Zackes Textedition 25:

Zwei Jahre sind eine relativ lange Zeit. So lange hatte ich noch nie nichts geschrieben. Für mich stand aber außer Frage, daß ich irgend wann neue Texte einstelle. Voici voilà zong!

 

19.01.2009

Blog:

Manchmal wünsche ich mir, ich hätte auch einen Blog im Web, obwohl Blogs nichts anderes als schlecht gemachte Webseiten sind, auf denen jemand ohne Kenntnis der Technik Tagebuch führt. Wenn ich einen viel gelesenen Blog hätte, würde ich das folgende "posten":

Gerade eben hörte ich im Radio eine Diskussionssendung. Es war auf irgend einem Sender, der mich oft mit belanglosen Geräuschen und Wortbeiträgen nervt. Es ging um irgend eine Landtagswahl in irgend einem Bundesland. Die Zuhörer konnten anrufen und das Wahlergebnis kommentieren. Manche erzählten, warum sie generell von der Politik immer weniger halten. Jemand sagte, in der Politik wird nicht regiert, sondern nur noch auf Krisen reagiert. Im Studio waren Fachleute aus den Medien versammelt. Einer schwang sich gleich auf und warf dem Anrufer Unredlichkeit vor. Vielleicht wollte er den Hörer wirklich nicht persönlich angreifen, aber er zog mit vielen mir einleuchtenden Argumenten einem ziemlich dicken moralischen Hammer aus der Tasche. Eigentlich gefiel mir das Statement des Anrufers, doch ich dachte, der Medienmensch hat im Grunde recht. Wir haben eben Pluralismus, so war die Argumentation, und dabei kommt immer nur ein minimaler Konsens heraus. Die Regierung kann nicht viel agieren. In Anbetracht der Komplexität der Probleme ist es vielleicht sogar besser, wenn alles langsam voran geht. Fast hätte ich das geglaubt.

Ja - wir haben ganz viele, sehr unterschiedliche Interessen in unserer Gesellschaft, aber am Ende, wenn reagiert wird, geht es immer nur um die selben. So etwas wie Gemeinwohl, daß eine Regierung versucht, die Interessen aller zu berücksichtigen, auch jener die keine Lobby haben, sowas gibt es bei uns nicht und deswegen ist es unfair, mit Pluralismus und Minimalkonsens zu argumentieren.

Wir sind nach wie vor das Land, in dem die Chancen im Bildungssystem europaweit am stärksten von der sozialen Herkunft abhängen und in dem die meisten Menschen ihre Existenzberechtigung durch Selbstverleugnung erkaufen müssen. Dazu braucht man sich nur mit dem Begriff der Arbeit befassen und damit, welche Arten von Tätigkeiten welches Ansehen haben. Unsere Nationalität definieren wir nicht über die Staatsangehörigkeit. Unser Wunschbild läuft immer noch auf Blut und Boden hinaus. Dabei gibt es sehr viele Deutsche mit sogenanntem Migrationshintergrund. Glück hat, wem man das nicht ansieht. Gleichzeitig ist die Angst vor Ausländern die uns was wegnehmen könnten dort am größten, wo es die wenigsten gibt. Das hat auch etwas mit Bildung zu tun.

Die Klimaerwärmung ist inzwischen selbst bei Konservativen in aller Munde. Deshalb muß sie hier in meinem persönlichen Rundumschlag ebenfalls vorkommen. - Um die Umwelt zu retten, könnte oder sollte sofort etwas getan werden. Das haben wir schon in den 70'er Jahren des letzten Jahrhunderts gesagt. Die Diskrepanz zwischen dem, was technisch möglich wäre und dem, wie es immer noch gemacht wird, ist beschämend. Auch das war schon damals so. Dies hat bekanntlich mit jenen Interessen, mit Konzernen und Großtechnologie zu tun. Es läuft auf den Konflikt zwischen rein fiskalischer und praktischer Logik hinaus, der stets hinter Sachzwängen versteckt wird. Der Sinn von etwas Nützlichem sollte mehr als dessen Marktwert bedeuten. Wenn wir uns notwendige Dinge leisten können, selbst wenn sie sich nicht oder nur schlecht rechnen, sind wir als Gesellschaft reich. Z.b. ein kostenloses Gesundheitssystem. Soll es allen oder nur wenigen gut gehen, wollen wir teilen oder uns lieber gegenseitig tot schlagen, wollen wir echte Männer sein? Muß ich nun noch über Sex schreiben? Das brächte bestimmt mehr Leser für meinen Blog.

Da ich vielleicht auch ein bißchen konservativ eingestellt bin und da man zumindest versucht hat, mich katholisch zu erziehen, schreibe ich nun nicht über Sex, sondern über Religion. - Wenn die Hirnforschung Recht hat, gibt es eine mentale Disposition zum Glauben. Entwicklungsgeschichtlich soll diese für das Überleben der menschlichen Rasse wichtig gewesen sein, da sie den Zusammenhalt von frühen Gemeinschaften gestärkt hat. Manche würden diese Veranlagung gerne als Hinweis auf die Existenz Gottes deuten. Was geschieht nun aber, wenn Religionen für das Überleben immer unbedeutender werden? Oder wie organisiert man den Zusammenhalt großer Gemeinschaften? Kann man Religionen durch beliebige Moden, Ideologien oder gar Wahnvorstellungen ersetzten? Ist das Primat des ökonomischen Kalküls die neue Welt-Religion? Wie ich schon öfter geschrieben habe, scheint es mir so und ich finde es schade, daß der Kapitalismus zwar erstaunliches leisten kann, aber nur wenig menschfreundliches hervorbringt. Für die meisten Menschen auf diesem Planeten zeigt er sich von seiner schlechten Seite.

