Zackes Textedition 19:

Meine neue Tastatur ist rabenschwarz. Leider nur Plastik. Das Modell hieß nur "Alu" (oder Hartz IV). Für Geld gibt es sowas. Ich hoffte auf weniger Elektro-Smog für fast geschenkt.

 

11.09.04

Vergesse diesen Kerl:   (FSK Mädchen ab 12, Jungs ab 16)

‹‹Es war ein schöner Tag, ich kam vom Friedrich-Denkmal und ging den breiten Weg zur Plattform den Mont-Klamott hoch. Er kam von rechts vom Teich, lief ein paar Meter vor mir her, bog gleich wieder nach links ab und nahm die Treppe. Ich ging geradeaus weiter.››

‹‹Ist Dir irgendwas aufgefallen, hat er Dich bemerkt?››

‹‹Er guckte nur kurz und lief ganz normal weiter.››

‹‹Was hast Du in den Augenblick gedacht?››

‹‹Er gefiel mir und mir kam so vor, als ob er mir davonläuft. Ich dachte aber, das ist Quatsch. Wenn er stehen gelieben wäre und auf mich gewartet hätte, wäre mir das vielleicht auch nicht recht gewesen. Er hätte höchstens nach Feuer oder nach der Uhrzeit fragen können. Wir wären vielleicht zusammen weitergegangen und alles wäre ganz anders gekommen.››

‹‹Du sagtest, er bog ab, Du bist geradeaus gelaufen. Warum?››

‹‹Ich blieb auf dem Weg. Der geht übrigens fast nie geradeaus, sondern windet sich um den Berg.››

‹‹Warum bist Du dem Typen nicht gefolgt?››

‹‹Ich wollte nicht. Ich hab ihn doch nur zufällig getroffen. Das hatte nichts zu bedeuten.››

‹‹Er gefiel Dir aber.››

‹‹Na und? Da hätte ich viel zu tun, jedem hinterherzulaufen.››

‹‹Dann erzähle weiter.››

‹‹Also, ich vergaß den Kerl. Doch ich dachte nicht daran, daß man sowohl über die Treppe als auch über den Weg irgendwann zur Plattform kommt. Dort sah ich ihn wieder. Er hatte mich nicht bemerkt. Er stütze sich auf die Ellbogen und sah in Richtung Strausberger Platz. Ich stellte mich daneben und quatschte ihn an.››

‹‹Kannst Du Dich daran erinnern, was ihr gesprochen habt?››

‹‹Klar, mir hat sich das wie ein Film eingebrannt, den ich mehrmals sehen mußte. Ich sagte "Hallo" und fragte, ob ich ihn störe. Er drehte sich zu mir. Ich sah sein Gesicht und mochte ihn sofort. Er sah nichtmal besonders aus, aber irgendwie echt und ehrlich. Er grinste ein wenig und meinte, vielleicht störe er mich. Ich mußte auch lachen und fragte, ob er nicht viel von sich selber halte. Er antwortete nicht. Wir schwiegen und sahen zusammen die Fontäne lautlos aus dem fernen Brunnen am Stausberger Platz aufsteigen. Das war wunderschön, weil keiner etwas sagen mußte. Doch irgendwann wurde es zu lang. Er guckte mich an: "Bist Du öfter hier?" - Er erzählte, er gehe hier häufig spazieren, achtet aber nicht auf die Leute. Unter Umständen ist er schonmal an mir vorbeigegangen ohne mich zu sehen. "Zum Beispiel vorhin?" - "Da habe ich Dich gesehen." - "Habe ich Dir gefallen?" - "So genau habe ich Dich nicht angesehen und wenn irgendwo ein Blümchen blüht, rupfe ich es nicht ab." - "Du hast mir aber gefallen!" - "Woher soll ich das wissen und warum sollen die Kerle immer die Mädels ansprechen? Du hättest einen Schritt zulegen und irgendwas fragen können." - "Du bist extra flott gelaufen!" - "Bin ich nicht!" - "Kam mir aber so vor!" - "OK, ich fürchte mich ganz fürchterlich vor Frauen, erst recht, wenn sie hübscher wie Bienen und Blümchen sind"››

