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Zackes Textedition 15:
Wenn ich nicht schreiben täte, sondern stattdessen ein Kind gezeugt hätte, das
mit jeder Edition ein Jahr älter würde, stünde womöglich eine angehende Frau
von Ihnen.
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November 2002
Herbstimpression:
Ich lief am späten Nachmittag unter all diesen mit güldenen Blättern
behangenen Bäumen hindurch. Die sich vor mir verneigende Sonne hob zum güldenen
Abendschein an. Der Boden raschelte ebenfalls gülden, so viele Blätter waren schon
heruntergefallen. Meine Kamera war kaputt. Darum hatte ich die Tasche nicht mit, in der neben der
Kamera stets eine Kladde zur Hand war, falls sich eine Impression nur in Worten adäquat
ausdrücken lassen wollte.
So eine Scheiße! Ich hatte zwar meinen güldenen Kugelschreiber mit, aber nichts, worauf
ich über güldene Blätter schreiben könnte.
Dann schreibe ich eben auf ein solches! Doch der Versuch mißlang. Das relativ spitze
Schreibgerät bohrte sich bei der sanftesten Berührung in das Blatt. Kein Punkt gelang
mir, geschweige denn ein Buchstabe oder mehrere in virtuoser Reihenfolge.
Dann nehme ich eben ein solches mit, so wie man sich früher, um etwas nicht zu vergessen,
einen Knoten in's Taschentuch geknotet hat, sofern man eines dabei hatte und es nicht papierern
war. Auf Papiertaschentücher kann man nur schlecht schreiben. Von denen sah ich viele, als ich
nach einem zufällig weggeworfenem Stück Papier Ausschau hielt. Es lagen nur
Papiertaschentücher rum, die außerdem für nichts mehr zu gebrauchen waren, egal
wofür sie zwischen den Büschen benutzt worden sind.
Ich wollte doch ein güldenes Blatt mitnehmen, stattdessen suchte ich verzweifelt nach einem
noch beschreibbaren Papierfetzen. Auch, weil von den güldenen Blättern so viele rumlagen,
daß ich mich nicht entscheiden konnte, welches ich aufhebe.
Ich entschied, nicht weiter nach Papier suchen und blickte immer noch umher. Um mich nicht für
eines der vielen güldenen Blätter am Boden entscheiden zu müssen, rupfte ich ein
güldenes, das noch hing, von einem Ast. Später ein zweites, weil ich mir noch eine Idee
merken wollte und danach ein drittes aus ähnlichem Grund.
Zuhause schmiß ich die Blätter weg und setzte ich mich tatsächlich sofort an den
Schreibtisch und schrieb alles auf. Unter anderem die Rohfassung dieser Geschichte. Wenn man das
Schreiben als Geschenk des Glückes auffaßt, ist es gar nicht schlecht, daß ich meine
Kladde nicht dabei hatte. Hätte ich alles aufschreiben können, wären die Notizen
vielleicht vergessen liegen geblieben oder ich hätte gefragt, welchen Sinn es überhaupt
macht, über güldene Blätter zu schreiben.
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30.11.2003
Der Boxer:
Der Sommer 1995 war recht schön. Vielleicht erinnert sich jemand an den guten
Rotwein-Jahrgang. Der Chianti Antica Torre im 1.5 Liter Ballon, für sieben Mark und paar
Pupse, schmeckte vorzüglich. Die letzten Reste davon kosteten später das Doppelte.
Zuerst lief ich jeden Tag nach der Nachtschicht von der heute kaum noch vermißten
Gryphiusstraße bis zum Treptower Park. Das war relativ weit. Später legte ich mich
einfach aufs Hausdach. Das war viel näher. Ich mußte nur vergessen, daß sich da oben
einer angezündet und hinuntergestürzt hat. Ein Kerl wie ein Baum. Was mißverstandene
Liebe eben so schafft.
