Zackes Textedition 11:

Manchmal finde ich einen Zettel mit Notizen, doch ich weiß nicht mehr, was für eine Geschichte das werden sollte. Besser wäre es, keine Notizen zu machen und gleich zu schreiben.

 

04.12.2002

Sie schreit es die ganze Zeit raus:

Sie muß in einem der Häuser hier wohnen. Sie sieht nicht verkommen aus. Nur ihre Haare läßt sie wachsen. Würde sie diese mit etwas Hübschem zusammenbinden, so wie es Frauen eben tun, wenn sie angeschaut werden wollen, dann würden sogar richtige Männer nach ihr sehen.

Ihr Gesicht ist eine elende Fratze. Man müßte einen Menschen sehr lange schlagen, bis er freiwillig diesen Ausdruck macht. Sie brüllt. Sie tut es fast immer, wenn ich sie sehe. - Ich ignoriere sie. Ich verstehe sie nicht. Ich verstehe nicht, was sie brüllt. Ich verstehe nicht, warum sie es tut.

Niemand scheint da zu sein, dem ihr Schimpfen gilt. Manchmal hebt sie eine leere Bierbüchse auf und stopft sie in den Abfall. Dann macht ihr Verhalten für mich ein wenig Sinn. Vielleicht werde ich auch einmal so. Irgendwann kann man eben nicht anders als zu brüllen und Gründe dafür gibt es mehr, als Bierbüchsen rumliegen.

Als ich heute zu meinem Gemüseladen kam, stand ein Umzugsauto in der Nähe. Sie war auch da. Daß wer wegzieht, schien ihr nicht zu gefallen. Ich verstand diesmal mehr als nur: "Arschlöcher, Idioten, Dreckschweine!" - "Klauen und ein Haus bauen, das könnt ihr!"

Vielleicht hab ich mich verhört. Vielleicht sah alles nur so aus. Es war ansonsten alles wie immer. Ich sammelte meine Paprikaschoten und Äpfel ein, Bananen und Zwiebeln und fast hätte ich den Eisbergsalat vergessen.

Nun war es still und sie stand neben mir. Das mußte ich mir nicht einbilden. Auch nicht, daß sie mit einer anderen, sehr menschlichen Stimme sprach und ein sehr nettes, für ihr schwer bestimmbares Alter schönes Gesicht hatte. Ich verstand nur ihre Worte, sonst nichts. Sie redete aus einer früheren Zeit an einem anderen Ort.

Ich verstand ein wenig, wo sie war. Damals wurde Unrecht mit Unrecht vergolten, ähnlich wie es heute zwischen Palästinensern und Israelis geschieht. Unsere Geschichte, mit der wir nichts mehr zu tun haben wollen, wirkt hier und anderswo noch immer. Vielleicht hatte man ihre Familie umgebracht. Dabei könnte sie heute eine liebe Omi abgeben. Irgendwas war mit einem Bürgermeister. Irgend ein schlimmer Film war bei ihr hängen geblieben und zur Endlosschleife geworden. Vielleicht nach Jugoslawien und Afghanistan durch eine technisch besseren Kopie ersetzt.

Sie ließ von mir ab und ich verschwand im Laden, um meinen Kram zu bezahlen. Sie brüllte mit der gewohnten Intensität weiter. Als ich an ihr vorbeizog, sagte ihr tschüß. Sie hielt kurz inne. Keine Ahnung, was in ihr vorging. Ich weiß nichtmal, ob man mit ihr reden kann. Ich hab es ja nicht probiert und was sollte ich sie fragen? Warum brüllst Du?

 

07.12.2002

Walkgirl:

Im Zug, auf dem Weg zur Schule, hatte ich immer einen billigen Kopfhörer auf. Das Kabel ging bis in meine linke Innentasche, doch da hörte es einfach auf. Da war kein Walkman. Nur zwei Päckchen Taschentücher. Das hat keiner gemerkt. Ich tat die Hörer nur auf, wenn ich niemand zum Quatschen hatte.