‹‹Warst Du da ein wenig sauer auf ihn?››

‹‹Wieso?››

‹‹Gut, ich hab mir paar Notizen gemacht. Wie ging's weiter?››

‹‹Ich legte meine Hand auf seine Pranke. Er ließ es sich gefallen und wir waren wieder eine Weile still. Das war wieder so schön wie zuerst. Irgendwann griff er sogar nach meiner Hand und sah sie genau an. "Ich suche nur nach Druckstellen vom Ehering. Ein paar Schmuckringe würden Dir gut stehen. Leider habe ich keine Kohle. Such Dir einen anderen Macker. Warum läuft so eine wie Du überhaupt alleine rum?" - "Weil ein anderer Macker zu blöd war! Ist länger her. Ein Neuer wäre nicht schlecht, wenn er was taugt." - "Ich tauge nichts!" - "Du widersprichst mir gerne!" - "Magst Du mich?" - "Ich mache am liebsten Unfug, da ich einer alten, traditionsreichen Clownsfamilie entstamme, Los Floppos! Trotzdem wüßte ich gerne, ob Du ernsthaft fragst." - "Ich glaube, Du bist schlau genug, das selber rauszubekommen. Ich mache auch gerne Unfug!" - "Das ist einfacher als Du denkst! " Dann nahm er mich in den Arm.››

‹‹Wow, das  i s t  wie im Film! War Dir das recht?››

‹‹War etwas plötzlich, aber nicht unangenehm, zumal er nicht versuchte, mich genauso plötzlich zu küssen. Wir drückten uns fest aneinander, ... aber ... damit fing mein Alptraum an.››

‹‹Das scheint Dir nahe zu gehen, kannst Du trotzdem mehr darüber erzählen?››

‹‹Wenn es sein muß, ... deswegen bin ich ja bei Ihnen, ... sorry, bei Dir. ... Es war schön, richtig romantisch, der Typ war etwas eigenartig aber nett und es hätte vielleicht eine richtige Geschichte aus uns werden können.››

‹‹Warum wurde nichts aus Euch?››

‹‹Er lief weg!››

‹‹Einfach so?››

‹‹Wegen mir.››

‹‹Verstehe ich nicht.››

‹‹Ich war vielleicht zu direkt. Mir rutsche ein unvorsichtiger Satz raus: "Wieso wird Dein Dingens nicht groß?" - Ich dachte nichts Böses. Ich hätte nicht erwartet, daß er deswegen wegläuft.››

‹‹Wurde sein Teil wirklich nicht groß?››

‹‹Nee!››

‹‹Also doch!››

‹‹Nee, nee, wurde nicht groß, war doch nicht so wichtig. Warum ist der nur weggerannt?››

‹‹War er  d e s w e g e n  beleidigt?››

‹‹Weiß ich nicht. Ich rannte hinterher und wollte fragen. Bevor ich etwas sagen konnte, fauchte er mich an, daß es ihm nur um diese Sexualscheiße gehen würde, um die sich dieser Planet drehte, bevor er anfing sich um's Geld zu drehen. Er hörte mir nicht zu und verschwand. Ich rief ihm "Arschloch!" hinterher, was mir jetzt leid tut.››

‹‹Danke Dir. - Nun bin ich einigermaßen im Bilde. Die Sache ist schief gelaufen, aber wenn Du nicht mehr über ihn weißt, nützt es Dir nichts, zu spekulieren. Du steigerst Dich nur immer tiefer hinein. Zermartere Dir nicht den Kopf, ob Du was falsch gemacht hast oder was für Probleme er vielleicht haben könnte. Vergesse ihn.››

