Zackes Textedition 26:

Wer schon einmal hier war und alles gelesen hat, bekommt nun nach über drei Jahren ein paar neue Texte zu lesen. Mittlerweile betreibe ich einen Blog. Auch dazu schreibe ich hier etwas.

 

29.07.2011

Hommage an Lukanga Mukara:

Wie klug Du bist, mein Kind! Du fragst, ob es noch andere Menschen auf der Welt gibt. Was Du noch nicht wissen kannst ist, daß Du eine sehr seltsame Frage stellst. Früher haben wir sie falsch beantwortet und heute tun wir dies nicht mehr, obwohl wir sie immer noch gleich beantworten. Es gibt keine anderen Menschen!

Es gibt ein anderes Dorf mit ein paar Menschen, die Du nicht kennst. Sie sind so wie Du und ich. Es gab mal einen großen Streit und damit wir uns nicht weiter streiten müssen, sind ein paar Leute weg gegangen und haben nicht weit von hier, aber weiter als Du laufen kannst, ein neues Dorf gebaut. Vielleicht haben die sich auch gestritten und es gibt irgendwo noch so ein neues Dorf, das wissen wir nicht. Es gibt aber nur solche Menschen wie wir.

Worüber gestritten wurde, weiß niemand mehr. Das ist schon sehr lange her.

Die anderen Menschen haben wir nie gesehen. Doch es gab mal einen von uns, der ist weit gereist. Der hat sie aber auch nicht gesehen. Er war nur in ihrer Welt, in der er keinen von ihnen traf. Er erzählte, daß alles was er sah, wie für Menschen gemacht war. Ob diese Menschen das alles selber hergestellt hatten, konnte er niemanden fragen. Auch kam es ihm so vor, als ob vieles in Unordnung oder vielleicht sogar kaputt war.

Leider starb er nach seinen langen Erzählungen. Er hatte diese seltene Krankheit, bei der das Blut immer weißer wird und die wir nicht heilen können. Es ist sicher von seiner Reise krank geworden. Deshalb ist es besser, wir bleiben in unserer Welt. Uns geht es doch gut.

Er berichtete von riesigen Dörfern und Hütten, die bis in den Himmel ragten. Es gab sogar Wege in ihnen, über die man hinauf gelangen konnte. Wir können uns sowas gar nicht vorstellen.

Nun fragst Du, ob diese Geschichten überhaupt wahr sind, ob es diese andere Welt gibt und ob dort einmal Menschen gelebt haben. Das wissen wir natürlich nicht, doch wir haben über eine lange Zeit sehr viele Veränderungen hier in unserer Welt beobachtet, die etwas mit diesen Menschen zu tun haben könnten.

Bevor Du geboren wurdest sahen wir öfter riesige Vögel am Himmel. Die flogen höher als alle anderen Vögel und manche zogen langen, weißen Rauch hinter sich her. Sie flogen so, wie der große, weiße Vogel vom Bach dort drüben gerade fliegt. Siehst Du? Er bewegt seine Flügel nicht, er gleitet durch den niederen Himmel, als ob dieser ihn tragen würde. Wie Du siehst, muß er aber ab und zu seine Flügel auf und ab schwingen, während jene großen, schwarzen Vögel dies nie taten. Wir haben ihnen immer hinterher gesehen, solange wir sie sehen konnten. Sie haben ihre Flügel nie geschwungen.

Diese Vögel gibt es schon lange nicht mehr. Sie sind ausgestorben. Unser Reisender erzählte sogar, daß diese Vögel in Wirklichkeit fliegende Hütten dieser Menschen gewesen wären. Kannst Du Dir vielleicht vorstellen, wie Hütten fliegen können?

Über die Jahre hat sich auch der Himmel, in dem diese Vögel zu Hause waren, verändert. Es gab immer mehr Wolken und es regnete zuviel, so daß wir oft nur von den Bäumen und nichts vom Boden zu essen hatten. Das wird jetzt wieder besser.

Unser Reisender hat erzählt, diese Menschen hätten ihre ganze Welt in Besitz genommen. Das hat niemand von uns verstanden. Zum einen wissen wir nicht, wie man so etwas macht und zum anderen wissen wir nicht, wo zu es gut sein soll, wenn jedes Ding uns oder einem von uns gehören würde. Es wäre ja auch nicht gut, weil man dann damit machen könnte, was man will. Vielleicht sind diese Menschen deshalb alle gestorben, weil sie alles was ihnen gehörte so sehr durcheinander gebracht haben, daß kein einziger mehr leben konnte. Du siehst ja, was der Regen macht. Wenn der Regen einem von uns gehören würde, würde es nicht mehr für alle regnen. Vielleicht würde es gar nicht mehr regnen.