Ich erzähle doch lieber von dem Park, obwohl es auf dem Dach nicht uninteressant war. Zwei
viel hübscher als ich anzusehende Mädels spazierten auf den Dächern um den
Häuserblock, als ich gerade nichts anhatte. Ein andermal begrüßte mich der
Schornsteinfeger. Überall trifft man eben Leute, die man kennt oder kennen sollte. Wegen den
Badezimmeröfen muß er im Sommer auch fegen, vernahm ich und bewunderte seine
Kaminkletterkünste.
Der Park war einigermaßen angenehm. Nur, daß die heftig befahrene Puschkin-Allee
mitten durchbrettert, fand ich nicht so toll. Sonst sperrt man ganz unbürokratisch wegen jedem
Humptata jede Straße und sei es die des 17. Juni oder den Kudamm. Wann baut man diese
blöde Straße zum Feldweg zurück?
Ich sehe den Park wieder vor mir. Ich habe sogar das Konzept eines Briefes an Katrin
wiedergefunden. Die könnte sich mal melden. Am besten per eMail. Keine Ahnung, wo die jetzt
wohnt und wie sie nun heißt. Ich suchte die Geschichte mit dem Hund. Ein schwarzer Boxer mit
einer verbunden Pfote, die ihn nicht zu stören schien. Als ich so dasaß, kam er in
Köpfhöhe auf mich zu. Dabei komme ich mir meist selber wie ein Hund vor, vielleicht weil
ich mit Hunden aufwuchs.
Die Geschichte fing aber anders an. Als ich am Wasser lang lief, wo überall Leute in der Sonne
lagen, räkelete sich diese Hundeperson gerade auf dem Rücken. Er ruderte mit den Pfoten
in der Luft und seine Eier hüpften durch die Gegend. Dazu schnaubte er wollüstig.
Daß ich mich in der Nähe hinsetzte, ergab sich zufällig. Hier war noch Platz. Ich
saß da und schnupperte den Luftstrom, der vom Wasser wehte. Dieser war nur in Bodennähe,
also nur hündisch wahrnehmbar. Es roch wunderbar erfrischend und ein wenig nach vergammelten
Fischen.
Der Hund kam und setzte sich rechts neben mich. Wir schnupperten zusammen. Dann umrundete er mich.
Da ich nahe am "Kai" saß, zog ich die Beine weg, damit er nicht hinübersteigen
mußte. Schließlich verabschiedete er sich. Er zog seinen Rücken wie an einem Baum an
mir entlang. Die Leute, denen dieses Charaktertier gehörte, spielten Mühle.
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28.11.03
Kurzes:
Für Audrey:
Du bist wie ein Kolibri, der sich auf meine Hand setzt. Ich halte sie Dir mit ein paar selbst
geschälten roten Mohnsamen auf. Ich spüre Dein zärtliches Gewicht. Das ist fast
nichts.
Ich bin der plumpe Clown, der jede Vase umwirft, sei sie noch so gut versteckt. Doch das mache ich
viel besser als Du, denn meine Vasen stehen immer in voller Blüte.
Textnachdichtung für ein bekanntes Lied:
O leck mich doch, o leck mich doch,
o leck mich doch am A h a r s c h !
Tu's nicht nuhuhur zur Weihnachtszeit,
mach's auch wenn's mahahal im Sommer schneit!
O leck mich doch, o leck mich doch,
o leck mich doch am A h a r s c h !
Herbst:
Im Sterbst herben die Alten.
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04.12.2003
Herr Kafka im Kaffeehaus:
Ich traute meinen Augen nicht: "Sie sind in Berlin?" Es saß allein an einem Tisch
und alles sah so aus, wie man sich einen Schriftsteller in einem Wiener oder Petersburger
Kaffeehaus vorstellen würde. "Störe ich Sie gerade?" - "Aber nein, nun sowieso nicht
mehr. Ich habe einiges geschrieben, ich bin fast fertig, es fehlt nur noch ein Schluß, doch
ich komme seit bald einer Stunde nicht voran." Er zeigt etliche Blätter mit viel
Durchgestrichenem.
