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| Zackes Textedition 22:
Kann es in Zeiten, in denen die Betriebswirtschaftslehre zur Religion mutiert
ist, noch schöne Sommer geben? Ohne diesen Wahn, der nur dem Zweck dient, diesen Planeten
effizient zu plündern und mit Ökonomie nicht viel zu tun hat, wäre der Sommer ein
schöner gewesen. Fotografieren machte mehr Spaß als Geschichten schreiben und man soll
sich ja nicht nur über ein Arbeitseinkommen definieren.
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29.09.2005
Personenschaden:
Jemand schimpft leise: "Schon wieder!" - Ich verstehe sofort, aus heiterem Himmel.
Was sollte hier sonst sein, wenn man immer langsamer weiterkommt und plötzlich nur noch einer
von vielen ist? Man sieht sich nach der nächste Treppe um, die seitlich wegführt und
nimmt einem Umweg in Kauf. Wenn man Pech hat, kommt man trotzdem dran vorbei, weil keine Treppe in
der Nähe war oder weil man durch Absperrungen umdirigiert wurde. Die sollen wohl nur
verhindern, daß nicht noch mehr Leute in diesen Bereich geraten.
Wieder sind rot-weiß gestreifte Banderolen gespannt und leere Schilder aufgestellt. Mir
scheint jedes Mal, die sind für eine Beschriftung per Hand oder zum Aufkleben von Zetteln
vorgesehen. Vielleicht gab es gerade keine Stifte oder sie wußten nicht, was sie schreiben
sollen. Man geht meistens nur wenige Meter dran vorbei. Manchmal riecht man noch das, was von einem
Menschen bleibt. Eine schmutzig rote Masse. Nichtmal die Kleidung ist zu erkennen. Früher
wurde alles abgedeckt. Vielleicht stößt man gegen einen staubigen Schuh. Vielleicht hat
jemand diesen nur verloren. Alle gehen vorbei, als ob nichts wäre. Man wird höchstens von
den Drängenden daran gehindert stehen zu bleiben. Hab ich mal gemacht, als weniger wie jetzt
los war. An dem Tag, als BMG starb.
Bei so einem Anblick kann man nichts denken. Ist nicht viel anders wie vorbeigehen, als ob nichts
wäre. Was sollte man sagen? Vielleicht auch nur: "Schon wieder!". Es ist als ob die Gedanken
unwillkürlich angehalten würden, so wie man manchmal nicht atmet und nur sieht. Man sieht
alles, aber etwas oder jemand anderes sieht es, man ist niemand. Später kann man sich an jedes
Detail erinnern, ohne sicher zu sein, ob es so war. Wie im Fernsehen.
Ich erinnere mich an eine weißliche Masse, die das Gehirn gewesen sein könnte. Ich
wußte nur nicht, ob so viel davon wirklich in einen Kopf paßt. Seither habe ich sie im
Vorbeigehen nicht mehr ausmachen können. Vielleicht war es etwas anderes.
Niemand denkt daran, daß man selber so daliegen könnte. Das nutzt ab. Wer würde
einem erkennen und wieviel bekommt man in so einer Situation selber mit? Was denkt man zuletzt?
Der Boden wird regelmäßig versiegelt, damit er kein Blut annimmt. Das erleichtert
schnelle Reinigungsarbeiten.
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30.09.2005
Vorteile der Abilitys:
Wir haben uns lange nicht mehr gesehen. Ich glaube, damals fuhr ich noch nicht.
Ich wehrte mich gegen diese Teile. Ich lief selber. Nun habe ich mehr ausgegeben, als ich geplant
hatte. Da ist eben ein Suchtfaktor eingebaut. Schon beim Ausprobieren merkt man die Unterschiede zu
den besseren Modellen. Der Preis ist eigentlich egal, wenn man es auf die Zeit umrechnet, die so
ein Teil hält. Ein oder zwei Globes pro Tag oder ein paar Cent mehr, ist doch egal. Mit dem
hier kann ich mich an die schnellste Cushion-Way hängen, die Roller werden automatisch
eingezogen. Etwas mehr zahlen lohnt sich immer.
