Zackes Textedition 14:

Wenn Sie diese Texte nicht lesen wollen, lesen Sie nur den letzten. Er ist für Rüdiger, Alex, Frère Jacques, für alle Petras, für Norbert, Gottfried und für alle, die ich diesbezüglich vergessen habe.

 

21.04.2002

Die Wurstausstellung:

Der Bau sieht von Außen nicht wie eine Galerie oder wie ein Museum aus, obwohl sich sehr alte Exponate darin befinden. Vielleicht war das mal ein Krankenhaus, das nicht mehr genügend Gewinn abwarf. Eingänge, Treppen und Flure sind breit und geräumig. Vielleicht war es eine Schule. Die müssen ebenfalls öfter dicht machen, seitdem es so viel billige Konkurrenz mit immer kürzerem Unterricht gibt.

Es gibt einen Hauptraum, um den sich ein Labyrinth zahlreicher kleinerer Räume gruppiert. Alles ist gut beschildert. Die Räume beherbergen nach Jahreszahlen geordnete Sammlungen. Im Raum des aktuellen Jahres wird zur Zeit noch gearbeitet und der Zutritt ist nur mit einer Abo-Karte gestattet.

Die Räume sehen alle sehr ähnlich aus. Wertvolle Stücke befinden sich in Vitrinen. Die meisten hängen an Wänden. An einigen Stellen sind völlig gleich aussehende Würste gestapelt. Trotzdem sind sie mit der neusten Technologie gegen Diebstahl gesichert. Wenn man es nicht lassen konnte und trotz Verbot eine Wurst anfaßt, vielleicht weil man an ihrer Echtheit zweifelt, ertönen keine Sirenen, dafür steht sofort Personal hinter einem. Das ist peinlich. Ein Diebstahl soll bisher noch nie vorgekommen sein. Um so beschämter fühlt man sich.

Obwohl die Räume alle gleich eingerichtet sind, hat es die Leitung verstanden, durch Ausnutzung des Einfalles von Tageslicht und mit Halogen-Spots, in jedem Raum eine eigene Stimmung zu erzeugen. Davon könnte sich jede Kunstausstellung eine Scheibe abschneiden. Kunst ist an sich interessanter als Wurst, die man weder essen darf, noch könnte. Die Würste enthalten kaum Spuren von Wasser. Sie sind noch haltbarer wie alte ägyptische Mumien. So steht es jedenfalls im Prospekt.

Das wichtigste Ausstellungsstück ist eine große, etwas betagte und leicht verschmutze, vollautomatische Wurstmaschine im Hauptraum. Es mag den zur Zeit gängigen Ausstellungs-Konzepten entsprechen, daß diese Maschine so aussieht, ob ob sie eben noch in Gebrauch gewesen wäre. Dies macht Ausstellungen besonders anschaulich. Die Maschine hat oben einen recht groß geratenen Trichter. In diesen würden zwei Schweine gleichzeitig passen. Über eine Empore, die entfernt einen sakralen Charakter besitzt, kann man von oben in den Trichter sehen. Die Innenseite glänzt. Man spiegelt sich darin. Man wird durch die Wölbung verzerrt. Auf Jahrmärkten gibt es dafür besondere Spiegel. In das Innere der Maschine kann man nicht sehen. An der Seite kommt ein Fließband heraus. Es ist kurz und soll wohl nur der Anschauung dienen.

Die meisten Leute gehen zum Trichter. Ein Herr in den besten Jahren, hat es weniger eilig, nach oben zu kommen. Auf der Empore sieht es so aus, als würde er unbekanntes Territorium betreten. Selbst die erste Mondlandung hätte nicht besser vorgetäuscht werden können. Plötzlich wenden sich alle Anwesenden der Maschine zu. Es wird still. Außer ihm befindet sich niemand mehr oben. Zögerlich nähert er sich dem Trichter und läßt sich lautlos hineingleiten. Nur sein Jackett schabt etwas. An der Maschine leuchten kurz ein paar blind und farblos geglaubte Lämpchen auf. Sie summt wie eine Pumpe. Das Fließband bewegt sich, hakt und ruckelt. Die Rollen quietschen. Ein paar unterschiedlich große Würste erblicken die Welt im eigenen Darm. Bevor die erste vom Band fällt, stoppt es. Eine Arbeiterin kommt mit einem Rolltisch, legt die Würste darauf ab und verschwindet. Der Ausstellungsbetrieb geht weiter. Besucher sehen sich auf der Empore den Trichter an.