‹‹Das ist nicht leicht. Ich kann kaum noch in den Park gehen. Manchmal ertappe ich mich dabei, ihn selbst an anderen Plätzen oder auf Konzerten zu suchen. Neulich als Schnee lag, dachte ich, wenn alles weiß ist, könnte ich ihn besser sehen. Es stürmte aber ein wenig und so wie alle eingepackt waren, hätte es fast jeder sein können. Zu Hause wurde ich das Gefühl nicht los, er wäre mir begegnet, ohne daß er sich zu erkennen gab.››

‹‹Wenn Du ihn suchst, holt Dich Deine Kindheit mit der Dir damals versagten Zuwendung immer wieder ein. Gib nicht auf, sammele bessere Erfahrungen. Das bringt Dir mehr, als jede Analyse. Vergesse diesen Kerl!››


 

26.08.2004

Kurzes:


Für Anne S.

Mir träumte, ich wäre irgendwo. Irgenwie war alles Beschiß. Alle Hinweis-Schilder führten in die Irre. Alle Stadtpläne waren falsch. Schön, daß man meistens wieder da aufwacht, wo man eingeschlafen ist.



13.8.2004

Sommer:

Ich höre einen Ton. Vielleicht ist es die Hitze oder der Himmel. Oder ein Flugzeug. Der Ton schwankt ein wenig, wie eine Schwebung. Ich höre kaum zu. Mir fällt ein Sommertag wie der heutige ein, nur irgendwo an einem anderen Ort. Vielleicht gab es diesen Tag nie. Vielleicht steht die Zeit, wenn es brummt. Der Himmel ist leer, nichtmal blau. Um mich herum ist alles leer. Nur unten ist der verdorrte Boden. Ich gehe vor mich hin. Den Ton hätte ich längst vergessen, besäße er nicht diese langsame, unmerkliche Unruhe. Mehr brauche ich an so einem Tag nicht.



17.8.2004

Eine Tageszeit:

Manchmal gefällt mir jener Augenblick am besten, in welchem die Dunkelheit gerade anbricht. Es ist noch nicht richtig dunkel, aber man bemerkt, daß die Lichter leuchten. Ein versehentlich nicht gelöschtes Licht bleibt nicht selten den ganzen Tag unentdeckt. Nun öffnen sich hinter tagsüber dunklen Fenstern Räume mit nicht geahnten Ausmaßen. An lauen Abenden finde ich den gemütlichen Schein der ihnen entweicht besonders schön. Oft wuchern hinter den Scheiben deckenhohe Urwälder, als ob der Mensch die draußen nicht mehr überlebensfähige Natur zu sich in die Wohnungen geholt hätte. Manchmal muß ich stehenbleiben und staunen, wie sehr sich diese nur für Autos gebaute Stadt in einem einzigen Moment verändern kann. Doch was hat das alles mit mir zu tun? Wo fühle ich mich schon zu Hause?



Kindheitserinnerung:

Während Deine Batterie nicht mehr so voll ist, fängt für die Kinder der Nachbarn alles gerade erst an. Ohne sich anstrengen zu müssen, machen sie den Lärm, der Dich umbringen könnte. Sie sind voller Erwartung ohne zu wissen, was kommen wird. Vom gleichen Tag erwartest Du nichts. Bist Du klüger?



26.08.04

Ich bin nicht fußballfanatisch veranlagt. Natürlich habe ich als Kind wie andere herumgebolzt. Nur gelegentlich lasse ich die Zimmertüre auf und benutze sie als Tor. Wenn ich voll treffe, muß ich danach den Ball in der Küche oder manchmal im Schlafzimmer suchen. Ich gebe zu, das macht auch heute noch Spaß.


