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Zackes Textedition 20:
Diesmal gibt es zu Beginn zwei autobiographische Texte. Vielleicht ist das eine
Alterserscheinung. Danach kommen andere Geschichten. Meine virtuellen Weihnachtsgeschenke für
Sie.
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01.12.2004
Trau' nicht jedem mit 50:
Den heiligen Abend von 1960 habe ich mir über die Zeiten gemerkt. Vielleicht lag es
an der glatten Jahreszahl, doch was weiß man schon als Kind von geraden oder schiefen Zahlen?
Es war kein besonderer Abend an sich. Ich habe ihn wie ein Erinnerungsfoto aufgehoben. Aus dem
dunklen Himmel schneiten große Flocken und ließen viel Platz für das funkelnde Licht
der Straßenlaternen. Vielleicht war es so, wie man sich in unserer Kultur kitschige, richtige
Weihnachten vorzustellen hat. An das Fest dieses Tages kann ich mich leider nicht mehr erinnern.
Bestimmt gab es überraschende Geschenke. Dafür könnte ich den Weg von der Wohnung
meiner Großeltern zur unserer neuen, eigenen, immer noch sehr gut beschreiben. Ich
müßte nur ein paar Straßen-Namen auf einem Stadtplan suchen.
Von der Bleichestraße führte eine Abkürzung zwischen einem hohen Gartenzaun und der
kahlen Seitengiebelwand der Bäckerei Vogel hindurch. So war man gleich dort, wo die
Schmiechastraße in die Markstraße übergeht. Von da ging es immer nur gerade aus, an
Geschäften und am Rathaus vorbei. Heute soll das alles Fußgängerzone sein. Jene
Abkürzung hat mich immer fasziniert. Hinter dem Zaun gab es eine Hollywood-Schaukel, die
meine Neugier nicht erweckte. Der Weg war wohl angelegt und doch kam er mir wie ein Trampelpfad
vor, dem die Menschen solange stur gefolgt sind, bis man ihn offiziell mit einer trittfesten
Beschichtung versah. Es war eben kürzer, als um die Häuser zu wandern. Man brauchte nicht
bis an den Anfang der ärmlichen Bleichestraße laufen und war schneller in der
Marktstraße, wenn man lieber dort flanieren wollte.
Nichtsdestotrotz bot die Bleichestraße vieles, was heutige Kinder nur in nostalgischen
Kinderbüchern zu sehen bekommen. Es gab verschiedene Werkstätten. Zum Beispiel befand
sich in unserem Haus im Erdgeschoß eine Tischlerei, in der noch wirklich Möbel gebaut
wurden. Ein Stück vor uns lag eine Schmiede mit einer Scheune. Darin standen zwei
luxuriös gepolsterte Kutschen. Eine wirksame Achsenfederung zur Schonung der angesehendsten
Gesäße Ebingens war in deren Epoche noch nicht erfunden. Ein Gefährt war offen und
gelb-rot, das andere geschlossen und schwarz. Wir kletterten auf und in ihnen herum. Der Sohn des
Schmiedes stotterte. Neben der Scheune lag ein großer Garten. Auch hier wurden wir von
Erwachsenen nicht vertrieben. Ging man die Bleichestraße weiter, folgten zwei einzeln stehende
Häuser, in denen sehr arme Leute wohnten. Über eines dieser Häuser könnte ich
eine weitere Geschichte erzählen. Ich spielte mit den Kindern, die darin wohnten und
wußte absolut nichts von sozialen Unterschieden. Eines Tages schenkte mir eine Frau einen
Holzroller. Das war ein weiterer Moment, der zu einem nie verblassenden Erinnerungsfoto wurde. Sie
fragte mich, wie alt ich sei und ich streckte alle Finger meiner Hand aus. Jahrzehnte später
hat mich diese Erinnerung sehr gerührt. Ich hatte die ganze Zeit nicht begriffen, von Leuten
etwas bekommen zu haben, die kaum für sich selber genug hatten. Den Roller hatte ich ein ganze
Weile. Er zog mit mir in eine andere Stadt.
Diese nur kurz berichtete Geschichte und die Beschreibung des Weges zur Wohnung meiner Eltern hat,
wie ich zugeben muß, nicht viel mit dem Abend des 24.12.1960 zu tun. Ich habe mich mit der
Schilderung des Weges nicht weit von meiner damaligen Erlebniswelt entfernt. Ich mochte die neue
Wohnung nicht, die nur ein größeres Zimmer war, aus dem ich nie allein raus durfte, um
die Gegend zu erkunden. Ich kannte dort niemand. Neben dem von mir gesetzten Orientierungspunkt
jenes Abends, erinnere ich mich lediglich an einen Marktschreier, der auf der Ladefläche eines
Autos stand und mit Bananen schmiß. Mit sowas konnte man damals eine riesige Schau abziehen
und gute Geschäfte machen. Bis auf die Geschäfte hat das auf mich abgefärbt.
