Zackes Textedition 15:

Wenn ich nicht schreiben täte, sondern stattdessen ein Kind gezeugt hätte, das mit jeder Edition ein Jahr älter würde, stünde womöglich eine angehende Frau von Ihnen.

 

November 2002

Herbstimpression:

Ich lief am späten Nachmittag unter all diesen mit güldenen Blättern behangenen Bäumen hindurch. Die sich vor mir verneigende Sonne hob zum güldenen Abendschein an. Der Boden raschelte ebenfalls gülden, so viele Blätter waren schon heruntergefallen. Meine Kamera war kaputt. Darum hatte ich die Tasche nicht mit, in der neben der Kamera stets eine Kladde zur Hand war, falls sich eine Impression nur in Worten adäquat ausdrücken lassen wollte.

So eine Scheiße! Ich hatte zwar meinen güldenen Kugelschreiber mit, aber nichts, worauf ich über güldene Blätter schreiben könnte.

Dann schreibe ich eben auf ein solches! Doch der Versuch mißlang. Das relativ spitze Schreibgerät bohrte sich bei der sanftesten Berührung in das Blatt. Kein Punkt gelang mir, geschweige denn ein Buchstabe oder mehrere in virtuoser Reihenfolge.

Dann nehme ich eben ein solches mit, so wie man sich früher, um etwas nicht zu vergessen, einen Knoten in's Taschentuch geknotet hat, sofern man eines dabei hatte und es nicht papierern war. Auf Papiertaschentücher kann man nur schlecht schreiben. Von denen sah ich viele, als ich nach einem zufällig weggeworfenem Stück Papier Ausschau hielt. Es lagen nur Papiertaschentücher rum, die außerdem für nichts mehr zu gebrauchen waren, egal wofür sie zwischen den Büschen benutzt worden sind.

Ich wollte doch ein güldenes Blatt mitnehmen, stattdessen suchte ich verzweifelt nach einem noch beschreibbaren Papierfetzen. Auch, weil von den güldenen Blättern so viele rumlagen, daß ich mich nicht entscheiden konnte, welches ich aufhebe.

Ich entschied, nicht weiter nach Papier suchen und blickte immer noch umher. Um mich nicht für eines der vielen güldenen Blätter am Boden entscheiden zu müssen, rupfte ich ein güldenes, das noch hing, von einem Ast. Später ein zweites, weil ich mir noch eine Idee merken wollte und danach ein drittes aus ähnlichem Grund.

Zuhause schmiß ich die Blätter weg und setzte ich mich tatsächlich sofort an den Schreibtisch und schrieb alles auf. Unter anderem die Rohfassung dieser Geschichte. Wenn man das Schreiben als Geschenk des Glückes auffaßt, ist es gar nicht schlecht, daß ich meine Kladde nicht dabei hatte. Hätte ich alles aufschreiben können, wären die Notizen vielleicht vergessen liegen geblieben oder ich hätte gefragt, welchen Sinn es überhaupt macht, über güldene Blätter zu schreiben.


 

30.11.2003

Der Boxer:

Der Sommer 1995 war recht schön. Vielleicht erinnert sich jemand an den guten Rotwein-Jahrgang. Der Chianti Antica Torre im 1.5 Liter Ballon, für sieben Mark und paar Pupse, schmeckte vorzüglich. Die letzten Reste davon kosteten später das Doppelte.

Zuerst lief ich jeden Tag nach der Nachtschicht von der heute kaum noch vermißten Gryphiusstraße bis zum Treptower Park. Das war relativ weit. Später legte ich mich einfach aufs Hausdach. Das war viel näher. Ich mußte nur vergessen, daß sich da oben einer angezündet und hinuntergestürzt hat. Ein Kerl wie ein Baum. Was mißverstandene Liebe eben so schafft.

Ich erzähle doch lieber von dem Park, obwohl es auf dem Dach nicht uninteressant war. Zwei viel hübscher als ich anzusehende Mädels spazierten auf den Dächern um den Häuserblock, als ich gerade nichts anhatte. Ein andermal begrüßte mich der Schornsteinfeger. Überall trifft man eben Leute, die man kennt oder kennen sollte. Wegen den Badezimmeröfen muß er im Sommer auch fegen, vernahm ich und bewunderte seine Kaminkletterkünste.

