder mehrere Magneten zu plazieren. Ich hatte damals keine Möglichkeit zu löten, alles wurde irgendwie zusammengedrillt, mit Lüsterklemmen oder mit Eisenbahnsteckern elektrisch verbunden. Über eine lange Strippe, bis in das Arbeitszimmer meines Vaters, hängte ich ein Dampfradio an meine Versuchsaufbauten und welch' Wunder, meine Lautsprecher funktionierten! Aus ihnen tönten Schlager von Dorthe, France Gall und von Mireille Mathieu.



 

26.11.00

Denkmal für meinen Vater:

Dieses Denkmal ist längst von meinen und von den Zähnen der Zeit zernagt und zerfallen. Dessen Baumeister war er selber, obwohl er sich in späteren Jahren so gab, als bekäme er nichtmal einen Bohrer in's Futter gespannt, geschweige denn, ein Loch in die Wand gebohrt. Er konnte nichtmal eine Scheibe Brot selber abschneiden.

Sein Monument rückt ihn in ein besseres Licht, nicht nur, weil es von ihm war.

Es bestand ganz aus Holz und Leim, bis auf die Schrauben für die hölzernen Räder. Ich konnte darauf sitzen, da ich noch sehr klein war. Er oder sonstwer konnte mich damit durch die Gegend ziehen. Zu jener Zeit, als es noch nicht so viele Spielsachen aus billiger Plaste gab, war dieses bunt lackierte Lastauto etwas besonderes. Heute wäre es dies erst recht. Vielleicht wurde mein schlechter Geschmack, meine Vorliebe für knallige Farben, mit diesem Denkmal vorgeprägt.



 

27.11.00

Der Weise:

1987 blieb mein Blick im Vorbeigehen zufällig an einem 1960 zuerst in New York erschienenen Buch haften: Glück des Verstehens.

Es lag vor einem Billigantiquariat aus und trotzdem wirkte der Titel nicht lächerlich auf mich. Ob das am Namen des Autor's lag? Lin Yutang sagte mir nichts, außer daß jemand, der so heißt, aus einem alten Land der Weisheit kommen müßte. Den größten Teil des Buches las ich in einem Park, auf dem Sims eines barocken Kaskadenbrunnens. Manchmal war gar kein Wasser in ihm. Manchmal übertönte die Fontäne im unteren Becken alle Geräusche der Außenwelt. Wenn Kinder darin planschten und krakelten, störte mich dies nicht, es gehörte zum Brunnen.

Das Buch bietet auf fast 500 Seiten nur kurze Texte. Wie eine riesige Wandzeitung. Jeder Text öffnet ein anderes Fenster in das alte Land. Für dessen Bewohner hätte es bestenfalls den Unterhaltungswert eines riesigen Fueilletons. Ob das stimmt? Die Kulturrevolution hat die Vergangenheit abgeschnitten, obwohl die Menschen die gleichen geblieben waren. Das ist so, als wollte man uns Weihnachten oder Silvester wegnehmen. Herr Yutang oder Herr Lin beschreibt, wie alle nicht aufhören konnten, das alte Neujahresfest zu feiern, obwohl es verboten war. Heute wissen wir mehr als jene Bewohner über diese alte Kultur, sofern wir uns dafür interessieren. In einem chinesichen Krimskrams-Geschenkeladen fragte ich nach Laotse. Der nette Inhaber hatte den Namen noch nie gehört. Immerhin erklärte er mir, jene Figürchen, die er verkauft, stellen keine konkreten Personen dar, sondern wären Allegorien, zum Beispiel für Glück oder eben Weisheit.

In den meisten Texten übersetzt Yutang nur. Er besaß nur ein paar Bücher, von manchen mehrere Ausgaben. Um so mehr wunderbare Fenster macht er auf: Wie man richtig Tee zubereitet oder Aubergineneintopf genießt, welche Zweige nur gebrochen werden dürfen, welche Blüten man abschneidet oder abrupft, daß die besten Vasen lange in der Erde gelegen haben müssen, und wie schwer es ist, die Wahrheit zu erkennen.