 

25.04.2003

Hölle:

Die Hölle wird das ewige Leben nach dem Tod sein. Du wirst in Dir gefangen bleiben, für alle Zeit. Es wird Dir an nichts fehlen, aufdaß Du nicht vergehen kannst. Du wirst dort in einer schönen Welt leben, so schön, wie die jetzige ohne Dich hätte sein können. Dir wird Weisheit gegeben, damit Du alles verstehst. Du wirst allen Einsichten, denen Du heute ausweichst, nicht entgehen können. Du wirst erkennen, was für ein Mensch Du warst. Du wirst sehen, wie Du Unrecht tatest. Du wirst bedauern und bereuen, ohne daß es Dir nutzt. Du wirst auf keine Vergebung hoffen können. In Deiner Hölle gibt es keinen Gott. Du wirst die Last Deines heutigen Lebens tragen müssen.

Dieses Schicksal bleibt Dir nicht erspart, selbst wenn Du ein tadelloses Leben führst, weil Du Dir solche Strafe ersparen willst. Wenn Du nicht lernst, alles Leben aus ganzen Herzen zu bejahen, ist sie Dir sicher. Es ist nicht viel, was man von Dir verlangt. Es ist Dein Trachten, etwas für Dich zu beanspruchen, was Du anderen nicht gewährst, womit Du Dich schuldig machst.

Selbst erlittenes Unrecht wird Dir nicht aufgerechnet. Für Dich zählen nur Deine Untaten. Deine Vorstellungskraft mag im Augenblick nicht ausreichen, Dir auszumalen, wie die Hölle sein wird. Du wirst Dich zuerst im Himmel glauben und zweifeln, daß für Dich alles vorbei ist. Dann wirst Du aber aus dem Traum erwachen, in welchem Du Dich für den Einzigen wähntest, auf den Du Rücksicht nehmen mußt.


 

Mai 2003

Kurzes:

Der Mensch stammt nicht vom Affen ab.
Der Mensch ist ein Affe.

Die Missionierung der Delphine mißlang, da sie noch klüger sind als wir und weil die Missionare schlechter schwimmen konnten. Seither heißt es in der katholischen Kirche, Tiere hätte keine Seele und wären dümmer.

Globalisierung:
Leichenwagen statt Krankenwagen.

Alle Wege führen in's Grab
und ihr habt es so eilig.

Ich sitze auf einem Ball.
Nach der Richtlinie des
Bundesgesundheitsamtes
maximal 65 cm aufblasbar.
Seit 79,9 cm warte ich,
wann es wirklich knallt.



 

18.05.2003

Nina Simone:

Als Jimi Hendrix starb, war er gleich tot. Ich hatte ja noch seine Musik und richtig verstanden habe ich ihn sowieso erst später. Als ich zufällig davon hörte, daß Rory Gallagher gestorben sei, tat er mir leid und ich mußte zugeben, ihn längst wie alle aus den Augen verloren zu haben. Gallagher hat mal einem Kumpel von mir in einem Bremer Laden eine Gitarre vor der Nase weggeschnappt. Ich bin ihm also beinahe persönlich begegnet. Wir schauten nach Gitarren und konnten uns für diese alte Jaguar oder Jazzmaster nicht schnell genug entscheiden. Als die Glampfe weg war, hing stattdessen ein Bild an der Wand gegenüber. Rory spielte auf ihr. Als Kind war ich übrigens ein paar mal bei einem Frisör, der erzählte allen Leuten, daß sein Vater De Gaulle die Hand geben durfte.

Egal, von Nina Simone war ich noch weiter weg, wie von Jimi Hendrix und wenn ich sie in ihren letzten Jahren gekannt hätte, wäre sie mir vielleicht sogar unsympathisch vorgekommen. Sie lebte irgendwo in Südfrankreich und soll mürrisch gewesen sein und sich auch mal rabiat benommen haben. Als Jugendliche in ihrer Umgebung lärmten, schoß sie mit einer Schrotflinte und verletzte einen. Würde ich zwar nicht tun, aber manchmal ist mir auch nach sowas.

