Zackes Textedition 2:

Ich habe erneut in meinem Nachlaß gestöbert. An den Gefühlsgehalt dieser Texte kann ich mich nur noch erinnern. Leider kann ich heute nicht mehr wie in jüngeren Jahren Farbenhören und schreibe anders. An einzelnen Texten habe ich kleine Veränderungen vorgenommen. Distanzieren muß ich mich nicht!

 

11.02.1986, meine "letzte" Geschichte.

Berlin in Weiß:

Ich sitze gerade am Frühstückstisch. Bin heute etwas später, um Neun, aufgestanden. Die Waschmaschine tuckert gemütlich. Ich blicke zum Fenster, kann aber nicht nach draußen sehen. Die Scheiben sind beschlagen. Draußen ist es hell. Alles scheint weiß zu sein. Wahrscheinlich hat es heute Nacht geschneit.

Ich gehe hinaus. Als ich die Tür zum Hof öffne, kann ich kaum wahrhaben, was ich sehe. Die Seitenflügel meines Hauses und alle anderen Gebäude sind einfach verschwunden. Das Haus, in welchem ich wohne, steht als einziges inmitten einer endlosen, weißen Ebene. Die Stadt ist nicht mehr da.

Ich umkreise das Haus, um mich zu vergewissern. Komischerweise macht es mir nichts aus, unter Umständen der letzte übriggebliebene Mensch zu sein. Die Fähigkeit, totales Verlassensein als Einsamkeit zu empfinden, ist mir wohl mit der gewohnten Wirklichkeit abhanden gekommen. Jetzt stimmt sowieso nichts mehr. Das ist kein Schnee. Meine Schritte knirschen so eigenartig.

Ich habe mich entfernt. Vielleicht hätte ich das nicht tun sollen. Ich kann mein Haus nicht mehr sehen, egal in welche Richtung ich blicke. Ob ich zu weit gelaufen bin? Vermutlich hängen Raum und Zeit doch zusammen. Wo keine räumliche Gegebenheit auffällt und somit überhaupt kein Raum existiert, gibt es ebensowenig soetwas wie Zeit. Deshalb weiß ich nicht, wie lange ich schon laufe, und nun bin ich weit genug entfernt, um mein Haus in seiner Winzigkeit nicht mehr erkennen zu können. Eigentlich müßte es riesig sein, verglichen mit dem Nichts, das mich hier umgibt. Offenbar gelten einige der physikalischen Grundgesetze immer noch. Wenn ich im Augenblick nicht so klar denken könnte, würde ich zugeben, verrückt geworden zu sein. Ich bin doch in Berlin! Aber sogar die Mauer ist weg.

Ich kreuze eine fremde Spur. Wenn es keine fremde ist, laufe ich im Kreis. Da ist noch eine Spur! Der nächsten beschließe ich zu folgen. Andere sind ihr ebenfalls gefolgt. Ich kreuze keine Spuren mehr, von der Seite kommen neue hinzu. Ich folge diesem entstehenden Pfad. Er wird immer breiter. Es ist ein Gefühl, als ob ich längst auf einem Trotoir gehen würde. Zuerst sah es unter dem schmutzig weißen Matsch wie Kopfsteinpflaster aus. Jetzt erkenne ich deutlich die allgegenwärtigen Kunststeinplatten. Alle paar Meter sehe ich Hundescheiße! Als ich endlich meinen Blick vom Boden löse und feststellen muß, daß es etwas höher noch mehr zu sehen gibt, stehe ich überrascht in meiner Straße vor meinem Haus. Hier also gehöre ich hin? Ob die Waschmaschine schon fertig ist?



 

04.04.1977

liebesleiden

du frühstückst gerade gewohnt spät.das telefon läutet schon länger.schließlich gehtst du hin.

er ruft an,und das gleich zu beginn des tages nach dem aufstehen.jetzt auch noch seine absurd verwickelten gedanken denken müssen.das sind seine probleme.der ist doch verrückt.dir wird schlecht.

ich möchte mit dir reden.du sagst:es ist aus mit uns.

ich erwidere nichts.es gelingt mir gerade noch den hörer aufzulegen.danach bin ich nicht mehr da.jemand wartet vor einer leeren telefonzelle,begibt sich hinein,verwirrt.du hälst den hörer in der hand ohne zu wissen weshalb.vermutest daß du jemand anrufen wolltest daß du es nun vergessen hast.

