Zackes Textedition 17:

In meiner Serverstatistik entdecke ich oft Proxies bekannter Firmen und wenn ich zur Mittagszeit auf meinen versteckten Zähler schiele scheint mir, daß sich jemand bei meinen Texten rumtreibt. Das freut mich, ich hoffe nur, ich halte niemand von wichtigeren Arbeiten ab.

 

17.02.2004

So ähnlich fast wahr:

Wie es sich manchmal so ergibt, hatte ich unverhofft einen guten Draht zu Silberfischle Insource, einer unablässig aufstrebenden Company für Kommunikationsmanagement. Ein Beratervertrag war es leider nicht, wir schickten uns nur eMails. Wie aus heiterem Himmel machte sich der Chef inkognito aus dem Staub, um in irgend einer Klause im Troll-Land ein Buch über die Penetration nicht hierarchisch vernetzter Systeme durch hierarchische Strukturen zu schreiben. Vorher bat er mich, für ihn das Verfassen des beliebten Firmen-Newsletters zu übernehmen. Natürlich nur, wenn mir was einfällt, am besten aber wöchentlich.

Ich versprach ihm nichts, fand diese Aufgabe jedoch reizvoll. Ich schrieb eine Glosse auf die aktuellen Bedrohungen aus dem Internet und behauptete, im letzten Newsletter habe sich ein gutartiger eMail-Wurm befunden, den hoffentlich alle angeklickt hätten, damit er den Newsletter und die noch folgenden weiter verbreiten könne. Daraus ergaben sich wie von selbst weitere dumme Späße und eine Geschichte im publikumswirksamen Ordinärvokabular, in der sich ein Virenscanner nicht besser als die von ihm zu beseitigenden Schädlinge benahm. Dazu hätte der firmeneigene Designer einen freundlich grinsenden Wurm mit schicker Postmütze und Zustellertasche malen können.

Dies war nichts besonderes, aber ganz nett. Nur war es bereits halb Sechs Uhr in der Frühe. Ich ärgerte mich mit Abiword herum, das bei mir mitnichten in der Lage war, auf Englisch und Deutsch gleichzeitig zu parsen. Ich deinstallierte Abiword kurzerhand. Fast hätte ich dies mit OpenOffice ebenfalls getan, stattdessen löschte ich den gerade erstellten Newsletter. Danach ermordete ich alle Mails, die ich mit der Company gewechselt hatte und entfernte den Link auf meiner Webseite. Anschließend ging ich beruhigt schlafen.

Die Jungs werden das überhaupt nicht verstehen, weil es nichts mit ihnen zu tun hat. Das war eine spontane Aktion. Sowas kann morgens um halb Sechs immer wieder mal passieren.


 

24.02.2004

Ein Mädel zu wenig:

Ich war temporär verwitwet und wußte nur ungefähr, wann sie wieder zurück zu kommen gedachte. Eine Karte kündete dies für Sonnabend, so gegen 14 Uhr, an. Wie es sich gehört, freute ich mich, räumte die Bude auf und kaufte ein. Ich wollte sie mit einer Pizza begrüßen. Am Tag X machte ich mich gegen Mittag an die Arbeit. Ich schaffte es nicht bis zwei Uhr, aber sie war ja noch nicht da.

Als die Pizza auf's Perfekteste garte und ich selber Appetit bekam, mich aber im Gegensatz zu mir diesbezüglich bekannten Leuten nicht allein über die Pizza hermachte, klingelte es immer noch nicht an der Türe. Einen sich im Schloß drehenden Schlüssel hörte ich auch nicht. Ich schaltete den Backofen nicht ganz ab. Zu berichten, wie es weiter ging, wäre sehr langweilig.

Wir hatten damals kein Telefon. Das war in den Siebzigern des letzten Jahrhunderts selbst im Westen für Studenten etwas Besonderes. Die WG unter uns leistete sich jedoch eines, als Keimzelle einer privaten sozialistischen Utopie. Warum, bei Charly, Friedrich, Fidel und O-sole-mio-leck-doch-am-A..., hat Sie nicht wenigstens am Sonnabend A... angerufen? Ein etwas erfahrenerer Kumpel erzählte mir später, Frauen seien so.