Jener Abend drängt mir eine Zahlenmagie auf, die vielleicht später besser aufgehen wird,
sofern ich ihre Stimmigkeit nicht längst verpaßt habe. 1960 war ich Sechs, meine Mutter
war 26. Mein Vater war 4 Jahre älter und das ganze ist 44 Jahre her. Welche paranormalen
Ereignisse das zur Folge hatte, weiß ich nicht. Die letzten vier Jahre gehören mit
Sicherheit dazu. Ich werde wohl für immer den langsam sinkenden Schnee und die Lichter vor mir
sehen, als wir zur Kapellkirche kamen, in deren Nähe wir wohnten. Vielleicht wohnte man im
Oberen Stadtgraben oder in der Johann-Philipp-Palm-Straße. Diese Straßen sagen
mir leider weniger als die Gegend, in der vermutlich einst Tücher und Menschen bleich gemacht
wurden.
Zur Bleichestraße ist nachzutragen, daß damals hinter den Häusern ein ziemlich
verdreckter Bach namens Schmiecha floß. Mir fehlte der Überblick, ob unser Plumpsklo
etwas damit zu tun hatte. Das langsam fließende Wasser stank interessanter. Neben dem Haus,
aus welchem ich den Roller erbte, gab es einen erhöhten Steg. Der Stratosphäre noch
näher, an einen Berg angelehnt und sich davon lösend, hoch über den Häusern,
spannte sich eine eingleisige Eisenbahnbrücke wie ein römisches Aquädukt. Vielleicht
war sie mal ein schwäbisches. Darauf kroch morgens und abends ein Schienenbus des Typs VT 795
o.ä entlang. Eine atemberaubend lange und wunderschöne Treppe kreuzte die Gleise. Das
Schienenfahrzeug bimmelte an dem ungesicherten Übergang.
Das Besondere an dieser und nicht an der anderen Geschichte:
Offenbar vergeht mit der Zeit besonders viel der selben. Wenn ich heute zu denen gehören
täte, die es zu etwas gebracht haben und die noch mitten im Leben stehen, könnte ich
scherzen, daß ich mich nun unaufhaltsam auf die Hundert zubewege. Mir kommt es eher so vor,
als ob alles gelaufen wäre und ein Sozialbegräbnis extra lite auf mich wartet. Dafür
sind heute andere rollende Fahrgeräte aus Holz zur Vorbereitung auf den Erwerb der
Fahrerlaubnis etwas besonderes. Holz hat ähnlich wie Ziegen- oder Schafskäse eine
deutliche Aufwertung erfahren. Diese Strulli-Harleys, mit immerhin zwei echten
Strampelstärken, sollen pädagogisch besonders wertvoll sein.
Na dann prost und gute Fahrt 2005!
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10.10.2004
Eines Sprache:
Ich lebe in meinem Vaterland, wurde aber im Land meiner Mutter geboren. Meine
Muttersprache spreche ich nicht, da ich sie nicht verstehe. Mit meiner Vatersprache habe ich
weniger Probleme. Aus Furcht, ich könnte niemals richtig Deutsch lernen, oder weil es offenbar
eine große Schande ist, aus der Tschechoslowakei zu kommen, ließen sie mich nicht
zweisprachig aufwachsen. Dafür bin ich ohne ihr Zutun irgendwann zweisprachig erwachsen
geworden. Im amerikanischen Englisch fühle ich mich einigermaßen zu Hause, wenn das
Vokabular etwas mit mir bekannten Dingen zu tun hat, die es in dem fernen Land mit dem großen
Himmel auch gibt. Die kleine Tschechoslowakei existiert nicht mehr, doch die Sprache und die Orte
wären noch da. Vielleicht bewegt sich mein Leben in einem großen Kreis, so wie Wein und
Abwasser nicht nur in den Ozean fließen, sondern irgendwann zur Quelle zurück finden. Von
Berlin nach Frydlant ist es nicht all zu weit. Ich war schon weiter weg.
Wie ich nach Deutschland kam, wurde mir später zugetragen, ich war erst zwei Jahre alt.