Ich bestehe auf der Feststellung, daß die Politik überwiegend nur reagiert und daß sie bestenfalls für bestimmte Interessen aktiv wird. Beispiele dafür hat es die letzte Zeit genug gegeben. Den Hinweis auf die Bankenkrise, die für ihre Nutznießer nicht wirklich eine Krise ist, könnte ich mir sparen. Solange so etwas läppisches wie die Tobin-Steuer nicht durchsetzbar ist, bleibe ich bei dieser Meinung.


Link Wikipedia: Tobin-Steuer


 

01.02.2009

Klinische Fotografie:

Ich fühle mich, wie von jemand anderes in diese Situation geschmissen. Wozu muß ich so eine schwere Kamera mit mir rumschleppen? Ich habe längst vergessen, auf das zu achten, was alle sehen, was aber erst durch ein Objektiv zu etwas transformiert wird, das noch niemand zuvor so gesehen hat.

Dafür ist das Wetter schön. So wie es sich gehört. Ich brauche immer ein intensives Blau am Himmel. Vielleicht bin ich ein verhinderter Sonntags-Fotograf. Ich las mal, daß man diesen Himmel auf keinen Fall fotografieren sollte und Schäfchenwolken schon gar nicht. Und ein Portrait muß auf die Person fokussiert sein. Leider bekomme ich aufgrund eines Sehfehlers Kopfschmerzen, wenn ich Portraits mit unscharfem Hintergrund ansehe.

Gestern habe ich mir eine 8GB Speicherkarte gekauft, weil diese Teile so billig geworden sind. Dabei mußte ich noch nie umkehren. Wer macht denn 500 Fotos an einem Nachmittag? Ich habe heute noch kein einziges geschossen. Nichtmal eines zur Probe. Ich sehe nur das, was ich jeden Tag sehe. Oder doch nicht? Da liegt etwas im Sand, ein kleines, durchsichtiges Etui aus Plastik. Irgendwer hat es weggeschmissen. Ich nehme ein Makro auf, vorne scharf und dahinter leicht weich gezeichnet. Wenn das kein passendes Cover-Motiv für eine Foto-CD ist!

Nun sehe ich nur noch durch mein Linsensystem und drücke immer öfter den Auslöser ganz durch. Das heimliche Gesetz der Fotografie ist, einfach drauf zu drücken. Es gilt, so viele Aufnahmen wie möglich zu machen und später die besten auszusuchen. Die Unwiederholbarkeit jedes Augenblickes kommt hinzu. So wie hier und jetzt alles ist, wird es nie mehr wieder sein. Einmal hab ich versucht, ein Foto ein zweites Mal aufzunehmen. Dummerweise hatte ich das Original einer Verkleinerung gelöscht. Es gelang mir nicht. Ich stand zur selben Tageszeit am selben Ort und lehnte mich an die selbe Mauer. Es war eben ein Tag später. Allerdings gefiel mir das nachgemachte Bild viel besser als das Original.

Schneller als erwartet ist die Speicherkarte voll. Ich habe keine weitere dabei. Dies erschien mir nicht notwendig. Jetzt graut mir davor, über tausend Bilder anzusehen um jene zu löschen, die mir nicht gelungen erscheinen. Mir bleibt nichts anderes übrig. Ich lösche sehr viele Aufnahmen. Trotzdem dauert es eine Weile, bis ich mich getraue, weiter auf den Auslöser zu drücken. Als ob ich ahnte, daß ich bald erneut Platz schaffen muß. Diesmal lösche ich großzügig. Leider überblicke ich nicht mehr, ob ich überhaupt Bilder aufhebe oder wie meine Verdauung einen kontinuierlichen Durchsatz habe.

Vorhin löschte ich die Karte zum erstem mal komplett. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich das schon tat. Wo bin ich überhaupt? Ich weiß nichtmal, wie spät es ist. Ich könnte die Uhrzeit irgendwo im Menü der Kamera ablesen, nur ist der Akku leer. Der zweite auch und im Gegensatz zu Speicherkarten muß ein Akku nicht leer sondern voll gemacht werden.

Ist die Speicherkarte voll oder gelöscht? Ich wollte löschen. Habe ich gelöscht? Ich nehme Akku und Speichermedium aus der Kamera. Ab jetzt muß ich den Fokus von Hand einstellen und kann nichts aufnehmen. Ich mache trotzdem weiter. Es gibt so viel zu fotografieren. Der Auslöser drückt sich nicht viel anders und die Kamera ist ein wenig leichter.

Sie ist viel leichter! Sie ist von überflüssigem Ballast befreit. Was ist Wirklichkeit? Kann man diese wirklich abbilden? Das ist mir jetzt scheiß egal. Auch muß ich nicht mehr darauf achten, wieviel noch auf die Speicherkarte paßt. Doch die Kamera wird mir trotz ihrer philosophischen Leichtigkeit zu schwer. Ich verstaue sie im Rucksack. Wenn man lange genug fotografiert, kann man einen Tennisarm bekommen.