 

14.9.2004

Die Idylle:

Plötzlich war alles etwas bunter, neuer und vielleicht ein wenig kleiner. Die Kanten der Gegenstände waren etwas stärker abgerundet. Mir kam alles wie aus einer Spielzeugwelt vor. Vielleicht habe ich nur vergessen, daß ich gerade an einem mondänen Urlaubsort verweile. Doch ein ungewohnter Drang treibt mich zur Arbeit. Ich habe es nicht weit und es ist jedesmal eine Freude, den mit roten und ockerfarbenen Steinen gepflasterten Trotoirs zu folgen. Die älteren Nachbarn grüßen nett und holen gerade ihre Zeitungen aus den Behältern am Gartenzaun. Hinter den Zäunen reihen sich kleine Häuschen, die zwar alle ähnlich aber doch individuell aussehen. Hier ein kleiner Anbau, da zwei Fenster statt ein großes, dort eine andere Eingangstüre, mal mit mal ohne Vordach. Auf den Zweigen der Hecken und Bäume zwitschern längst ausgestorbene Vogelarten.

Nach wenigen Minuten werden die Straßen breiter, es herrscht mehr Betriebsamkeit. Elektromotoren surren etwas rauh, transparente Reifen pfeifen mit genormten 42 Dezibel über das gelbe Spurtreu-Plastorollit. Neben mir quietscht es dumpf. Wieder mal ein Busfahrer, der mich kennt und vor der Haltestelle einsteigen läßt. Dann komme ich schon wieder zu früh. Der nächste oder übernächste Bus hätte es auch getan. Dafür habe ich Zeit, Tee mit Ingwer zu machen. Vielleicht trinkt jemand mit. Den Ingwer hole ich im Gemüseladen an der Ecke. Er hat schon auf.

Als ich fertig bin, faßt der Chef gleich eine Tasse ab: "Haben Sie gestern fern gesehen? Da kam was über Ingwer. Soll gut für den Magen und andere innere Organe sein. Können wir in unserem Job gebrauchen!" Ich habe immer noch keine Glotze und guck mir die Programme nicht auf dem Computer an. "Denen sind wohl die Themen ausgegangen!", sage ich. "Wenn wir uns zufällig zur gleichen Zeit von der Arbeit loseisen können, führe ich Ihnen nachher vor, wie man aus Tee und Ingwer Tee mit Ingwer macht. Ist ganz einfach!" Er brabbelt irgendwas und verschwindet in seiner Gummizelle, bevor er ausgeredet hat.

Ich deklariere den ganzen Tag Variablen, mit einem Ingwer-Präfix: ginger_handle, ginger_buffer, ginger_i, ginger_switch, ginger_counter usw. Ich kriege Mails von Kollegen und eine vom Chef:"Alles hervorragend, läuft übrigens auch ohne Ingwer!" Ich zermatsche noch eine Knolle und stelle eine weitere Kanne hin. Eine Kollegin schreibt: "Hab's endlich probiert, schmeckt besser als ich dachte, kam gestern was auf BZ-World, aber Du bist und bleibst ein Träumer!"

Ob es Zufall ist, weiß ich nicht - auch auf dem Rückweg im Bus sagt mir jemand, ich wäre ein Träumer. Das stimmt. Ertappt wache ich auf. Ich war nur vor dem Rechner eingepennt und bin immer noch arbeitslos.


 

14.9.2004

Leisetreter:

Es ist Mittag, kurz nach Zwölf. An meiner Tür klingelt es. Ich reagiere nicht. Nun pocht es. Jemand ruft: "Aufmachen, die Post!" Ich öffne einen Spalt und werde höflich angegrinst: "Guten Morgen! Ich bringe Ihnen was. Ich brauche nur Ihre Unterschrift, dann bin ich wieder weg!"

Ich öffne und sehe mehrere riesige Kisten. "Keine Angst, Sie bekommen nur eine!" - "Ich habe aber nichts bestellt. Ich bin absolut blank und den Rest versaufe ich!" - "Das kostet nichts, Sie müssen nur den Erhalt mit Ihrer Unterschrift bestätigen. Jeder bekommt so eine Schachtel!" - "Was ist denn drin?" - "Arbeit!" - "Sie sind wohl vom Karnevalsverein!" - "Das ist reiner Zufall und tut hier nichts zur Sache. Verdammt nochmal, nehmen sie mir endlich ihre Kiste ab, so eine schwere Scheiße wird nur einmal zugestellt!" - "Ist denn überhaupt meine korrekte Anschrift drauf?" - "Wenn Sie nicht sofort selber unterschreiben, gebe ich ein, Kunde Analphabet, Empfang bestätigt!"