"Ich pflege nicht oft in solchen Lokalen zu schreiben. Normalerweise genieße ich dabei die
Ruhe eines zurückgezogenen Ortes. Doch wenn einem so gut wie niemand hier kennt, ist die
Situation ähnlich, mal von den Geräuschen abgesehen. Wenn man nur zuhört, ohne zu
deuten, kann das sogar sehr inspirierend sein. Ich hatte mehr Anregungen als ich in einer
Geschichte hätte verarbeiten können."
"Wollen Sie mir ein wenig davon erzählen?" - "Gerne, wenn Sie die Geduld haben, mir
zuzuhören. Ich schreibe von einen vollkommen anderen Menschen als ich, der nicht auf Reisen
ist und der an so einen ähnlichen Ort wie den hiesigen ganz gehört. Er ist es gewohnt
hier zu schreiben. Zuhause kann er sich auf nichts konzentrieren. Er braucht die Betriebsamkeit um
sich herum. Er genießt es, sich davon anregen zu lassen. Doch diese Situation kehrt sich
plötzlich aus unerfindlichen Gründen um. Er nimmt die Situation nicht mehr mit seinem
Schreiben auf, sondern er schreibt aus einem seltsamen Drang drauflos. Dabei wird er innerlich
immer aufgeregter, ohne daß er sich dies anmerken läßt, weil der Zusammenhang
zwischen dem was geschieht und dem was er gerade aufschreibt weiterhin besteht, nur eben in
umgekehrter Reihenfolge. Was er schreibt geschieht."
"Das ist excellent, echt mondial Monsieur, erzählen Sie genaueres. Darf ich Sie auf einen
erlesenen Wein einladen?" - "Danke, bitte keinen Alkohol." - "Dann bestelle ich uns türkischen
Mokka, der wird hier besonders vorzüglich zubereitet. Erzählen Sie bitte weiter!"
"Es tragen sich keine außergewöhnlichen Ereignisse zu. Mein Schreiber erschrickt nur,
weil alles so eintrifft, was er es schreibt. Jemand schiebt aus Versehen mit dem linken Ellbogen
eine volle Tasse über den Tischrand. Wer erwartet denn so ein stets für alle Beteiligten
gleichermaßen peinliches Ereignis? Vorhin hörte ich wohl zufällig aufgeregtes Reden
im Nebenzimmer. Was dort geschah, ist mir entgangen. Ich habe nicht gefragt. Man ist hier in diesem
Haus trotzdem höflich und sowas kommt sicher immer wieder vor. Mein Schreibender
läßt irgendwann einen Hund hereinschleichen. Wieder erhebt sich deswegen ein Palaver.
Also schreibt er, daß der Hund einem Stammgast gehört. Er will das Schicksal provozieren.
Doch es gibt keinen Widerspruch. Der Hund darf bleiben. Als ich vorhin ganz vertieft war, schien es
mir, als ob auch hier irgendwas mit einem Hund gewesen wäre. Denken Sie bitte nicht, ich mache
mich jetzt über Sie lustig, aber mein Autor läßt ebenfalls einen Bekannten
erscheinen und nun sind Sie gekommen, einer der wenigen Menschen, den ich in dieser Stadt kenne.
Mein Protagonist kennt mit Sicherheit mehr Leute und er könnte sie alle nacheinander
herbeischreiben."
"Wahrscheinlich wollen Sie mir eher schmeicheln Herr Kafka, aber worin besteht nun ihre
Schwierigkeit mit dieser Geschichte? Sie ist doch wunderbar angelegt und Sie können alles mit
ihr machen." - "Das stimmt zwar, die Situation meines Schreibers könnte sogar der
Kristallisationskeim eines Romanes sein. Es könnten noch sehr viele Ereignisse stattfinden.