Der Park war einigermaßen angenehm. Nur, daß die heftig befahrene Puschkin-Allee mitten durchbrettert, fand ich nicht so toll. Sonst sperrt man ganz unbürokratisch wegen jedem Humptata jede Straße und sei es die des 17. Juni oder den Kudamm. Wann baut man diese blöde Straße zum Feldweg zurück?

Ich sehe den Park wieder vor mir. Ich habe sogar das Konzept eines Briefes an Katrin wiedergefunden. Die könnte sich mal melden. Am besten per eMail. Keine Ahnung, wo die jetzt wohnt und wie sie nun heißt. Ich suchte die Geschichte mit dem Hund. Ein schwarzer Boxer mit einer verbunden Pfote, die ihn nicht zu stören schien. Als ich so dasaß, kam er in Köpfhöhe auf mich zu. Dabei komme ich mir meist selber wie ein Hund vor, vielleicht weil ich mit Hunden aufwuchs.

Die Geschichte fing aber anders an. Als ich am Wasser lang lief, wo überall Leute in der Sonne lagen, räkelete sich diese Hundeperson gerade auf dem Rücken. Er ruderte mit den Pfoten in der Luft und seine Eier hüpften durch die Gegend. Dazu schnaubte er wollüstig. Daß ich mich in der Nähe hinsetzte, ergab sich zufällig. Hier war noch Platz. Ich saß da und schnupperte den Luftstrom, der vom Wasser wehte. Dieser war nur in Bodennähe, also nur hündisch wahrnehmbar. Es roch wunderbar erfrischend und ein wenig nach vergammelten Fischen.

Der Hund kam und setzte sich rechts neben mich. Wir schnupperten zusammen. Dann umrundete er mich. Da ich nahe am "Kai" saß, zog ich die Beine weg, damit er nicht hinübersteigen mußte. Schließlich verabschiedete er sich. Er zog seinen Rücken wie an einem Baum an mir entlang. Die Leute, denen dieses Charaktertier gehörte, spielten Mühle.


 

28.11.03

Kurzes:

Für Audrey:

Du bist wie ein Kolibri, der sich auf meine Hand setzt. Ich halte sie Dir mit ein paar selbst geschälten roten Mohnsamen auf. Ich spüre Dein zärtliches Gewicht. Das ist fast nichts.

Ich bin der plumpe Clown, der jede Vase umwirft, sei sie noch so gut versteckt. Doch das mache ich viel besser als Du, denn meine Vasen stehen immer in voller Blüte.


Textnachdichtung für ein bekanntes Lied:

O leck mich doch, o leck mich doch,
o leck mich doch am A h a r s c h !
Tu's nicht nuhuhur zur Weihnachtszeit,
mach's auch wenn's mahahal im Sommer schneit!
O leck mich doch, o leck mich doch,
o leck mich doch am A h a r s c h !


Herbst:

Im Sterbst herben die Alten.


 

04.12.2003

Herr Kafka im Kaffeehaus:

Ich traute meinen Augen nicht: "Sie sind in Berlin?" Es saß allein an einem Tisch und alles sah so aus, wie man sich einen Schriftsteller in einem Wiener oder Petersburger Kaffeehaus vorstellen würde. "Störe ich Sie gerade?" - "Aber nein, nun sowieso nicht mehr. Ich habe einiges geschrieben, ich bin fast fertig, es fehlt nur noch ein Schluß, doch ich komme seit bald einer Stunde nicht voran." Er zeigt etliche Blätter mit viel Durchgestrichenem.

"Ich pflege nicht oft in solchen Lokalen zu schreiben. Normalerweise genieße ich dabei die Ruhe eines zurückgezogenen Ortes. Doch wenn einem so gut wie niemand hier kennt, ist die Situation ähnlich, mal von den Geräuschen abgesehen. Wenn man nur zuhört, ohne zu deuten, kann das sogar sehr inspirierend sein. Ich hatte mehr Anregungen als ich in einer Geschichte hätte verarbeiten können."

"Wollen Sie mir ein wenig davon erzählen?" - "Gerne, wenn Sie die Geduld haben, mir zuzuhören. Ich schreibe von einen vollkommen anderen Menschen als ich, der nicht auf Reisen ist und der an so einen ähnlichen Ort wie den hiesigen ganz gehört. Er ist es gewohnt hier zu schreiben. Zuhause kann er sich auf nichts konzentrieren. Er braucht die Betriebsamkeit um sich herum. Er genießt es, sich davon anregen zu lassen. Doch diese Situation kehrt sich plötzlich aus unerfindlichen Gründen um. Er nimmt die Situation nicht mehr mit seinem Schreiben auf, sondern er schreibt aus einem seltsamen Drang drauflos. Dabei wird er innerlich immer aufgeregter, ohne daß er sich dies anmerken läßt, weil der Zusammenhang zwischen dem was geschieht und dem was er gerade aufschreibt weiterhin besteht, nur eben in umgekehrter Reihenfolge. Was er schreibt geschieht."