Sie kam am Sonntag. Vielleicht war es um 14 Uhr. Sie verstand nicht, daß ich nicht öffnete und noch im Bett lag. Peinlicherweise (für sie!), hatte sie ihre Schwester nebst Familie dabei. Sie war spontan etwas länger geblieben. Ein fremdes Mädel im Bett hätte noch gut zu allem gepaßt.


 

24.02.2004

Kurzes:


Der Berliner Stadtreinigung gewidmet:

Anstandshalber hatte es ein bißchen geschneit. Auf den Hausdächern und Trotoiren und sogar auf den Autos lag Schnee. Am nächsten Tag war keine einzige Flocke mehr zu finden. Ich habe die Stadtreinigung in Verdacht.


Buddhas:

Irgendwo im Jemandsland zwischen Japan, Indien und China wurde die Meditation erfunden und zur höchsten Vervollkommnung gebracht. Die Meister taten nichts, wenn sie meditierten. Sie saßen nur wie steinerne Figuren da. Leider mußten sie feststellen, daß die Figuren in ihren Tempeln und Gärten dies noch viel besser konnten. Darum überließen sie ihnen diese Kunst und stellten noch mehr Figuren auf. Manche waren sogar aus Plastik. Nur wir, die wir das alles aus Büchern kennen, die bei denen kaum jemand liest oder versteht, setzen uns noch hin.


...

Wenn ich will, schläft mein Rechner. Ich muß mich stundenlang im Bett wälzen.


Der Neugier geantwortet:

Gelegentlich fragt man mich, ob ich allein oder mit einer Frau lebe. Leider muß ich antworten, daß ich meine besten Ideen zum Schreiben im Bett habe. Darum steht eine Frau oder eine Katze seit Längerem nicht mehr zur Debatte. Anderenfalls würde ich nichts Lesenswertes schreiben können. Daß Schreiben nur aus Frust oder zur Sublimation geschieht, ist mir bekannt. Doch ich bin ja kein großer, erfolgreicher Schriftsteller.



Aus einer alten Kladde (ca 1980):

Dicht am Leben:
Ich sitze mit Dir beim Bier und höre Dir zu. Du erzählst irgendwas. Ich nicke, doch ich verstehe nichts vom Leben.

Zu früh am Tag:
Ich frühstücke in meiner Küche. Der Kühlschrank ist aus. Es ist still wie in Ägypten. Ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist.

...
Ich mache Räder an meinen behelfsmäßigen Personalausweis, um billiger U-Bahn fahren zu können.


 

26.02.2004

Beim Wolken Roshi:

Schaue den Wolken zu, wie sie über Dir hinwegziehen. Würdest Du eine von ihnen wiedererkennen, wenn Du in ein paar Minuten erneut hinaufschaust? Es gibt nichts besseres zu lernen wie dieses und man kann es nicht besser erklären, als dies ein Blick zu den Wolken tut. Wenn Du Dich entspannen willst, sieh in die Ferne. Wenn Du den Sinn allen Daseins erkennen willst, sieh den Wolken zu.

Du kannst Dich an jedem Gedanken aufhalten, ihn zu Ende denken, von einem Gedanken zum anderen grübeln. Deine Gedanken blähen sich zu einer Waschküche auf. Du sitzt angestrengt schwitzend mitten drin und weißt nicht, ob unter Dir ein Meer, eine Öde oder ein schönes Land ist.

Stelle Dir vor, Du könntest Dich in einer zweiten Instanz beobachten. Macht es irgend einen Unterschied, was Du gerade denkst? Schaue Dir wie irgend jemandem nur zu. Ignoriere Dich nicht. Kommentiere Deine Gedanken nicht. Bekämpfe sie nicht. Lasse alles wie es ist. Sei nur still. Warte nicht auf irgend eine Trance oder sonstwas Außergewöhnliches.

Manchmal klart der Himmel auf. Vielleicht wirst Du einen Augenblick erleben, in dem Du nichts denkst. Du wirst deswegen nicht fortan mit einem Heiligenschein rumlaufen müssem. Du wirst feststellen, daß dieser gedankenleere Zustand nichts besonderes ist. Bestimmt warst Du schonmal in eine Beschäftigung derart vertieft, daß Du Dich selber darin vergessen hast. Oft hast Du den klaren Himmel so unmittelbar angeschaut, als ob es noch nie Wolken gegeben hätte.