Ich sehe die Wirklichkeit. Das ist das wichtigste. Ich sehe mit der höchsten Konzentration Bilder vor mir, wie es nur sehr gute Fotografen vermögen. Ein Arzt schaut mich besorgt an: "Die Schwester hat mich geholt, Sie haben im Schlaf geschrien. Es wird immer schlimmer mit Ihnen! Seit Wochen zeigen Sie den ganzen Tag mit dem Finger auf irgend etwas, das nur Sie sehen können und rufen "Ja, genau das!". Nun brüllen Sie es sogar im Schlaf."


 

Juni 2009

Kurzes:

Es werden immer mehr Arbeitsplätze abgebaut. Ganze Industrien sterben ab. Die Probleme sind nicht mehr dem Einzelnen als persönliches Versagen in die Schuhe zu schieben. Die letzten die noch Arbeit haben, tragen besonders abgewetzte Kleidung, um nicht erkannt zu werden. Der Staatsnotstand wird mehrmals ausgerufen. Jedes Mal schlimmer. Nach schwierigen Verhandlungen gibt es sogar einen gesamteuropäischen Notstand. Dem amerikanischen mag sich niemand anschließen. Die Bundesregierung empfiehlt den Bürgern, sparsam zu leben und einfach Urlaub zu machen. Es bestehe keine Notwenigkeit mehr, zu arbeiten, heißt es. Aus China erreichen uns Nachrichten, daß auch dort die industrielle Produktion systematisch zurückgefahren wird. Indessen überschwemmen allerbilligste Produkte aus dem Sudan, aus Kenia, Zimbabwe, Äthiopien, aus der Mongolei und aus anderen bisher unbekannten Ländern die Märkte. Doch wir können uns das Zeug nicht leisten.

Die Krise der Autoindustrie:
Was für eine Krise? Ich wohne parterre und wenn so eine Dreckskarre vor meinem Fenster losfährt, habe ich die Abgase bei mir drin und darf sie schlucken. Das muß sein, wir sind eben Deutschland und warum mache ich das Fenster auf! Ich freue mich auf den Tag, wenn da draußen kein einziges Auto mehr rumsteht. Dann kann man die Straße wieder für Fußballspielen, Frisby oder Federball nutzen. Oder aufreißen und Gras sähen. Ich träume nicht von Eurem Scheiß Leben.

Für die Shoa hat man das antiseptische Wort "Holocaust" gefunden. Der wird längst von allen die ihn nicht leugnen instrumentalisiert. Es geht weder um das Leid von damals, noch um aktuelles, das man vielleicht verhindern könnte. Es geht um billige Alibis.

Wenn ich mir eine Uhr umschnalle, fühle ich mich wie ein Terrorist, wie eine Zeitbombe.

Lebenslauf (tabellarisch):

Ein ungeöffneter Brief voll Liebe,
die Tür von innen verschlossen.
Draußen der Sommer und Licht,
drinnen Dunkel und Winter.
Die Zehen erfroren,
die Finger verbrannt.
Im Hausflur toben Kinder,
vor sich ein Leben.
Vielleicht!
Auf dem Monitor,
mein ganzes Leben vor mir.
Mit Ketten aus Jahreszahlen,
an allen Vieren gebunden.
Kein Entkommen!

 

31.03.2009

Blackout:

Ich weiß nicht, wo ich bin. Die Frage, wer ich bin, hat sich mir noch nicht aufgedrängt. Wozu? Auch ist mir entfallen, daß ich solche Situationen öfter erlebe. Mir kommt es nicht ungewöhnlich vor. Wenn ich mir die anderen Leute ansehe, frage ich lieber nicht, wie es in denen drin aussieht. Wie wichtig die alle tun! Jeder muß irgend wo hin und hat es eilig.

Ich muß von irgendwo gekommen sein. Leider kann ich mich im Moment nicht daran erinnern. Ähnliche Straßen habe ich bestimmt schonmal gesehen, doch was heißt das? Mittlerweile ähneln sie sich weltweit, zumindest in den Großstädten. Die Leute scheinen stumm zu sein. Vermutlich beherrschen sie aber eine Sprache, die ich vielleicht erkenne. Ich könnte jemanden etwas sinnloses fragen. Muß ich aber nicht. Alles ist auf Deutsch geschrieben, außer "Be Berlin".

Zufällig finde ich ein kleines Heft in meiner Jackentasche. Das Geschreibsel darin fängt so an: "Wenn Du wieder mal nicht weißt, wo Du hingehörst, lies was Du in einem helleren Augenblick für diesen Fall selber allersorgfältigst aufgeschrieben hast..." Der Text geht noch beleidigender weiter. Ein Depp erklärt mir, wie ich heiße, wo ich wohne und was ich als nächstes tun muß. Ich stecke die Anleitung weg, die mir erklären will, wie ich wieder ich werde. Ich genieße es, nicht zu dem Gewusel um mich herum zu gehören. Wer weiß, vielleicht sollte ich jetzt gerade in einem langweiligen Bureau sitzen.

Vor einem edlen Restaurant bekomme ich Appetit. Leider habe ich nichtmal für das billigste Menü genug Geld dabei. Offenbar ist dies eine ungute Erinnerung. Mir fällt ein, daß in dem Heftchen der Weg nach Hause ziemlich idiotensicher dokumentiert ist. Es gibt sogar eine Zeichnung für das Treppenhaus und von der Wohnungstür ist ein Foto eingeklebt. Der Kühlschrank sollte einigermaßen gut gefüllt sein, es wäre aber nicht verkehrt, unterwegs ein leckeres Baquette zu kaufen. Der Backshop ist auf einem der Pläne mit einem großen X markiert.