Warum ich mich nicht nur bis zu den Knien, sondern ganz amputieren ließ? - Ganz ist noch was
anderes, aber Drittel-Oberschenkel genügen völlig, wenn die Ärzte die Muskeln
korrekt fixieren. Du mußt in der richtigen Gesundheitskasse drin sein. Wie es nun ist,
darüber könnte ich viel erzählen, doch Du kannst es nur selber ausprobieren. Ohne
die Erfahrung sieht man das nicht ein.
Zufällig verlor meine Frau ein Bein, als sie wieder mal angefahren wurde. Sie bekam einen sehr
guten Ability-Seat. Nun konnte sie in der Küche wieder alles machen. Das eine Bein, das ihr
wenig nutzte, störte irgendwie. Zuerst ließ sie es bis zum Knie abnehmen, doch das
störte immer noch. Es sieht nicht so schlimm aus, wie Du jetzt vielleicht denkst. Nur ein
Bein, ist komisch.
Irgendwann erkannte ich, daß ich mich beruflich immer öfter in Bereichen bewegen
muß, wo man nur mit einem Ability reinkommt. Das kann man sich natürlich längst
überall mieten, doch wer ist schon gerne abhängig. Inzwischen ist unser ganzes Haus nur
noch für Abilitys eingerichtet. Selbst unsere Kinder können sich damit wie Erwachsene
bewegen. Sie mitzunehmen ist kein Problem. Wir schalten sie einfach in den Slave Mode.
Man spart zu Hause viel Platz und wird beweglicher. Bei manchen Abilitys sind Füße gar
nicht mehr vorgesehen. Das wäre bei diesem hier auch knapp und wer kann schon den Lotus-Sitz
und hält ihn den ganzen Tag aus? An meinem Arbeitsplatz schwinge ich mich mit den Armen
mühelos von einem Ability in ein anderes, von einem Computerplatz zum anderen. Mit etwas
Übung bewegt man sich fast so frei wie in der Schwerelosigkeit. Im Labor und besonders in den
Kabelschächten ist es meistens eng. Da darf kein normaler Mensch rein und wann hast Du zuletzt
Astronauten mit Beinen gesehen?
Ich habe gelesen, daß man mit einer bestimmten Ernährung nur noch wenig vom Körper
braucht. Die Abilitys werden irgendwann noch kleiner, noch mobiler werden und vielleicht richtig
fliegen. Unsere Anpassungsfähigkeit unterscheidet uns eben von allen Tieren.
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24.09.2005
Kurzes:
Globalisierung:
Wenn alle Menschen chinesische Unterhosen tragen und die Todesstrafe weltweit wieder
eingeführt wurde, ist die Globalisierung abgeschlossen.
Unterhosen V.2:
An einem schönen sonnigen Tag ging ich spazieren. Die Straße tat mir mitten in der Stadt
den Gefallen die Illusion zu nähren, ich wäre in der freien Natur unterwegs. Mich zog es
immer weiter hinaus, als wäre ich auf der Suche nach dem weißen Sperling, der blauen
Blume, der schönsten Frau der Welt, oder der Unterhose die nie ausleiert. Ich war also auf der
Suche nach der ewigen Weltenformel.
Zum Brummschädel (20.05.2005):
Ich finde es äußerst zuvorkommend, daß es auf dem Friedhof alle fünf Meter
einen Wasserhahn gibt, den man kostenlos benutzen darf. Doch es würde dem Sterben einiges an
Schrecken nehmen, wenn es wenigstens eine Kneipe gäbe, so daß man kein Wasser saufen
muß, wenn man tot ist.
Die Angst des Stürmers beim Elfmeter:
Hau des Ding nei!
Was isch aber, wenn's danäbe goht?
Hau des Ding nei!
Wenn's aber danäbe goht?
Hau des Ding nei, dann goht's net danäbe!
Was isch aber, wenn ich's danäbe hau?
Hau des Ding nei, net danäbe!