Dieser Zustand hat weder etwas zu bedeuten, noch brauchst Du sein Ausbleiben bedauern. Es wäre so, als würdest Du eine Seifenblase oder den Regenbogen anfassen wollen. Das Sein an sich braucht keinen Beweis, es muß nur währen. Ist es der schöne Tag, den Du erlebst, oder sind es die Worte mit denen Du ihn beschreiben kannst? Schöne Tage und schöne Worte bedürfen einander nicht. Lasse alles wie Wolken an Dir vorbei ziehen.


 

03.03.2004

Neue Ware:

Man sieht eine Mischung aus Auflauf und gesitteter Warteschlange vor einem Sozial-Markt. Manchen sticht die Wehmut, wie einst vor dem KaDeO am Alex. Wenn es zum Beispiel Rauhfaser-Tapete gab, nur für Schriftsteller oder für notgeborene Stücke-Draht-Lebenskünstler. Nur die Dichtung für das Ventil der Spülung und weiches Toilettenpapier, gab es im Sozialismus nie und nirgends. Es mußte eben so gehen. Das sprach sich bis zu uns herum oder man las es bei Plenzdorf. Daß wenigstens wir den Marx gelesen hatten, macht keinen Unterschied mehr.

Inzwischen ist viel Zeit vergangen. Blühen tut es im Blumenkasten. Egal auf welcher Seite. Eine Angleichung der Verhältnisse fand statt. Bei denen, am Alex und noch weiter weg, ist alles so abgewickelt geblieben, wie es von der Wende hinterlassen worden war. Wir haben uns dem anpassen müssen und leben nun ebenfalls von der vorläufig noch sicheren Sozialhilfe. Anders wäre es wohl ungerecht.

Für ein paar coole Blubber-Yuppies aus der New Economy traf das alles zuerst nicht zu, doch die sind nun alt und richtig schön fertig. Denen gibt keiner ein Stück Brot. Wir nicht und die Jüngeren, die noch nicht begriffen haben, was ihnen blüht, daß sie nur verheizt werden, schon gar nicht.

Jetzt wartet man gemeinsam, wie zu volkseigenen Zeiten. Es gibt nur wenige SM-Läden mit der neuen Ware. Diese entzweit unsere letzte Hoffnung, nachdem die Frauenbewegung daran gescheitert war, daß nicht jeder eine Frau ist. Die Umweltbewegung hätte eine große politische Kraft sein können. Nun ist sie zerstritten. Immerhin nehmen unsere Warteschlangen mit jedem Tag zu. Manche der Glücklichen, die endlich ihre Wertmarken gegen die Ration tauschen konnten, machen sind vor unseren Augen über das Zeug her. Sie zerreißen es wie Tiere mit ihren Zähnen. Die darin noch enthaltene Kulturflüssigkeit tropft wie farbloses Blut aus ihren schmatzenden Visagen auf die Gewegplatten. Es riecht derart verführerisch, daß so manches harmlos brave Mädel am liebsten in den nächsten schweißdampfenden Bizeps beißen täte.

Die andere Fraktion zieht immer wieder mit Transparenten vorbei, als ob wir das Regierungsviertel wären und gnädigerweise die Bannmeile aufgehoben hätten. Sie sehen nicht nur die ökologische, sondern die gesamte Landwirtschaft, in ihrer Existenz gefährdet. Sie warnen vor noch nicht bekannten gesundheitlichen Risiken. Sie fordern, daß nur Fleisch von natürlich aufgewachsenen Tieren in den Handel und zum Verzehr gelangen sollte.

Ein paar Veganer, die mit uns warten, entrollen ihre Transparente: Gleiches Lebensrecht für Tiere! Abschaffung der Massentierhaltung! Verbot von Nutztieren! Sofortiges Verbot der Tierschlachtung!


