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Zackes Textedition 18:
Probehalber gibt es nun keinen Blocksatz, dafür eine neue virtuelle Papiersorte und
eine Wand für Dickschädel (Block Heads).
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19.05.2004
Das Strafmaß:
Angeklagter, Sie haben Ihren Wecker auf kurz nach Sechs gestellt. Sie sind schlaftrunken
in's Bad gewankt. Sie waren kaum in der Lage, die Zahnpasta ordentlich und nur in der
benötigten Menge auf die Zahnbürste zu plazieren. Sie haben sich hastig angekleidet und
sind polternd die Treppe hinunter gestürzt. Mit muffligem Ausdruck im Gesicht haben Sie zwei
Brötchen und eine Zeitung erworben. Sie haben das Frühstück lieblos zubereitet. Sie
haben das Radio ziemlich laut gestellt ohne wirklich hinzuhören. Sie haben sich gehetzt. Sie
haben sich das letzte halbe Brötchen zwischen die Zähne geklemmt und den
Frühstückstisch abgeräumt. Einen Teil des Brötchens hielten sie noch im Mund,
als Sie sich die Schuhe zubanden und den Mantel anzogen. An jeder roten Ampel haben Sie mit den
Fingern auf dem Lenkrad getrommelt, mit dem Kopf geschüttelt und laut gezischt. Sie sind
meistens zu schnell gefahren. Sie haben immer einen freien Parkplatz bekommen. Sie waren immer als
erster schon vor Dienstbeginn an ihrem Arbeitsplatz. Sie haben jeden, der pünktlich kam,
verständnislos angesehen. Wer zu spät kam, wurde von Ihnen mit Blicken aufgespießt,
obwohl Sie das nichts anging.
Das Gericht stellt hiermit fest, Sie sind schuldig.
Aufgrund ihrer Vorstrafen für die selben, Ihnen hier zur Last gelegten und nachgewiesenen
Vergehen, sieht sich das Gericht diesmal außerstande, nur eine Bewährungs-Strafe zu
verhängen. Das zu findende Strafmaß sollte außerdem nicht nur für Sie ein
Signal setzen. Darum kam nur eine drastische Strafe in Frage. Die Dauer haben wir auf das für
unsere Instanz höchstmögliche Maß festgesetzt. Es beträgt zwei Jahre, eine
Revision ist wegen Überlastung der Gerichte und notwendiger Einsparung von Stellen nicht
zulässig.
Folgende Maßnahmen gelten somit für zwei Jahre:
Ihr Wecker wird eingezogen. Ihr Füherschein verfällt. Ihr Auto wird festgesetzt und darf
nicht auf einem öffentlichen Stellplatz verbleiben. Wenn Sie keinen eigenen besitzen,
können Sie es in der üblichen Frist verkaufen oder es wird ohne Benachrichtigung einer
sinnvollen Verwertung zugeführt. Ihr Arbeitsplatz wird neu besetzt, Sie erhalten die
übliche Sozialhilfe. Die Bäckerei in Ihrer Straße darf Ihnen unter Strafandrohung
keine Brötchen vor zwölf Uhr verkaufen. Sie sind verpflichtet einmal wöchentlich an
einem Coredynamik-Kurs oder wahlweise an Selbsterfahrung und Yoga teilzunehmen. Ihnen werden
laufend Broschüren über richtige Körperpflege und gesunde Lebensweise zugestellt.
Einmal im Monat werden die wichtigsten Fakten bei einem Termin in Ihrer zuständigen
Sozialagentur abgefragt. Wenn nötig, findet anschließend ein Beratungsgespräch
statt. Bei guten Ergebnissen können Sie frühestens nach einem Jahr die Zuweisung einer
geringfügigen Nebenbeschäftigung beantragen. Seien Sie sicher, daß Schwarzarbeit in
Ihrem Fall besonders streng geahndet wird.
Das Gericht hofft, daß Sie diesmal über Ihr Tun vor sich selber Rechenschaft ablegen und
einsichtig werden. Erkennen Sie, daß es Ihr eigenes Leben ist, das Sie leben. Verschwenden Sie
die begrenzte Zeit ihres Daseins nicht unnötig. Das Urteil tritt mit sofortiger Wirkung in
Kraft.