Nina Simone hätte noch länger leben können, doch mit 70 starb sie nicht mehr so jung. Trotzdem ging sie mir zu früh. Sie nimmt zu viel von dem mit, wofür sie für mich stand. Wenn ich Rory oder Jimi höre, weiß ich, daß niemand mehr solche Musik machen wird. Daß nun für Nina das gleiche gelten soll, daß ihre unverkennbare Stimme für immer stumm bleibt, damit bin ich gar nicht einverstanden. Sie klingt nicht tot, wenn ich sie singen höre. Klar, es gibt Macy Gray, die darf man nicht ignorieren, auch sie ist absolut einzigartig. So eine Stimme gab es vor ihr noch nicht und mit ihrem Groove erinnert sie mich manchmal an Jimi Hendrix, z.B. wenn er "Long hot summer night" gesungen hat. Wenn die mal mit Siebzig, oder lieber erst mit Neunzig stirbt, wird auch sie mir viel zu früh gestorben sein.

Vielleicht wird mir klar, was Epochen sind und wie sie vergehen. Ich habe mir über das Älterwerden keine besondere Gedanken gemacht. Ich komme mir alterslos vor, die Zeit rauscht wie ein Film an mir vorbei, in den mich irgend jemand mitgeschleppt hat. Daß man immer heimatloser wird, immer fremder in der Welt, das hatte ich nicht erwartet. Doch was fühlt sich unwirklicher an, daß Nina immer noch so lebendig klingt, oder daß sie tot ist?


 

24.05.2003

Der Wolf:

Ich war noch nie so weit gelaufen. Nun konnte ich die Stadt nicht mehr sehen und ich vermißte sie nicht. Es war endlich wieder mal ein schöner Tag. Ich lief immer weiter. Je weniger ich an die Stadt dachte, desto weniger Spuren von Menschen sah ich. Keinen weggeworfenen Müll, keine Scherben und keine Abdrücke von Autoreifen in der Erde. Irgendwann gab es keine Wege mehr.

Ich wurde immer aufmerksamer, je länger ich unterwegs war. Mir fiel auf, daß der Boden überall von einer Zivilisation aus winzigem Getier bevölkert ist, das genauso wie ich einfach immer weiter läuft. Ich setzte mich eine Weile auf einen Stein und sah dem Leben auf dem Boden zu. Einmal blieb ich stehen, um einen seltsam gewachsenen Baum zu betrachten. Sein Stamm hatte in regelmäßigen Abständen Verdickungen. Ich dachte nicht darüber nach. Ich sah einfach nur hin, solange es mir gefiel.

Ich zerrieb einen Grashalm und trank den Duft. Nun roch ich nur noch Gras. Überall roch es nach Gras. Doch jedes Gras roch anders. Als ich Büschen nahe kam, begrüßten sie mich mit feinen würzigen Düften. Auch Bäume riechen. Ich mußte nur ganz still sein und warten, bis ihr Geruch zu mir kommt. Ich roch, ob der Boden weich oder fest war, bevor ich es mit den Füßen spürte. Ich konnte mich mit meinem Geruchssinn orientieren. Der Wind sagte mir, wie es an einer anderen Stelle aussieht. Wie kann man leben und so etwas vergessen?

Mir kam es so vor, als ob ich mich in dieser Gegend schon immer rumgetrieben hätte. Alles war mir vertraut. Ich folgte Pfaden, die nur ich kannte. Ich kam an einen Teich, wie ich es erwartet hatte. Ich lief ein paar Mal in verschiedenen Richtungen um ihn herum. Dann zog ich weiter. Ich trat auf Lichtungen, ich durchquerte Haine, ich streunte über Wiesen und durch Gestrüpp. Ich erfreute mich immer wieder am Wald, in dem es hell war und in dem viele Arten von Bäumen durcheinander wuchsen. Sie standen nicht in Reihen und waren nicht alle gleich groß. So sah der Wald wohl aus, bevor es Förster, Waldbewirtschaftung und Wandervereine gab.

Plötzlich schien mich die Wirklichkeit auf meinem wunderbaren Spaziergang wieder einzuholen, ich fand einen Menschen. Sein etwas strenger Geruch hatte mich auf ihn aufmerksam gemacht. Er schlief. Er war ein wenig eingerollt wie ein Hund. Das Gras war plattgewalzt. Hat er das vorher gemacht, oder schläft er so unruhig? Was er an hatte, war schwer zu sagen. Es sah so aus, als ob ihm ein Fell durch die verrottete Kleidung gewachsen wäre. Nur seine Arschbacken waren frei. Vielleicht hatte er mal so eine Hose mit Ausschnitten an. Manchen gefällt sowas. Wo sein Gesicht ist, war nicht zu sehen. Sein Kopf verschwand unter einen großen Haufen von Haaren.