Wie?
Hau des Ding endlich nei!
Fortsetzung 1
Mir händ's g'wußt, daß Du des Ding neihauscht!
Du häscht's nei g'haue! Du kannscht's!
Fortsetzung 2
Du hädscht des Ding neihaue könne. Du kannscht's!
Doch Du häscht des Ding net nei g'haue. Du kannscht's net!
Virtuelle Demokratie:
(Günstiger Outlet Restposten)
Politiker sagen viel und meinen nichts.
Bürger meinen viel und sagen nichts.
DDR-Gedicht (03.10.2005):
IM-Plaste und IM-Elaste
sind beide aus Schkopau.
Genosse IM-Gespinst
kommt aus Glauchau.
Ehemaliger IM-Senf
kommt nach Bautzen.
Eher erlischt die Sonne, als daß Gerechtigkeit als
streßfreie Alternative zu Verteilungskämpfen erkannt wird. Die Vorstellung von
Gerechtigkeit an sich, die nicht näher begründet werden bräuchte, paßt nicht in
ein menschliches Hirn.
Wenn es einem besser geht, kann man die Schweinereien auf
diesem Planeten wenigstens mit schwarzem Humor zur Kenntnis nehmen.
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08.10.2005
Regulative Spree-Schiffahrt:
Die inneren Stadtbereiche sind oft überlaufen und es macht keinen besonderen
Spaß, sich in der Wirklichkeit anzusehen, was man aus Internet und Fernsehen oder von
Postkarten kennt. So liegt es nahe, einen der Ausflugsdampfer zu besteigen, die unablässig auf
den zahlreichen Wasserwegen hin und her schippern. Vom Wasser aus können Sie das Treiben
entspannt und mit Abstand beobachten. Sie werden sogar verköstigt und der Kapitän sagt
Ihnen, ob Sie sich gerade auf der Spree oder in einem Kanal befinden.
Daß man Berlin nicht nur mit dem Auto oder mit den bekannten öffentlichen Verkehrsmitteln
durchqueren kann, mag für viele eine überraschende Erfahrung sein. Unsere Gewässer
bieten jedoch noch mehr Überraschungen.
Wenn Sie von einem Berliner eingeladen werden, sollten Sie darauf achten, ob dieser mitfährt
oder ob er Sie ihrem Schicksal allein überläßt. Lassen Sie sich am besten beraten,
bevor Sie eine Tour buchen. Solange Sie nur unter Brücken hindurchfahren und manchmal den Kopf
einziehen müssen, besteht noch keine Gefahr. Wollen Sie das Umland erkundigen, sollten Sie
wissen, auf was Sie sich einlassen.
Manche Tour endet im Müggelsee. Wenn dieser in der Hochsaison ausgelastet ist, werden die
Kähne auf die umliegenden kleineren Seen verteilt. In guten Jahren ist selbst der Wolziger See
belegt.
Dann ist Boot an Boot festgemacht. Von Weitem hört man das Dröhnen dieser eigenartigen
Mischung aus Tekkno und Blasmusik, die sehr massenkompatibel ist. Auf den Planken herrscht
Partystimmung. Die stampfenden Rhythmen locken von überall Weidevieh an, das an Board kommt.
Der Kapitän hat längst ein leeres Fahrzeug mit Ziel Berliner Innenstadt
übernommen.
Wer nicht mehr feiern kann, klettert von Schiff zu Schiff, bis das Sleep-In am Ufer erreicht ist,
oder läßt sich vom Rettungs- und Reinigungsdienst hintragen. Für den weiteren
Aufenthalt stehen zahlreiche idyllische Ferienunterkünfte bereit, die man anders oft niemals
gefunden hätte.
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10.10.2005
Der Zombi und die Fee:
(So ein Typ wie am Schluß kam in einem meiner längst vergessenen Songs
vor.)
Wieder mal saß er im Wartezimmer. Das heißt, er versuchte es sich mit
seinen Hämorrhoiden auf dem schäbigen Wartemöbel einigermaßen bequem zu machen.