"Das ist excellent, echt mondial Monsieur, erzählen Sie genaueres. Darf ich Sie auf einen erlesenen Wein einladen?" - "Danke, bitte keinen Alkohol." - "Dann bestelle ich uns türkischen Mokka, der wird hier besonders vorzüglich zubereitet. Erzählen Sie bitte weiter!"

"Es tragen sich keine außergewöhnlichen Ereignisse zu. Mein Schreiber erschrickt nur, weil alles so eintrifft, was er es schreibt. Jemand schiebt aus Versehen mit dem linken Ellbogen eine volle Tasse über den Tischrand. Wer erwartet denn so ein stets für alle Beteiligten gleichermaßen peinliches Ereignis? Vorhin hörte ich wohl zufällig aufgeregtes Reden im Nebenzimmer. Was dort geschah, ist mir entgangen. Ich habe nicht gefragt. Man ist hier in diesem Haus trotzdem höflich und sowas kommt sicher immer wieder vor. Mein Schreibender läßt irgendwann einen Hund hereinschleichen. Wieder erhebt sich deswegen ein Palaver. Also schreibt er, daß der Hund einem Stammgast gehört. Er will das Schicksal provozieren. Doch es gibt keinen Widerspruch. Der Hund darf bleiben. Als ich vorhin ganz vertieft war, schien es mir, als ob auch hier irgendwas mit einem Hund gewesen wäre. Denken Sie bitte nicht, ich mache mich jetzt über Sie lustig, aber mein Autor läßt ebenfalls einen Bekannten erscheinen und nun sind Sie gekommen, einer der wenigen Menschen, den ich in dieser Stadt kenne. Mein Protagonist kennt mit Sicherheit mehr Leute und er könnte sie alle nacheinander herbeischreiben."

"Wahrscheinlich wollen Sie mir eher schmeicheln Herr Kafka, aber worin besteht nun ihre Schwierigkeit mit dieser Geschichte? Sie ist doch wunderbar angelegt und Sie können alles mit ihr machen." - "Das stimmt zwar, die Situation meines Schreibers könnte sogar der Kristallisationskeim eines Romanes sein. Es könnten noch sehr viele Ereignisse stattfinden. Mir fehlt nur der Schluß. Ich weiß nicht, wie er aus dieser Situation genauso schlüssig frei kommt, wie er in sie geraten ist. Ich könnte die Geschichte immer grotesker steigern, wie es einige von mir erwarten würden. Doch das scheint mir nicht ihr Sinn zu sein und ich weiß einfach nicht weiter."

"Dann soll der Protagonist doch einfach aufstehen und gehen. Oder tun Sie es. Kommen Sie ein anderes Mal wieder her und schreiben Sie zu Ende ..." Ich konnte vorschlagen was ich wollte, auch daß so eine Geschichte nicht unbedingt sofort fertig sein muß, es gefiel ihm nicht. Ich hatte leider keine Zeit mehr, denn ich mußte weg. Mit etwas schlechtem Gewissen beglich ich meine und seine Rechnung, ohne es ihm zu sagen und ich riet ihm, er solle es sich nicht zu schwer machen, diese Stadt ist um diese Jahreszeit viel zu schön, um sich nur auf dem Papier zu mühen. Als ich ging, schrieb er. Leider weiß bis zum heutigenen Tage niemand, was aus dieser Geschichte wurde.


 

03.12.2003

Niemand-Syndrom:

Die meisten Menschen haben Probleme. Eine zunehmende Gruppe von Menschen leidet jedoch darunter, keine zu haben. Sie fühlen sich unbedeutend. Es gibt keinen Grund, daß sich jemand um sie kümmert. Sie haben das Gefühl, nicht wirklich zu leben. Äußerlich betrachtet fehlt es ihnen an nichts, mache haben viel Geld. Innerlich fühlen sie sich jedoch unendlich leer. Neidisch verfolgen sie Erfahrungsberichte im Fernsehen, wie andere eine ausweglose Situation überwunden haben, wie diese eine Weile in idyllischen, gut betreuten Kurheimen gewohnt haben und nun wieder voller Mut und Lebenskraft sind.