Besonders gemerkt habe ich mir nicht die Geheimnisse der Weisheit, die er sorgfältig von Zen-Gedanken unterscheidet, und nicht die Anregungen zum Glücklichsein. Die betreffenden Stellen finde ich meistens sowieso nicht. Gemerkt habe ich mir, was nach alter Auffassung der Ursprung aller Literatur ist, eine ebenfalls verschollene Stelle. Sie machte mir die Art des Buches sehr verständlich. Nach dieser, vielleicht für die gesamte Weltliteratur gültigen Theorie, ist das kreative Schreiben aus der Beschreibung von Landschaften hervorgegangen. Die Schönheit einer Landschaft wurde, als es noch keine Fotoapparate gab, in angemessen Worten festgehalten. Deshalb wirkt gute Literatur wie eine betörende Landschaft auf uns. In uns öffnen sich Landschaften, erahnt oder erinnert, sofern die Worte was taugen. Literatur und Landschaften waren ursprünglich Synonyme. Diese Vorstellung sollte sich jeder auf dem Hirn zergehen lassen.

Vielleicht kann man so die Qualität von Texten zur Abwechslung mal etwas anders beurteilen. Welche Landschaften erzeugen Kataloge, Telefonbücher, Gesetzestexte, technische Abhandlungen? Sind das nicht oasenlose Wüsten? Wenn man danach fragt, welche Situationen und Bilder Worte erzeugen, kann man ebeso fragen, was unsere heutige Bilderflut bewirkt. Ist unsere Vorstellungskraft längst domestiziert?

Für jeden, der schreibt, ist die Verwandtschaft von Wort und Bild eine brauchbare Anleitung, Interessantes hervorzubringen. Texte die Situation erzeugen, schreiben sich leichter und sind angenehmer zu lesen. Der Bezug auf die Situation ist das wichtigste, die Details sind es nicht immer. Diese sieht jeder Sehende selber.

Die Verwandtschaft von Wort und Bild ist an den Schriftzeichen des alten Landes ablesbar. Selbst Unkundige erkennen Abbildungen in ihnen. Erstaunlich viele können, mit einer über dem Zufall liegenden Sicherheit, Fakes von authentischen Zeichen unterscheiden.

Was ist eigentlich Weisheit? Kommt ein Weiser ohne Vorkenntnisse mit einem PC klar, kann so jemand auf Anhieb C++ Quellkode schreiben? Kann jemand irgend was Praktisches mit so altem Wissen anfangen, außer Gedankenarcheologie betreibende Wissenschaftler?

Jahre später entdeckte ich ein anderes Buch von Yutang. Die Weisheit des Laotse. Darin erfuhr ich auch, daß er schon zehn Jahre vorher gestorben ist, bevor ich überhaupt ein Buch von ihm entdeckte. Das Orginal zu Laotse erschien bereits l948, die deutsche Ausgabe kam ein Jahr nach meiner Geburt heraus. Ich habe 40 Jahre gebraucht, bis ich es fand. Die komplizierten Gedankengänge Laotes ließen mich die Quelle aller Literatur vergessen. Ich besitze mehrere Übersetzungen und alle sind in sehr schöner Sprache abgefaßt. Statt zu sehen, was er mir zeigen wollte, versuchte ich seine verquarzten Gedanken zu verstehen.

Immerhin helfen die Kommentare Yutangs, Laotse ein wenig zu verstehen. Interessant fand ich seine Spekulation, ob es diesen Weisen als Person wirklich gab. Eine Person soll beim Verlassen des Landes einem Beamten ein Bündel Schriften gegeben haben, damit dieses Wissen in der Fremde nicht verloren geht. Vielleicht war's nur eine Sammlung kurzer Texte, Gedichte, Bilder und Gedanken?

Ob es eine uns durch ihre Gedanken überlieferte Person wirklich gab, ist im Vergleich zur ihrer Bedeutung eine unwichtige Frage. Vielleicht gibt es keine Weisen. Wenn es Jesus nicht gab, ist er trotzdem, jenseits aller religösen Vereinnahmung, eine interessante Person. Er soll ja ein Rebell gesesen sein. In einem sehr alten Text, in der Bhagavatgita, werden alle ethisch wirksamen Personen in eine Reihe gestellt, die wir über Moses, Jesus und Mohammed, bis zu Gandhi, Martin-Luther King, Jimi Hendrix oder meinetwegen Madonna und meine Großmutter verlängern können. In düsteren Zeiten erscheinen (manchmal) weise Avatare. Eine Hoffnung, die wahrscheinlich mit jeder Übersetzung ihrer sprachlichen Schönheit, und damit eines Teils ihrer Wahrheit, beraubt wird. Der gleiche Grund soll Nichtarabern den Koran nur schwer zugänglich machen.