Nicht nur diese bewegungslos fliegenden Vögel sind ausgestorben. Früher gab es viel mehr Tiere, nicht nur Vögel oder große, sondern auch ganz kleine im Wasser und unter jedem Stein. Auch das wird jetzt wieder besser.

Einmal sind wir beinahe selber ausgestorben. Damals kam eine große Hummel, die ganz böse brummte. Normale Hummeln tun niemanden was und sind nicht so riesig. Diese Hummel flog fast über unsere Köpfe, wenn keine Bäume dazwischen gewesen wären. Sie pißte auf uns und viele wurden davon krank und starben. Auch die Bäume. Diese Hummel kam aber nur ein Mal. Sie ist längst selber gestorben, weil sie so viel Gift in sich hatte. Um das zu sagen, muß man nichts vom Heilen verstehen.

Unser Reisender hat uns sehr viel erzählt. Das konnte gar nicht alles weitererzählt werden. Es haben ihm zu wenige von uns zugehört, um sich das alles zu merken. Ich war leider nicht dabei, weil ich damals ungefähr so alt wie Du war und man mir das alles nur beigebracht hat, um es weiter zu erzählen. Ich kann Dir aber eine ganz lustige Geschichte erzählen, obwohl die Geschichte unseres Reisenden eher eine traurige Geschichte ist.

Du weißt, wir setzen uns auf große Steine oder auf ein Stück alten Baum. Wir machen diese Stücke sogar hohl, damit sie leichter sind. In fast jeder Hütte gibt es eins davon, weil nicht jeder gerne auf dem Boden sitzt. Besonders wir Ältere nicht.

Unser Reisender sah ganz viele Stücke, die waren schon so augehöhlt, daß man von ihren fast nichts mehr sehen konnte. Sie hatten aber die Form eines sitzenden Menschen. Genauer, sie sahen aus, wie der Abdruck eines sitzenden Menschen. Bei manchen waren sogar der Platz für die Arschbacken ausgehöhlt. So wie wenn Du Dich mit Deinem Hintern auf den feuchten Sand am Bach setzt. Dann kann man dort eine Zeit lang die Form Deiner Arschbacken sehen. Haha! Unser Reisender hatte zuerst Bedenken, sich auf so ein Stück zu setzen. Er dachte, es müßte sofort zusammenbrechen. Doch irgendwann war er sehr müde und setzte sich. Das Stück hielt. Ein andres zerbrach tatsächlich. Hahaha! Die meisten waren aber sehr stabil, obwohl sie aus fast nichts bestanden.

Wenn diese Geschichte für Dich nicht lustig genug ist, erzähle ich Dir eine andere.

Obwohl nirgends etwas zu essen wuchs, fand er genug zu essen. Es hatte aber immer sehr harte Schalen, die er zerschlagen mußte. Die Splitter waren viel schärfen als die Splitter unserer härtesten Steine. Irgendwann fand er heraus, daß die Schalen aus zwei Teilen bestanden und er ein Teil davon nur drehen brauchte. Er konnte sie sogar wieder zu machen. Ist das nicht lustig? - Er meinte, er hätte dort lange leben können. Die Dinge die er sah waren so gemacht, daß man mit ihnen viel einfacher Leben konnte als wir das tun. Doch er spürte, daß er nicht mehr die gleiche Kraft wie zu Beginn seiner Reise hatte. Er ahnte schon, daß er irgendwann sehr krank werden würde. Deshalb kam er zurück, um uns berichten zu können, was er alles gesehen hatte. Menschen hatte er aber keine gesehen. Keinen einzigen, nichtmal einen toten. Doch da in dieser anderen Welt alles für Menschen gemacht war, muß es dort einmal Menschen gegeben haben.


Anregungen für diese Geschichte waren:

Wald von unkontaktiertem Volk mit Chemikalien besprüht - Survival International
Paraguay: Ureinwohner mit Pflanzenschutzmitteln besprüht - Global Voices
Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland, von Hans Paasche, 1912
Diese Geschichte auf CSN-Deutschland lesen?


 

Februar 2013

Kurz und schlecht:

03.08.11
Die Eisenbahn war das Internet der Vergangenheit.

03.08.11
Wenn meine Spinnen Teppiche weben täten, könnte ich einen kleinen, billigen Laden eröffnen.

17.11.12
Schraubwein, aus frisch gekelterten Weinschrauben.

24.12.10
Ich wurde von einer 14-Jährigen und einem 24-Jährigen aus Versehen gezeugt. Dafür hätte man die beiden einsperren sollen.

04.06.12
Um die letzten Spuren des Verbundenseins mit unserer Kultur vorzutäuschen, habe ich mir eine Kalenderapp auf meinem Computer installiert, die mich zwei Tage vor Weihnachten alarmiert.