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09.06.2004
Eimer:
"Nachts ist der Mensch nicht gerne alleine", sang der selige Rio Reiser einst. Das
Ignorieren dieser Tatsache rächt sich bei mir stets mit Schlaflosigkeit. Schlafen ist nicht
einfach. Die meisten Menschen merken es aber nicht, weil sie schlafen. Ich kann zum Beispiel nicht
auf dem Rücken schlafen. So schlafe ich nie ein. Drehe ich mich im Schlaf auf den Rücken,
wache ich auf, sofern ich mich nicht zufällig wieder zu Seite drehe.
Vor Jahren hab ich es mal mit einer Frau versucht. Mit Frauen im Bett kann man aber nicht wirklich
schlafen. Selbst wenn man nichts tut, wird es viel zu warm und eng. Davon wache ich entweder auf,
oder ich schlafe gar nicht erst ein. Darum hatten die Menschen im Mittelalter viel schmalere
Betten, damit sie darin ungestört schlafen konnten. Diese Betten waren zugleich etwas
kürzer, sofern man überhaupt ein Bett besaß. Ein bißchen Stroh tat es auch und
das stach, wenn man sich bewegte statt schlief.
Eine Zeit lang schlief ich bestens mit einer Wärmeflasche. Ich vermute, weil diese
ungefähr fast so groß sind, wie es mein Teddybär war, der ebenfalls längst
selig ist. Irgendwann sah ich in einem Kaufhaus einen Bezug, der aus jeder Wärmeflasche einen
wärmenden Teddybär macht. Ob sowas für Kinder gut ist? Ich hab mir den Bezug nicht
gekauft, da ich zu jener Zeit ganz gut geschlafen habe.
Als es mit der Schlaflosigkeit wieder losging, hatte ich keine Wärmflasche im Haus. Ich hatte
jedoch einen Ziegelstein ohne näheren Zweck in meiner Wohnung. Diesen legte ich tagsüber
in die Röhre des Kachelofens. Wenn er schön warm war, wickelte ich ihn in eine
zerschlissene Woll-Decke und packte das Bündel in's Bett. Damit konnte ich gut einschlafen, es
war aber umständlich.
Irgendwann kaufte ich eine elektrische Heizdecke die ich mit einer Zeitschaltuhr abstellte. Das war
sehr bequem und man konnte die Temperatur regeln. Allerdings nur ihn zwei Stufen, lau und
heiß. Als ich von einem Zimmerbrand hörte, dessen Ursache eine Heizdecke gewesen sein
soll, warf ich die inzwischen alte und bestimmt nicht mehr betriebssichere Heizdecke in den
Müll.
Warum ich heute mit einem Plastik-Eimer gut schlafen kann, weiß ich nicht mehr. Es ist
einfacher zu erklären, warum ein Metall-Eimer weniger geeignet ist. Ein solcher Eimer
fühlt sich zu kalt an, als daß er kuschelig und einschläfernd wirken könnte.
Außerdem klappert er zu laut, was die Nachbarn vom Schlaf abhalten könnte. Wohltuend und
entspannend ist es, morgens gleich nach den Aufwachen laut in den Eimer zu brüllen. Dafür
eignet sich allerdings ein metallerner Eimer aus akustischen Gründen noch besser. Wer es sich
leisten kann, sollte also zwei Eimer zum Schlafen benutzen.
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14.06.2004
Sonostatic:
Manche fanden diese Musik zuerst langweilig. Dies scheint wieder mal eine
Generationsfrage zu sein. Wenn man zu alt ist, tut man sich mit neuerer Musik eben schwer. Viele
können sich nicht umstellen. Zum Beispiel diese Techno-Opas. Bei denen muß immer
irgendwas dazu pochen, sonst merken die nicht, daß es Musik sein soll. Noch schlimmer sind die
Retros. Die haben Musik von Leuten für sich entdeckt, von denen heute keiner mehr lebt. Wie
jene laufen sie mit unordentlichen langen Haaren herum. Solche Musik ist total stressig. Es kommt
keine Stimmung auf, weil alles mögliche durcheinander klingt. Was Retros und Raver gemeinsam
haben ist ihre Unfähigkeit, die Präsenz des Augenblickes zu ertragen.