Eine jüngere Ärztin hatte die Praxis gerade vom Vorgänger übernommen. Er
hoffte, sie beläßt es dabei, ihm unbesehen eine Salbe zu verschreiben. Als die vertraute
Schwester fragte, warum er schon wieder da wäre und er mit "Immer das Gleiche!" antwortete,
wäre er am liebsten gegangen, obwohl sie nichts sagte. Leider hatte er die Praxisgebühr
schon gezahlt.
Endlich kam er dran. Er mußte anders als früher eine ganze Weile im Behandlungszimmer
warten. Das machte ihn nervös. Vielleicht hätte er durch die zweite Tür verschwinden
sollen. Die geht direkt auf den Flur. Er blieb. "Was kann ich eigentlich dafür, warum hat sie
sich gerade diesen Beruf ausgesucht?"
"Guten Tag Herr Zumbe!" - Er zuckte zusammen. Nicht, weil er schreckhafter als sonst gewesen
wäre. Er starrte Sie an. "Herr Zumbe, was haben Sie denn? Wir kennen uns doch noch gar nicht!"
Vor im stand ein bildhübsches Mädel, das es mit jeden Model aufnehmen könnte, dabei
war sie in ihrer sterilen Kluft nichtmal besonders zurechtgemacht. "Jemand wie Sie gibt es nur im
Märchen! Sind Sie eine Fee?" - "Natürlich bin ich eine, Sie haben alle Wünsche frei,
wählen Sie diese aber mit Bedacht!" - "Wenn ich erst nachdenken muß, dauert das etwas
länger ..." - "Das geht nicht, die anderen Patienten warten!" - Er klaute Zettel und Stift von
ihrem Schreibtisch und kritzelte viel Zeug drauf. Dann strich er das meiste wieder durch.
"Haben Sie sich denn nie Gedanken gemacht, wozu Sie überhaupt leben?" - "Doch, aber wann
bekommt man schonmal Wünsche erfüllt? Man gewöhnt sich ab, überhaupt noch was
zu wünschen!" - "Das kommt bestimmt mit dem Alter, mir ist es fremd, so zu denken. Was wollen
Sie nun?" - "Es ist nicht all zu viel. Zuerst möchte ich ab sofort nie mehr schlafen
müssen. Aufstehen ist immer das selbe, kann man sich sparen." - "Gut, wenn sie das wirklich so
wollen, dann ist es ab jetzt so!" - "Ich merke aber nichts!" - "Sie werden es noch merken! Falls
Sie noch weitere Wünsche haben, erzählen Sie mir diese bitte ein bißchen schneller.
Vielleicht kann ich außerdem etwas für Ihre Gesundheit tun, was ja mein eigentlicher
Beruf ist." - "Dann möchte ich noch, nie mehr frieren und nichts essen müssen. Waschen
möchte ich mich auch nie wieder und damit Sie etwas für meine Gesundheit tun können,
möchte ich nie wieder krank werden!"
Dr. Fee öffnete die Tür zum Flur und gab ihm einen kräftigen Arschtritt. Er landete
unbeschadet aber heftig auf dem Fußabstreifer. Von dem Schwung knallte er gegen die Türe
und nach einer mittelmäßig polternden Rolle war er draußen. Leider reichte der
Schwung nicht mehr, um auf die Beine zu kommen. Eine rüstige Rentnerin half ihm hoch. Die
Schwester schob den Abstreifer an seinen Platz zurück und schloß die Tür. Er kramte
seine Sonnenbrille heraus und drückte seine Haare flach.
Zu Hause setzte er sich an den Computer. Er vergaß wie lange. Dank Flatrate brauchte er sich
keine Sorgen machen. Nur seine Hämorrhoiden nervten wieder. Später nervte ihn das
Internet. "Scheiße, ich habe wohl alles gesehen!" Er legte sich in's Bett, konnte aber nicht
einschlafen. Er stand auf, wollte etwas essen. Das Brot war schimmelig und im Kühlschrank war
auch alles verdorben. Die Küchenuhr stand.