12.09.09
Ihr sagt mir immer, dies wäre die Wirklichkeit. Ich habe meine Zweifel. Wahrscheinlich liege ich angeschnallt in einem Bett und habe Wahnvorstellungen.

Hommage an Buko, 09
In meiner Küche stehen leere Bierflaschen Spalier und lassen mich gerade noch durch. Jede einzelne habe ich irgendwo an irgend einem Kiosk gekauft und unterwegs ausgetrunken. An jeder Flasche hängt eine Geschichte. Ich weiß nur nicht mehr welche.

twitter-Meldung (übersetzt) aus den USA, Juni 2011
Plastiksprengstoff in Windeln von 95-jähriger Frau gefunden! - Äh, Moment mal, es war doch Scheiße... #HomelandSecurity... Mehr auf YouTube über den Vorfall

Kein Datum
Die Wirklichkeit ist mindestens so schlimm, wie ich sie übertreibe.


 

31.07.2011

Podexa Soft Dreilagig regiert die Welt:

H.H.: Meine hochgeschätzten Zuhörer, mein Name ist Hanno Haas und ich bin heute ihr Gastgeber. Wir haben jetzt den CEO von Podexa Europe, Herr Alfred Nilingus in unserem Studio, den wir für ein Interview gewinnen konnten.

Guten Tag Herr Nilingus!

A.Nilingus: Guten Tag Herr Haas, angenehm bei Ihnen und ihrem Sender zu Gast zu sein. Guten Tag auch liebe Kunden und Zuschauer.

H.H.: Wird uns Podexa noch eine Weile erhalten bleiben?

A.Nilingus: Die Verkaufszahlen sehen hervorragend aus. Jeder braucht uns täglich.

H.H.: Das ist schön. Lassen Sie uns ein wenig in die Vergangenheit zurück schauen. Es war schon immer etwas besonderes, auf ein gelöstes Problem zurück blicken zu können. Es hätte ja auch schief gehen können. Erzählen Sie den Jüngeren in unserem Publikum und jenen die es vielleicht vergessen haben, wie alles zustande kam.

A.Nilingus: Gerne Herr Haas! Ich habe ein Video von damals mitgebracht. Wir sehen gerade die Warteschlangen im Arbeitsamt. Nun sehen sie den Abriß eines Arbeitsamtes, weil das Gebäude das Straßenbild negativ beeinflußte und hier ist ein Arbeitsamt im Berlin, da wurde der weltgrößte Kindergarten eingerichtet. Da es mehr Treppenhäuser als nötig gab, hat man aus einem die längste und wahrscheinlich auch schnellste Rutschbahn der Welt gemacht. Auf den von uns gesponserten Rutschmatten bekommen die Kinder so viel Schwung, wenn sie im 7. Stock starten, daß sie im Hof noch die 43,28 Meter bis zum Planschbecken rutschen. Im Sommer ist dieses tatsächlich mit Wasser gefüllt, wie sie gerade sehen können.

H.H.: Herr Nilingus, ich würde Sie ja gerne fragen, ob Sie selber schonmal da runtergerutscht sind, aber Sie schweifen ab und machen sogar Schleichwerbung für Ihren Konzern.

A.Nilingus: Entschuldigen Sie!. Also ich bin schonmal... Nun also weiter. Wie kam es, daß heute alles völlig anders ist, als wir es eingangs in diesem Video sehen mußten? - Ob Sie es nun glauben oder nicht, es war die reine ökonomische Vernunft. Als nach mehreren Börsenzusammenbrüchen wirtschaftlicher Stillstand drohte, erkannten die führenden Wirtschaftswissenschaftler, daß eine Wirtschaft ohne Kaufkraft langfristig nicht funktionieren kann. Etwas länger dauerte es, herauszubekommen, wie man die allgemeine Kaufkraft steigern könnte. Verschieden Firmen bezahlten probeweise ihre verbliebenen Arbeitskräfte ein wenig höher, als ihre Arbeit nach damaliger Ansicht wert gewesen wäre. Verrückterweise hat das immer besser funktioniert. Weil alle anfingen Arbeit wieder etwas besser zu bezahlen, stieg tatsächlich die Kaufkraft. Irgendwann fing man sogar an, zusätzlich einzustellen, um die Kaufkraft weiter zu steigern.

H.H.: Herr Nilingus, entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche. Das ist doch eine Binsenweisheit, daß Leuten die mehr verdienen auch mehr Geld ausgeben können. Hätte man nicht die Chance nutzen können, um gleichzeitig die Globalisierung ein wenig zurück zu nehmen und wieder mehr auf lokale Produktion und lokale Märkte zu setzen?