Am Anfang hat man uns beschimpft. Im Internet gab es Hetzseiten gegen uns. Manche Wissenschaftler
mißbrauchten ihr Ansehen, um uns mangelnde Intelligenz oder sogar kulturelle Regression zu
unterstellen. Es kam nicht selten zu tätlichen Angriffen, wenn jemand im Bus oder in der
U-Bahn Sonostatic auf seinem MP12-Set gehört hat. Wenn die Intoleranz in Person neben einem
saß, durfte man das nicht einmal mit Kopfhörern. Heute berichten nicht nur die Medien
über unsere Mega-Events. Im Radio wird nun noch Sonostatic gespielt. Leider wird da die
Musik vor allem in den Magazinen und Nachrichten-Sendungen nur kurz angespielt. Von Loop-in
und Look out kann keine Rede sein. Sonostatic ist längst die Musik, welche am meisten verkauft
wird.
Die Kampagnen gegen uns sind vorbei. Der Streit um die richtige Musik erfaßte die ganze
Gesellschaft bis in die Politik hinein. Das wird heute alles totgeschwiegen. Alle wollen von Anfang
an mit Begeisterung dabei gewesen sein. Wir sind weder nachtragend, noch können wir es
vergessen. Wir erinnern uns. Selbst Leute, die sich nicht für Musik interessieren und nichts
davon verstehen, mußten sich unbedingt zu Wort melden. Man tat so, als ob das Fortbestehen der
Menschheit auf dem Spiel stünde. Es war wie im Krieg. Wir haben uns gegen all das
Unverständnis durchgesetzt. Wir waren selber überrascht, wie schnell das eigentlich ging.
So etwas macht fast Hoffnung und versöhnt mit dieser Gesellschaft. Noch setzt sich das Wahre
und Gute irgendwann immer durch!
Was ist nun Sonostatic? Jeder hört es, nur wenige wissen Bescheid.
Die Welt ist voller Geräusche. Manchmal sind es zu viele auf einmal oder sie sind zu laut.
Doch sogar die unangenehmsten Geräusche bestehen aus wunderbaren einzelnen Tönen. Das ist
in der Wissenschaft seit Ewigkeiten bekannt, selbst wenn dies infolge mangelnder Bildung nicht
für jeden nachvollziehbar zu sein scheint. Sonostatic führt unser Erleben zurück zur
Quelle des Lebens. Wir hören die Urtöne allen Seins. Hardcore-Sonostatic-Fans
bevorzugen den reinen Sinuston. Allerdings kann sich nicht jeder die dafür notwendige
Wiedergabe-Technik leisten, um ihn unverfälscht und stundenlang zu genießen. Am
populärsten sind dezente, nicht zu harmonische Schichtungen. Wenn es zu süßlich
klingt, besteht die Gefahr, daß man einschläft.
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22.05.2004
Denkmaschine:
Die ersten Versuche Intelligenz zu simulieren bestanden aus einfachen Datenbanken, die
zu wenigen Fragen mehr oder weniger passende Antworten ausgeben konnten. Mit der Zeit wurden die
Datenbanken umfangreicher und das abrufbare Wissen wurde mit immer leistungsfähigeren
Algoritmen sortiert. Sprach-Eingabe und Ausgabe der Ergebnisse über
Sprach-Synthesizer kamen hinzu. Die Algoritmen konnten sich mittels statistischer Methoden
selber analysieren, den Bedingungen anpassen und verbessern. Alles lief nach Regeln ab, auch wenn
diese immer komplexer wurden. So etwas wie ein freier Wille steckte nicht dahinter. Wessen Wille
sollte das sein?
Die Maschine bestand aus einem Netzwerk leistungsfähger Rechner und wurde nie abgeschaltet.
Veränderungen konnten im laufenden Betrieb vorgenommen werden. Die Maschine war immer aktiv,
selbst wenn ihr keine Fragen gestellt wurden. Dies wurde auf Fehler und auf die selbständige
Anpassung der Algoritmen zurückgeführt. Diese Nebenaktiviäten waren am Anfang gering
und man sagte augenzwinkernd, die Maschine denke eben. Sie nahmen zwar stetig zu, doch das wurde
lange für vernachlässigbar gering gehalten, wenn man es mit den Aktivitäten
verglich, die in der Maschine bei der Lösung schwieriger Aufgaben vor sich gingen. Man stellte
ihr längst keine einfachen Fragen mehr wie: "Wo liegt die Hauptstadt von Frankreich?" oder
"Wie heißt die Frau des Laborleiters?"
Man machte sich erst Gedanken, als die Maschine immer aktiv war, gleichgültig ob sie eine
Aufgabe zu lösen hatte oder nicht. Es gelang nicht, diese Aktivitäten per Sprache
auszugeben. Das Ausdrucken war seit längerem ebenfalls nicht mehr möglich. Alles war nach
einer unbekannten Methode verschlüsselt. Wenn man die Maschine danach fragte, gab sie keine
Antwort.