Ratschläge allein helfen nicht weiter, doch nun finden diese Menschen in den neuen Problemagenturen einen Anlaufpunkt. Das Angebot ist sehr vielfältig, man sollte es aber wie immer zuerst mit einfachen Mitteln probieren, bevor man viel Geld, womöglich vergeblich, ausgibt. Natürlich gibt es hier unter anderem auch die überall erhältlichen Ratgeberbücher, die man bisher vielleicht nur übersehen hat.

Viele haben vergessen, daß sie mit ihren eigenen Händen etwas machen können. Für diese werden saisonale Bastelsets angeboten. Vom Osternest bis zum Fensterschmuck für Weihnachten. Technisch Begabte können sich eine blinkende Lichterkette und das Netzteil dafür selber zusammenlöten.

Die bei solchen Beschäftigungen auftauchenden Probleme sind meist von zu kurzer Dauer. Bald fühlt man sich wieder leer. Man bräuchte ein ernsthaftes Problem. Die eigene Situation zum Problem zu machen, mit dem man sich beschäftigen könnte, ist für die meisten Betroffenen kein Anreiz. Viele sehen darin nur eine Taktik zur Ablenkung.

Deshalb bieten Problemagenturen echte Probleme als Dienstleistung an. Man kann z.B. das Einsteigerset für Drogensucht oder Krebs erwerben. Oder man kauft einen Mordvorwurf der Kripo, welcher binnen einer Woche per Einschreiben zugestellt wird. Der Partner oder Geliebte, der einem nicht wirklich liebt, kommt meistens ebenfalls sehr schnell ins Haus. Die Kündigung der Arbeitsstelle geschieht zum nächstmöglichen Termin, zum 15.ten oder zum Monatsende. Gegen Aufpreis ist eine fristlose Kündigung mit außergewöhnlichem Grund erhältlich.

Wer lieber einen gewissen Abstand zur Wirklichkeit vorzieht, bekommt eine gut recherchierte Dokumentation zu allen Übeln dieser Welt. Ein dickes Buch mit sieben DVDs. Dazu gibt es ein erweitertes Hard-Core-Angebot. Man kann sich ohne Hilfsmittel in einem Land der dritten Welt aussetzen lassen. Gegen Aufpreis wird man nach einer bestimmten Zeit wieder abgeholt oder überführt.


 

02.12.2003

Neurosen-Defizit:

Die Normalpsychologie stand vor einem großen Problem. Durch die Liberalisierung der Moral, die zur sexuellen Befreiung des Einzelnen führte, wurde die Sexualität entmystifiziert. Der Mensch hat jedoch ein natürliches Bedürfnis zur Geheimniskrämerei und zum verklemmten Rumtruxen. Damit sich dieses Verhalten nicht unkontrolliert auf andere Lebensbereiche überträgt, mußte lenkend eingegriffen werden.

Es gab viele Überlegungen, was sich am besten zur neurotischen Besetzung eignen würde. Einen Ersatz für die Sexualität zu finden, der unter den neuen gesellschaftlichen Anforderungen gleichermaßen der bestehenden Ordnung dienlich sein könnte, war nicht leicht. So hätte es nahe gelegen, stattdessen alles zu neurotisieren, was mit Geld oder Besitz zu tun hat. Diente doch die Kontrolle der Sexualität unter vorzeitlichen gesellschaftlichen Bedingungen zur Gewährleistung der Vererbung von Eigentum in väterlicher Linie. Dies hätte jedoch zur Störung der globalen Finanzmärkte geführt. Gegen die Neurotisierung des Versicherungswesens konnte sich deren Lobby erfolgreich zur Wehr setzten.

Man hätte beliebige, andere, mit den menschlichen Körperfunktionen zusammenhängende Vorgänge neurotisieren können. Zum Beispiel, Essen, Trinken, Rauchen, Fürze lassen, Zähne putzen oder Zehennägel schneiden. So etwas war teilweise durch sexuelle Perversionen schon vorgekommen und individuelle oder gesellschaftliche Regression auf frühere Zustände hätte gedroht.