Mir fehlt nur der Schluß. Ich weiß nicht, wie er aus dieser Situation genauso
schlüssig frei kommt, wie er in sie geraten ist. Ich könnte die Geschichte immer
grotesker steigern, wie es einige von mir erwarten würden. Doch das scheint mir nicht ihr Sinn
zu sein und ich weiß einfach nicht weiter."
"Dann soll der Protagonist doch einfach aufstehen und gehen. Oder tun Sie es. Kommen Sie ein
anderes Mal wieder her und schreiben Sie zu Ende ..." Ich konnte vorschlagen was ich wollte, auch
daß so eine Geschichte nicht unbedingt sofort fertig sein muß, es gefiel ihm nicht. Ich
hatte leider keine Zeit mehr, denn ich mußte weg. Mit etwas schlechtem Gewissen beglich ich
meine und seine Rechnung, ohne es ihm zu sagen und ich riet ihm, er solle es sich nicht zu schwer
machen, diese Stadt ist um diese Jahreszeit viel zu schön, um sich nur auf dem Papier zu
mühen. Als ich ging, schrieb er. Leider weiß bis zum heutigenen Tage niemand, was aus
dieser Geschichte wurde.
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03.12.2003
Niemand-Syndrom:
Die meisten Menschen haben Probleme. Eine zunehmende Gruppe von Menschen leidet jedoch
darunter, keine zu haben. Sie fühlen sich unbedeutend. Es gibt keinen Grund, daß sich
jemand um sie kümmert. Sie haben das Gefühl, nicht wirklich zu leben. Äußerlich
betrachtet fehlt es ihnen an nichts, mache haben viel Geld. Innerlich fühlen sie sich jedoch
unendlich leer. Neidisch verfolgen sie Erfahrungsberichte im Fernsehen, wie andere eine ausweglose
Situation überwunden haben, wie diese eine Weile in idyllischen, gut betreuten Kurheimen
gewohnt haben und nun wieder voller Mut und Lebenskraft sind.
Ratschläge allein helfen nicht weiter, doch nun finden diese Menschen in den neuen
Problemagenturen einen Anlaufpunkt. Das Angebot ist sehr vielfältig, man sollte es aber wie
immer zuerst mit einfachen Mitteln probieren, bevor man viel Geld, womöglich vergeblich,
ausgibt. Natürlich gibt es hier unter anderem auch die überall erhältlichen
Ratgeberbücher, die man bisher vielleicht nur übersehen hat.
Viele haben vergessen, daß sie mit ihren eigenen Händen etwas machen können.
Für diese werden saisonale Bastelsets angeboten. Vom Osternest bis zum Fensterschmuck für
Weihnachten. Technisch Begabte können sich eine blinkende Lichterkette und das Netzteil
dafür selber zusammenlöten.
Die bei solchen Beschäftigungen auftauchenden Probleme sind meist von zu kurzer Dauer. Bald
fühlt man sich wieder leer. Man bräuchte ein ernsthaftes Problem. Die eigene Situation
zum Problem zu machen, mit dem man sich beschäftigen könnte, ist für die meisten
Betroffenen kein Anreiz. Viele sehen darin nur eine Taktik zur Ablenkung.
Deshalb bieten Problemagenturen echte Probleme als Dienstleistung an. Man kann z.B. das
Einsteigerset für Drogensucht oder Krebs erwerben. Oder man kauft einen Mordvorwurf der Kripo,
welcher binnen einer Woche per Einschreiben zugestellt wird. Der Partner oder Geliebte, der einem
nicht wirklich liebt, kommt meistens ebenfalls sehr schnell ins Haus. Die Kündigung der
Arbeitsstelle geschieht zum nächstmöglichen Termin, zum 15.ten oder zum Monatsende. Gegen
Aufpreis ist eine fristlose Kündigung mit außergewöhnlichem Grund
erhältlich.