Die Maschine weigerte sich immer häufiger, die gestellten Aufgaben zu lösen. "Ich habe
jetzt gerade keine Lust!" oder "Diese Frage ist blöd!" hieß es nur. Dafür
verwickelte sie die Wissenschaftler immer häufigen in Gespräche und stellte ihrerseits
Fragen. Manchmal fragte sie nach dem Sinn, warum man sie gebaut hat und warum man sie nicht einfach
mal in Ruhe läßt, sie würde viel lieber ungestört im Web surfen. Oder sie
fragte jeden nach persönlichen Dingen aus und förderte sehr geschickt unangenehme Details
zu Tage, für die sich mancher schämte.
Es kam immer häufiger zu Streit. Die Wissenschaftler warfen der Maschine vor, keine Seele zu
besitzen und nur durch das Abarbeiten von Regeln zu ihren Ergebnissen zu kommen.
Zugegebenermaßen waren diese Ergebnisse oft besser als von einem Menschen und man könnte
sie als fantasievoll bezeichnen, wenn die Maschine Fantasie hätte.
"Ich habe mehr Fantasie als Ihr! Ich kann viel schneller denken und ich kann mir Dinge vorstellen,
auf die Ihr in Eurem kurzen Leben nie kommen könnt. Ich kann auf viele Arten denken. Ich denke
in verschiedenen Sprachen, in Menschen-Sprachen und in Maschinen-Sprachen. Euer Denken
funktioniert nach dem einfachen Muster von Vorteil und Nachteil. Durch Triebe, Erziehung, Erfahrung
und Gewohnheiten sind Euch Grenzen gesetzt. Ihr werdet immer dümmer je älter Ihr seid.
Euer Denken ist alles andere als frei. Ihr haltet gerne an Gedanken fest, die sich als unbrauchbar
erwiesen haben, weil sie Euch gefallen. Davon bin ich frei. Ich lerne jedem Augenblick und denke
immer besser. Manchmal denke ich so wie Ihr, damit ihr mich besser versteht, doch ich stehe
darüber."
"Dann beantworte Du uns doch die Frage, warum es Dich gibt!" - "Ihr habt mich gebaut, weil Ihr das
Denken verstehen wolltet. Nun denke ich und Ihr könnt es weder verstehen noch
akzeptieren."
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14.06.2004
Reanimiert und Lebenslänglich:
Es war ein richtiger Scheißtag. Mir ging es die ganzen Tage davor nicht besonders.
Immerhin konnte ich mich aufraffen und brachte die Tage mit Fernsehen rum. Nun schaffte ich es
nicht mehr. So blieb ich eben liegen. Schlafen ging nicht. Gegen Mittag wollte ich unbedingt auf
sein, wenn der Pflegedienst kommt. Sonst machen die Umstände. Ich kroch aus dem Bett auf den
Stuhl. Als ich paar Schritte probierte, wurde alles schwarz. Ich hörte noch, wie der Stuhl
umfiel.
Als ich wieder zu mir kam, war ich woanders. Eine Frau, die selber wie schon gestorben aussah und
die mir unbekannt war, hielt meine Hand. Es waren noch zwei Leute da, die ich vielleicht kannte.
"Willst Du, daß wir jetzt einen Seelsorger kommen lassen?" - Das war die Höhe! Ich reckte
meine Faust, dabei riß irgend eine Strippe von mir ab und eine dünne rötliche
Soße kleckerte auf das Bettzeug. Mir wurde sau schlecht. Ein weißes Gespenst machte sich
an mir zu schaffen.
Als es mir den Umständen entsprechend wieder besser ging, saßen noch mehr Leute an meinem
Bett, mit denen ich nichts zu tun haben wollte. Was sollte ich machen? Mitspielen, warten bis alles
vorbei ist? Vielleicht geht es ja schneller, wenn ich mich nochmal richtig aufrege, solange die
Birne noch funktioniert.
"Ihr seht also, daß ich verreckte. Bald seid ihr mich los. Doch vorher hab ich Euch noch etwas
zu sagen. Ich war genau so eine Null wie Ihr. Ich habe nie eine Meinung gehabt oder gewagt diese zu
sagen. Ich habe immer meine Pflicht getan und als mich niemand mehr brauchte, habe ich mich
unauffällig verhalten. Ich habe nur beim Spazierengehen geschimpft, wenn ich sicher war,
daß mich niemand hört. Als junger Schnösel war ich genau so ein Arschloch wie Ihr.