Er ging einkaufen. "Mal was anderes zur Abwechslung." Es war Winter und er schwitzte er wie eine
Sau, obwohl er sich nur leicht angezogen hatte. Wieder zurück bereitete er ein feudales
Frühstück zu. Er bekam keinen Bissen herunter. Nichts schmeckte.
Mittlerweile treibt er sich überall herum, wo viele Menschen anzutreffen sind. In
Einkaufszentren und Stadien, auf Flughäfen, Bahnhöfen, Ausstellungen und Konzerten. Alle
haben einen Grund, da zu sein, nur er nicht.
Ab und zu hebt er vom Bank-Automaten Geld zum Shoppen ab. Das meiste Gelumpe schmeißt er
draußen in die nächste Tonne oder verschenkt es. Ob das immer noch sein Geld ist,
weiß er nicht genau. Angst hat er jedes Mal. In seiner Wohnung leben längst andere Leute.
Er hat nie gekündigt. Er spricht selten mit anderen. Er will nicht unnötig auffallen.
Dabei interessiert sich niemand wirklich für ihn.
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11.10.2005
Grausamkeit:
Du gefielst Dir in Deiner Macht. Hattest wohl sehr genaue Vorstellungen, wie sich
das anfühlt, was Du anderen angetan hast. Du warst grausam und hast es genossen, nicht selber
Opfer zu sein. Trotzdem haben sie Dich eingelocht.
Seither übst Du, plötzlich ein anderer zu sein, vielleicht sogar ein bemitleidenswertes
Geschöpf. Du züchtest Blumen und liest Schriften die lehren, wie man ein guter Mensch
wird.
Es wird Dir nicht gelingen. Du bekommst Deinen Prozess. Wir holen Dich aus Deinem Traum
zurück. Du wirst erkennen, wer Du warst und bist. Die einzige Gnade, die Du von uns erwarten
kannst ist, daß wir nicht so sind wie Du.
Du wirst anders um Dein Leben fürchten, als Du andere hast fürchten lassen. Wir nehmen
Dir Dein Leben, ohne Dich zu töten. Wenn wir Dich schuldig befinden, wirst Du Dir nicht weiter
selber gehören. Dein verdammtes Blut kannst Du behalten.
Du wirst essen und trinken, was und wann man Dir befiehlt. Du wirst schlafen oder nicht schlafen,
wie man es als angebracht erachtet. Alle Deine körperlichen Verrichtungen werden kontrolliert
und geregelt. Nichts was mit Dir zu tun hat, wird mehr Deiner Entscheidung unterliegen.
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18.10.2005
Anmerkungen zu Musikstücken:
(Für Peter im Amiland)
In der Siebzigern soll es in Süddeutschland einen Techniker gegeben haben,
der beim Rundfunk arbeitete und der herausgeschnittenes Bandmaterial sammelte, auf dem nichts zu
hören war. Diese Schnipsel klebte er aneinander und spielte das so entstandene Band ab. Dabei
nahm er die Übergänge wahr und konnte sagen, wann und wo die unterschiedlichen Aufnahmen
gemacht worden waren.
Ich mag keine Musik, deren Organisationsprinzip aus Wiederholungen besteht. Solche geloopten
Grooves klingen zugegebenermaßen dank des Fortschrittes der Technik immer besser. Wenn Du
verstehen willst, warum das für mich keine Musik ist, dann stelle Dir vor, Du könntest
sehr gut Gitarre oder Klavier spielen. Stattdessen kannst Du natürlich die Melodie summen und
wirst mich sehr schnell verstehen. Ein gutes Lied oder ein Instrumental hat einen Aufbau, der den
Ablauf der Zeit gestaltet. Es muß nicht kompliziert sein. Gute Songs sind oft einfach nur
clever gemacht. Wenn man sowas spielt oder summt, hat man auf vergnügliche Art zu tun. Wie
langweilig sind dagegen Wiederholungen!