Neulich hörte ich, daß sich die meisten Menschen nicht an ihre frühen Lebensjahre
erinnern könnten. Das soll mit der Entwicklung des Gehirnes und des Denkens
zusammenhängen. Ich dachte bisher, ich hätte damals meine erste Macke verpaßt
bekommen, als man von jenem Tag zum anderen nur noch Deutsch mit mir sprach. Dies geschah aus den
bereits erwähnten Gründen und weil man mich wie seinesgleichen von Natur aus für
dumm hielt.
Dieses erste Entfernen von meinem Ursprung soll sich recht dramatisch abgespielt haben. Die Familie
meines Vaters gehörte zur großen deutschen Minderheit in Prag. Deshalb könnte ich
seltsame Geschichten über Prag erzählen, obwohl ich nicht weiß, ob ich jemals
persönlich in Prag war. Als der eiserne Vorhang das kapitalistische System vom sozialistischen
trennte und sich zwischen Deutschland und die CSSR schob, beschloß der Vater meines Vaters,
der nur Spieß genannt wurde, daß die Familie nach Deutschland überzusiedeln habe.
Ein Bruder meines Vaters mußte deshalb sein Mädel zurücklassen. Der Fall mit meiner
Mutter und mir war komplizierter, da meine Eltern geheiratet hatten, um die Schande wenigstens zum
Teil abzumildern, die mein Vorhandensein darstellte. Dummerweise bekam meine Mutter keine
Ausreisepapiere. Ob ich welche besaß, hab ich leider vergessen und deutsch wurde man damals
sowieso ungefragt, sofern väterlich deutsches Blut in den Adern gluckerte. Beim
Grenzübertritt hielt man meine Mutter zurück. Sie hielt mich fest - oder sie hielt sich
an mir. Das ist heute nicht mehr feststellbar. Schließlich riß sie sich los und rannte
mit mir auf dem Arm die fehlenden Meter nach Deutschland. Die Grenzer waren so nett, nicht auf uns
zu schießen. Wer weiß, ob das so geplant war.
Spätere Abstandsvergrößerungen zwischen mir und irgendwelchen Ländern
näherer Angehöriger waren teilweise nicht minder dramatisch. Dazu müßte ich
mein ganzes Leben erzählen, was ich im Augenblick nicht vor habe. Ich wollte nur den Umstand
mit der Muttersprache erklären. Das Amerikanische ist eine Sprache von Freunden, selbst wenn
man sich für deren Land gelegentlich wirklich schämen sollte.
Eine Erinnerung aus der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik ist mir bis heute recht
bildhaft im Gedächtnis geblieben. Jemand, vielleicht die Mutter meiner Mutter, zeigt mir einen
Vogelkäfig an der Wand. Darin sitzt ein Kanarienvogel. Ob er trällerte, weiß ich
nicht. Vielleicht war ich zu dem Zeitpunkt noch taub. Von der rechten Seite kommt ein
Schäferhund zur Küchentür herein und trägt einen Stock quer im Maul. Für
Bilder braucht man keine Sprache.
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01.12.2004
Ich-AG aus mindestens zwei Unternehmern:
Eine solche Ich-AG sah ich mal. Sie bestand aus einem Hightech-Bauchladen, der dem
Erfinder bestimmt zu guten Geschäften verholfen hat und aus mindestens zwei relativ jungen
Männern. Kurz beschrieben war das eine Rostbratwurst-Rösterei, die man sich
umschnallen kann. Ich vermute, daß so eine aufwendige Vorrichtung mit allem Drum und Dran und
mit Propangas nicht nur den Vorteil der niedrigen Betriebskosten durch Mietersparnis hat. Man kann
sich damit, wie ich feststellte, genau an das Ende einer Warteschlange vor der ortsansässigen
Rostbratwurst-Rösterei vorübergehend plazieren. Um die Nachteile der unmittelbaren
Wirkungen der Witterung zu unterbinden, gibt es eine kleine Bedachung in Gestalt einer
Regenschirmkonstruktion, die sich derjenige auf den Kopf setzten muß, der die
Bauchrösterei gerade um oder an hat. Dafür darf er nicht mit dem Kopf wackeln und die
Kunden sollten zumindest nicht größer als der gerade aktive Unternehmer sein. Mit einem
derart heißen Gesamtkunstwerk der zeitgenössischen Ingenieurwissenschaften darf
vermutlich sowieso nicht viel gewackelt werden. Ich beobachtete, wie sich die beiden Unternehmer
bei laufendem Betrieb auswechselten, was einer geübten artistischen Darbietung glich. Kein
heißes Fett schwappte über oder auf unbeteiligte Personen. Keine noch nicht fertig zu
Tode geröstete und auch keine blasse Wurst aus dem Vorrat fiel zu Boden. Dafür lag dort
in unmittelbare Nähe eine weitaus fettere, ziemlich schwarze Hundewurst. Ausgedacht habe ich
mir diese kurze Geschichte nicht, darum ist sie nicht länger als eine Wurst.