Meine Alten hatten nicht viel Kohle. Ich bekam noch weniger. Ich konnte mir keinen Walkman leisten. Die Hörer gab's mal fast umsonst. Brauchte ich, um sie nicht zu nerven, wenn sie da waren. Sie sagten immer, ein Mädel hört solche Musik nicht. Einen Walkman wollten sie mir nicht spendieren. Sie bereuten den miesen Radiorecorder. Erst recht, als ich mal alte Boxen anschleppte und herausbekam, wie einfach es ist, die Dinger anzuschließen. Nun hatte ich tierische Bässe.

Ich hörte nie Spice Girls. Ich hörte lautere Sachen. Sowas kam nur spät abends oder nachts im Radio. Z.B. Jimi Hendrix, der leider vor mir gelebt hat und hauptsächlich amerikanisches Zeug: Nirvana, Stone Temple Pilots, Perl Jam, Alice in Chains, Black Symphony, Psychotic Walz, Cro-Mags, Sorry About Your Daugther oder auch mal Sepultura. Hatte von den meisten Gruppen nur wenige Stücke, viele nicht ganz.

Manchmal hörte ich nur ein Stück die ganze Fahrt. "Smells Like Team Spirit" oder "Plush" oder wochenlang "Solace of You" von Living Colour. Ich stellte mir einfach vor, ich würde es wirklich hören. Ich kannte die Stücke Ton für Ton auswendig. Manchmal sah ich mit meinen Fingern nach, ob das Ende der Strippe mit dem Stecker nicht aus meiner Jackentasche rutscht. Das sah wohl so aus, als würde ich zurückspulen oder die Lautstärke einstellen. Manchmal ging der Stecker ab und ich mußte ihn umständlich einstöpseln.

Heute hab ich einen Job und Kohle und alle CDs mit der Musik von damals. Höre ich immer noch gerne. Hab mir einen richtig guten Diskman geleistet. Fahre jeden Tag mit der S-Bahn, weil sie fast vor meiner Haustür abfährt. Den Berieseler hatte ich nur einmal mit. Hat nur genervt. Zuerst dachte ich, es wäre die falsche Musik. Doch ich hab dem Kram zu Hause gelassen. Brauche nichtmal Kopfhörer. Meine Musik ist einfach da.

 

19.10.2002

Das Universum der Liebe:

Sie spürt, wie er auf ihren Hintern starrt, obwohl sie es nicht sehen kann, da die Spiegelbilder in den Vitrinen an diesem Tag zu dunkel sind. Sie fühlt dies schon etwas deutlicher, als wenn sie nackt durch ein Spinnengewebe schreiten würde. Es ist ihr ausnahmsweise nicht unangenehm, hatte sie doch selber öfter auf seinen geschielt, wenn er draußen eilig am Laden vorbeizog. Normalerweise schielt sie nicht.

"Du, ick hab nachher Feierabend, holste mir ab?" - Er fühlt sich ertappt und schluckt. - "Ich? Bin ich Dir nicht zu alt? Ich weiß gar nicht mehr, was ich mit Dir anstellen soll oder wie das geht!" Sie grinst und nachdem der Laden zu ist und sie aus dem Seiteneingang tritt, stehe ich tatsächlich vor ihr.

Wir haben keine Verständigungsprobleme. Wir reden kaum bis wir bei ihr sind. Ich bewundere Ihre vielen Zimmerpflanzen und starre immer wieder auf ihren Hintern. Dafür zieht sie mich einfach aus und klatscht mir lachend eine. Danach geben wir uns größte Mühe miteinander.

Es war sehr mühselig und frustrierend. Wir trieben es stundenlang, ohne daß etwas besonderes geschah. Nur gelegentlich entwich ihr ein Furz, mal vorne, meistens von hinten. Wir wollten schon aufhören, doch bevor wir dazu kommen, gibt es plötzlich einen gigantischen Urknall.

Wir zerknallen bis zu den kleinsten Kleinteilen unserer Atome. Es gibt nun nichtmal Wasserstoff oder Helium. Nur Spuren von Methan, viele Neutrinos, Quarx und Libidyns. Diese Mischung rotiert etliche Milliarden Jahre, bis sich in den verschiedenen Orbitschichten neue Atome verdichten, die irgendwann zueinanderfinden. Es fängt an, im Universum zu regnen, obgleich es noch keine zu bewässernden Landschaften und noch niemanden gibt, der sich über den Regen ärgern könnte.