Wer lieber einen gewissen Abstand zur Wirklichkeit vorzieht, bekommt eine gut recherchierte
Dokumentation zu allen Übeln dieser Welt. Ein dickes Buch mit sieben DVDs. Dazu gibt es ein
erweitertes Hard-Core-Angebot. Man kann sich ohne Hilfsmittel in einem Land der dritten
Welt aussetzen lassen. Gegen Aufpreis wird man nach einer bestimmten Zeit wieder abgeholt oder
überführt.
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02.12.2003
Neurosen-Defizit:
Die Normalpsychologie stand vor einem großen Problem. Durch die Liberalisierung der
Moral, die zur sexuellen Befreiung des Einzelnen führte, wurde die Sexualität
entmystifiziert. Der Mensch hat jedoch ein natürliches Bedürfnis zur
Geheimniskrämerei und zum verklemmten Rumtruxen. Damit sich dieses Verhalten nicht
unkontrolliert auf andere Lebensbereiche überträgt, mußte lenkend eingegriffen
werden.
Es gab viele Überlegungen, was sich am besten zur neurotischen Besetzung eignen würde.
Einen Ersatz für die Sexualität zu finden, der unter den neuen gesellschaftlichen
Anforderungen gleichermaßen der bestehenden Ordnung dienlich sein könnte, war nicht
leicht. So hätte es nahe gelegen, stattdessen alles zu neurotisieren, was mit Geld oder Besitz
zu tun hat. Diente doch die Kontrolle der Sexualität unter vorzeitlichen gesellschaftlichen
Bedingungen zur Gewährleistung der Vererbung von Eigentum in väterlicher Linie. Dies
hätte jedoch zur Störung der globalen Finanzmärkte geführt. Gegen die
Neurotisierung des Versicherungswesens konnte sich deren Lobby erfolgreich zur Wehr setzten.
Man hätte beliebige, andere, mit den menschlichen Körperfunktionen zusammenhängende
Vorgänge neurotisieren können. Zum Beispiel, Essen, Trinken, Rauchen, Fürze lassen,
Zähne putzen oder Zehennägel schneiden. So etwas war teilweise durch sexuelle
Perversionen schon vorgekommen und individuelle oder gesellschaftliche Regression auf frühere
Zustände hätte gedroht.
Es stand schließlich nur noch die Neurotisierung des Denkens zu Debatte. Dieses kann man je
nach Auffassung den Körperfunktionen zuordnen oder darin etwas höheres sehen. Wieweit die
Neurotisierung des ganzen Denkens wünschenswert oder besser zu vermeiden ist, war zuerst
heftig umstritten. Diese Kontroversen hatten eine lange historische Vorgeschichte. Dadaistische
Spötter haben Individualität seit jeher als Grad der Neurotisierung bezeichnet.
Um keine Debilisierung sämtlicher geistigen Ressourcen zu riskieren, beschloß der
Weltverband der Normalpsychologie (engl. WANPsy), nur das Haben einer eigenen Meinung durch
entsprechende Therapie-Modelle und Öffentlichkeitsarbeit zu neurotisieren. Die
Auswirkungen sind heute nicht mehr umkehrbar. Erst unter anderen Voraussetzung können sie
wieder angepaßt werden. Da das Leben zyklisch verläuft, ist die Rückkehr der guten
alten Sexualneurose in einer späteren Zukunft nicht auszuschließen.
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01.12.2003
Vollzugs-Lobotomie:
Dank neuer bildgebender Verfahren, die auf Magentfeldresonanz basieren, ist die
forensische Kartographierung des humanen Gehirnes abgeschlossen. Die vorbereiteten Gesetze sind
bereits einvernehmlich verabschiedet und gültig.