Ich hab ihn nicht geweckt, doch irgendwie hat er mich bemerkt. Er schob die Haare etwas zur Seite und schaute mich an. Ich sah nur seine Augen und machte ein paar Schritte rückwärts. Er stand nicht auf. Er wälzte sich, sprang auf alle Viere, heulte wie ein Wolf einmal laut auf und war mit wenigen Sätzen spurlos verschwunden.


 

02.06.2003

Der Künstler:

Ich bin überhaupt nicht kreativ. Ich habe nur als Kind gerne gemalt. Später kam es mir immer albern vor, wenn ich etwas malen sollte. Es erinnerte mich an den Kindergarten, wo wir einmal Apfelkerne mit Nadel und Faden aufgereiht und uns um den Hals gehängt haben. Ich gehe nie in Ausstellungen, weil ich mir kein Gemälde ohne diese Erinnerungen ansehen kann.

Vor drei Jahren war ich wie viele in einer ausweglosen beruflichen Situation. Ich ließ mich nur widerwillig zum Künstler umschulen. Ein Test hatte ergeben, daß ich talentiert sein soll. Die Umschulung war wirklich sehr gut. Ich lernte, zu meinen Empfindungen Abstand zu gewinnen und mich für alles zu öffnen. Ich mußte immer nur das tun, was man mir sagte. Ich übte Portraits und anatomische Studien. Ich lernte wie man Farben mischt und welche Techniken es gibt. Nun beherrsche ich alle Malstile. Zum Glück wurden wir ein paar Wochen lang auch in den Umgang mit graphischer Software auf dem Computer eingewiesen.

Ich hatte nicht erwartet, anschließend so schnell eine Arbeit zu finden. Ich habe von Künstlern gehört, die diesen Beruf nie gelernt haben, daß sie nirgends angenommen werden, selbst wenn sie gute Arbeiten vorzeigen. Meine Mappe, die ich zu den Vorstellungsgesprächen mitnahm, sah nicht viel anderes aus, wie alle Mappen, die ich bisher gesehen habe. Man muß diese offenbar nichtmal selber gemacht haben.

Ich arbeite nun in einem Büro am Computer. Mein Name kam bald als 'Art Director' auf die Homepage meiner Firma. Man hat mir bei der Einstellung gesagt, es wäre gut, daß ich alles könnte. Manchmal will ein Kunde ein richtiges Bild mit Farbe gemalt haben. Die Firma nimmt jeden Auftrag an, der etwas mit Gestaltung zu tun hat. Ich hab noch nie irgendwo in der Firma Acryl oder Öl oder sonstige Farben gesehen. Nichtmal Buntstifte. Ich frage nicht danach, weil ich den Kram nicht vermisse.

Meistens reicht man mir schlampige Skizzen, aus denen ich auf dem Rechner Graphiken mache. Oft sind die Farben vorgegeben, über die ich zu entscheiden habe. Ich bekam schnell heraus, daß die Ergebnisse um so mehr Zustimmung finden, je unauffälliger sie aussehen. Man sagt mir einen sicheren Geschmack nach. Wenn ein Kunde nicht weiß, was er will, ruft man mich. Man hat extra einen Künstler angestellt, um kompetent beraten zu können. Ich schlage immer eine unsere alten Vorlagen vor.

Ich bin eben dieser Künstler. Ich bin es von Arbeitsbeginn bis zur Mittagspause und danach wieder bis zum Feierabend. Privat bin ich nur Mensch. Ich interessiere mich für andere Dinge als das, was ich jeden Tag tun muß. Am liebsten sitze ich vor dem Fernseher und mache gar nichts. Dazu trinke ich mein Bier. Das Web ist mir zu anstrengend, weil man da dauernd klicken muß, damit sich die Bilder bewegen. Manchmal fallen mir bei der Arbeit Ideen ein, die ich im Fernsehen sah und so ähnlich verwenden kann. In meiner Freizeit denke ich nie an die Arbeit.