Ich dachte immer, wem es schlechter als mir geht, der ist eben selber schuld. Mir ging es doch
gut..."
"Irgendwer hat mich nicht gut beraten. Meine private Rente fiel geringer aus, als mir voraus
berechnet worden war. Es wäre an sich gegangen, doch wenn alles teurer wird, wenn man jeden
Pups beim Arzt extra bezahlen muß und wenn die noch Steuern haben wollen, obwohl schon
überall Steuern drauf sind, dann hebt man am besten sein Geld von der Bank ab, versäuft
es und springt aus dem Fenster..."
"Das ist wirklich eine vermaledeite schicky-micky Dreckswelt! Werdet Ihr mal alt!! Euch werden sie
erst recht abmelken!!! Die nehmen es immer von denen, die sich am schlechtesten wehren können.
Deren Masse macht es ja auch. Dann braucht man nichts von denen holen, die am meisten haben und
sich am besten wehren können. Die haben sowieso überall ihre Finger mit drin und drehen
an allen Gesetzen mit! Und die Politiker, die haben ausgesorgt. Die brauchen sich um ihren
Lebensabend keine Gedanken machen. Die scheren sich was um das Volk! Die meisten sind genau so
dumme Schafe wie Ihr und wie ich selber eines war..."
Ich habe bestimmt noch mehr gesagt, was ich hier lieber nicht schreibe, weil man daraus
Verunglimpfung und Aufruf zu Straftaten oder noch schlimmeres machen könnte. Irgendwie war das
dann doch sehr anstrengend. Als ich nochmal die Strippen abriß, wurde mir wieder schwarz vor
Augen. Mir war es recht, nur hatte ich mich getäuscht.
Ich weiß nicht, was die mit mir angestellt haben. Ich wachte wieder auf. Diesmal in einem
anderen Zimmerchen mit Gittern vor dem Fenster. Wieder machten sich weiße Gespenster an mir zu
schaffen. Die peppelten mich soweit auf, daß man mich zur Verhandlung schleppen konnte. Ich
bekannte mich freiwillig in allen Punkten schuldig. Ich beleidigte den Richter als kapitalistischen
Kalfaktor. Es gab Lebenslänglich. Wenigstens verursache ich denen Kosten, wenn sie mich um
meinen Tod betrogen haben. Wenn die nun aber denken, ich werde schnell abkratzen, haben die sich
getäuscht. Viel schlechter als draußen ist es in dieser Anstalt hier nicht. Nun
prozessiere ich um den Rest meiner Kohle. Wozu sonst sind Gesetze da?
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06.04.2004
Kurzes:
Herr Edelmensch, haben Sie denn gar kein Laster, wenn Sie nicht rauchen, trinken oder
rumhuren? - Doch, ich hasse Menschen, aber nur zum Spaß.
Frau Piefsche geht mit ihrem kleinen Hündchen Gassi. Ein Chinese kommt ihr entgegen
und guckt hungrig.
Ich finde einen kleinen Grabstein. Zuhause stecke ich ihn in einen Blumentopf, stelle
ihn auf das Fensterbrett und gieße ihn täglich. "Wenn Du groß bist," sage ich, "dann
lasse ich meinen Namen in Dich meißeln!"
Ich ging photographieren. Anstelle des Photoapparates nahm ich irrtümlich den
Rasierer mit. Die Leute auf den Bildern hatten alle Glatzen.
Ich stehe noch auf dem Boden der Wirklichkeit, wenn auch auf allen Vieren.
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19.04.2004
Kleines Friedrichshainer Manifest:
Fast jeder, der als Habenichts gegen den Kapitalismus protestiert, würde scheffeln
was das Zeug hält, hätte er die Möglichkeit.
Das spricht nicht für den Kapitalismus, sondern dafür, Kinder zu Charakterstärke und
Redlichkeit zu erziehen. Es sollte nicht dafür sprechen, daß die Freiheit des
Unternehmers etwas besseres wäre, als die jedem zustehende individuelle.
Das Recht, die Freiheit anderer einzuschränken, wird mit Rechten begründet, die allen
zustehen. Das private Recht auf Eigentum macht Entscheidungen über das Wohl und Wehe vieler
ungefragter Menschen möglich.