Es war tatsächlich nicht schwer, mit den schlauen Anweisungen bis vor die Tür auf dem Foto zu gelangen. Der Schlüssel in meiner rechten Hosentasche paßte. Daran mußte ich nicht zweifeln. Je näher ich meiner Wohnung kam, desto mehr erinnerte ich mich. Das ist aber nicht immer so. Einmal hatte ich das Gefühl, ich würde mit einem Nachschlüssel in eine fremde Wohnung einbrechen. Ich war sehr vorsichtig, machte keine Geräusche. Ich wollte nicht erschrecken, falls plötzlich jemand vor mir steht. Was nettes, komplementäres wäre aber nicht schlecht gewesen.

Ich habe keine Ahnung, was los ist. Das sind richtige Blackouts. Die habe ich nur, wenn ich unterwegs bin und aus Versehen zu denken anfange. Zu Hause kann ich über alles mögliche nachdenken, ohne daß etwas passiert.

Das erste Mal war ich richtig hilflos. Ich irrte bis früh morgens durch die Stadt. Zum Glück hat sich niemand um mich gekümmert. Niemand hat etwas gemerkt. Als meine Panik verschwand gelang es mir, meine Identität systematisch zu rekonstruieren. Ich hatte ja einen Ausweis und anderen persönlichen Mist dabei. Ich wußte nur nicht, ob die Sachen von mir sind. Ich habe lange gebraucht, bis ich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln klar kam.

Nach dem zweiten etwas milderen Vorfall malte ich mir den Weg auf einen Zettel. Inzwischen ist daraus ein nützliches Brevier geworden. Ich habe überhaupt keine Probleme mehr. Ich falle niemandem zu Last.


 

19.05.2009

Hartz IV-Hungern:

Anfang 2008 machte sich der damalige Berliner Finanzsenator Sarrazin bei den Arbeitslosen in ganz Teutomania sehr beliebt. Mit kleinkrämerischer Akribie versuchte er zu beweisen, daß man mit den im Hartz IV-Gesetz vorgesehen 4 Euro 25 pro Tag für Lebensmittel bestens auskommt. Er ließ von seinen Kalfaktoren einen Muster-Speiseplan von Montag bis Mittwoch zusammenstellen und unterbot den täglichen Betrag um etwa 40 Cent, so daß man sich womöglich jeden Monat einen zusätzlichen Kasten Billigbier zusammensparen kann.

Er mußte viel Kritik erleiden. Nicht nur von den Betroffenen. Davon habe ich mir gemerkt, daß die Kalorienzahl zu niedrig sei und daß man sich von diesem Betrag langfristig nicht gesund ernähren kann. Hingegen hielten zwei Chemnitzer Wirtschaftswissenschaftler den damaligen Regelsatz von 347 Euro für zu großzügig und rechneten vor, wie schön man mit 132 Euro monatlich sich nähren, kleiden und am sonstigen Leben teilhaben könne.

Ich verzichte darauf, die Details der erwähnten Rechenkünstler aufzuführen. Nicht nur, weil ich als Veganer keine aus Selbstüberschätzung als seelenlos und ohne Recht auf Leben und Glück deklarierten Mitgeschöpfe verzehre. Die Wahrheit ist, man kann in der Not mit noch viel weniger Geld längere Zeit gesund bleiben. Zum Beispiel mit Haferflocken und Mandarinen von Aldi. Mit Weizen und Wasser, bleibt man sehr lange gesund, da das unverarbeitete Weizenkorn besonders viele lebensnotwendige Nährstoffe enthält. Den Weizen muß man einweichen und gut kauen. Wenn man einen Teil keimen läßt, bekommt man frische Vitamine umsonst. Nur kann kein Mensch von einem verlangen, so leben zu müssen. Zumindest nicht, solange wir das Grundgesetz noch haben.

Doch warum nicht ein bißchen hungern? Ökonomisch betrachtet erhöht sich damit die Effizienz des zur Verfügung stehenden Ausgabevolumens. Auf diese Weise kann man sich das ein oder andere leisten und gehört wieder dazu.

Ich spare seit längerem für einen Japan-Aufenthalt. Dieses Land hat mich schon immer fasziniert. Ich habe bereits gelernt, ein paar Schriftzeichen auswendig nachzumalen. Von manchen weiß ich, was sie bedeuten.

Ein Hin- und Rückflug kostet zur Zeit mit der Air France ab Tegel um die 600 Euro. Die Lufthansa will 300 Euro mehr haben. Hoffentlich bleiben die Preise einigermaßen stabil. Leider ist in Japan das Leben sehr teuer. Ich muß sicher noch eine Weile warten, bevor ich hinfliegen kann.

Ich möchte einmal im Leben echten Tofu essen. Den kann man schon morgens um Vier ganz weich und noch warm kaufen. Das ist für einen Arbeitslosen sehr früh, aber bei uns ist es dann erst Neun Uhr abends am Vortag. Ich werde den Jetlag einfach ignorieren und zu meinen gewohnten Zeiten schlafen. In Japan darf man Schläfer in der Öffentlichkeit nicht wecken, denn sie haben schwer gearbeitet.