Ich unterschrieb und überlegte, ob ich die Kiste nicht gleich zum Müllkontainer schleppe, solange darin noch Platz ist. Die war aber tatsächlich sauschwer. Es war einfacher sie in die Wohnung zu schleifen. Außerdem war ich neugierig. Als Absender war "Ihre Arbeitsagentur" auf dem Aufkleber angegeben. Neben meiner Adresse stand die Nummer, unter der man mich in den Unterlagen jener Behörde seit Jahrzehnten führt.

Die verschenken doch nichts und bei dem Gewicht könnte glatt angereichertes Uran oder Plutonium drin sein! Meine Personenwaage zeigte deutlich über 40 Kilo an. Genau konnte ich das nicht ablesen, da ich die unhandliche Kiste krampfhaft festhalten mußte und sie mir zugleich die Sicht versperrte. Die Anzeige war fast am Anschlag und ich mußte mein Gewicht abrechnen.

Ich entdeckte einen schwachen, sehr ungleichmäßigen Aufdruck, der offenbar nur bei künstlichem Licht sichtbar wird: "Alternateur d'Travail Fabriqué en Chine". Was das wohl heißt? Bald fand ich an einer anderen Stelle was auf Englisch: "Job-Generator Made in China". Es lag doch nicht am Licht. Überall da, wo ich den Karton angefaßt hatte, hoben sich die Konturen von Buchstaben ab. Irgendwas mit "Labor" war wohl Polnisch. Wenn ich lange genug dran rumgefummelt hätte, wäre mir die Botschaft bestimmt in sämtlichen Welt-Sprachen erschienen. Vielleicht reagiert die Schrift chemisch mit Angstschweiß.

War nicht einfach zu öffnen. War gut geklammert. Was dann zum Vorschein kam, als ich nicht weiter wußte und den oberen Styropordeckel aufbrach, sah wie die Teile eines Fitness-Gerätes aus. Ein Handbuch lag auch dabei und darin wird tatsächlich ein mehrtägiges Training Schritt für Schritt beschrieben. Ein Kapitel handelt von richtiger Ernährung zum Muskelaufbau. Ein paar Gutscheine für verschiedene kostenlose Proben von Sportlernahrung klemmten zwischen den Seiten: Erdbeer-Anabol, Schoko-Emphedreh, Hochleistungs-Gen-Tofu und rostfreie Knoblauchwurst.

Ich stemmte die Teile aus dem Karton. Der Zusammenbau war intuitiv und einfach. Ein dickes Netzkabel hing dran. Ich steckte es in die Steckdose. Nun leuchtete das Display: "Willkommen an ihrem Dauer-Arbeitsplatz. Ihr momentanes Guthaben beträgt 00000.00 kWh entspricht € 00000.00. Lesen Sie bitte die Anleitung sorgfältig durch." Die Nullen blinkten. Mehr konnte das Gerät nicht. Daß sich die Pedale von selber drehen, wäre wohl zu viel erwartet. Das schwungvolle Logo an den Seiten der Kettenverkleidung fand ich weniger gelungen: "Leisetreter".

An nächsten Tag erhielt ich ein freundlich formuliertes Schreiben von meinem Energie-Unternehmen. "Da Sie nicht mehr Abnehmer sondern Lieferant sind, stellen wir zum Monatsende unsere Stromlieferungen an Sie ein. Wir hoffen auf weiterhin gute Zusammenarbeit ..." usw. blah.


 

15.9.2004

AZ 2004/10c II4457, Berger, Sven:

Der Angeklagte wird nach AGO §§ 3,1 und 5,1 u. 5,3 bis 5,18 (ohne 5,10) schuldig gesprochen, das dreißigste Lebensjahr überschritten zu haben.