Es stand schließlich nur noch die Neurotisierung des Denkens zu Debatte. Dieses kann man je nach Auffassung den Körperfunktionen zuordnen oder darin etwas höheres sehen. Wieweit die Neurotisierung des ganzen Denkens wünschenswert oder besser zu vermeiden ist, war zuerst heftig umstritten. Diese Kontroversen hatten eine lange historische Vorgeschichte. Dadaistische Spötter haben Individualität seit jeher als Grad der Neurotisierung bezeichnet.

Um keine Debilisierung sämtlicher geistigen Ressourcen zu riskieren, beschloß der Weltverband der Normalpsychologie (engl. WANPsy), nur das Haben einer eigenen Meinung durch entsprechende Therapie-Modelle und Öffentlichkeitsarbeit zu neurotisieren. Die Auswirkungen sind heute nicht mehr umkehrbar. Erst unter anderen Voraussetzung können sie wieder angepaßt werden. Da das Leben zyklisch verläuft, ist die Rückkehr der guten alten Sexualneurose in einer späteren Zukunft nicht auszuschließen.


 

01.12.2003

Vollzugs-Lobotomie:

Dank neuer bildgebender Verfahren, die auf Magentfeldresonanz basieren, ist die forensische Kartographierung des humanen Gehirnes abgeschlossen. Die vorbereiteten Gesetze sind bereits einvernehmlich verabschiedet und gültig.

Wer sich etwas zu schulden kommen läßt, hat nun in der Regel eine Wahlmöglichkeit, welcher Art die Vermeidung zukünftiger Straftaten sein soll. In besonders schweren Fällen wird ohne Einwilligung des Betroffenen kraft Gesetz operiert.

Triebtäter müssen nicht mehr kastriert werden, sondern können nach der Entfernung jener Bereiche, die für eine übermäßige Triebaktivität verantwortlich waren, ein relativ normales, fortan unbescholtenes Leben führen.

Manche Operationen, bei denen nur Bereiche mit Erinnerungsinhalten und negativen Prägungen entfernt wurden, machen sich später so gut wie gar nicht bemerkbar. Unter den freiwilligen Versuchspersonen für die zahlreichen Vorstudien befinden sich viele Prominente mit hohem Ansehen. Menschen aus Wirtschaft und Politik. Aber auch einfache Arbeitslose, die nach erfolgreicher Operation wieder arbeiten konnten. Alle diese Personen bleiben natürlich anonym, wenn sie es wünschen.

Das gilt gleichermaßen für Straftäter, die sich freiwillig operieren lassen. Somit wird jedem, ohne Ansehen der Person, eine reale Chance für ein neues Leben geboten. Es ist davon auszugehen, daß sich die Zahl der vorzuhaltenden Haftplätze mit allen Folgekosten beständig verringern wird. Andere Sozialaufgaben könnten mit besserer Mittelausstattung versehen werden.

Die präventive Gehirn-Chirurgie wurde erst durch eine Änderung des globalen Individualrechtes möglich gemacht. Die Forschung befaßt sich seit Ende des 19.ten Jahrhunderts ernsthaft mit diesem Thema.
(Infos ohne Satire:   Antipsychiatrie.de   Psychex.ch)


 

30.11.2003

Geldmotoren:

Das für seine Pionierarbeit und die sich daraus ergebenden weltweiten technischen Innovationen bekannte Staunhopser Institut hat jüngst eine neuartige Antriebstechnik für den Individualverkehr entwickelt. Diese dürfte spätestens nach der Erschöpfung der Mineralölvorräte die mit konventioneller Verbrennung arbeitenden Motoren verdrängen. Die wichtigsten Hersteller sollen sich bereits Lizenzen gesichert haben.

Wie diese neue Technologie genau funktioniert, ist aus Gründen des Patentschutzes noch geheim. Der Antrieb besteht nach wie vor aus einem nur unwesentlich kleineren Aggregat. Ein Tank ist nicht mehr notwendig. Stattdessen befindet sich im Inneren auf der Fahrerseite ein Schlitz im Armaturenbrett, wie wir ihn von Zigarettenautomaten oder Parkuhren kennen. Man muß keine Tankstelle anfahren, sondern steckt ein beliebiges Geldstück in den Einwurf, wenn eine Leuchtdiode zu blinken beginnt. Natürlich kommt man mit zwei Euro weiter als mit zwei Cent. Kredit gibt es keinen, dafür wird bereits am Betrieb mit Geldscheinen gearbeitet. Wir waren mit unserer Testfahrt sehr zufrieden, nur hatten wird danach kein Kleingeld mehr in unserem persönlichen Portemonnaie. Darauf kann man sich jedoch einstellen.