Wenn ich in Japan bin, möchte ich außerdem in einer Butoh-Disco zu "Let it grow" von Albini oder zum neusten Hit von Perfume tanzen. Ich möchte mit einer Geisha Sencha trinken. Danach möchte ich mit ihr vom Dach einer Minka rutschen. 1989 auf dem Brandenburger Tor gestanden zu haben, ist nichts dagegen.

An's Hungern gewöhnt man sich. Arbeiten ist schlimmer! Und es ist gesünder als zu viel essen. Hungern hat weitere Vorteile. Man nimmt ab. Wer will das nicht? Man fühlt sich leichter und jünger. Man sieht besser aus. Es drehen sich wieder jüngere Frauen nach einem um. Man spart nicht nur Geld, sondern die Zeit und die Arbeit der Essenszubereitung. Man verträgt weniger Alkohol und wird schneller besoffen. Auch das ist billiger.

Wenn ich vom Hungern schlechte Laune bekomme, gehe ich in's Bett. Wenn der Hunger zu sehr nervt, hilft Bullrichsalz. Bullrich nach Alkohol, gegen Sodbrennen, Magendruck und Völlegefühl.


 

06.06.2009

Jimi Hendrix lebt:

Ich war wie immer nicht müde genug und blieb auf YouTube hängen. Sah mir Norah Jones an, danach Sade, Macy Gray, Elexis Trinity und am Schluß ein bißchen Counting Crows. Im Bett liefen die Clips in meinem Kopf weiter. Irgendwann bin ich weggerazzt. Doch ich träumte von Jimi. Es war ein Auftritt, den ich noch nicht kannte.

Ich erwachte mit dem Gefühl, wirklich auf dem Konzert gewesen zu sein. Ein Ticket in meiner Jackentasche oder ein Stempel auf meiner Hand würden mich nicht wundern. Es war super. Jimi war gut drauf. Er spielte Stücke, von denen es kaum Livemitschnitte gibt. Z.B. Burning of the Midnight Lamp. Die lange Fassung von Voodoo Chile klang besser als im Studio.

Unterwegs, in der U-Bahn, ruiniert jemand sein Gehör mit dem MP3-Player. Ich flüchte mich in das Konzert zurück. Ich höre nochmal den tollen Anfang von 1983. Am Alex steige ich aus. Oben knallt die Sonne.

Ausgerechnet Jimi kommt aus dem Blödmarkt. Ich wundere mich, wie sich die Zeiten geändert haben. Kein Kreischen, keine Fotografen, kein Auflauf, nichts. Jimi steht grinsend vor mir. Die Leute schieben sich ahnungslos an uns vorbei.

"Du kannst Dich unbehelligt in der Öffentlichkeit bewegen?"

"Klar! Nur ein Punkie meinte vorhin, ich würde total wie Jimi Hendrix aussehen. - Nun sag' mal, wie waren meine Texte gestern? Ich habe an einigen Stellen die Message eingebaut!"

"Welche Message?"

"Na, Piraten wählen!"

"Aber hallo, was? Das hätte ich nicht von Dir erwartet! Außerdem muß ich Dir gestehen, daß ich nie auf Texte höre. Das kommt von früher, als ich noch kein Englisch verstand. Bei deutschen Texten höre ich absichtlich weg. Kunst hat heute sowieso nichts mehr mit Rebellion zu tun. Damals kam alles auch ohne Worte rüber. Man brauchte Dich nur Guitarre spielen hören, um gegen den alten Mief zu sein. Am meisten bin ich von unseren gelobten westdeutschen Nachkriegs-Schriftstellern enttäuscht. Die würden heute in die Hose machen, wenn sie nochmal so aufmüpfig wie damals sein müßten. Die sehen nur Ihre glorreiche 68er-Bewegung und raffen nicht, was jetzt abgeht. Aber die Piraten, um Himmelswillen! Die sind für freie Downloads, für legales Klauen von Musik!"

"Das freie Kopieren und Verteilen vom Musik kann man nicht verhindern. Das letzte was ein Künstler will ist, seine Fans verklagen zu lassen. Die brauche ich dann nicht mehr zu fragen, ob sie für's Konzert oder für die Aufnahmen was zahlen wollen. Das wäre so ähnlich wie im Feudalismus. Wir würden wieder nur für Leute Musik machen, die Geld haben. Die Musik gehört uns nur zum Teil. Wir haben sie geerbt. Wir sind in unserer Kultur aufgewachsen, haben von unseren Vorbildern gelernt und geben das mit unseren eigenen Ideen weiter. Meine Musik gehört allen!"

"Genau, dem Musiker sollte es zu aller erst um die Musik und nicht um's Geld gehen. Mit Geld kann man den Wert von Musik nicht bestimmen. Die größte Kohle wurde mit dem allergrößten Mist gemacht. Das war schon vor der Globalisierung so. Der Kommerz hat schon immer jeden guten Trend zur absoluten Mittelmäßigkeit verwässert. Nur, wovon sollen Musiker leben, wenn Musik nicht mehr verkauft wird?"

"Das weißt Du doch! Die leben von Freund oder Freundin, von Hartz IV oder noch besser, vom Bedingungslosen Grundeinkommen. Es muß sowieso eine gerechte, weltweite Lösung her. Jeder Mensch hat ein Recht zu existieren. Auf diesem Planeten ist genug für alle da."

"Gäbe es dann noch Stars wie Dich?"