Der Angeklagte gab vor, keine gültige Geburtsurkunde, sondern nur die vorgelegten unsicheren Belege zu besitzen. Das Gericht sieht darin nach sorgfältiger Würdigung seiner Persönlichkeit eine Zweckbehauptung.

Eine Analyse seines in Anwesenheit des Gerichtes angefertigten Lebenslaufes ergab mehr Übereinstimmungen mit den Merkmalen früherer Lebensläufe als mit neueren. Das Ergebnis dieser Analyse liegt in einem eigenen Dokument dieser Urteilsbegründung bei.

Eine medizinische Untersuchung deutet darauf hin, daß der Angeklagte selbst bei großzügiger Schätzung zu seinen Gunsten das zulässige Alter sicher überschritten hat. Entsprechende mineralische Ablagerungen in den Gefäßen wurden nachgewiesen. Der genaue Befund liegt ebenfalls in einem eigenen Dokument vor.

Das Urteil tritt sofort in Kraft und wird bei freiwerdender Kapazität einer der ausführenden Institutionen zum nächst möglichsten Termin ausgeführt.

Ein Aufschub zur Abwicklung letzter familiärer Angelegenheiten wird nicht gewährt, da der Verdacht einer Verschleppung des Verfahrens bis zuletzt nicht ausgeräumt werden konnte.

Für eine Ausnahme liegen keine Gründe vor. Am Lebenswerk des Angeklagten besteht weder ökonomisch noch kulturell ein gesellschaftliches Interesse. Der Angeklagte hat keine leitende Position in einem Unternehmen inne.


Anmerkung nach AGPO §1 und AGPO/K §10,4:

Diese Entscheidung stützt sich auf legitimiertes, geltendes Recht und ist endültig, um ein Ausufern des Verfahrens zu vermeiden.

Die Verfahrenskosten werden in voller Höhe durch das Vermögen des Angeklagten beglichen. Danach werden Ansprüche etwaiger Erben geprüft. Finden sich keine Erben, behält die Gerichtskasse das Vermögen ein.


 

21.09.2004

Der Wasser-Kocher:

Lange Zeit war nichts kaputt gegangen und ich hätte sowieso kein Geld gehabt, was neues zu kaufen. Dann gab der Wasser-Kocher seinen Geist auf und ich mußte wieder umständlich auf dem Herd Wasser heiß machen. Ich zog erst los, als sich die Tastatur zu verabschieden drohte. Die Beschriftung einiger Tasten war schon länger unleserlich. Unterwegs entschied ich mich spontan, einen Wasser-Kocher zu kaufen.

Ich nahm nicht den billigsten und legte 5 Euro drauf. Damit wäre diese Geschichte zu Ende, sonst würde ich das nicht betonen. Wer es wissen will, der Topf hielt ungefähr zwei Monate. Die Tastatur tut es immer noch, wie jeder sehen kann.

Bevor ich ihn zertrampelte, prüfte ich die Heizung mit einem Ohm-Meter. Die war nicht mehr. Ich erinnerte mich, daß in der Anleitung stand, das Teil könne durchbrennen, wenn der Topf verkalkt ist. Er war verkalkt, darum bevorzugte ich es, ihn zu zertrampeln, statt mich mit Verkäufern zu streiten. Der alte Kocher hatte gute fünf Jahre gehalten und wurde höchstens alle 12 Monate entkalkt. Warum hätte ich mit dem neuen anders umgehen sollen?

Da ich das High-Tech-Gerät durch das Rausdrehen von immerhin drei Imbus-Schrauben zerlegt hatte, mußte ich mir die Mühe machen, alles einzeln zu zertrampeln. Bei den Plastikteilen dachte ich mir nichts. Dem Edelstahltopf hätte ich mehr Stabilität zugetraut. Ging genauso leicht.