Schließlich kommen einfache chemische Prozesse in Gang. Als diese komplizierter werden, organisieren sich einige zu Stoffwechsel und schaffen frühe Organismen. Ein großer Teil verklumpt nur. Nach weiteren endlosen Jahrmilliarden entstehen die ersten Genitalien, die sich allmählich auf das Landleben verlegen, weil man da weniger leicht gefressen werden kann. Dafür muß man seither zum Essen stets etwas trinken.

Irgendwann läuft wieder so ein Penner wie ich an einem Weinladen vorbei und sieht verstohlen nach der Verkäuferin. Schließlich geht er rein, kauft aber nur einen Sangiovese di Romagma für 5,95 DM.

 

05.12.2002

K o n s u m i s m u s :

Ich hatte seit Wochen auf einen Bescheid des Arbeitsamtes gewartet. Irgendwann kam ein Umschlag von einer mir bis dahin unbekannten Behörde, Konsumplan-Amt. Drin war eine neue Scheckkarte und ein Schreiben mit Tabellen. Mein erstes Guthaben betrug € 5.385.-, was damals viel Geld war, da der Euro noch ein bißchen Wert besaß.

Ich bekam Bescheid, was ich wann und wo kaufen sollte. Für die erste Woche war eine längst überfällige Neueinkleidung vorgesehen. In der zweiten mußte ich mich von all meinem vertrauten Hab und Gut trennen und meine Wohnung komplett neu einrichten. Es wurde angekündigt, daß ich bald in eine größere Wohnung umzuziehen hätte und ich mich schonmal online nach mindestens 80m2 umsehen sollte. Immerhin war der neue Rechner nicht übel. Ich hab heimlich meine alte Festplatte mit eingebaut.

Es gab immer einen kleinen Posten zur freien Verfügung. Anfangs war es mehr. Davon hab ich mir meine Lebensmittel gekauft. Einen Teil der Sachen die ich nicht wollte, konnte ich in meinem Laden tauschen. Mit der Zeit bekam ich ein Problem. Ich hatte jede Menge Fressalien da und hungerte trotzdem. Ich weigerte mich den Kram zu essen. Ich stellte einen Antrag auf vegetarische Ernährung. Dieser sollte begründet werden. Ich begründete, daß ich seit über vierzig Jahren Vegetarier und seit fast 20 Jahren Veganer bin. Es wurde abgelehnt, da bei mir nach allen Gutachten keine medizinische Notwendigkeit für diese Diät vorliege.

Man empfahl mir, es mit einem Härtefallantrag zu versuchen. Auch diesem wurde nicht stattgegeben. Ich beantragte eine Ausbildung, um mir mein eigenes freies Geld verdienen zu können. Dazu wäre ich zu alt. Außerdem habe ich schonmal im Jahre 2002 eine Ausbildung vorzeitig abgebrochen und derzeit würden nur noch Hochbegabte bis zum 19. Lebensjahr für die immer teuereren und langwierigen Ausbildungen zugelassen. Eine Änderung dieser Situation ist nicht abzusehen.

Ich bekam immer weniger freies Geld und wurde in die niedrigste Konsumerklasse mit dem größten Konsum-Soll eingestuft. Da dies ebenso Lebensmittel betraf, hatte ich ein wenig die Möglichkeit, durch Auswahl auf meine Versorgung mit den notwendigsten Nährstoffen zu achten. Ich traute den Angaben über die Inhaltstoffe auf den Verpackungen nicht. Es ging das Gerücht um, daß die wenigsten Lebensmittel überhaupt tierische Bestandteile enthalten würden. Die Massenaufzucht von Schlachttieren und der damit verbundene Flächenverbrauch für Futteranbau wäre zu teuer geworden. Dies hätte man längst durch aufwendiges, globales Agrarcontrolling bewiesen. Die meisten Lebensmittel sollen nichteinmal pflanzlichen Ursprunges sein, da die Technik der Bioreaktoren sehr billig geworden sei. Wie soll man das als einfacher Konsumer überprüfen?