"Bestimmt. Die wären vielleicht weniger reich. Oder noch reicher, wer weiß! Ich konnte nie gut mit Geld umgehen, mir wäre es egal, wieviel ich dazu verdiene. Ich hätte meine Musik trotzdem gemacht und jeder würde mich kennen. Wir hätten alle viel weniger Streß, wenn Kohle nicht so wichtig wäre. Die Leute benehmen sich anständiger, wenn jeder zu essen und ein Dach über dem Kopf hat. Wer sich dafür nicht sinnlos abrackern zu muß, hat Zeit für Gedanken und Ideen. Es gäbe viel mehr echte, ungehypte Stars!"


 

09.06.2009

Im Daisy Teilchenbeschleuniger:

Wie in einem unaufmerksamen Augenblick biege ich ab. Als ob ich plötzlich für eine halbe Sekunde so müde geworden wäre, daß mir alles egal ist. Ich bin einer Abzweigung gefolgt, die mir bisher noch nie aufgefallen war. An sich kenne ich diese Gegend sehr gut.

Nun halte ich vor einer merkwürdigen Ampel. Dahinter gähnt noch merkwürdiger eine große Tunneleinfahrt. Alles sieht recht provisorisch aus. Wie in einem Labor. Die Ampel könnte genausogut ein selbst gebasteltes Zugsignal einer Privat- oder Werksbahn sein.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich auf das grüne Licht warte. Vielleicht sollte ich lieber wenden. Vielleicht darf ich hier selbst bei Grün nicht rein fahren. Doch die Fahrbahn sieht wie eine normale Straße aus. Der Asphalt ist grau. Unschlüssig lese ich das große Schild: "Achtung! Prüfen Sie Ihren Tankstand. Nächste Tankgelegenheit erst nach Ausfahrt!" Ich schaue tatsächlich nach, obwohl ich noch mehr als ein Viertel drin habe. Das dürfte doch reichen.

Auffordernd wird es grün. Ich fahre los. Zu meiner Beruhigung ist der Tunnel angenehm hell erleuchtet und schnell tut sich eine zweispurige Autobahn auf. Wenn jetzt ein bißchen mehr Verkehr wäre, hätte ich keine weiteren Bedenken. Hat man mich hier aus Versehen oder als Versuchskaninchen rein gelassen? Darf man anhalten? Soll ich auf die Gegenfahrbahn wechseln? Gibt es dazu Löcher im Mittelstreifen? Wie schnell darf frau hier fahren?

Nach einer Weile finde ich eine Durchfahrt, wo ich rüber komme. Ohne Probleme ändere ich die Fahrtrichtung.

Ich habe nicht auf die Uhr gesehen. Aber irgend etwas stimmt nicht. Ich müßte längst den Anfang des Tunnels erreicht haben. Es geht nirgends raus. Ich hätte schon etliche Male wieder auf die anderen Fahrbahn zurück gekonnt. Doch dann fahre ich womöglich im Kreis.

Ich blicke auf meine Tankanzeige und erschrecke. Es ist nicht mehr viel drin. Bin ich schon so viel sinnlos herum gefahren?

In dieser verdammten Rattenfalle gibt es weder Verkehrszeichen, noch Kreuzungen oder Hinweistafeln mit Entfernungsangaben.

Jetzt müßte der Tank leer sein, aber das Auto fährt immer noch. Ich lasse meinen Fuß auf dem Gaspedal, bewege ihn kein bißchen. Vielleicht bleibt dann alles so wie es ist.

Daß das Auto immer noch fährt, macht mich nervös und mein Fuß schläft gleich ein.

Es gibt hier keine Tankstellen! Und was sehe ich auf mich zukommen? Spinne ich schon? Das ist eine Tankstelle!

Ich kann die Marke nicht erkennen. Auf einem Masten sind fünf bunte Glaskuben schlampig übereinander gestapelt. Sie leuchten unterschiedlich dunkel, einer flackert und geht manchmal aus. Darauf sind indische oder chinesische Buchstaben. Das soll wohl das Logo sein. Tanke ich eben Tao-Bing-Bums-Benzin!

Ich halte an. Genauer, das Auto hält an. Jetzt ist wohl der letzte Tropfen aufgebraucht. Es gibt nur eine Zapfsäule. Ich muß das Auto 2 Meter schieben, sonst reicht der Schlauch nicht. Die Zapfsäule zeigt keinen Preis an. Vielleicht wird's drinnen an der Kasse elektronisch abgelesen. Ich schraube den Tankdeckel auf.

Ich quetsche auf dem Pistolengriff herum. Es zischt und furzt, als ob mehr Luft raus käme. Es riecht aber wie richtiges Super. Ich tanke 40 Liter. Die Anzeige im Auto sagt stolz: Voll!

Schön! Vielleicht gibt es an der Kasse Gummibären oder Verhüterli und jemand kann mir sagen, wie man hier wieder an's Tageslicht kommt. Das Kabuff ist geschlossen. Das Licht kommt aus einer offenen Tür. Ich sehe einen langen Gang, wie auf einer Behörde. Nur keinen einzigen Menschen.

Ich werde wütend und möchte laut schreien: "Ihr Arsch...cher! Ihr könnt mich mal! F...ckt Euch selber!" Ich lasse es. Vielleicht verdürbe ich mir damit alles. Immerhin hab ich jetzt Benzin.

Ich steige ein und drückte kräftig auf die Tube. Kommt gut! Die Strecke ist ja nur für mich. Vielleicht finde ich die Ausfahrt schneller, wenn ich schneller fahre. Hätte nie gedacht, daß meine billige Kiste über 180 Sachen schafft.