A.Nilingus: Herr Haas, die Wirtschaft hat sich anders entschieden. Lokale Wirtschaftssysteme mögen für sich allein stabiler und sagen wir mal gemütlicher sein, aber ein weltweites Wirtschaftssystem läßt sich, wenn es klug geführt wird, mit insgesamt viel weniger Aufwand lenken.

H.H.: Aber lokale Märkte befriedigen doch lokale Bedürfnisse und schaffen so insgesamt mehr Produkte als eine ausschließlich globale Wirtschaft.

A.Nilingus: Wir haben das Gegenteil bewiesen. Wir schaffen Bedürfnisse und die passenden Produkte. Wußten Sie, daß es allein von unserem Tissue 83 verschiedene Sorten mit sehr unterschiedlichen Preisen gibt. Da ist für jeden etwas dabei.

H.H.: Ich benutze nur eine Sorte! Ich benutze auch zu Hause die selbe wie die, welche unser Sender kauft.

A.Nilingus: Gut, dann sind Sie die berühmte Ausnahme. Kommen wir nun zu einem anderen Punkt, den Sie eigentlich erwähnen sollten.

H.H.: Was meinen Sie damit? Die Politik?

A.Nilingus: Ja, man wirft uns und Podexa speziell, aber der Wirtschaft insgesamt vor, wir hätten die Politik, ja wir hätten sogar die Demokratie abgeschafft.

H.H.: Stimmt das denn nicht?

A.Nilingus: Doch, aber das wird leider immer wieder mißverstanden. Wir haben die historisch ein wenig überkommene bisherige Praxis der Demokratie durch ein sehr viel transparenteres Abstimmungssystem ersetzt. Wenn sie an jeder Straßenkreuzung Podexa blinken sehen, oder vielleicht irgendwann Microsoft oder Google, was ich persönlich nicht hoffen möchte, dann sehen sie ganz klar, in wessen Händen ihr Geschick weltweit liegt.

Früher hat jeder alle vier Jahre widerwillig irgendwelche Kreuze auf den Wahlzettel gemacht und oft nicht gewußt, wen er da eigentlich wählt. Ein paar Leute haben immer versucht, Menschen die keine Zeit für sowas haben, für politische Arbeit zu interessieren. Trotzdem saßen sie in ihren Versammlungen immer unter sich und für die Wahlen hat es ihnen auch nichts genutzt. Es gab zwar eine Partei, die hießen glaube ich Mate Club oder Piraten, die nutzten vor allem das Internet und konnten tatsächlich Leute mobilisieren, die sich nicht für Politik interessieren, aber die hatten gegen unser Marketing keine Chance. Tissue braucht jeder, aber wer braucht Netzneutralität, wenn man sich den Premium Speedwayflash mit derzeit 800 TB/sec leisten kann.

H.H.: Was hat das aber mit Politik zu tun?

A.Nilingus: Sehr viel. Wir haben die Menschen von der Politik befreit und keiner muß mehr wählen gehen. Trotzdem entscheiden Sie mit jedem Kauf, wer diese Welt regiert. Jeder Verkauf wird über das globale Registrierkassensystem erfaßt und in einer Datenbank in einem Vorort von Alofi auf Niue gespeichert. So kann man jederzeit feststellen, wer weltweit die größten Gewinne macht und das Recht hat, zu regieren.

H.H.: Warum auf Niue?

A.Nilingus: Das hing mit der guten Internetanbindung und den günstigen Grundstückspreisen auf dieser schönen Insel zusammen. Das wurde außerdem von unseren Vorgängern so entschieden.

H.H.: Herr Nilingus, ich danke Ihnen sehr für Ihre Ausführungen und hoffe, Sie in einer späteren Sendung erneut begrüßen zu dürfen. - Wie war das nun, mit der Rutschbahn?

A.Nilingus: Ich danke Ihnen auch für die Einladung. Die Rutschbahn, naja, das erzähle ich nicht so gerne. Ich bin leider zu schwer. Ich bin unvorsichtigerweise trotzdem vom 7. Stock aus runter gerutscht und bekam so viel Schwung, daß meine Matte etwas heiß wurde und im zweiten Stock Feuer fing. Mir ist aber fast nichts passiert. Es ging ja ganz besonders schnell in's abkühlende Wasser. Meine Frau meint, man sieht davon fast nichts mehr, bis auf das Podexa Logo, das sich leider dauerhaft eingebrannt hat.