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07.12.2004
Erdem geht zur Schule:
(Ein halber Alptraum)
In der Kasernenschule ist Erdem ein Migrantenkind. In der anderen Schule ist Erdem der
Sohn von Familie Günes.
In der Kasernenschule versteht Erdem meistens nicht, um was es geht und kann nicht richtig deutsch.
In der anderen Schule erklärt Erdem seinen Mitschülern, wie verschiedene Gegenstände
im Klassenzimmer auf türkisch heißen. Iskemle, levha, ara usw.
In der Kasernenschule hat Erdem schon wieder die Hauptstädte von Finnland und Neu Kaledonien
vergessen. In der anderen Schule erzählt Erdem von seinem Land. Er zeigt der Lehrerin, wo das
nicht eingezeichnte Dorf auf der Landkarte liegt, in dem seine Tante wohnt.
Nun wird Zeynap, Erdems Schwester, ebenfalls in die Kasernenschule eingeschult. Erdem soll seine
Hausaufgaben machen und das große Einmaleins runtersagen können. In der anderen Schule
vergißt der Lehrer nach einer turbulenten Stunde, Hausausgaben aufzugeben. Erdem soll seinen
Vater fragen, ob er nicht mal was auf der Saz vorspielen könnte. Vielleicht können Zeynap
und die Mama dazu singen.
In der Kasernenschule schreibt Erdem in Mathe und Deutsch nur Fünfen und Sechsen, Zeynap
bleibt ab jetzt zu Hause und hilft der Mutter beim Kochen. In der anderen Schule entdeckt Erdem,
daß Mathematik ähnlich wie die Grammatik aus Regeln besteht. Mathe findet er leichter.
Verblüfft stellt er fest, was er alles verstehen kann. Geometrie mag er nicht, weil ihm die
Bleistifte immer abbrechen, wenn er eine gerade Linie ziehen will, aber Algebra, Funktionen,
Stochastik und Chaostheorie erscheinen ihm wie Spielzeuge, die man mit den Gedanken spielt. Im
Musikunterricht sagt er, Herr Bach war bestimmt gut in Mathe.
In der Kasernenschule muß Erdem zum zweiten Mal ein Schuljahr wiederholen und wird
wahrscheinlich den Schulabschluß nicht schaffen. Er fehlt zu oft oder stört den
Unterricht. In der anderen Schule spricht Erdem akzentfreies Deutsch und interessiert sich für
Elementar-Physik. Mit ein paar Schülern aus einer höheren Klasse bastelt er an einer
Webseite, auf der sich alle Schüler von der anderen Schule alberne Quizfragen stellen oder bei
kniffligen Übungen helfen können. Nebenbei entsteht ein Archiv, das sogar die Lehrer
gerne benutzen.
In der Kasernenschule hat Erdem keinen Respekt vor den Lehrern. In der anderen Schule lernt Erdem,
daß man die Lehrer für das Lernen nicht braucht. Das kann man schnell selber. Sie waren
aber immer da und haben ihn ermutigt, wenn es anstrengend wurde und er an seinen Fähigkeiten
zweifelte. Nun weiß er, daß Lernen weniger mit der Anhäufung von abfragbarem Wissen
als mit der Bereitschaft zu tun hat, sich auf neue Erfahrungen einzulassen. Ein Lehrer sagte ihm
einmal, er würde die Lehramtsprüfung heute nicht mehr bestehen, aber er wüßte
immer besser, wie er sich das für seinen Job notwendige Wissen erarbeiten kann.
Erdem muß die Kasernenschule vorzeitig verlassen. Die andere Schule beendet er mit
ausgezeichneten Noten, bis auf die Fünf in Sport. Sowas kann ja mal passieren. Voraussichtlich
wird er Volkswirtschaftslehre studieren und promovieren. Erdem hat während der Schulzeit mit
seinen Eltern Deutsch gepaukt, damit sie den Sprachnachweis für die Einbürgerung
schaffen. Zeynap ist nächstes Jahr mit der Schule fertig. Sie wird nicht gegen ihren Willen
verheiratet und kann sich das Kopftuch hinbinden, wohin wie sie will. Herr Levent Günes gibt
an der Volkshochschule einen Musik-Kurs und probt mit seinem deutsch-türkischen Emsemble "Ney"
Sanat, die Kunstmusik seines Herkunftslandes. Schuhplattler kann er nicht ausstehen, sowas ist
uneuropäisch. Frau Emel Günes trat in die CSU ein und wird vielleicht einmal
Bundeskanzlerin.