Ich sage zu allen Leuten, es ist nichts besonderes, von Beruf Künstler zu sein. Unserer Programmierer arbeitet mit viel Herzblut und meint, eigentlich wäre er der Künstler in der Firma. Doch seine Programmme funktionieren nur und sehen häßlich aus.


 

10.06.2003

Tradition und Leidenschaft:

Sein Vater trank gerne mal einen. Seine Mutter angeblich nicht so gerne, doch sie war meistens breiter als er. Besonders an dem Nachmittag, als er gezeugt wurde. Sie hat es erst viel später gemerkt und konnte sich an den genauen Tag beim besten Willen nicht mehr erinnern. Meistens waren waren beide bereits gegen Mittag abgefüllt, so daß sie sich an weitere Vorfälle des Tages nur selten erinnern konnten. Wenn sie mal ein bißchen klar im Kopf waren, vermischte sich Fantasie und Erinnerung. So kamen sie stets zu unterschiedlichen Varianten der Ereignisse. Er bezweifelte seine Vaterschaft, solange das Kind ungeboren war. Er hätte es überhaupt abstreiten können. Zum Streiten kamen sie jedoch aufgrund ihres unablässigen Alkoholgenusses nie richtig.

Bei seiner Geburt schlief sein Vater im Sessel, seine Mutter lag im Flur auf dem Boden und bekam nicht viel davon mit. Bei jeder einsetzenden Wehe schluckte sie noch mehr Whisky und dann hat ihr Körper den Job der Geburt alleine erledigt. Als sie wieder zu sich kam, erblickte sie das Kind ein paar Meter weiter im Wohnzimmer. Die Nabelschnur hing noch daran, sie war wieder frei. Sie fühlte sich, als ob ihr jemand Salzsäure auf den Arsch gekotzt hätte. Sie schleppte sich zu dem schmierigen Kind und nahm es eigentlich gegen ihren Willen in die Arme. Daraufhin fing es erbärmlich zu brüllen an. Der Mann hatte inzwischen irgendwo angerufen und ein Arzt kam, schnitt die Nabelschnur ab. Er badeten das Kind und legte es zu ihr ins Bett. Später kam eine Frau vom Amt und brachte das notwendigste.

Die erste Zeit war für beide recht stressig, so daß sie kaum noch zum Trinken kamen. Aus dem häßlichen Klumpen mit den großen roten Hoden entwickelte sich ein immer schöneres Kind. Später brachten sie es an den meisten Wochenenden zur Oma, damit sie Zeit zum ungestörten Trinken hatten. Der Bub war an sich ganz nett und mochte anfangs keinen Alkohol. Mit Zwölf zechte er aber schon kräftig mit den Alten um die Wette. Mit Sechzehn ging er seine eigenen Wege und zog um die Häuser. Irgendwann kam er nicht mehr zurück, blieb irgendwo bei einer Frau hängen, die ebenfalls gerne trank. Seine Eltern sahen darin den Lauf der Welt und wurden wieder das, was sie immer waren.

Das Leben eines leidenschaftlichen Alkoholikers schien ihm lange Jahre nicht weiter zuzusetzen. Abgesehen von der Unzuverlässigkeit seines Gedächtnisses fühlte er sich wie ein ganz normaler Mensch. Er bekam nicht viel mit. Jemand sagte ihm, seine Eltern wären gestorben. Er vernahm's, doch bedeutete es ihm nichts. Er fragte nichtmal nach Umständen. Er war genau wie sie, nur hielt er es nie lange mit den selben Menschen aus. Nichtmal mit Frauen. Er hatte keine eigene Wohnung, aber immer ein Dach über dem Kopf.

Seinen wirklichen Zustand bemerkte er nicht. Er bekam alles von anderen erzählt. Wenn er sich ein Bein brach, oder wenn er Blut übergab, was immer häufiger vorkam, hörte er es sich später von den Leuten an, die zufällig dabei waren. Er hatte immer das Gefühl, er bräuchte nicht für sich verantwortlich sein, da sich die anderen um ihn kümmern. Er trank und es war immer zu trinken da. Warum das so war, oder ob daran etwas ungewöhnlich sein könnte, solche Fragen stellte er nicht. Er lebte auf der unteren Ebene, noch tiefer als ein Japaner fallen kann. Entweder lag er oder er kroch wie eine Schnecke zur nächsten vollen Flasche. Irgend jemandem muß dieses Schauspiel so sehr gefallen haben, daß er immer wieder eine neue hingestellt bekam.