 

07.11.2011

Der welke Frühling:

Wie am Ende jedes Winters hatte sich alles auf den Frühling gefreut. Doch die jungen Blätter und die neu aufgegangenen Blüten sahen fahl und zerknittert aus. Es war still, als ob alle Tiere geflohen wären. Der Himmel war nicht klar, sondern milchig, wie im späten Sommer. Man fröstelte, obwohl es nicht mehr kalt war.

Die Leute sprachen von einem Wetter, das noch besser werden könnte. Dieses Wetter hatte es aber noch nie gegeben und es wurde nicht besser. Der Hund blieb im Haus und knurrte uns kraftlos an, wenn wir von draußen kamen.

Wir spürten nichts. Nichtmal Schmerz, wenn wir uns an Steinen gestoßen oder die Hände an Dornen vom letzten Jahr aufgerissen hatten.

Wir fühlten uns leer und alle Räume, selbst das kleineste Zimmer, waren riesengroß.

Abgegriffene Münzen fielen in Zeitlupe lautlos auf den Boden. Dort unten hatte alles einen zwei Millimeter hohen Schimmelrand, wenn man genau hinsah.

Beim Trödler finde ich zwischen alten Computern mit barock verschnörkelten Gehäusen, für die es keine Programme mehr gibt, das letzte Buch. Es ist schwer und sorgfältig gebunden. Die Seiten sind nicht alle bedruckt. Man muß viel blättern. Obwohl das Buch sehr alt ist, sehen sie so aus, als ob sie noch nie geblättert worden wären.

Ich lese darin diese Geschichte vom welken Frühling.


 

04.11.2012

An einem Sonntag alles falsch gemacht:

Ich fuhr mit der M10 zum U-Bahnhof Warschauer Straße. Da ich es nicht ein einziges Mal zum Pariser Platz geschafft hatte, wo das Refugee-Camp gut Anwesenheit gebrauchen kann, wollte ich wenigstens am bundesweiten Aktionstag gegen Rassismus teilnehmen. Die Demo sollte am Oranienplatz beginnen. Unterwegs stieg ein älterer Herr mit Stock zu, der sich mit einem kleinen, runden Tisch abmühte. Zwei junge Leute rückten auf der Dreiersitzbank zusammen und machten ihm Platz. Sie hielten auch seinen Tisch fest. Er erweckte einen etwas unbeholfenen Eindruck. Als die beiden eine Station vor der Endhaltestelle aus stiegen, fragte er ganz verzweifelt, wer ihm nun beim Aussteigen helfen wird. Die Jungs meinten, da wird schon jemand sein und ich stand in der Nähe.

Als ich ihm dann den Tisch raus trug merkte ich, daß er selber Hilfe benötigte. Er faßt mich am Ärmel, wie es Blinde tun, wenn man sie abholt und begleitet. Ich fragte, ob er Sehprobleme hätte. Er erzählte, seit einer Woche würde es bei ihm auf beiden Augen hin und her ticken, sogar zu Hause und er müsse nächste Woche zum Arzt. Ich begleitete ihn zur Ampel und trug den Tisch auf die andere Straßenseite, obwohl ich auf die gegenüberliegenden Seite mußte. Ich erzählte ihm, daß ich auf einem Auge selber schlecht sehe und er müsse unbedingt zum Arzt.

Auf der anderen Straßenseite stellte ich den Tisch ab und wünschte ihm, diesen heile nach Hause zu bekommen. Das Tischchen hatte zwar Räder, aber erschwerenderweise eine lose aufgelegte Glasplatte. Er sagte, er könnte den Tisch langsam schieben. Ein andere Mann kam hinzu und bot ihm an, den Tisch zu tragen. Ich war schon wieder an der Ampel und hoffte, daß er den Tisch nicht klaut. Er blickte immer wieder zu mir, als ob ich der Aufpasser wäre. Er gestikulierte auch mit dem Besitzer und stellte das Tischchen schließlich demonstrativ ab und verschwand. Nun trug der Mann das Tischchen. Ich hoffe nur, die Glasplatte ist ihm nicht runter gefallen.

Die Demo war mir wichtig, aber ich hätte auf sie scheißen und dem Mann das Tischchen nach Hause tragen sollen. Daß ich es nicht getan habe, ärgerte mich, je länger sich das Losmarschieren der Demo hinaus zögerte. Ich war pünktlich um 14 Uhr da, doch es ging erst um 15 Uhr los. Es dauert eben, bis sich etwa 3.000 Menschen in Bewegung setzen. Da wäre genug Zeit für das Tischchen gewesen. Es wäre besser gewesen, ich hätte das getan, was mir im Augenblick wichtig erschien, selbst wenn ich die Demonstration verpaßt hätte.