Weil diese Sanskrit-Texte im alten China ebenfalls bekannt waren, zitiere ich hier aus einer Übersetzung von S. Radhakrishnan und S. Lienhard:

> Zahlreich sind meine vergangenen Leben
> und deine auch, o Arjuna.
> Ich kenne sie alle, du aber
> kennst sie nicht, o Geißel der Feinde.

> Ungeboren und mein Selbst unvergänglich,
> obgleich ich der Herr aller Geschöpfe (bin),
> so gelange ich doch durch meine Macht zum Sein,
> indem ich mich in meiner eigenen Natur festlege.

> Jedesmal,
> wenn die Rechtmäßigkeit im Schwinden ist
> und Unrechtmäßigkeit sich erhebt,
> lasse ich mein Selbst hervorströhmen.

> Um die Guten zu beschützen,
> die Bösen zu vernichten
> und die Rechtmäßigkeit zu festigen,
> entstehe ich von Weltalter zu Weltalter.

Wer davon etwas gerührt ist, versteht, was da gesagt wird, ein bißchen. Weise Worte sind fern jeder Weisheit, das ist eine ihrer Eigenarten. Wer Worte nur wörtlich nimmt, versteht gar nichts. Dann lieber C++ lernen, die local machine reagiert relativ eindeutig.



 

28.11.00

Skateboard:

Ein durchschnittlicher Angestellter drohte alt zu werden, ohne sich dessen bewußt zu sein. Er sah immer nur die Jüngeren am Frankfurter Tor auf ihren Boards kunstlose Kunststücke üben. Stets eilte er vorbei. Das hatte schon lange nichts mehr mit ihm zu tun. Eines Tages stand er plötzlich auf so einem Ding. Es schoß führerlos vorbei, kreuzte seinen Weg. Ihm blieb nichts anderes, als reflexartig aufzuspringen oder darüber zu stolpern.

Es fiel ihm zu seiner Verwunderung leicht, das Gleichgewicht zu halten. Sein einziges Problem war, nicht zu wissen, wie man bremst. Er rauschte quer über die Kreuzung, durch ein Chaos hupender Autos hindurch. Dann sah er den Tepppichboden einer Spielhalle unter sich und hörte, wie im zugejohlt wurde. Bevor er alles begriff, donnerte er durch den offenen Hinterausgang, überholte ein paar lahmarschige Autos und hielt ein Falafel in der Hand. Der kurze Schatten eben, war wohl eine Kebap-Bude.

Er ließ Kreuzberg hinter sich, sah von Neukölln kaum was, jagte die Buschkrugallee entlang. Schon taten sich die Start- und Landebahnen von Schönefeld vor ihm auf. Im Tower winkte jemand, seine Geschwindigkeit nahm zu, er hob ab. Fast wäre ihm die dünne Luft ausgegangen, als an der ISS eine Klappe aufging und man ihn reinließ. Auf den langen, ihn seltsam anheimelnden Fluren, sah er überall die Schilder: No Blades and Boards!

Der Komandant empfing ihn, hörte sich seine Geschichte an, fluchte, daß es schon wieder jemand gelungen sei, mit so wenig Aufwand hier hochzukommen, und er fragte nach seinem Beruf. So eine Station zu verwalten, nimmt immer mehr Zeit in Anspruch, obwohl nur die allerneuste Software zur Anwendung kommt. Er bot ihm eine seiner Qualifikation entsprechende Stelle mit angemessener Vergütung, fester Anstellung und außertariflichem Heimaturlaub an.

So wurde aus einem durchschnittlichen Angestellten in Berlin ein durchschnittlicher Angestellter auf der ISS. Er blieb da, denn fast alles war gleich. Er durfte seine Familie nachholen, sofern er sich an die Geburtenkontolle hält und sich allen Regeln und Gebräuchen des Zusammenlebens freiwillig unterwirft. Es war nämlich längst eine orbitale Leitkultur entstanden. Seine Tochter ist heute schon Zwölf, hört nur Trance&Bass, übt mit dem Skateboard in der Zentrifuge, verliert noch zu oft das Gleichgewicht, war aber neulich eine Woche lang der Star am Frankfurter Tor.



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