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02.12.2004
Monarchie in Germany:
Zuerst gab es Stürme der Entrüstung, doch schneller als man es im Detail
verfolgen konnte, forderten genau jene, die sich mit ihrer Aufregung besonders hervorgetan hatten,
genau das, was sie zuvor heftigst abgelehnt haben. Rasch fand sich die erforderliche
Zwei-Drittel-Mehrheit im Bundestag, um das Grundgesetz gründlich zu ändern und
die Staatsform der konstitutionellen Monarchie einzuführen. Vereinfachung, Kostenersparnis,
schlichtweg Effizienz, waren die Argumente. Beratungsagenturen stellten die dazu notwendigen
Gutachten im Dienste des Vaterlandes unentgeltlich zur Verfügung.
Weitergehende Pläne wurden ausgearbeitet. Alles wurde vereinfacht. Oft lohnte es sich nicht,
Alternativen zu erarbeiten. Vieles wurde als überflüssig erkannt und abgeschafft. Eine
heute inzwischen nicht mehr existierende Firma für Outsourcing und Finanzdienstleistung schlug
vor, das Parlament abzuschaffen. Mit einer umfangreichen Studie wurde auf wissenschaftlicher
Grundlage bewiesen, daß die Wirtschaft in der Lage ist, alle Aufgaben viel besser als die
Politik zu erledigen. Oft steht die Politik sinnvollen Lösungen im Weg. Eine politische
Meinung zu haben ist eine rein private Angelegenheit, so wie man sich zu irgend einer Religion oder
zu gar keiner bekennt. Wie die Religionen hat auch die Politik in der heutigen Zeit jegliche
Bedeutung verloren. Es ist niemand genommen, in Gesprächen seine persönliche Meinung
kundzutun. Dafür wird niemand bestraft. Die Realität wird von den Wirkzusammenhängen
des von aller Ideologie befreiten Marktes bestimmt. Wer eine gute Idee hat und ihr zum Durchbruch
verhelfen will, muß sich den Regeln des Marktes unterordnen. Dann wird sich herausstellen, wie
viel innovatives daran war oder ob sich andere Ideen besser durchsetzen. Die besten Ideen setzen
sich immer durch. Umwege können wir uns nicht mehr leisten.
Die Abwicklung des Parlamentes verlief ähnlich, wie die Einführung des Königsamtes.
Anfängliche Bedenken wichen der Vernuft. Die meisten Parlamentarier fanden in der Wirtschaft
viel lukrativere Posten und konnten ihren wirklichen Neigungen mit größerer Begeisterung
nachgehen, als dies früher im Bundestag möglich war. Die verbliebenen Strukturen der
früheren Staatsform verkümmerten schneller, als jede Voraussage erwarten ließ.
Bundesrecht bricht Landesrecht! Es herrschte eine ungestüme Aufbruchstimmung im ganzen Land.
Es ging endlich wieder aufwärts mit Deutschland. Die Arbeitslosigkeit und der Mangel an
Ausbildungsplätzen für die Jugend verschwanden zwar nicht sofort, doch diese
Randgruppen-Probleme lösten sich mit der Zeit demografisch und von selber.
Für die meisten Menschen hatte sich nicht viel geändert. Niemand vermißte die
internen Partei-Skandale, die sinnlosen Kontroversen und die immer gleich lautenden
Nachrichten in den Medien. Stattdessen verfolgte man das tägliche Leben des Königs,
dessen einzige Amtspflicht darin bestand, möglichst schnell an Körperumfang zuzunehmen,
um den tatsächlichen Wohlstand unserer Nation zu repräsentieren. Seine kleinen Irrungen,
Liebschaften, Launen und Malaisen nahm man gerne zur Kenntnis, zumal nun in allen TV-Programmen die
beste Sendezeit dafür zur Verfügung stand. Jeder übertraf sich mit den anderen
Markteilnehmern darin, am besten über die Vorgänge am Hof, über die Verdauung und
das aktuelle Gewicht des Königs informiert zu sein. Als dieses 500 Kilo überschritt,
wurden überall Wetten für das Endgewicht angenommen. Gelegentlich kamen
Medizin-Nobelpreisträger zu Wort, um über das maximal von einem Menschen erreichbare
Körpergewicht zu spekulieren. Dazu wurden Szenen gezeigt, wie vor dem Bad des Königs ein
Teil des Wassers aus dem königlichen Swimming-Pool abgelassen werden mußte. Nach dem
unerwarteten Tod von König Michel dem Ersten stand nur eines fest, sein Nachfolger muß
noch schwerer werden.