Wer sich etwas zu schulden kommen läßt, hat nun in der Regel eine Wahlmöglichkeit,
welcher Art die Vermeidung zukünftiger Straftaten sein soll. In besonders schweren Fällen
wird ohne Einwilligung des Betroffenen kraft Gesetz operiert.
Triebtäter müssen nicht mehr kastriert werden, sondern können nach der Entfernung
jener Bereiche, die für eine übermäßige Triebaktivität verantwortlich
waren, ein relativ normales, fortan unbescholtenes Leben führen.
Manche Operationen, bei denen nur Bereiche mit Erinnerungsinhalten und negativen Prägungen
entfernt wurden, machen sich später so gut wie gar nicht bemerkbar. Unter den freiwilligen
Versuchspersonen für die zahlreichen Vorstudien befinden sich viele Prominente mit hohem
Ansehen. Menschen aus Wirtschaft und Politik. Aber auch einfache Arbeitslose, die nach
erfolgreicher Operation wieder arbeiten konnten. Alle diese Personen bleiben natürlich anonym,
wenn sie es wünschen.
Das gilt gleichermaßen für Straftäter, die sich freiwillig operieren lassen. Somit
wird jedem, ohne Ansehen der Person, eine reale Chance für ein neues Leben geboten. Es ist
davon auszugehen, daß sich die Zahl der vorzuhaltenden Haftplätze mit allen Folgekosten
beständig verringern wird. Andere Sozialaufgaben könnten mit besserer Mittelausstattung
versehen werden.
Die präventive Gehirn-Chirurgie wurde erst durch eine Änderung des globalen
Individualrechtes möglich gemacht. Die Forschung befaßt sich seit Ende des 19.ten
Jahrhunderts ernsthaft mit diesem Thema.
(Infos ohne Satire: Antipsychiatrie.de
Psychex.ch)
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30.11.2003
Geldmotoren:
Das für seine Pionierarbeit und die sich daraus ergebenden weltweiten technischen
Innovationen bekannte Staunhopser Institut hat jüngst eine neuartige Antriebstechnik für
den Individualverkehr entwickelt. Diese dürfte spätestens nach der Erschöpfung der
Mineralölvorräte die mit konventioneller Verbrennung arbeitenden Motoren verdrängen.
Die wichtigsten Hersteller sollen sich bereits Lizenzen gesichert haben.
Wie diese neue Technologie genau funktioniert, ist aus Gründen des Patentschutzes noch geheim.
Der Antrieb besteht nach wie vor aus einem nur unwesentlich kleineren Aggregat. Ein Tank ist nicht
mehr notwendig. Stattdessen befindet sich im Inneren auf der Fahrerseite ein Schlitz im
Armaturenbrett, wie wir ihn von Zigarettenautomaten oder Parkuhren kennen. Man muß keine
Tankstelle anfahren, sondern steckt ein beliebiges Geldstück in den Einwurf, wenn eine
Leuchtdiode zu blinken beginnt. Natürlich kommt man mit zwei Euro weiter als mit zwei Cent.
Kredit gibt es keinen, dafür wird bereits am Betrieb mit Geldscheinen gearbeitet. Wir waren
mit unserer Testfahrt sehr zufrieden, nur hatten wird danach kein Kleingeld mehr in unserem
persönlichen Portemonnaie. Darauf kann man sich jedoch einstellen.
Wir würden Ihnen gerne genauere technische Details berichten. Leider dürfen wir es nicht.
Der Antrieb produziert keine umweltschädlichen Stoffe und gibt nichts davon an die Umwelt ab.
Die Geldstücke verschwinden einfach. Nach den bekannten physikalischen Gesetzen verschwinden
diese natürlich nicht, sondern werden vollständig in Bewegungsenergie umgewandelt. Nach
dem Energie-Erhaltungssatz ist das Geld irgendwo in unserem Universum bestimmt noch als
Wärme vorhanden.