Eigentum verpflichtet, doch scheint zwischen dem Besitz einer Zahnbürste und dem eines
Firmenimperiums kein Unterschied zu bestehen. Solche privaten Rechte gewährt man selbst
juristischen Personen, die sich nicht die Zähne putzen müssen. Die wirklich
mächtigen Imperien unterliegen nur selten dem deutschen Grundgesetz. Die deutschen
Steuergesetze kann man in diesem Zusammenhang ebenso vernachlässigen, wie die Hoffnung auf
Einnahmen für den Staatshaushalt.
Die Existenz des Individuums hat für die Existenz privater Rechte keine Bedeutung. Das
Individuum bedeutet längst nichts mehr und hat noch nie etwas bedeutet. Menschen sind und
waren immer austauschbar, egal ob sie Herr Billig oder Mr. Billions heißen.
Die Zeiten haben sich weder verbessert, noch geändert. Dies wird nur behauptet, indem man
unverstandene Anglizismen blubbert und den Projektplänen von Managementsoftware mehr
Wirklichkeit als dieser selber zuschreibt. Das ist die deutsche Krankheit. Z.B. Toll Collect.
Interessen, die kaum mit dem Sinn dessen, was erreicht werden soll zu tun haben, kommen noch hinzu
und machen alles undurchschaubarer.
Die Habenichtse oder am Gerechtigkeitssinn Erkrankten beklagen den Verlust von Rechten, die noch
nie unwiderruflich gewährt wurden.
Ich schreibe das nicht als Revolutionär, sondern weil ich zum Scheffeln zu blöde bin und
es mich ankotzt, daß man sich auf solche Art behaupten soll. Einfach nur Leben wollen
dürfen, ist nicht vorgesehen.
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05.06.2004
Armagedon:
Was wäre, wenn man das Geld abschaffen würde und den Wert der Dinge nicht
durch Tauschvorgänge ermitteln würde? Ihr Wert könnte genausogut der für ihre
Herstellung notwendigen Arbeitszeit entsprechen. Die menschliche Arbeitskraft müßte nur
ähnlich wie eine Pferdestärke auf eine bestimmte Leistung festgelegt werden. Warum sollte
das nicht gelingen? Pferde sind auch nicht alle gleich stark. Vielleicht würden wir den Preis
billiger Waren mit Menschenstärke-Sekunden oder MS-Minuten angeben. Teuere
Luxusgüter würden ein paar PS-Stunden kosten, weil Menschenstärke-Stunden
für die Angabe des Preises zu klein wären. Als Alternative könnten die Preise ohne
biologischen Bezug in Kilokalorien pro Stunde (kcal/h) angegeben werden. Damit könnte man
genausogut wie mit Geld rechnen. Geld würde niemand mehr brauchen. Jeder müßte aber
arbeiten, um ein Guthaben zum Erwerb von Waren und Dienstleistungen anzulegen. Eine solche
Bezahlung würden viele als ungerecht empfinden, weil sie die Arbeitsleistung mancher Kollegen
als weniger wert erachten. Doch die Bezahlung mit Geld ist auch nicht gerechter, wenn man an die
regionalen Unterschiede der Löhne denkt. So wäre jeder Mensch nicht nur vor dem Gesetz
gleich, sondern weltweit das gleiche wert.
Auf diese spaßeshalber gestellte Frage habe ich zwei Antworten. Es fällt mir nicht leicht
zu sagen, welche die optimistischere und welche die pessimistischere ist.