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03.12.2004
Plutonium:
Für Robert Jungk, 1913 - 1994
Es gibt schlimmeres als das, was wir hier machen. Denke mal an einen Arzt, was der alles
anfassen muß. Manchmal sieht es wie Abfall aus der Fleischfabrik aus und lebt noch. Da bin ich
lieber hier. Ist nur blöde mit dem Verdienst. Etwas mehr wäre doch nicht schlimm. Auf
jeden Fall ist es hier besser als im Recycling oder an der Schmelze, wo sie die dicken Anzüge
anhaben müssen und kaum etwas abbekommen. Nur einen Hund in der Minute. Ich bekomme hier fast
zwei. Drei wären nicht schlecht, das würde nicht viel mehr ausmachen. Wir sind doch nicht
Tag und Nacht hier. Die sechs Stunden jeden Tag und dann immer wieder diese Ausgleichstage, die
angeblich für unsere Gesundheit sein sollen. Das ist Lohnpolitik. Ich habe selten mehr als 10
Tausend Plutos im Monat. Davon kann man sich zwar alles kaufen, was man zum Leben braucht, auch
teuere Show-Tickets und Bücher, aber etwas richtiges oder eine Reise bis an die Grenze, wo es
wie früher aussieht, das ist selten drin. Wir sollen uns Pflanzen und Haustiere halten, dann
bräuchten wir nicht von dort träumen, heißt es immer.
Ich interessiere mich für nichts mehr. Die Shows sind blöd und Bücher lese ich nicht
zu Ende. Ich hab mal studiert. Ich weiß nicht mehr was und warum. Ich behalte nur wenige
Bücher. Ich schaue nur in die Bibel. Darin wird alles erklärt. Es ist nicht immer zu
verstehen. Warum wir zu einem Pluto Hund sagen steht nicht drin. Doch ich sah mal ein uraltes Video
in dem ein Hund Pluto hieß. War ganz primitiv gemacht. War aber lustig. Der sah wie ein Mensch
mit einen Hundekopf aus. Es gab noch so jemand mit einem Elefantenkopf. Das soll einer der besten
Programmierer aller Zeiten gewesen sein, als Maschinen noch programmiert werden mußten.
Was ein Pluto ist, kann ich mir schlecht vorstellen. Man spürt es nichtmal. In der Bibel
heißt es, ein Pluto wäre die Abkürzung für Plutonium-Sievert. Ein Pluto
entspricht einem Mikro-Sievert pro Minute. So wenig bekommen die Kollegen in ihren
Schutzanzügen ab.
In der Plutonium-Bibel steht irgendwo, daß Plutos ein alter europäischer Gott war. Der
Gott des Reichtums. Pluto war bei denen der Gott der Unterwelt. Also im Grunde genau unser Gott. Es
kann kein Zufall sein, daß unser Gott die Einzahl und der Gott des Reichtums die Mehrzahl
unserer Währung ist. Und die wirklich Reichen besitzen das Plutonium.
Reichtum wird typischerweise nicht abstrakt sondern als Gewicht gemessen. Ich hab mir ein paar
Gramm für später zusammengespart. Das kann ich mir dann wieder zurücktauschen. Die
Reichen besitzen 100 Tonnen und mehr. Doch die besitzen es nur und halten sich dem Zeug fern. So
viel Strahlung könnte man niemandem bezahlen und wahrscheinlich hätte er nichts davon.
Mein Plutonium steht auf meinem Konto. Wo es gelagert wird, interessiert mich nicht. Hauptsache es
gehört mir. War teuer genug. Vielleicht bieten man es uns zum Kauf an, wenn wir zu viel
verdient haben. Dann können wir nicht reisen. Ich könnte meine 172 Gramm nicht einfach
umtauschen und mit den Hunden zur Grenze fahren. Ich mußte einen langfristigen Sparvertrag
abschließen. Es gibt nur dann Zinsen, wenn ich alles auf der Bank lasse. Wenn ich die Hunde
vorher wieder haben möchte, ziehen sie mir zu viel ab.