Ich bin übrigens nach wenigen Metern umgedreht, gegen den Strom gelaufen und in eine Seitenstraße abgebogen, in der die Menschen nichts von der Demonstration zu wissen schienen. Ich fuhr nach Hause und sah mir die Demo auf Twitter an. Es gab Fotos und Livestreams direkt vom Demonstrationszug. Schließlich bin dann auch noch vor dem Rechner eingeschlafen und als ich aufwachte, tat mir der Mann mit dem Tischchen immer noch Leid. Was genau mit seinen Augen los war kann ich nur spekulieren. Altwerden ist eben Scheiße. Ich hoffe, er geht zum Arzt.


 

17.11.2012

Der Hund H30209:

Montag: Seit Gestern umkreist ein Hund mit großer Ausdauer unsere Station. Er umrundet sie in einer knappen viertel Stunde. Niemand weiß, wo er her kommt. Seit Generationen hält niemand mehr Hunde. Wir haben ihm einen viertel Liter Wasser raus gestellt. Er hat sich gleich dran gemacht. Die Diskussionen hören nicht auf, ob wir damit sein Leiden unnötig verlängern.

Doch wir haben wichtigere Probleme. Unsere einzige verbliebene Gebärerin wird bald aufhören zu gebären und ihre letzten Töchter waren alle zu verkrüppelt. Wir bräuchten dringend ein oder zwei Nachfolgerinnen. F30076 ist noch im Körper, möchte aber nicht und dieser Körper ist von seinen Defekten abgesehen nicht gesund genug.

Dienstag: Der Hund braucht etwa 25 Minuten, um die Station zu umrunden.

M30068@c10-212 ist wegen seiner rasanten Entwicklung eine unserer größten Hoffnungen. Leider spricht er auf Testosteron nicht an und ist erst 10. Vielleicht wurde er zu spät entnommen. Im Moment ist noch ungewiß, ob und wann wir ihm die Leitung der Station übertragen können. Im Moment verlassen wir uns auf selbstlernende Algorithmen. Doch unsere Sensoren liefern immer mehr Daten, welche kein Programm auswerten kann. M30068@c10-212 hat eines für den Hund geschrieben. Es erzeugt ein kurzes Bellen, wenn der Hund an einer bestimmten Stelle vorbei kommt. Der Hund reagiert nicht.

Mittwoch: Der Hund braucht 34 Minuten für eine Runde.

Die Gebärerin F29937 weiß nichts von dem Hund. Sie sieht nur ein Stück Himmel über ihrer Zelle. Sie kann den Horizont nicht sehen. Sie weiß nicht, was ein Vogel oder ein Baum ist. Der Hund würde sie sicher beunruhigen und dann versucht sie wieder zu sabotieren. Sie hat noch nie Schaden angerichtet, aber es geht uns allen sehr nahe, ihren Widerstand zu brechen.

Der Hund hat zuletzt 39 Minuten für eine vollständige Runde gebraucht. Trotzdem macht er keine Anstalten, von der Station weg zu laufen. Eigentlich müßte er von irgendwo her gekommen sein. Recherchen haben ergeben, daß Hunde von dem was sie sahen nur schlecht abstrahieren konnten. Vielleicht versteht er die runde Form der Station nicht und sucht das Ende der Wand, an der er seit Tagen entlang läuft.

Donnerstag: Der Hund könnte zu einem größeren Problem werden. Wenn er nicht stirbt scheint ihn jemand zu füttern. Das hat bereits zu Konflikten und gegenseitigen Unterstellungen geführt. Falls er gefüttert wird, erfassen unsere Sensoren nicht alles, was auf der Station vor sich geht.

Freitag: Auf die Natur, soweit es sie noch gibt, scheint gar kein Verlaß mehr zu sein. Heute Nacht schlug eine Brandung aus Erde und Steinen aus wechselnden Richtungen gegen unsere Außenhülle. Eine entfernte Station sendet Notsignale. Sie ist teilweise im Boden versunken und ragt wie eine Muschel schräg in die Luft. Es gibt keine Daten von den Gebährerinnen dort, dabei hatten wir wegen der Überlassung von zweien verhandelt. In unserer Station wäre sowas nicht passiert. Unsere Station ist sicher verankert. Wir werden aber immer noch von dem Hund umkreist, der den Sturm unversehrt überlebt hat.

Samstag: Der Hund braucht jetzt durchschnittlich 23 Minuten und hat den Namen H30209 bekommen.


 

03.02.2013

Planet ER-D-03:

Als wir das letzte Mal ER-D-03 besuchten, war er für unsere Begriffe überbevölkert, aber irgendwie schafften die es, daß fast alle etwas zu essen hatten. Die Unterschiede waren allerdings sehr groß. Manche hatten mehr als sie brauchten, andere hatten fast nichts. Viele Folgebewohner starben, noch bevor sie erwachsen waren und sich einigermaßen am Leben halten konnten.