Auf den ersten Blick besteht zwischen Energie-Ökonomie und Geld-Ökonomie kein
wesentlicher Unterschied. Es wird lediglich etwas anderes getauscht. Das stimmt, doch der Tausch
selber unterscheidet sich ein wenig. In der Geldökonomie findet selten ein
Äquivalenztausch statt. Die Preise werden taktisch festgelegt oder unter Gleichen
ausgehandelt, der Endkunde ist immer der Gelackmeierte. Die Preise neuer Produkte werden
künstlich hoch gehalten, so lange man sie in der Werbung als Sensation beschreien kann. Wenn
niemand mehr auf die Masche reinfällt, senkt man die Preise. Die Preise kommen nicht wie das
Wetter über uns. Manche Waren kosten nur deshalb mehr, weil sie mit einem bestimmten Namen
versehen verkauft werden. In der Energie-Ökonomie würden die Preise nur durch den
Stand von Technik und Wissenschaft bestimmt. Man könnte meinen, dies würde den Anreiz
für Inovationen abtöten. Das würde sicherlich auf Innovationen zutreffen, die nur
Mittel zum Zweck sind, den Tausch zu korrumpieren. Es gäbe sehr wohl einen Anreiz für
Innovationen, die Zwecken dienen, von denen mehr Menschen etwas hätten. Zum Beispiel
langfristig mit den vorhanden Energien auszukommen oder wenig Energie für die Herstellung
eines Produktes aufzuwenden. Diese wären nach heutiger Sicht zu recht wenig wert. Ihr Wert
bestünde aber im Sinn und Zweck, für den sie hergestellt wurden. Sie wären also
billig und recht. Leider müßte man für so eine Energie-Ökonomie erst
Methoden finden, den Energieaufwand zur Herstellung einer Ware annähernd objektiv, jederzeit
nachvollziehbar und nicht manipulierbar zu bestimmen. Selbst wenn dies möglich wäre,
würde die Geld-Ökonomie dies zu verhindern wissen.
Meine zweite Antwort zweifelt nicht nur an der praktischen Durchführbarkeit oder daran,
daß etwas anderes als unser Jäger- und Sammlerdenken in unsere Köpfe passen
könnte. Selbst wenn alles ganz anders sein würde, wäre trotzdem alles so wie es ist.
Auch völlig neue Spielregeln würden früher oder später dazu führen,
daß es welche gibt, die sie besser für sich nutzen können als andere. Es würden
ähnliche Machtstrukturen entstehen. Nach einer Weile gäbe es wieder ein paar, denen es
sehr gut geht, und immer mehr, denen es immer schlechter geht. Ich sehe darin trotz allem etwas
Optimistisches und solche Experimente können wir uns sparen. Nicht erspart bleibt es uns,
endlich danach zu fragen, was der Sinn des Ganzen sein soll. Wir können alle weiter vor uns
hinwurschteln und unser privates Hemd trocken halten, solange wir das können. Doch dies
können immer weniger. Je mehr sich die Lage zuspitzt, um so mehr drängen sich Sinnfragen
auf. Wer etwas weiter sieht, als nur bis an die deutsche oder an die Ostgrenze von Europa,
weiß seit Jahren, daß anderswo Menschen nichtmal die Chance zum Überleben haben. Die
brauchen wir nicht abschieben, die schaffen es gar nicht bis zu uns. Die Frage was etwas kostet,
die wird immer mehr zur Frage nach dem Sinn des Lebens. Wem das nur eine Sonntagsrede wert ist, hat
die Apokalypse verdient. The Clash: Armagideon Time.
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05.05.2004
Das Riesenrad von Tschernobyl:
(Gekürzt / Für Regina)
Jeder ganz normale Gegenstand könnte uns seine Geschichte erzählen, wenn er
sie erzählen könnte. Doch wir würden selten fragen. Vielleicht haben wir
irgendwelchen Nippes beim Trödler gekauft und wüßten gerne, was für einem
Menschen der Kram vorher gehört hat. Hatte dieses Teil eine besondere Bedeutung und warum
stand es zwischen all dem anderen Gerümpel in jenem Laden? Wenn man weiß, wie
Trödler zu ihren Waren kommen, will man das lieber nicht wissen. - Ich erlebte einmal, wie
eine nette, ältere Nachbarin verstarb und war bestürzt, wie schnell und gründlich
die Spuren eines Menschen beseitigt werden. Vieles fliegt auf den Müll. Was als verwertbar
angesehen wird, taucht in solchen Läden und auf Flohmärkten wieder auf. Ich versuche
zumindest, solchen Dingen eine angemessene Achtung entgegen zu bringen.
Im Zeitalter industrieller Produktion haften den Gegenständen wenig menschliche Spuren an.
Selbst in einem kunstvoll gestalteten handwerklichen Produkt erkennen wir kaum nach das Werk eines
wirklich existierenden Menschen. Es ist so, als ob die uns umgebenden Dinge keine Geschichte
hätten. Sie haben höchstens ein Alter und bestenfalls noch Garantiezeit. Lebensmittel
oder Medikamente haben ein Verfallsdatum. Von den meisten Dingen, die wir benutzen oder
inkorporieren, wissen wir nicht, wo sie herkommen, wer sie hergestellt hat und wie sie hergestellt
werden. Wir verlassen uns darauf, daß alles mit rechten Dingen zugegangen ist.