natürlich hast du vergessen.nicht nur du.es gibt ja auch keine erinnerung.meine briefe sind weg,da ist nur noch ein leichter staubrand.niemand kennt mich mehr bei euch.jeder empfindet zwar das gefühl irgend etwas vergessen zu haben als ob nicht alle handlungen der letzten zeit logisch erklärbar wären,aber dies ist nichts besonderes.es ist ein ganz alltägliches gefühl das im normalen alltag kaum auffällt.es ist vergänglich.es wird nicht bewußt wahrgenommen. es wird sofort durch ein neues ersetzt.es ist nicht das gefühl ständig etwas zu verlieren.es ist eher wie nichts haben.wie:mich gibt es nicht.

ein anderer interessiert dich.du wirst erfahren wollen was für ein mensch er ist.mich kümmert's nicht.doch ich bin ungeduldig.wenn ich warte bis wir uns nahe genug kommen bin ich sicher verzweifelt.ich habe angst dich zu erschrecken,weil ich dich kenne.du würdest dem fremden etwas unterstellen was ich noch gar nicht kann:gedankenlesen.



 

03.01.1976

Habe keine Zeit zum Dichten:

Ich warte. Die Sekunden werden zunehmend lauter, drohen mich zu erschlagen. Ich warte auf Dich. Ich warte darauf, daß ich zu Dir hingehe. Ich müßte Dich nicht suchen. Ich weiß wo Du bist. Vielleicht weiß ich aber nicht mehr genau, wo ich bin? Vielleicht habe ich vergessen, wer ich bin? Vielleicht bin ich es nicht? Vielleicht wartest Du?

Wie lange warten wir schon? Worauf warten wir? Werden wir so lange warten, bis wir zu Stein werden? Bis es nur noch Steine gibt? Bis die letzten Steine sich spalten, weil sie ihrer eigenen Härte nicht widerstehen?

Oder werden Poren im Boden sich öffnen? Wird in den Wänden der Häuser Blut kreisen? Ist das, was ich höre, der Puls? Bewegt sich der Horizont, wenn die Welt atmet? Schläft sie? Erwacht sie? Werde ich sie ihrer Wärme wegen umarmen? Ist sie zu verletzlich?

Bist Du verletzlich? Wirst Du mich verletzen? Bist Du aus allerdünnstem Glas, das bei jeder Berührung zerbricht, jeden schneidet, der Dir zu nahe kommt? Bist Du aus weicher Haut? Bist Du ein riesiges Hymen? Bist Du ewig unumgänglich? Umschließt Du mich wie eine unsichtbare Fruchtblase? Immer? Egal, wohin ich mich begebe? Bin ich noch nicht geboren?



 

08.04.1976

Das Ende des Leidens:

Kahles Licht füllt den Raum mit Stille. Die Betten atmen nicht, sind leer, frisch bezogen. Eine Schwester schreitet von einem Lager zum anderen, als würde sie darin ruhende anlächeln, ihnen das Gefühl des: nicht verlassen - Seins verleihen wollen.

Durch ein geöffnetes Fenster vernimmt sie das seit Tagen andauernde Läuten der Kirchglocken, als würde sie selbigem nur jetzt gewahr, als würde ein Abend angekündigt, als würde gleich eine Andacht, Orgelmusik, Pastorengesang aus Hörkissen ertönen.

Sie sieht der Sonne entgegen, erkennnt diese kaum, deren Nichtbeachten, das: nicht an sich selbst - Denken gewohnt. Ihr Blick verbrennt allmählich, sie wendet sich ab. Doch sie verspürt nicht diesen, einen anderen Schmerz - innerlich, fast wie eine Krankheit.

Sie legt sich hin, durchwacht endlose Nächte, fällt schließlich in einen tiefen Schlaf.

Ein Gestell, ein Drahtgitter siebt ihre Gebeine. Sie durchdringt es langsam, entblößt sich ihrer Vergänglichkeit.

Eine ewige Putzfrau wischt ihren Staub sorgfältig vom spröden, inzwischen unebenen Boden, beseitigt Spinnweben, die sich mit dem Wandbelag lösen. Sie reinigt vorsichtig, aber hastig, zerbrochenes Fensterglas, pflegt rostendes Metall.

Sie erscheint täglich, beinahe zur gleichen Stunde, beeilt sich, weiß diesem Leiden, der Zeit, keine Abhilfe, versucht, wenigstens nicht zu stören.