 

05.03.2004

Abmelden:

Der Besuch beim Betreuer hatte sich längst zu einem Ritual entwickelt. Man fragte mich nicht, warum ich mir diesen Gang nicht spare und alles online erledige. Nichtmal ein neuer fragte. Es gab nichts zu erledigen. Mir kam es mehr wie eine therapeutische Sitzung vor, obwohl man dauernd von Kundenverhältnis und Dienstleistung sprach. Ich hatte kein Geld, um wie auch immer Kunde zu sein. Plötzlich stellte man fest, was ich längst wußte:

Für Sie gibt es nirgends Arbeit, deshalb ist es unwahrscheinlich, daß Sie jemals wieder in Ihrem Leben arbeiten werden. Sie sind nun schon 59. Ihre Gesundheit ist nicht die beste. Abgesehen vom natürlichen Altern haben sie zusätzlich abgebaut, da Ihnen alle Perspektiven abhanden kamen. Ihre Rentenansprüche reichen nicht aus, um Ihren Unterhalt zu finanzieren. Sie leben seit rund 10 Jahren von Sozialhilfe und wären weiterhin darauf angewiesen.

Ich verstand nicht, warum man mir das erzählt, wenn man sowieso nichts daran ändern kann. Mir trapste jedoch, was mir bevorstand. Ich hörte, wie es anderen ergangen war. Es gab nie einen Aufstand. Alles verlief geregelt. Das Problem existierte nur bei den Betroffenen.

Meine Unterlagen würden nun an eine Sonderstelle des Sozialamtes übergeben und dort geprüft. Ich bekomme Bescheid, ob ich weiter unterstützt werden könnte. Diese Nachricht kam erstaunlich schnell. Man sah in der augenblicklichen Lage keine Möglichkeit, mir weitere Leistungen zukommen zu lassen. Ich solle mich nun mit dem Träger meiner Rentenversichung verständigen, ob mir ein Teil meiner Rente als Summe ausgezahlt werden kann. Dann würden zwar jegliche Ansprüche erlöschen, dafür stünde ich momentan etwas besser da, als später mit einer unzureichenden Rente. Ich solle den Mut bitte nicht aufgeben. Vielleicht ändert sich die wirtschaftliche Lage irgendwann und ich kann weiter Sozialhilfe beziehen. Auf jeden Fall könnte ich so das Datum meiner Abmeldung hinauszögern.

Ich las mal, daß in einer bestimmten Epoche in Japan die Alten von sich aus alles aufgaben, wenn sie sich für die Gemeinschaft als nicht mehr tragbar empfanden. Sie brachen in Gruppen auf und zogen los. Wohin und wie es ihnen erging, wurde nie berichtet. Vielleicht ist es weniger schlimm, wenn man es nicht liest, sondern nur erlebt?

Die Versicherungsanstalt schlug mir eine derart niedrige Summe vor, daß ich mich zur Meldebehörde aufmachte und meine sofortige Abmeldung beantragte. Leider brauchten die dafür erst den Bescheid meiner Ausbezahlung, weshalb ich mir das Geld doch überweisen ließ. Bürokratie muß sein, man glaube nie gelesenen Geschichten! - Nach und nach verkaufte ich mein Mobiliar oder stopfte den Plunder, den keiner haben wollte, in die Müll-Container. Zuletzt hatte ich nur noch den Rechner und eine Tragetasche, aus der ich mich ernährte. Ist an sich praktisch. Müll und Reste bleiben drin, so hat man ein Kopfkissen und danach kommt es in die Tonne.

Wie wenn es abgesprochen gewesen wäre, kaufte jemand meinen Computer an jenem Tag, an dem ich meine Abmelde-Urkunde per Einschreiben zugestellt bekam. Ich schmiß den Wohungsschlüssel in mein Brieffach und gab meinen Personalausweis wie gefordert ab. Von unterwegs rief ich bei der ahnungslosen Hausverwaltung an: Meine Wohnung sei leer, Schlüssel ist im Briefkasten. Danach verschwand ich das erste Mal seit Jahren in einer Kneipe, obwohl noch heller Tag war. Ich wurde schnell besoffen. Ich hatte genug Geld dafür in der Tasche. Ich besoff mich hemmungslos und kann mich nicht mehr erinnern, wie es weiterging. Vielleicht hat irgend ein Mädel so einen ranzigen Sack wie mich für eine Weile bei sich aufgenommen. Wo nur ist diese barmherzige Raben-Mutter abgeblieben?