Tin gab mir mal eine Kassette zum kopieren. Darauf spielte ein japanischer Mönch auf der Shaku
Hachi Flöte. Er tat an sich nichts anderes, als durch das Instrument zu atmen. Diese Kassette
habe ich wochenlang abends nach der Arbeit gehört. Die Töne der Shaku Hachi vermischten
sich mit den Geräuschen der Umgebung und ich nahm sie als solche wahr. Ich hörte durch
das offene Fenster Vögel zwitschern und das Spiel des Mönches erschien mir genauso
wirklich. Mir schien, ich befände mich weit weg in einer Hütte und da draußen
würden auch Hühner rumlaufen. Ich spürte eine kleine, beschauliche, friedliche Welt
am Abend.
Viele Jahre später habe ich die Partita für Violine solo BWV 1004 von Johann Sebastian
Bach mit Victoria Mullova aus dem Radio aufgenommen. Diese Musik mußte ich nur wenige Male
hören, um sie überall mit mir herumzutragen. Die viel berühmtere Suite für
Violoncello solo BWV 1011 mit Pablo Casalas konnte mich niemals ähnlich begeistern und
nichteinmal die wirklich genialen Goldberg Variationen mit Glenn Gould, die ich sehr gerne
höre, konnten mich derart erfassen. Ich bin damals eines Morgens aus einem Traum aufgewacht,
in dem ich diese wunderbare, nur auf einer Geige gespielte Musik gehört habe. Ich war in einer
anderen Zeit, mit knirschenden Kieswegen, Pferdemist und Kutschen, kuchengelben Gebäuden mit
mediterranen Geländern an Fenstern und Balkonen. Das war bestimmt in der Tschechei.
Von Bach muß ich wenigstens eine Kantate erwähnten. BWV 106 mit der Gächinger
Kantorei unter Helmuth Rilling. "Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit", die sogenannte
Trauerkantate. Man muß kein Christ sein, sollte die Texte aber in ihrem innigen Ausdruck
akzeptieren. Vielleicht so, wie man sich an indischen Ragas freuen kann, ohne deshalb Hindu sein zu
müssen. Oder Sufi Musik. Wenn Dir die Flöten am Anfang nicht ins Herz beißen,
brauchst Du diese edle Kantate nicht weiterhören.
Zu einer anderen Musik, die mir sehr viel bedeutet, kann ich so gut wie gar nichts sagen. Es ist
traditionelle japanische Musik auf der Koto-Zitter mit Gesang. Die Koto klingt schön und nach
unendlichen Weiten, wie man es von vielen solchen Aufnahmen kennt. Oft ist noch eine Shaku Hachi
dabei. Das besondere an meiner Aufnahme ist der Gesang. Eine Frau singt mit einer unglaublich
häßlichen, alten, knarrenden Stimme, doch genau das macht diese Musik zu etwas
besonderem. Diese Stimme ist purer Ausdruck, ohne gefallen zu wollen. Soetwas kann man nur heftig
ablehnen oder über alles lieben.
Kann man solche Klänge ohne Widerwillen genießen, wird man in anderen Kulturen weitere
Schätze entdecken. Zum Beispiel in alter Folklore oder höfischer Musik aus Vietnam oder
Korea. Leider drohen heute solche Traditionen auszusterben. Vielleicht kennt jemand das Lied der
Füchsin aus Vietnam? - Eine Füchsin findet ein Perle und wird zu einer schönen Frau,
als sie die Perle in's Maul nimmt. Leider muß sie als Frau die Perle die ganze Zeit im Mund
behalten, um sich nicht wieder in eine Füchsin zu verwandeln. Sie verliebt sich und ihr
Liebhaber bittet sie, ihr mit einem Kuß die Perle für eine Weile zu überlassen. Aus
purer Liebe willigt sie ein. Natürlich bekommt sie die Perle nicht wieder und muß ab da
Füchsin bleiben. In jenem Lied klagt sie ihr Leid. Damit dürften alle Frauen auf der
ganzen Welt gewarnt sein.