Ein Kollege war mal an der Grenze. Wir dürfen nicht rüber, obwohl es auf der anderen
Seite gleich aussieht. Man sieht außer der Landschaft gar nichts. Keine Wohngebäude keine
Fabriken, nichts. Keine Menschen. Niemand weiß, wo die Reichen leben. Haben sie solche
Städte wie wir oder leben alle wie manche unserer Alten in kleinen Häuschen? Ich hoffe,
mein Plutonium reicht für eines. Es muß nicht groß sein. Nur mal was anderes als
Fabriken und Erlebnisparks sehen. Etwas weiter weg von hier. Ich hoffe ich bin nicht krank, wenn
ich nicht mehr arbeite. Noch eine Weile einfach nur leben - wäre schön. Ob ich reich sein
möchte, weiß ich nicht. Ich weiß nicht, ob die besser dran sind. Man wird eben
entweder auf der einen oder auf anderen Seite der Grenze geboren und was wissen die von uns?
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05.12.2004
Rumkugeln:
Sie ist schlank und rank, wie der ewige Frühling in Person. Solche Hüften
sieht man höchstens bei viel jüngeren. Hinter ihr wird getuschelt, sie hätte keinen
Mann, sonst würde sie bald dicker. Das stimmt natürlich nicht. Sie erzählt nicht
viel von sich.
Sie gönnt sich immer wieder was. Man fragt nicht, wenn sie von fast jeder Sorte ein Stück
aussucht und die verbilligten Reste von gestern mitnimmt. Man kennt sich. Die Rumkugeln
läßt sie liegen. Man bietet sie ihr auch nicht an.
In der Bäckerei und Konditorei Kropp kann man wie früher mit netter Gesellschaft die
chremigen Versuchungen gleich vor Ort in einer angenehmen Umgebung und bei leiser Musik verzehren.
Sie hält sich hier nicht auf. Lieber trägt sie ihr Päckchen vorsichtig nach Hause.
Sie hat es nicht weit.
Manchmal deckt sie den Tisch noch netter wie bei Kropps, mit Blümchen und einer Kerze. Dazu
kocht sie eine große Kanne Kaffee. Manchmal fällt sie wie ein Tier über alles her
und zieht sich nichtmal den Mantel aus. Das ist eben so verschieden, wie es mit jeder Lust ist.
Sie war ein paarmal in einer Selbsthilfegruppe und in Einzelgespächen. Damals war sie nicht
sicher, ob sie normal sei. Eine Bekannte hatte sie mitgenommen. Heute stellt sie solche Fragen
nicht mehr. Wenn sie andere Frauen sieht, findet sie ihre eigene Lage besser. Sie braucht keine
Kalorien zählen und kann sich hemmungslos vollfressen. Davon sieht man nichts an ihr.
Nach ihrer Orgie genießt sie für ein paar Minuten ihre Sattheit. Am liebsten würde
sie jetzt auf der Couch einschlafen. Stattdessen balanciert sie vorsichtig die Treppen hinunter und
ist nach wenigen Minuten bei Kropps. Häufig ist noch Betrieb im Cafe. Sie nimmt den
Wohnhauseingang und klingelt. Man läßt sie rein. Man läßt sie kurz warten. Der
Geselle kommt mit einer Schüssel, grinst und hält sie ihr vor's Gesicht.
Sie ist inzwischen so geübt, daß sie sich keinen Finger in den Hals zu stecken braucht.
Es klingt, als würde mit einer preiswerten Espresso-Maschine aus dem Kaufhaus Milch
für Cappuccino aufgeschäumt. Der Geschmack der verschiedenen Sorten wandern noch einmal
kurz an ihrem Gaumen vorbei. Das ist nichtmal unangenehm. Ich fresse ja keine Scheiße, sagt
sie zu dem Gesellen. Der verschwindet mit der Schüssel. Sie wischt sich den Mund ab, nimmt das
Geld und geht. Rum trinkt sie keinen. Den tut der Geselle gerade hinein.
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07.12.2004
Meine schöne Guitarre:
Früher zog ich, wie es lange üblich war, Katzendärme auf. Ab und zu hatte
ich deswegen Streitereien mit dem blöden Geiger aus dem zweiten Stock. Da wir beide viel und
gegeneinander spielten, wurden mit der Zeit die Katzen in der Nachbarschaft knapp.
Ich überließ die restlichen Exemplare meinem Kontrahenten und schaute mich nach
Alternativen um. Gymnastik treibende Jungfrauen machten sich für die Melodiesaiten ganz gut.
Für die tieferen Saiten kamen nur reife Damen in Frage. Ich überlegte, ob ich nicht den
Geigenspieler aufspannen sollte. Der Katzenbestand hatte sich inzwischen leicht erholt und
würde für mich allein genügen.