Mir blieb nichts anderes übrig, als möglichst wenig zu essen, um die möglichen Schäden möglichst gering zu halten. Inzwischen ist das Gefühl der Unsicherheit zum allergrößten meiner Probleme geworden, da es keine verläßlichen Informationen gibt. Es gibt viel Information. Im Internet findet man alles. Für jede Theorie gibt es Beweise. Worauf soll man sich verlassen? Es gibt so viele unterschiedliche Informationen, daß man sich gar keine Meinung bilden kann. Nicht nur das Wort Information hat eine negative Bedeutung bekommen. Wahrheit, Wirklichkeit, Echtheit und Authentizität sind abgenutzte Begriffe. Gerechtigkeit heißt nur noch das Gleiche für eine größere Gruppe von Konsumern. Wer behauptet, ehrlich zu sein, lügt mit Sicherheit. Erfahrung bedeutet entweder enttäuscht worden oder selber ein Schwein zu sein.

Die Verunsicherung schläg nicht nur bei mir im privaten Bereich in Mißtrauen gegen jeden um. Es gibt niemand, dem man trauen kann. Die Scheidungsraten sind in den letzten Jahren enorm angestiegen. Getrennt Lebende werden sogar am Anfang mit einer besseren Klasse belohnt. Kliniken und Strafvollzug soll es aus Kostengründen nicht mehr geben. Richtig alte Menschen sieht man nirgends.

Mit geht es gesundheitlich nicht gut. Ich bekomme Medikamente, die ich wegwerfe. Ich befürchte, selbst wenn ich noch etliche Jahre durchhalte, nicht mehr zu erleben, ob es mal einen Aufstand gibt oder ob unser System nicht doch einen Fehler hat und zusammenbricht. Auf den News-Sites heißt es immer, momentan würde weltweit niemand hungern. So gut wäre es den Menschen noch nie gegangen.

 

06.12.2002

Skillder Talk:

Ridge hat erzählt, Du würdest auch Skillding machen. Welche Slide Lotion nimmst Du? Cool Slide? Hab ich auch probiert. Der Preis ist OK, aber da ist zu viel Vaseline drin, davon quellt die Haut auf und Du hast kein unverfälschtes Feeling. Ne Weile hatte ich Grand Mast. War gut, aber teuer. Jetzt hab ich gerade Slime Durable. Ist billiger und kaum schlechter. Steht nicht drauf, soll aber vom selben Zulieferer kommen. Ist echt ein Geheimtipp.

Ich hab mir letzte Woche einen neuen Skillder gekauft. Zuerst wollte ich den neuen von Grand Mast, doch dann kam der neuste Sincraft raus. Der ist voll obercool. Der ist aus durchsichtigem Zeug, so im Tranparency Technik Look. Dazu gibt es noch ein geiles Fitting, mit dem man ihn von innen beleuchten kann. Das sieht krass gut aus und Du brauchst keine Beheizung.

Ridgi's Schwester Silke skilldert auch. Ist irre wa? Die ist so gut, da kriegst Du die Krise. Eigentlich ist die noch viel zu jung und dürfte nirgends mitmachen. Die Eltern von Ridge haben keine Ahnung was läuft.

Ich mach mindestens drei Stunden am Tag und hab dabei die Glotze laufen. Oder 'n Videostream aus'm Web. Ich hab jetzt ne Flatrate. Da kann man sich besser aussuchen, wann was kommt. Ich hab Skillding zuerst für total bescheuert gehalten. Als ich mal probiert hab und merkte, wie schlecht ich bin, hab ich mir gleich so ein Teil noch aus lackiertem Holz bestellt. Die gibt es heute nichtmehr. Soll sogar bei einigen Leuten Verletzungen gegeben haben. Von der Lotion ist der Lack abgeplatzt und den haben sich welche voll in die Hand gerammt. Muß voll weh tun. Hast nichts von gehört? Kam doch in den Oldie News.

Warum ich mir dauernd einen Neuen kaufe? Ey Mann! Es kommen halt dauernd neue raus und du kannst nur mithalten, wenn du den neusten hast. Die werden immer besser. Bei den ganz alten mußtest Du dich noch unten auf so Teile stellen, oder zumindest die Füße drauf haben, damit der Skillder nicht kippt. Den Sincraft, den ich mir jetzt geholt hab, den kann man festschrauben und mit Quick Locks wieder abnehmen. Warum nicht? Was hast Du für Eltern? Kar mußt Du dann paar Löcher in Boden bohren! Es gibt aber auch einen schweren Round Base aus Tiger Iron, mit Adapter, aber ohne Quick Lock, soll erst später rauskommen, da passen verschiedene Modelle drauf.