Eine Zeit lang konnte er seinen Namen noch sagen, so wie er ihn in Erinnerung hatte. Danach brach schallendes Gelächter aus, dessen Bedeutung er nicht einordnen konnte. Er versuchte mitzulachen, mußte aber meistens sofort ganz fürchterlich und quälend husten, was bestimmt schlimmer anzusehen als zu spüren war. Wie der Film für ihn für immer abriß, hätte man ihm erzählen müssen. Doch da war er ja schon tot und vorher verstand er auch nicht viel. Die Aufregung der Leute wunderte ihn. Er hielt sich an seiner letzten Flasche fest, ohne zu ahnen, daß es die letzte ist. Diese war leer, als das Notarzt-Team eintraf. Den Sauerstoff und die Spritze hätten die sich sparen können.


 

14.06.2003

Streß oder Einladung zur Selbstverstümmelung:

Norbert schrieb mal, die Österreicher stünden immer unter Streß, um nicht bei sich selber sein zu müssen. Scheint mir nicht nur für diese zu gelten. Was meint dieses weder östereichische noch deutsche Wort? Haben die Amis den Streß vielleicht sogar erfunden? Die sind uns stets voraus. Bevor uns einer als Peacenics beschimpfte, hatter er solche längst im eigenen Land.

Streß ist immer irgendwas zu wenig oder zuviel, zu eng oder zu groß, auf jeden Fall immer gegen mich, selbst wenn es nicht mir als Person gilt, sondern ich gerade der Dumme bin, den es trifft. Im Extremfall hat kein Mensch wirklich eine Existenzberechtigung. Diese wird ihm von den anderen nicht gewährt. Das gilt für uns in etwas milderer Form, als für jemand in der dritten Welt. Existenzangst spielt bei uns oft aber eine grundlegende Rolle, obwohl uns viel weniger geschehen kann. Wir haben zumindest Komfort und Privilegien zu verlieren. Was das heißt, weiß ich als Arbeitsloser recht gut.

Streß herrscht, wenn Wichtiges erledigt werden soll. - Was ist wichtig? Wer prüft, vieviel Zeit er für das aufwendet, das ihm am meisten bedeutet, weswegen er sich angeblich täglich abrackert, wird oft feststellen, daß er gerade dafür die wenigste Zeit übrig hat. Oft fehlt die Zeit zu leben.

Das beobachte ich leider bei sehr vielen Leuten, die ich an sich für vernünftig halte. Es nützt offenbar nichts, besser als andere durchzublicken. Wenn man mitten im Streß steckt, kommt man schlecht raus, oder wie ein chineisches Sprichwort sagt, "Wer auf dem Tiger reitet, kann nicht mehr absteigen!".

Für denjenigen, der unter Streß steht, nutzt es nichts, zwischen Streß-Arten, zwischen gutem und schlechten Streß zu unterscheiden. Klar ist es weniger gut, wenn Menschen Streß machen, während rein sachlicher Streß oft erst dafür sorgt, daß eine Sache wirklich fertig wird und wir uns nicht verzetteln, was ja noch mehr Streß wäre.

Wer unter Dauerstreß steht, sollte einmal darüber nachdenken, ob es nicht anders geht. Ansonsten wird ihm kein langes Leben oder zumindest kein schönes beschieden sein. Wenn ich um meine physische Existenz kämpfen muß, dreht sich alles verständlicherweise einzig darum. Doch hier irren die meisten. Sie gefährden ihre physische Existenz, sie kämpfen nicht darum. Kann man auf Kosten der Gesundheit um die Existenz kämpfen?

Meine Antwort auf Streß ist und bleibt die Frage: Wozu ist das was ich mache und was will ich? Vielleicht sollte man noch ein kleines "Wer bin ich?" hinterherschieben, denn mit unserem Egoismus sind wir längst in einer kulturellen Sackgasse gelandet, die uns und das Leben immer unmenschlicher macht. Wir sollten nicht nur spüren, was wir uns selber antun. Streß ist soetwas. Die Soziologen beschreiben das längst als historische Tendenz zur Verinnerlichung äußerer Zwänge. Daß uns kein Arm oder Kopf mehr abgehackt wird, hat dabei wenig mit Humanisierung zu tun.


© Designed and written by Zacke. June 2003.