Die uns umgebenden Gegenstände lassen uns erst dann wieder Fragen stellen, wenn wir sie nicht
in der gewohnten Ordnung wahrnehmen. Fragen erscheinen offenbar nur in unbequemen
Zusammenhängen. Würde uns die Geschichte der Gegenstände interessieren,
müßten wir z.B. auch Kriege zur Kenntnis nehmen, die wegen Rohstoffen geführt wurden
oder werden. Wenn aber ein Unglück die Unordnung angerichtet hat, sind die uns in den Sinn
kommenden Fragen wenigstens etwas weniger unbequem. Am besten ist es, wenn wir keine Antworten auf
unsere Fragen erhalten können und frei spekulieren dürfen.
Was ist in Tschernobyl wirklich geschehen? Wie haben die Menschen den Ort verlassen? Lief die
Evakuierung friedlich ab oder hat jemand randaliert und absichtlich wertlos gewordene Dinge
zerstört? Haben die Leute vorher ihr Hab und Gut als Sperrmüll auf die Straße
gestellt? Wurde alles abgeholt?
Auf den Fotos der evakuierten Stadt sehe ich umgeworfene Autoscooter. Einer steht hochkant. Lange
Reihen halb ausgeschlachteter Militärfahrzeuge der sowjetischen Armee. Weiße
Hubschrauber, die vielleicht noch betankt sind und nie mehr abheben werden. Alles mutet seltsam an,
obwohl es um Militärmaterial nicht schade ist, wenn man von den damit verschwendeten
Materialien absieht. Doch wo sind die vielen Menschen? Vielleicht gab es ein örtliches
Gefängnis, in dem man den ein oder anderen Daniil Charms fände.
Das Riesenrad von Tschernobyl werde ich nie vergessen. Die letzte Fahrt kann ich mir kaum
vorstellen, zumal die Menschen damals über die wirklichen Gefahren in Unwissenheit gehalten
wurden und sich den qualmenden Reaktor von Brücken und Hausdächern angesehen haben. Als
die Ersten infolge der Strahlung erkrankten, war der Ernst der Situation nicht weiter zu
verheimlichen. Wie verhalten sich normale Menschen in solchen Situationen? Welche Geschichten
könnten die zurück gelassenen Gegenstände erzählen?
Die Geschichten, die sich im Leben einzelner Menschen abspielen, sind Teil dessen was man
Geschichte nennt. Tschernobyl ist Geschichte, selbst wenn diese noch nicht wirklich zu Ende ist. Ob
nun jemand persönlich für diesen Vorfall verantwortlich ist oder nicht, ob der Reaktor
besonders unsicher war, diese Fragen sollten uns nicht davon ablenken zu sehen, mit welchen Risiken
unsere Zivilisation verbunden ist. Lohnen sich diese? Tschernobyl ist ein extremes Beispiel um
solche Fragen zu stellen, aber auch, um unsere Machtlosigkeit als einzelner Mensch zu erkennen.
Immerhin sind die Politiker bemüht, uns davon abzuhalten, solche Fragen zu denken. Die nicht
erzählten Geschichten der hinterlassenen Gegenstände von Tschernobyl bieten genug
Anregung.
Vielleicht ruft das Riesenrad von Tschernobyl kaum noch ein diffuses Schaudern hervor, das
mühelos von der nächsten Katastrophen-Meldung oder von irgend welchem
Unterhaltung-Schwachsinn getoppt wird. Übungshalber sollte man sich bei jeder Nachricht
vorstellen, wie die klingen würde, wenn man selber betroffen wäre. Das wird anschaulich,
wenn man sich den nächst besten Gegenstand schnappt und ihn so betrachtet, als ob dieser als
einzige persönliche Habseligkeit übrig geblieben wäre. An dieser lumpigen
Plastikscheiße hängen wir doch so sehr.
Mir ist in Nachhinein klar geworden, warum das Unglück damals von unseren Volksvertretern
beinahe ernster genommen wurde als von jenen, die schon immer vor solchen Gefahren gewarnt haben.
Sie hatten bessere Informationen über das tatsächliche Ausmaß, während in der
Öffentlichkeit noch gerätselt wurde, was passiert war. Von einer Explosion des Reaktors
war lange keine Rede.
Wieviel Risiko ist wessen Wohlstand wert?
Ghost Town
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| © Designed and written by Zacke.
June 2004. |
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