Nun, nach einer recht kurzen Zeitspanne, müssen wir leider berichten, daß es auf diesem Planeten keine intelligente Population mehr gibt. Wir sahen nur Lebewesen frühster Entwicklungsstadien. Diese sind allerdings schon wieder dabei, ihren Lebensraum vom Wasser auf das Land auszuweiten. Ob sich daraus irgendwann eine neue Hochkultur entwickeln wird, ist derzeit nicht abzusehen. Immerhin scheint das Leben auf diesem Planeten mehrere Entwicklungsstufen übersprungen zu haben. Vielleicht haben ein paar Genfragmente die Katastrophe überlebt.

Wir fanden erstaunlich viele Zeitkapseln und waren mühelos in der Lage, die enthaltenen Informationen zu verarbeiten. Demnach hat sich auf Planet ER-D-03 folgendes zugetragen:

Die Wissenschaft hatte es ermöglicht, in alle natürlichen Vorgänge einzugreifen. Fast nichts war mehr so, wie es sich entwickelt hatte. Gene wurde zwischen Tieren und Pflanzen beliebig ausgetauscht und es wurde auch nicht davor Halt gemacht, den Menschen selber zu verbessern, wie man glaubte. Das allein hätte für eine Katastrophe ausgereicht, doch diese kam vermutlich auf anderem Wege zustande.

Es genügte nicht, alles umzugestalten und die merkwürdigsten Hybride hervorzubringen, einzig um damit ein paar wenigen Vorteile und den meisten Nachteile zu verschaffen. Die größten Anstrengungen, an denen sich seltsamerweise alle beteiligten, galten dem Ziel, das Leben als solches zu kontrollieren. Zwar konnte man töten, doch Leben zu produzieren, ohne auf die Natur zurück zu greifen, war auf ER-D-03 bis dahin nicht möglich gewesen.

Die Funktionen des Lebens wurden bis in's letzte Detail erforscht, aber es gelang nie, im Labor Leben oder lebensähnliche sich selbst unterhaltende Vorgänge zu arrangieren.

Das änderte sich eines Tages. Einem Team gelang es, eine erste künstliche Zelle herzustellen. Diese lebte zwar nicht lange, von da an konnte aber mit solchen Zellen ausgiebig experimentiert werden.

Leider können wir nur spekulieren, was weiter geschah. Es wurden keine Zeitkapseln mehr angelegt. Vermutlich entwickelte sich aus dieser Zelle sehr bald eine gefährliche Amöbe, die alles Leben auf ER-D-03 ausgerottet hat und mit der ein neuer Entwicklungszyklus einsetzte. Da der Planet sehr unter seinen Bewohnern gelitten hatte, würde eine solche Entwicklung sogar biologisch Sinn machen.

Heute sieht es auf Planet ER-D-03 wieder sehr idyllisch und natürlich aus. Der große Stern S-T-730104680437, der ihn mit Energie versorgt, hat noch für eine unbestimmte Zahl von Hochkulturen Vorrat. Wir sollten den Planeten weiter beobachten und schlagen deshalb regelmäßige Besuche vor.


 

30.03.2013

Bloggen und Kurzgeschichten schreiben:

Wenn ich mir ansehe, wie wenig Geschichten ich über die letzten Jahre geschrieben habe, dann hätte ich vielleicht den etwas passenderen Titel "Bloggen oder Kurzgeschichten schreiben" wählen sollen. Generell schreibe ich sehr wenig und Bloggen beschränkt sich oft darauf, einfach nur Texte aus dem Englischen zu übersetzen. Allerdings sind es diese Texte alle wert, übersetzt worden zu sein und ich übersetzte sie politisch motiviert.

Genau diese Motivation macht den Unterschied zwischen Geschichten schreiben und Bloggen aus. Der besteht weniger darin, daß meine Geschichten unpolitisch und die Blog-Artikel politisch wären. Es ist eher so, daß ich mit beiden meinen Standpunkt unterschiedlich ausdrücken kann.

Blog-Artikel haben einen mehr oder weniger tagesaktuellen Bezug, während Geschichten sowohl bezüglich ihrer Lebensdauer als auch inhaltlich etwas zeitloser angelegt sind. Genau das bewundere ich z.B. an Kafka. Er hat zeitlose Geschichten geschrieben. Ob er darauf geachtet hat, weiß ich nicht.

Ich erinnere mich öfter an diese eine Geschichte, in der eine Horde in eine Stadt einfällt und von dieser mit Fleisch versorgt werden muß, damit sie sich nicht unkontrolliert an das Vieh oder an die Bewohner selber heran macht. Irgend wann waren es die Bewohner Leid, dauernd für die Horde zu schlachten und sie lieferten ihnen lebende Ochsen. Diese wurden lebend verspeist. Das Schmerzgebrüll der Ochsen war für die Bewohner kaum auszuhalten.