Nach einer Stunde oder so, wird das Rasen langweilig. 120 reicht mir. Ich muß fürchterlich lachen. Die Tankanzeige steht immer noch voll auf 100%.

In der Ferne winkt ein winziges Männchen. Ich ich verringere meine Geschwindigkeit sehr gleichmäßig. Wie ein Flugzeug. Aus dem Zwerg ist ein gut gewachsener Mann in blauer Monteurskluft geworden. Ich stoppe exakt auf seiner Höhe und lasse das Seitenfenster runter. "Sie sind zu schnell gefahren!" Das klingt ein wenig vorwurfsvoll. Ich frage beschwichtigend nett: "Wie kommt man hier raus?" - "Das ist nicht weit. Ich zeige Ihnen den Weg."

Er steigt ein. "Wir haben die ganze Zeit versucht, Sie anzuhalten. Jetzt fahren Sie bitte langsam." Ich fahre ungefähr 90.

Er scheint schweigsam zu sein. Erst nach endlos langen wortlosen Minuten verwickeln wir uns beinahe in einen Disput: "Nun langsamer! Dort hinten abbiegen!" - "Hier gibt es keine Abzweigungen!" - "Das sagen alle, die in Panik geraten!"

Tatsächlich geht es halb rechts ab. Kurz darauf sehe ich die Ausfahrt. Mein Lotse will aussteigen. Er hat gleich Feierabend.

"Muß ich das Benzin bezahlen?" - "Was für Benzin? Wir haben hier keine Tankstelle!"

Er wirft einen Blick auf meine Armaturen und brummelt: "Ihre Tankanzeige scheint defekt zu sein. Das ist gefährlich hier!"

Ich hätte gerne ein paar Fragen gestellt, aber er öffnet die Tür und ist weg. Wie zerstoben. Es gibt nirgends eine Spalte oder einen Gang, nur massive Felswände.

Wahrscheinlich ist er in Wirklichkeit Quanten-Ingenieur und unsichtbar. Wie die Abzweigungen. Wer weiß, wie viele andere unsichtbare Autofahrerinnen unterwegs waren. Womöglich war ich selber die ganze Zeit unsichtbar und die Tankstelle war zwar sichtbar, aber nicht vorhanden oder gleichzeitig wo anders.

Ich verlasse den Tunnel einigermaßen irritiert. Doch das würde mir niemand ansehen. Ich kann sowas gut überspielen. Wir denken oft viel zu schnell, wir hätten etwas außergewöhnliches erlebt, weil wir es nicht verstehen. Nur eines kommt mir unheimlich vor. Ich habe seit einer ganzen Weile nicht mehr getankt. Mein Auto fährt trotzdem und die Tankanzeige zeigt immer voll an.


 

11.06.2009

Doof bleibt doof:

Im Universum kursiert ein Witz über uns: "Wenn es in unserem Planetensystem bewohnte Planeten gäbe, müßten wir deren Bewohner lachen hören!" Damit macht man sich darüber lustig, daß es einer Armada von Ufos gelungen ist, sämtliches spaltbare Material der Erde zu klauen und unbemerkt abzutransportieren.

An sich wäre dieser peinliche Vorfall nicht zu unserem Nachteil gewesen, wenn wir sozial genauso kompetent wären wie technisch. Die Aliens können das Zeug viel besser zur Energiegewinnung nutzen und wir gefährden uns damit nicht unnötig und auf unabsehbare Zeit. Wir haben ja die Sonne. Wie gut, daß sie uns diese nicht abgeschleppt haben.

Eigentlich hatten sie ein leichtes Spiel, da die Existenz von Ufos bis heute geleugnet wird.

Es fing mit einer sich schnell ausbreitenden Meldung auf Twitter an. Bald berichtete Zeit-Online darüber. Es hieß, aus einem deutschen Kernkraftwerk wären angeblich größere Mengen Uran abhanden gekommen. Niemand wisse genaues. Dies wurde offiziell dementiert. Kurz darauf berichtete die taz, das Kernkraftwerk Unterweser stünde still. Nach Auskunft der Bundesregierung wurde der Reaktor für Wartungsarbeiten abgestellt.

Zu diesem Zeitpunkt gab es bereits unzählige Fotos von Ufosichtungen im Internet.

Als ein zweites Kernkraftwerk still stand, wiederholten die Medien brav die Erklärungen der Regierung. Genauso beim dritten, vierten und fünften.

Die Printmedien erlebten eine kurzzeitige Wiedergeburt. Nicht nur, weil alle fünf Minuten ein anderer Politiker versuchte, mehr oder weniger unglaubhaft den Stillstand der Atommeiler zu erklären. Die Zeitungen und Magazine waren voller Reportagen und Spekulationen über Ufos. Diese hätten etwas mit den Stilllegungen zu tun. Sie tauchten vor allem in der Nähe von kerntechnischen Anlagen auf. Zivile und militärische...

Verschiedene Regierungsmitglieder erwogen ein Verbot dieser Berichte wegen unseriöser Berichterstattung. Auch sollten Provider auf freiwilliger Basis Ufoseiten blockieren.

Der Strompreis stieg mit jedem ausgefallenen Kernkraftwerk. Bald waren alle Reaktoren wegen Wartungsarbeiten außer Betrieb. Auf den Europäischen Energieverbund war kein Verlaß. Das Ausland hatte Lieferschwierigkeiten. Strom mußte rationiert werden.