Wir würden Ihnen gerne genauere technische Details berichten. Leider dürfen wir es nicht. Der Antrieb produziert keine umweltschädlichen Stoffe und gibt nichts davon an die Umwelt ab. Die Geldstücke verschwinden einfach. Nach den bekannten physikalischen Gesetzen verschwinden diese natürlich nicht, sondern werden vollständig in Bewegungsenergie umgewandelt. Nach dem Energie-Erhaltungssatz ist das Geld irgendwo in unserem Universum bestimmt noch als Wärme vorhanden.

Mit dieser neuen Technologie wäre nicht nur ein technisches Problem gelöst. Sie könnte einen Beitrag zur Bekämpfung der Inflation leisten, besonders in mediterranen Ländern. Dies wäre für die Welt-Wirtschaft insgesamt von großem Nutzen.

Es ergäben sich noch ganz andere Vorteile. Jeder würde von selber zu energiebewußter Fahrweise angehalten. Kein Jugendlicher könnte mit dem betankten Familiengefährt davonfahren und Unfälle verursachen, zumindest nicht, wenn man das Taschengeld verantwortungsbewußt kontrolliert.

Der Widerstand gegen die Abholzung von Wäldern für den weiteren Ausbau des Straßensystemes wäre unberechtigt, weil das Argument der Umweltverschmutzung entfiele.

Wir hoffen, diese Technik wird möglichst bald omniglobal eingeführt. Vielleicht verschlafen wir die damit verbundenen Beschäftigungs- und Export-Chancen diesmal nicht.


 

28.11 2003

Einsinn:

Alles hat nur noch einen Sinn, den jeder unablässig und angestrengt denkt. Am einsinnigsten ist es, wenn alle offenbar freiwillig so denken oder nichts davon wissen wollen, daß nur noch so gedacht wird. Das Wesen des Einsinnes besteht darin, nicht nach dem Sinn von Dingen und Taten zu fragen, den diese einst zu beherbergen schienen. Der einzige Sinn ist der eine. Manche nennen es Effizienz.

Von ineffizientem Leben spricht man noch nicht, doch man bekommt es wortlos zu spüren und vorgeworfen. Irgendwann bleibt uns nichts anderes übrig, als für ineffizientes Leben neue, humane Euthanasie-Programme zu entwickeln. Die vielen Organe, die dabei anfallen, könnte man verwerten und in Transplantat-Katalogen anbieten.

Am ineffizientesten ist Verantwortung. Diese muß wie alle anderen störenden Kostenfaktoren geoutsourced werden. Die Verantwortung für die Mitarbeiter eines Betriebes sourced man bekanntlich am effizientesten an immune Leasingfirmen aus. Im Grunde ist jedes soziale Gebilde ein ökonomisches Modell mit einer überflüssigen Personalabteilung, das den freien Gesetzen des Marktes angepaßt werden muß, damit es effizient funktionieren kann.

Wenn alles effizient oder einsinnig sein soll, muß wirklich alles etwas kosten. So schlage ich vor, zuerst alle öffentlichen Parks für eine symbolische Null- bzw. Einsumme an die besten Steuerhinterzieher zu verschachern, damit sie von diesen eingezäunt werden und damit Eintritt genommen wird. Damit wäre eine der letzten kommunalen Zuständigkeiten erfolgreich geoutsourced.

Später könnte man allen Menschen Atemgeräte umhängen und jeden Atemzug nach Dauer und Verbrauch abrechnen. Freies Atmen sollte man bald verbieten und die Luft durch geeignete Maßnahmen noch unbrauchbarer machen, als sie es mancherorts längst ist. Das wäre nicht effizient gesehen zwar bedauerlich, doch um so schöner sind die Glücksversprechungen des Einsinnes. So ein Wahn, der die ganze Welt erfaßt hat und den man sowieso nicht mehr stoppen kann, wird nicht falsch sein können. Außerdem hat die Wirklichkeit immer recht, selbst wenn sie hie und da ungerecht sein sollte. Auch jene, die uns noch mehr verdummen und das Mittelalter wieder einführen wollen, werden ihm eines Tages verfallen. Der Einsinn ist die größte Kulturleistung, die wir jemals vollbracht haben. Vom Overkill abgesehen, der noch Zeit hat und für den wir noch kein verläßliches Controlling entwickeln konnten.


 © Designed and written by Zacke. December 2003.