Ich hatte nur nicht erwartet, daß dabei das Heiz-Element abplatzt. War nur geklebt. Die offene Klebefläche roch nicht viel anders wie normaler Epoxid-Kleber. Wird bei 100 Grad rum weich bis flüssig. Wieder mal zerbrach eine Scherbe meines Weltbildes. Ich wußte, daß es bis vor ein paar Jahren noch nicht möglich war, Lautsprecher zu bauen, die tausend Watt vertragen. Die könnte man evtl. direkt an die Steckdose anschließen. Der Grund war, daß die Lautsprecherspulen zu heiß wurden und sich von der Membrane lösten, weil die Kleber bei solchen Temperaturen nicht hielten.

Zur ideellen Reparatur meines persönlichen, meist schäbigen Bildes dieser Welt googelte ich nach "Hochtemperatur-Kleber". Geht heute also auf Silikon-Basis bis 1100 Grad. Daß ein Wasser-Kocher verläßlich durchbrennt, sobald der Topf etwas Kalk ansetzt, das haben diese Juppy-Ingenieure genausogut hinbekommen. Äußerlich war der schicke, zuletzt leider etwas zu coole Kocher erst wenig verdreckt.


 

22.09.04

LMA-Chip-Karte:

Wie oft ist das Ihnen schon passiert? Jemand sagt: "Leck mich am Arsch!" Das ist zwar nicht nett, aber das Schlimmste an dieser Situation ist, man kann nicht viel tun außer die Aufforderung seinerseits zu wiederholen. Ein Konflikt bahnt sich an. Doch womöglich gibt es bald eine zuverlässige Abhilfe.

Nach meinem Geschäftsmodell würden Sie dem Kontrahenten eine Chip-Karte überreichen, die ihn zur Inanspruchnahme einer entsprechenden Dienstleistung berechtigt. Vorher würden Sie mit Ihrem Handy den Wert, also die Anzahl der Anwendungen, auf die Karte laden. Dafür wird ein relativ geringfügiger Betrag von Ihrem Bankguthaben abgebucht. Dies erfordert keine besonderen Kenntnisse. Wenn Sie 5% der Tasten Ihres Handys verstehen, genügt das. Solche Chip-Karten könnten wie Geld weitergegeben und beliebig oft wiederverwendet werden, wenn sie nichts mehr wert sind. In bestimmten Situationen könnte man sogar Geld durch sie ersetzen. Mancher würde besonders schnell reich.

Ihre Bedenken gegen mein Geschäftsmodell kann man leicht entkräften. So eine Dienstleistung verstößt überhaupt nicht gegen die oft bemühten guten Sitten, zumindest nicht gegen die üblichen. Entsprechende Äußerungen sind in allen Schichten der Gesellschaft, an allen Orten und zu jeder Tageszeit zu hören. Forscht man in der Geschichte, könnte man mit Recht von einem alten Volksbrauch sprechen. Zieren Sie sich nicht. In unserem Lande sind Innovationen im Dienstleistungsbereich am nötigsten, wenn wir alle weiterkommen wollen.

Über die Ausführung der Dienstleistung habe ich mir noch keine endgültigen Gedanken gemacht. Am besten wäre es, sich zuerst mit einer Kostenanalyse mehr Klarheit zu verschaffen. Zu deren Finanzierung können Sie in meinen Fond einzahlen. Unter Umständen ist es langfristig billiger, einen humanoiden Automaten zu entwickeln, als Tiere oder Arbeitslose für die Ausführung abzurichten. Zuvor müßte untersucht werden, ob es deswegen ein Akzeptanz-Problem gibt und ob diese die Synergie-Effekte überwiegen, die sich aus einer rein technologischen Umsetzung ergeben täten.

Letztlich ist alles eine Frage von Marketing und geschickt angewandter Psychologie. Das Geschäftsmodell könnte im Schwabenland oder in Thüringen erprobt und dort zuerst erfolgreich eingeführt werden.


 © Designed and written by Zacke. September 2004.