Etwas ganz anderes ist "1983 ... (a merman I should turn to be)" von Jimi Hendrix, das in "Moon,
turn the tides ..." übergeht. Auch das ist große Musik, wenn man sie zu hören
versteht. Ich habe 1990 den mittleren Teil davon in den Proben zu Hana Mo von Tatoeba mit Akaji
Maro gespielt. Es paßte wunderbar und Herr Maro hatte nichts dagegen. Er war nur einmal etwas
irritiert, als ich chinesische Karnevalsmusik auflegte. Für dieses lange Stück hatte
Hendrix nichts anderes als seine Gitarre, seine Mitspieler und ein paar aus heutiger Sicht billige
Studioeffekte zur Verfügung. Manchmal läuft was rückwärts, mal langsamer, mal
ist viel Hall drauf oder das Endlosecho schaukelt sich zu sphärischen Klängen hoch. Jeder
konnte damals sowas machen und doch ist diese Musik ein unerreichtes Meisterwerk. Kürzlich
hörte ich eine Rohfassung davon, mit unverstärkter Gitarre und nicht besonders gut
gesungen und doch hatte diese Musik Substanz. Ich behaupte sogar, daß man sie als Partitur
setzen und mit einem Orchester spielen könnte und daß auch dies grandios klingen
würde.
Wer nun meint, für mich ist Musik nur dann gut, wenn ich möglichst viel Kluges über
sie erzählen kann, soll lieber bei geloopten Grooves oder bei verballhornter Volksmusik
bleiben. Am besten deftige Marschmusik, da ist alles drin.
Der Song "Geliyorsun Geçiyorsun", wenn von Samine Sanay gesungen, ist für mich der
Inbegriff des türkischen Schlagers. Dauert nichtmal eine Minute und füllt doch das ganze
Universum. Hab ich mir neugierigerweise übersetzen lassen. Drückt wunderschön
Rachegelüste wegen einer verschmähten Liebe aus: "Dir soll es mal genauso dreckig wie mir
gehen!"
"Basket of Light" von Pentangle hatte ich zuerst als Platte und später fand ich das Album auf
einem Grabbeltisch als Kassette. Schön für mich, schade um solche Musik! Heute kann ich
mir mangels Kohle kaum noch was als CD nachkaufen. Egal. Meine letzte neue nach ca. 10 Jahren
Abstinenz ist "us.songs" von Elliot. - Ja, ich bin ein alter Sack, komme mit der heutigen
Scheiße nicht mehr klar und ich seh's nicht ein, aber aus diesem Material von Elliott
hätte ich viel bessere Songs machen können. Stacey von Revelation Records hat mir darauf
nie geantwortet. Das sind eben Welten.
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Nicht erwähnt habe ich: Pachelbel, Flamenco, Punk, Grunge wie Sorry About Your Daughter, Musik
vom Balkan, Jazz, Blues, Motown, Swomp und anderes. Gibt halt zu viel. Ich hasse sogenannte
World-Music.
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20.10.2005
Die Rosinenverkäufer:
(Für Jacques)
Wenn ich heutzutage herkomme, kann ich mich so gut wie gar nicht an die
Rosinengasse aus meiner Kindheit erinnern. Sie sieht sehr alt aus, ist düster und eng - so wie
man sich alte Gassen eben vorstellen muß. Hat man das neuzeitliche Schild mit dem
Straßennamen endlich gefunden und geht man an all den geduckten, windschiefen und schlecht
verputzen Häusern vorbei, so wird es an einem größeren Platz wieder heller, auf dem
ein prunkvoller Brunnen steht.
Der Rosinenbrunnen wurde erst vor wenigen Jahren errichtet und mit viel Geschick dem übrigen
Ambiente angepaßt. Wenn man es nicht weiß, glaubt man von einem ehrwürdigen
Stück Geschichte zu stehen.