Ich weiß seit längeren nicht mehr, wer ich bin. Es ist erstaunlich, wie schnell man seinen eigenen Namen vergißt, wenn man sich etwas Mühe gibt. Ich weiß nur ungefähr, ob ich wirklich noch lebe. Im besten Fall bin ich derjenige, der immer an der selben Stelle bei Wetter wie Unwetter die Hand für eine milde Gabe aufhält. Ich kann kein dummes Liedchen dafür singen. Sorry, auch das habe ich vergessen! Schlimm wird alles erst, bis es für solche wie mich nichtmal Alkohol gibt, weil es nicht effektiv oder nachhaltig genug ist, Sprit an uns zu verscherbeln.


 

07/10.03.2004

Die Ingwerwurzel:

(Für T.Bone)

Ich hielt den Rest einer größeren, verzweigten Ingwerwurzel in der Hand und wollte eine Knolle abbrechen, um sie zu zerstampfen. Als ich die Wurzel drehte, spürte ein deutliches Vibrieren in der Hand. Wenn ich gerade mit Nachwirkungen von Alkohol zu kämpfen gehabt hätte, wäre mir das egal gewesen. Ich verbrauche immerhin einen halben Zentner Ingwer im Jahr und sowas kam bisher noch nie vor.

Ich konnte das Phänomen nicht reproduzieren, wie man so sagt. Ich drehte meine Hand mit dem Ingwer mehrmals und hielt das Ganze für Blödsinn. Endlich brach ich eine Knolle ab und zermatsche sie mit meinem granitenem Mörser, um die Pampe zum grünen Tee in den Strumpf zu tun und heißes Wasser drauf zu kippen.

Das erlebte Phänomen provozierte mich weiter. Ich versuchte ein weiteres Mal ohne Erfolg, die Wurzel zu drehen und sah sie mir an. Als Musiker wurde ich schnell fündig. Die Wurzel war so gewachsen, daß sich zwei der Knollen leicht berührten. Wenn man die eine drückte, verschoben sie sich gegeneinander und standen unter Spannung. Kehrten die Knollen in ihre Ausgangslage zurück, rieben sie aneinander und vibrierten. Demnach hatte ich die Wurzel beim Drehen an der richtigen Stelle ein wenig gedrückt. So eine banale Erklärung war fast enttäuschend. Wenigstens hatte ich nicht eine der beiden Knollen für meinen Tee abgebrochen. Sonst wäre ich nie dahinter gekommen. Natürlich wäre der Vorfall ein paar Nummern verrückter gewesen, wenn nicht nur eine mechanische, sondern eine hörbare Schwingung entstanden wäre. Die Wurzel hätte z.B. "Kikerikiii!" oder "Auuuum!" machen oder "BrunO, ick beobachte Dir!" sagen können. Nur würde mir dies niemand glauben.

Überall wo es Energien gibt, können seltsame Vorfälle geschehen. Erst recht, wenn es sich um große Energien handelt. Ein Mann berichtete, daß er leise Stimmen aus seinem Flötenkessel hört. Er befürchtete, deswegen für verrückt gehalten zu werden. Sein Haus stand aber in der Nähe einer starken Rundfunk-Sendeanlage, was vielleicht nicht nur psychisch ungesund ist. Bekannt ist, daß Leuchtstofflampen in der Nähe eines Senders leuchten können, ohne daß sie angeschlossen sind.

Einst, als die Welt noch etwas mehr in Ordnung war, gab es eine Sendung in der Glotze, in der solche ungewöhnlichen Erscheinungen vorgestellt wurden. Manchmal waren sie echt, manchmal gefaked. Das war sehr amüsant und nicht immer leicht zu entscheiden, ob es sich um Wahrheit oder Unfug handelte. Das Interessanteste an ihnen ist, wie schnell wir bereit sind, etwas zu glauben. Manchmal sind wir bereit, die hirnrissigsten Erklärungen zu akzeptieren und gar nicht erst nach plausibleren zu fragen. Jene, denen an unserer Verdummung liegt, haben beste Arbeit geleistet.