Ein Gesetz gegen Ufos und andere Verschwörungstheorien wurde zwar verabschiedet, jedoch von niemand ernst genommen und später vom Bundesverfassungsgericht für nichtig erklärt.

Unterdessen ging ein Ruck durch's Land. Niemand wollte sich mit drei Stunden Strom am Tag abfinden. Überall wurde getüftelt und gebastelt. Es gab ja alles, was man braucht. Solarpanele, Kabel, Regelelektronik, Akkumulatoren, Windräder, Kollektoren, Pumpen, Schläuche. Manches war ziemlich einfach zu machen. Wer hat nicht früher auf dem Dach seiner Datsche das Duschwasser warm gemacht?

Bald gab es eine stabile Notversorgung. Oft half man sich aus, ohne nachzurechnen, wer wem was schuldet. Solidarität verbindet eben. Das war die große Zeit jener mittelständischer Firmen, die sich schon immer mit der Nutzung sogenannter alternativer Energien befaßt hatten. Es entstanden viele neue, sinnvolle Arbeitsplätze.

Über Ufos wurde kaum noch berichtet. Sie kamen immer seltener, weil nichts mehr zu holen war und die Menschen hatten anderes zu tun. Man sprach vom zweiten Deutschen Wirtschaftswunder. Der Kölner Straßen-Karneval wurde auf zwei Monate ausgedehnt. Viele Leute wurden dick. Fettpornos waren in.

Warum wir heute wieder über zwölf Million Arbeitslose haben, liegt zum einen am technischen Fortschritt, zum anderen hat sich die Organisation unserer Gesellschaft nicht grundlegend geändert. Bereits im Atomzeitalter war alles zentralistisch organisiert. Wenige große Konzerne versorgten uns mit Energie. In der Not klappte es dezentral hervorragend und hätte auch so weitergehen können. Doch heute haben wieder ein paar wenige Global Players alles in der Hand. Es ist nur ehrlicher als früher. Heute sagt uns niemand mehr, dies wäre für unser Bestes. Wir bekommen gesagt, was wir gut zu finden haben.


 

12.06.2009

Die weiße Burg:

Es galt, der Natur die letzten Geheimnisse zu entreißen. Was ist Leben?

In einem Labor gelingt es, einen anhaltenden künstlichen Stoffwechselprozess in Gang zu setzen. Es handelt sich um ein sogenanntes primitives Modell für Leben, noch unterhalb solcher hoch komplexer Organisationsformen wie das DNA-System.

Möglicherweise haben die Forscher bei der Konzeption ihres erfolgreich verlaufenen Experimentes die Vorstellung der Ursuppe im Sinn gehabt. Sie entwickelten eine Nährstofflösung, die in der Lage ist, beliebiges Material zu verstoffwechseln, sofern dieses Kohlenstoff enthält.

Zum Stoffwechselprodukt würde unsereins Ruß sagen. Die Lösung vergrößert beständig ihr Volumen, wenn Sie gefüttert wird. Sie besitzt keine typische Zusammensetzung. Es ging eben nur um das Prinzip.

Die weiße Burg liegt am anderen Ende der Welt. In dieser Gegend hat hat man bestenfalls aus den Nachrichten von dem Experiment erfahren. Es gibt keine Grenze, keine Formalitäten und keine Kontakte. Man hält sich an ein stillschweigendes Übereinkommen, einander in Ruhe zu lassen.

Man weiß nichts über die Bewohner. Niemand kennt die genaue Größe des Gebietes. Es ist von einer Mauer umgeben und vollkommen autark. Man munkelt, die leben dort auf den technischen Stand, den wir vor der Industrialisierung hatten. Ohne Strom und moderne Technik. Vielleicht geht die Burg auf ein soziales Aussteigerprojekt der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts zurück. Vielleicht hat eine Gemeinschaft aus dem Mittelalter bis heute überlebt.

Es ist fraglich, ob man sich sprachlich verständigen könnte. So sind Legenden entstanden. Dort soll alles viel bescheidener, aber besser sein. Die Menschen sind glücklich. Sie feiern schöne Feste mit Musik und Spielen, die wir uns gar nicht vorstellen können. Jeder ist jemand und hat kostbare Kleider an.

Manche glauben, daß auf der weißen Burg nicht Menschen, sondern unsere Seelen wohnen. Gelegentlich sieht man aber menschliche Gestalten mit altertümlichen Ferngläsern zu uns herüber schauen.

In jenem Labor geschieht ein unscheinbares Mißgeschick. Spuren der lebenden Nährstofflösung gelangen in die freie Natur. Sie finden ideale Bedingungen, sich auszubreiten. Man spricht vom kalten Brand.

Der verschont kein Lebewesen. Pflanzen, Menschen und Tiere zerfallen zu schwarzem Staub, noch bevor sie ganz gestorben sind. Fische färben das Wasser dunkel. Vögel rieseln vom Himmel.

Schwarze Flüsse durchziehen das Land, schlängeln sich zwischen schwarzen Gebirgen. Überall türmen sich riesige Halden aus technisch reinstem Kohlenstoff.

Ein grauer Wind weht auf die Burg, macht alles schmutzig. Sie liegt zwar etwas höher als die untergegangene Welt, doch bald wird der schwarze Tod aus den Brunnen geschöpft.


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