 

19./20.03.1976

Vom Ende:

Wir erinnern verschiedene, gemeinsame Gestern, freuen uns über das Wiedersehen, unserem erahnten Wissen erhaben, bereit, nichts zu bedauern, jetzt nicht an später zu denken. Noch können wir miteinander von dieser Welt sprechen - lächeln, wenn Worte zu viel sind, um einfach nur: ich liebe Dich - zu sagen.

Wir wählen uns an einem geschmückten Tisch nicht bindende Plätze - jeder sei ein Gast - hören jene Musik, die uns stets zu begleiten weiß, die sich unverändert jedem Zusammensein anpaßt, die aus unseren Gedanken, dem Sprechen, den Blicken erklingt, die selbst Deinem kühlen Ausatem, Deinem eigenaufgebürdeten Mundwasser enttönt.

So sei eines meiner Gegenüber, mein Nebenan - berühre die weißen Blätter der Blüte auf dem dunklen, ungesäumten Tuch nicht, hüte dieses Abschiedsgeschenk, nimm es mit.

Eine leichte Schale kreist, sammelt die Schuld unserer Hände ein, die uns nicht weiter betrifft. Mehr Flüssigkeit benötigen wir nicht, um uns von Unterschieden, vom: bis heute gelebt - Haben zu befreien.

Dies sei das letzte Mahl, auch jene, die niemals essen, teilen mit uns eine Speise, die uneingeschränkt Einsamkeit spendet, die kaum länger als ihr Verzehr sättigt.

Entscheide Dich, wann Du allein von hier gehst, einen Weg verfolgst, der zu keinem Aufenthalt führt, auf dem Du niemandem begegnen wirst. - Dein erster Schritt, die erste unscheinbarste Bewegung, entfernt Dich unendlich.

Bald verspürst Du die Macht des Hungers, die Unmöglichkeit einer Rückkehr, meidest Traurigkeit, bis Du irgendwo an ihr zerbrichst, um schutzlos, um lebend Deine Vergänglichkeit zu ertragen.



 

07.03.1976

Dein Wir:

Wenn ein Tag im Dunkel versinkt, hüllst Du Dich in das lange, weiche Fallen des Vorhanges, siehst dem endenden Licht nach, beinahe so, als hättest Du jetzt ein wenig Freude an Traurigkeit - doch Dir begegnet ein fast unauffälliges Lächeln, welches von außen, durch die hohen Gläser kommt. Du öffnest kaum, an einen kühlen Spalt anlehnend.

Die Fenster in diesem Raum erheben nicht den Anspruch, Dir zu verwehren, was Du hinter ihnen entdeckst, sie setzen sich nach unten fort, gestatten wie Türen, beinahe immer Durchlaß - doch noch klammerst Du Dich in den bedächtig schweren Stoff, als ob jemand, den Du spürst, darin verborgen wäre. Er hält Dich sicher, Du könntest auf den Boden verzichten.

Du bemerkst, wie Dein Verhalten dem Einsamsein gleicht - doch Du teilst jenes nicht. Du liebst diesen, einzig hier anzutreffenden Abend, berührst ihn, forderst uns beinahe auf, selbiges zu tun - wir verstehen Dich nicht, bedürften einer anderen Stimmung.

Nun begibst Du Dich hinaus, wir folgen Dir nicht, da, dort, liegt nur Dein für uns unsichtbarer Garten.

Dein Zimmer erscheint uns wie ein Nichtmehr, besäße ohne Deinen Schutz längst eine neuere Gestalt: Tapeten, kein trockenes, unvollkommenes Weiß, sich fassendere Mauern, einen überall gangbaren Teppich, keine strähnigen Stücke, kein stumpfes, selbstzufriedenes Holz, kein Grau dazwischen oder zumindest einen Kamm, der die Schritte ordnet.

Deine Tränen, die wir hören, verwirren uns, wissend, wie sehr Dich Trost verletzte. Wir verfügen nichteinmal über Deinen Namen. Atmest Du, ißt Du? Nährt Dich eine Erinnerung? Was ist Zeit? Vermutlich verschweigst Du keine Antwort.

Du kehrst zurück, als ob unser Fragen niemals an Dich gerichtet, nicht gedacht sei. Du verschließt die Tore zur Welt, wie ein Auge, metallisch, beinahe wie Kettengeräusche - doch nach einem Wachen blickst Du einem weiteren Morgen, einem lärmenden Warten entgegen.

Manchmal denken wir, Du seist wirklich allein, in einer Betrübnis gefangen. Wir sind nicht oft bei Dir, Du wohnst beinahe in einem entfernteren Haus - doch Du bist unser Gefühl.