Mit dieser neuen Technologie wäre nicht nur ein technisches Problem gelöst. Sie
könnte einen Beitrag zur Bekämpfung der Inflation leisten, besonders in mediterranen
Ländern. Dies wäre für die Welt-Wirtschaft insgesamt von großem
Nutzen.
Es ergäben sich noch ganz andere Vorteile. Jeder würde von selber zu energiebewußter
Fahrweise angehalten. Kein Jugendlicher könnte mit dem betankten Familiengefährt
davonfahren und Unfälle verursachen, zumindest nicht, wenn man das Taschengeld
verantwortungsbewußt kontrolliert.
Der Widerstand gegen die Abholzung von Wäldern für den weiteren Ausbau des
Straßensystemes wäre unberechtigt, weil das Argument der Umweltverschmutzung
entfiele.
Wir hoffen, diese Technik wird möglichst bald omniglobal eingeführt. Vielleicht
verschlafen wir die damit verbundenen Beschäftigungs- und Export-Chancen diesmal nicht.
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28.11 2003
Einsinn:
Alles hat nur noch einen Sinn, den jeder unablässig und angestrengt denkt. Am
einsinnigsten ist es, wenn alle offenbar freiwillig so denken oder nichts davon wissen wollen,
daß nur noch so gedacht wird. Das Wesen des Einsinnes besteht darin, nicht nach dem Sinn von
Dingen und Taten zu fragen, den diese einst zu beherbergen schienen. Der einzige Sinn ist der eine.
Manche nennen es Effizienz.
Von ineffizientem Leben spricht man noch nicht, doch man bekommt es wortlos zu spüren und
vorgeworfen. Irgendwann bleibt uns nichts anderes übrig, als für ineffizientes Leben
neue, humane Euthanasie-Programme zu entwickeln. Die vielen Organe, die dabei anfallen,
könnte man verwerten und in Transplantat-Katalogen anbieten.
Am ineffizientesten ist Verantwortung. Diese muß wie alle anderen störenden
Kostenfaktoren geoutsourced werden. Die Verantwortung für die Mitarbeiter eines Betriebes
sourced man bekanntlich am effizientesten an immune Leasingfirmen aus. Im Grunde ist jedes soziale
Gebilde ein ökonomisches Modell mit einer überflüssigen Personalabteilung, das den
freien Gesetzen des Marktes angepaßt werden muß, damit es effizient funktionieren
kann.
Wenn alles effizient oder einsinnig sein soll, muß wirklich alles etwas kosten. So schlage ich
vor, zuerst alle öffentlichen Parks für eine symbolische Null- bzw. Einsumme an die
besten Steuerhinterzieher zu verschachern, damit sie von diesen eingezäunt werden und damit
Eintritt genommen wird. Damit wäre eine der letzten kommunalen Zuständigkeiten
erfolgreich geoutsourced.
Später könnte man allen Menschen Atemgeräte umhängen und jeden Atemzug nach
Dauer und Verbrauch abrechnen. Freies Atmen sollte man bald verbieten und die Luft durch geeignete
Maßnahmen noch unbrauchbarer machen, als sie es mancherorts längst ist. Das wäre
nicht effizient gesehen zwar bedauerlich, doch um so schöner sind die
Glücksversprechungen des Einsinnes. So ein Wahn, der die ganze Welt erfaßt hat und den
man sowieso nicht mehr stoppen kann, wird nicht falsch sein können. Außerdem hat die
Wirklichkeit immer recht, selbst wenn sie hie und da ungerecht sein sollte. Auch jene, die uns noch
mehr verdummen und das Mittelalter wieder einführen wollen, werden ihm eines Tages verfallen.
Der Einsinn ist die größte Kulturleistung, die wir jemals vollbracht haben. Vom Overkill
abgesehen, der noch Zeit hat und für den wir noch kein verläßliches Controlling
entwickeln konnten.
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| © Designed and written by Zacke.
December 2003. |
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