Zeitlos wird diese Geschichte für mich durch die Beschreibung Kafkas, wie die Oberen der Stadt darauf reagierten: Man sah sie nur kurz hinter dem Vorhang eines Rathausfensters auftauchten. Ebenso still und schweigend zogen sie sich zurück, ohne irgend etwas zu veranlassen.

Dieses unbeteiligte Abschätzen der Situation, ob diese für sie selber von Belang sein könnte, erkenne ich im Verhalten vieler Politiker unserer Tage wieder.

Sicher würde ein heutiger Politiker in die hingehaltenen Mikrofone sprechen, doch das Gesagte kommt dem von Kafka so trefflich geschilderten, teilnahmslosen Schweigen gleich.

Verrückterweise hat auch dieser Unterschied zwischen Blog-Artikeln und Geschichten nicht zuverlässigen Bestand. Nicht nur, daß sich eine Geschichte als kurzlebig erweisen kann. Genau so kann sich ein Blog-Artikel, der nur mit Blick auf ein aktuelles Ereignis oder Problem geschrieben wurde, nach einer Weile leider als zeitlos herausstellen.

Warum ich nun wie viele andere Hobbyliteraten nicht ganz auf das ausschließliche Bloggen umsteige, hat mindestens zwei Gründe.

Erstens scheiße ich auf Trends und bin nur auf Umwegen zum Bloggen gekommen, wobei auch die technische Faszination, sich mit einem oder mehreren Content Management Systemen zu beschäftigen eine Rolle spielte.

Zum anderen macht mir das Schreiben von Kurzgeschichten immer noch Spaß. Ich betone extra, daß es sich um Kurzgeschichten, also um kurze Geschichten handelt, weil es mich fasziniert, wie wenig man schreiben muß, um in der eigenen oder in der Fantasie des Lesers eine kleine Welt aufgehen zu lassen.

Unter diesen Aspekt finde ich Romane, mit denen so mancher meist nur sich selbst beweisen muß, daß er oder sie schreiben kann, eher Fantasie abtötend und anstrengend zu lesen. Wenn alles ausformuliert ist, ist es tot. Ich kann hier und hiermit jeglichen Ambitionen, irgend wann einen richtigen Roman schreiben zu wollen, eine klare Absage erteilen. Viel lieber würde ich öfter meine Meinung entweder in einer Geschichte oder mit einem Blog-Artikel zum Ausdruck bringen. Leider muß ich mit 59 immer noch dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, statt mich mit dem was ich am besten kann in die Gesellschaft einzubringen.

Es ist wichtig, einen allgemeinen Diskurs aufrecht zu erhalten, damit es zu gesellschaftlichen Lernprozessen und Veränderungen und nicht nur zu Revolutionen in wenigen Köpfen kommt. Etwas gesellschaftlich zu verändern heißt, viele Menschen mitnehmen. Das kann durch jede Form des Schreibens und mit allen Kunstformen unterstützt werden. Allerdings sollte man das Handeln nicht vergessen. Ich empfehle, nicht nur allein vor sich hin zu wursteln, sondern regelmäßig auf Demonstrationen zu gehen. Die Aneignung der Straße, die sonst nur den Autos gehört, kann schon ein schönes Gefühl sein. Und zu sehen, daß man nicht der einzige Dissident ist, macht weiteren Mut. Um so mehr, wenn es mal ein paar Tausend sind.

Es ist zwar klar, daß uns die Gesellschaft nicht gnädig ein bedingungsloses Grundeinkommen gewähren wird, sondern daß wir uns dieses erstreiten müssen. Doch dies immer wieder neu zu verstehen, heißt auch zu begreifen, daß wir etwas dafür tun können und müssen, daß wir die Agierenden und nicht die Bittsteller sind. Meine Begründung für ein bedingungsloses Grundeinkommen ist simpel und unabweisbar: Weil alle Ressourcen längst verteilt sind und jemand gehören und erst Recht, weil sich niemand seine Geburt aussuchen kann, schuldet die Gemeinschaft jedem zumindest eine gesicherte Existenz und eine faire Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum. Dieser Anspruch muß weltweit als grundlegendes Menschenrecht auf eine menschenwürdige Existenz gelten.


Links zum BGE:

Blog von Susanne Wiest
Unternimm die Zukunft Götz W. Werner
Jeremy Rifkin: "Langfristig wird die Arbeit verschwinden"
Europäische Bürgerinitiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen
Zum meinem Blog


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