Auf einem hohen Sockel bäumen sich vier Widder in alle Himmelsrichtungen und brunzen die nicht
ganz sieben Meter messende Schale voll, aus deren Mitte der mächtige, aufwendig verzierte
Sockel erwächst. Am Rand der Schale läuft das Wasser von Zeit zu Zeit über und
verschwindet in einer Rinne im Pflaster, die dem Umriß der Schale exakt folgt. Die Widder
können zusätzlich aus dem Maul speien, dafür muß ein Ventil mit abnehmbarem
Stellrad unterhalb der Schale aufgedreht werden. So ein Stellrad bekommt man in jeder guten
Eisenwarenhandlung. Nach allgemeiner Ansicht der Ortsangehörigen sieht es lächerlich aus,
wenn das Wasser gleichzeitig aus den Mäulern plätschert. Auf eine zusätzliche,
senkrecht nach oben gerichtete Fontaine hat man entgegen der anfänglichen Planungen
verzichtet.
Als ich noch Kind war, befand sich ungefähr da, wo heute der Brunnen steht, ein Bassin. Es
diente als Viehtränke. Die meisten umliegenden Gebäude waren Ställe. Mir ist sogar
so, als ob es in der Rosinengasse nur Ställe gab und ich bin mir nicht sicher, ob sie nicht wo
ganz anders lag. Fremde Besucher fragen mich zum Glück nur nach den bei uns so berühmten
Rosinenverkäufern.
Ich bin einer der letzten, der sich noch sehr gut an sie erinnern kann. Hier, oder
möglicherweise ein paar Gassen weiter, war früher immer ein großer Viehmarkt. Da
dies früher eine sehr ländliche Gegend war, wurde der Viehmarkt auch als Heiratsmarkt
genutzt. Bekanntlich haben früher meistens die Eltern den Ehepartner ihrer Kinder selber
ausgesucht und diese Wahl wurde traditionellerweise durch einen Viehkauf besiegelt. So gab es zum
Beispiel für einen Bullen einen Mann und drei Esel oder man erhielt für eine Frau zwei
Kühe.
Am bestimmten Tagen kamen die Rosinenverkäufer und bauten ihre Stände auf. Sie taten sehr
vornehm, weshalb wir Kinder sie oft pantomimisch imitierten. Sie waren zu vornehm, um uns schnell
genug hinterherzulaufen und außerdem entfernten sie sich nie weit von ihrer wertvollen
Ware.
Die Rosinen wurden stückweise verkauft. Wer Geld hatte, nahm vier oder fünf. Sie wurden
auf der flachen Hand in einer typischen Bewegung einzeln hochgehoben, vielleicht damit jeder sah,
daß der Herr oder das Paar gerade diese Rosine erstanden hat. Oder vielleicht, um bei den
anderen Händlern anzugeben.
Die Rosinen wurden in sogenannte Briefchen eingepackt und galten als Aphrodisiakum, doch das
verstand ich als Kind nicht. Ich erinnere mich nur an die gestelzten Verkaufsgespräche: "Mein
Herr, darf ich Ihnen für die Dame diese Rosine mit etwas Zimt oder allerfeinstem Puderzucker
bestreuen?" Die Dame antwortete: "Aber nein doch, danke, nicht nötig. Wir wenden sie zu Hause
in Öl!"
Die Bögen für die Briefchen waren angeblich aus Büttenpapier, das nur mit
Rosenwasser hergestellt wurde. Sie waren auf eine sehr typische Art gefaltet. Die Ränder der
Längsseiten wurden so weit umgeschlagen, daß sie sich fast ganz überlappten. Die
Faltkanten verliefen nicht genau parallel. So konnte man die Enden umknicken und das schmalere in
das breitere schieben. Die Verkäufer taten dies betont langsam, damit jeder Anwesende still
wurde und man das Papier leise aneinander schaben hörte. Natürlich hatten sie die
Bögen vorgefaltet.
Diese Briefchen faszinieren mich noch heute, man braucht nur ein Stück Papier und kann
kleinere Dinge, die man sonst leicht verliert, sicher verpacken. Man kann das Briefchen immer
wieder aufmachen und nachsehen, was drin ist oder noch etwas hineintun. So wie es die
Rosinenverkäufer manchmal taten.
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© Designed and written by Zacke. October 2005.
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