Irgendwann gab es günstige Nylonsaiten in unserem Musikgeschäft. Ich probierte einen Satz
aus und leistete mir später einen größeren Vorrat. Der Klang läßt ein
wenig zu wünschen übrig, aber dafür sind solche Saiten viel hygienischer und vor
allem etwas einfacher aufzuziehen.
Ich bin derzeit noch unentschieden, was ich mache, wenn ich wieder Saiten benötige. Vielleicht
probiere ich es mit Politikerzungen. Die dürften recht laut sein, doch wer weiß, wie das
klingt.
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08.12.2004
Böser Kuckuck:
Die New York Times erhält die letzte Zeit mysteriöse
Erpressungs-Schreiben und manche Mitarbeiter vermissen ihre Armbanduhren. Nach der
Entführung des Chefredakteures geht ein Bekennerschreiben ein in welchen die bisher noch nicht
in Erscheinung getretene Organisation Bad Cuckoo die Umbenennung des renommierten Blattes fordert.
Nach drei Wochen wird die Geisel völlig entstellt auf freien Fuß gesetzt, seitdem
heißt die Zeitung New York Tarts. Der Redakteur kann sich an nichts erinnern. Bei seiner
Entführung flog im eine Torte ins Gesicht und er konnte nichts sehen. Außerdem bekam er
die ganze Zeit nur fette Torte zu essen.
Der nächste Vorfall mit einem nachweislichen Zusammenhang ereignet sich in einem Dorf in den
Pyrenäen. Jemand hat die Turmuhr der Dorfkirche angehalten, als sie gerade auf Feierabend
stand und die Zahnräder an mehreren Stellen miteinander verschweißt. Es fand sich wieder
ein Bekennerschreiben einer Grupo Kuckcoo Malo. Es enthielt ein in dieser Gegend unübliches
Backrezept.
Demnach haben wir es mit einer international operierenden Terror-Organisation zu tun. Den
letzten Beweis liefert ein Vorfall in der vollbesetzen Bielefelder Schüco Arena. Der Strom
fiel aus, es wurde dunkel und hinterher suchten 34 Tausend Besucher ihre Armbanduhr. Die Zeit auf
der neuen Anzeigetafel blieb stehen. Über die Stadionanlage wurde das zufällig gefundenen
Bekennerschreiben der Bewegung Böser Kuckuck verlesen. Darin wird auf die Versklavung der
internationalen Arbeiterbewegung durch die allgegenwärtigen Uhren hingewiesen und die
sofortige Abschaffung von Stunden und Sekunden gefordert. Das Backrezept war leider
unleserlich.
Seither sieht man immer öfter nicht funktionierende Displays oder stehende Uhren an
öffentlichen Gebäuden. Immer häufiger wird der Böse Kuckuck bemüht, wenn
wichtige Termine nicht eingehalten wurden, wenn jemand zu spät oder gar nicht zur Arbeit
erscheint. Als Standard-Erwiderung hat sich folgender Satz eingebürgert: "Sie hatten wohl
zu viele Prozente in der Torte!"
In Hongkong wird die gesamte Management-Etage eines Uhrenherstellers vom Bösen Kuckuck
entführt. Herbeigereiste internationale Kriminalisten finden Torten-Spuren. Diese können
eindeutig als Schwarzwälder-Kirsch identifiziert werden. Das Unternehmen soll gezwungen
werden, Aufziehmäuse oder Tamagotchis herzustellen. Die Verhandlungen gestalten sich
schwierig, da der Kontakt mit den Entführern nur per eMail über dubiose Server
möglich ist. Zugleich ist ein neuer Computer-Virus unterwegs, der die Systemzeit auf Null
setzt. Nun kann sich niemand auf seinen Terminplaner verlassen. Neueinträge sind nur für
den 01.01.1970 Null Uhr Null möglich.
Der Schwarzwald wurde mittlerweile zum zweiten Mal umgegraben, doch man fand nur ein bißchen
natürliches Uran und eine Bauanleitung für Kuckucksuhren. Das könnte eventuell
brisant sein, doch stattdessen gerät die Schweiz zusehends in Verdacht. Tortenattentate und
Entführungen häufen sich, selbst völlig unbedeutende Personen sind nicht mehr
sicher. Die für die Torten verwendete Schokolade scheint schweizerischen Ursprunges zu sein.
Im Bern soll dazu bald ein Krisenstab eingerichtet werden.
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| © Designed and written by Zacke.
December 2004. |
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