 

31.12.1975

Das Vergehen:

Heute habe ich wieder ein Jahr von Deiner Lebenszeit abgezogen, Dir meine Glückwünsche zugeschickt. Es sind fast die gleichen wie die letzten aus dem Kaufhaus. Du freust Dich immer. Ein Umschlag ist jedesmal dabei, da ich anderweitig keinen benötige.

An Deinem nächsten Geburtstag erhälst Du keine Karte. Ich komme selbst, im schwarzen Frack, mit weißen Blumen. Ein wenig sollst Du jenen Tag genießen, die Feierlichkeit meines Aussehens mißverstehen.

Wir gehen außer Haus, um teuer zu essen. Zuvor erlaube ich Dir, den Sonnenaufgang so oft Du möchtest zu betrachten. Wir spielen nur, doch das gefällt Dir sehr.

Wir besuchen anschließend den Friedhof. Wir lachen dort laut, werden ermahnt. Zum Spaß suchst Du Dir eine Begräbnisstätte, die ich Dir schenke.

Dann nehme ich Dich in die Arme. Du verbrennst an mir zu türkis schimmmernder Asche, die ich in die mitgebrachte Vase schütte, nach Deinem Wunsch bestatte.

Die Blumen lege ich sorgsam zum Zertreten auf den Boden. Niemand wird ihnen ausweichen können, dazu fehlt den Menschen die Kenntnis Deiner Verletzlichkeit.

Regen und Witterung verwandeln irgendwo einen namenlosen Findling in Deinen Grabstein. Auf ihm steht: Du bist schon lange tot.



 

28.10.1975

Zwei Minuten:

Sein Haus birgt nur ein großes Zimmer. Der Putz kommt vom Außen herein und verbreitert sich im Innen. Der Eindruck entsteht, als ob die Wände aus einer weichen Masse geschnitten wären. Tür und Fenster sind unverschlossene Öffnungen, dennoch herrscht Windstille. Glas, so sagt er, das brauche ich nicht.

Nicht nur die Luft schweigt, alles ist ruhig, selbst seine Bewegungen bleiben rar. Ich höre eine Uhr. Sie tickt nicht. Es ist eher so, als würde sie die Zeit in kleine Streichholzstückchen zerteilen, die er abzählt und regelmäßig in Schachteln füllt.

Ein Weg führt vorbei, er führt nicht her. Jeder Besucher muß einen dreiviertel Meter wild bewachsenen Boden überspringen. Dieses Stück ist wie eine Prüfung oder wie eine Frage, die er Dir stellt: Wer bist Du, was willst Du von mir?

Er spricht nicht viel. Er zeigt Dir, aus welcher Richtung morgens die Sonne den Raum erleuchtet und in welcher er ihr abends nachsieht. Wenn ich hier sitze, so sagt er, dann ist der Tag zwei Minuten kürzer, das genügt, um über ihn nachzudenken.



 

12.10.1975

Im Land der Wunschlosigkeit:

Die Dunkelheit verweilt bis in den späten Morgen hinein, dann erweckt ein warmer Wind durch sein Streicheln die neugeborenen Schläfer. Allmählich steigt in jeder Richtung eine Sonne auf, deren Helligkeit den Augen eine langsame Gewöhnung ermöglicht.

Eine Quelle entspringt und spendet den Hungrigen einen stärkenden Trunk, um danach wieder zu versiegen. Der Himmel zeigt bewegte Bilder und die Luft schwingt in sanften Tönen. Ein bedächtiges Umhergehen hat sich immerzu verändernde Harmonien zur Folge, da jeder Klang seinen eigenen Ort besitzt.

Gegen Mittag erheben sich Berge, sowie schattengebende Bäume, an denen duftende Speisen wachsen. Das Kauen der Rinden liefert einen wohlschmeckenden und erfrischenden Saft.

Später, wenn die Bäume verschwunden sind und die Berge sich in anmutige Hügel verwandelt haben, öffnet sich der Boden zu in Ufernähe flach abfallenden Seen, die zum Bad auffordern.

Abends schwebt von höchsten Punkt eine Dämmerung auf die unmerkliche Ebene herab. Flaumige Moospolster umhüllen die Müden, großblättrige Farne decken sie zu. In der Ferne wandert ein flackerndes Licht von einem Lager zum anderen und bringt einen friedvollen Tod.

Das Denken ist hier gestattet, soweit es keine Begehrnis äußert.



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