Was Menschen früher aus Unwissenheit geglaubt haben, zeigt unsere Geschichte. Wir sind heute nicht besser dran. Unsere Erkenntnis ist unsicher. Unsere Sinne haben Grenzen, selbst wenn wir sie mit technischen Krücken immer weiter verschieben können. Die meisten wissenschaftlichen Erkenntnisse sind mit unseren Sinnen allein nicht mehr nachvollziehbar. Wir hantieren mit sogenannten Blackboxes, deren Innenleben wir nicht zu verstehen brauchen. Bei manch einem hört es bereits beim Lichtschalter auf, doch wer könnte noch den Controller vom Diskettenlaufwerk reparieren? Ohne das ein oder andere zu glauben, würden wir genauso dumm und hilflos bleiben, wie Glaube dumm machen kann.

Wir können uns aussuchen, woran wir uns halten, ohne zu wissen, ob wir nicht völlig daneben liegen. Wir sind nicht immer in der Lage, alles in seiner Komplexität zu überblicken. Unser kausales Denken bekommt Schwierigkeiten, wenn mehr als eine Ursache vorliegt und komplexe Zusammenhänge am Wirken sind. Selbst einfache Zusammenhänge verstehen wir nicht immer. Manchmal blicken wir durch ein Schlüssel-Loch, manchmal fehlt uns der Mut, mehr zu erkennen. Wenn man von der eigenen Betroffenheit absieht, ist es erstaunlich zu beobachten, wie sich eine Spezies lieber selber ausrottet, als seine Weltsicht in Frage zu stellen. Wenn man die Macht dazu hat, kann man es als Fortschritt feiern lassen.

Für alles Komplexe, das wir beim besten Willen nicht überblicken können, gibt es seit längerem eine Konstruktion. Sie heißt Zufall und meint, etwas geschehe völlig außerhalb der Bedingungen, unter denen es stattfindet. Es soll also so sein, daß ein Würfel in einem kaum bemerkbar kurzen Augenblick aus der Wirklichkeit fällt, wo ihn eine Glücksfee auffängt. In ihrem nebeligen Zauberland dreht sie eine Augenzahl nach oben und legt ihn danach für uns zurück, wenn sie nicht gerade auf dem Klo sitzt. Leider ist mir noch nie ein Würfel aus der Wirklichkeit gefallen, höchstens war er präpariert. Immerhin habe ich als Knirps einen Federball fast senkrecht nach oben gedonnert, den wir nie wieder fanden.

Es wäre in der Tat eine unlösbare Aufgabe, das Fallen eines Würfels mit den uns bekannten physikalischen Gesetzen exakt zu berechnen, um das Ergebnis vorherzusagen. Dies wäre zwar theoretisch möglich, praktisch wäre der Aufwand zu groß. Die Bedingungen für das Purzeln des Würfels müßten genau kontrolliert werden. Der Vorwurf der Manipulation würde den Glauben an den Zufall jenseits unseres Einflusses weiter nähren. Doch unsere unaufhaltsame Neugier entreißt ihm immer mehr. Für das Wetter ist er längst nicht mehr zuständig, seitdem es Klima-Modelle gibt, mit denen man Computer quälen kann.

Vielleicht werden wir es nie lassen, etwas das wir nicht nachvollziehen können, mit Wundern zu erklären. Wenn es uns helfen täte, die Grenzen unserer Erkenntnis leichter zu ertragen, wenn wir keinen Allmachtsanspruch hätten, den wir zur Not auf Stellvertreter unseres gekränkten Egos projizieren, wäre nichts dagegen einzuwenden.

Wäre es aber nicht besser zu fragen, welchen Wahrheiten man in einer Welt von Anti-Polis-Politik und Kommerz überhaupt noch trauen kann? Ist die Betriebswirtschaftslehre das Buch der reinen Erkenntnis? Wieviele Semester muß man das studieren, bis einem die Erleuchtung widerfährt?

Deshimaru: Kommt der Buddha, gib ihm Stockschläge!


 © Designed and written by Zacke. Mars 2004.