 

06.12.2002

Grabrede:

Wir sind hier versammelt, um ein letztes Mal Dein Bild vor uns aufleuchten zu lassen. Wir werden Dich in würdigem Andenken bewahren. Mögen die Mächte Deiner Seele alles zukommen lassen. Mögest Du in Frieden ruhen. Dies ist ein Ort voller Wunder. Im Herbst schweben schöne Blätter sanft und bunt auf Dich herab. In Frühjahr sprießt es ohne Unterlaß und seltene Vogelarten zwitschern Dir ihre Lieder vor. Im Sommer streichelt Dich die Sonne mit dem Schatten von Ästen und Halmen. Nur jetzt ist es kalt, weshalb wir uns nicht all zu lange an Deinem Grab aufhalten wollen. Obwohl Du vermutlich nichts mehr spürst, wirst Du dafür Verständnis haben.

Du warst ohne Zweifel der großartigste Mensch, den wir kannten. Wer kannte Dich nicht? Nur wußte kaum jemand, wer Du wirklich bist. Wir bewundern Dich noch immer, auch wenn es dafür nie mehr Anlaß geben wird. Das Leben ist meistens ungerecht. Wie viel mehr ist es der Tod! Das brauchst Du uns nicht zu erzählen. Wir fühlen mit Dir. Wir fühlen wie Du.

Auf Dich konnte man sich stets verlassen. Dein Wort galt wie ein Gesetz mit absoluter zwei Drittel Mehrheit. Dein Engagement und Dein Schaffensdrang versetzte manchen ruhebedürftigen Zeitgenossen in Angst und Schrecken. Vielleicht hast Du Dir selber zu viel zugemutet und hättest mehr auf Deine Gesundheit hören sollen. Wir wissen aber alle, wie schwer das manchmal ist. Gerade die wahren Genies können sich am schlechtesten bremsen.

Dein Wirken hatte immer seinen eigenen unverkennbaren Stil. Du bist Dir selber treu geblieben, obwohl Dein kurzes, junges Leben eine einzige Achterbahn mit vielen Enttäuschungen und Schicksalschlägen, aber auch mit zahllosen, glanzvollen Triumphen war. Du darfst stolz zurückblicken. Es war Dein Leben. Du hast es allen Widrigkeiten zum Trotz auf Deine Art gemeistert.

Du warst eine angenehme Erscheinung. Mit Deinem Charme hast Du manchem den Kopf verdreht und ihn über den Tisch gezogen. Wir wollen jetzt nicht kleinlich sein. Wir verzeihen Dir, falls es dafür wirklich Anlaß gibt. Gab es je eine Frau, die Deinen Konfektionsmaßen nahekommt und zugleich derartig viel Verstand hatte? Mancheiner, der hier steht, ist viel blöder als Du.

Wir stehen an Deinem offenen Grab und trinken auf Dein Wohl. Die leeren Flaschen schmeißen wir hinein. Natürlich auch eine volle für Dich. Das ist mehr als eine symbolische Geste. Laß es Dir schmecken. Wir haben nicht am Preis gespart.

Möge nun die Erde Dich für immer bedecken. Wir verneigen still unser Haupt. Es gäbe noch vieles zu bedauern, das wir hier nicht aufzählen wollen. Dafür ist es jetzt sowieso zu spät und Du hättest nichts davon. Nur eines: Daß wir hier stehen und Du an diesem traurigen Tag immer noch unter uns weilst, das könnten wir Dir so ohne weiteres nicht verzeihen.

 

07.12.2002

Kurz und gedichtlos:


Der Storch:

Verehrteste, küssen Sie mich bitte nicht. Sie könnten sich geirrt haben. Ich bin weder ein verzauberter Prinz, noch ein Märchenamphibium. Ich bin der verkleidete Storch.


Weintrinken:

Weintrinken ist nur eine Übung. Der perfekte Weintrinker trinkt ein Glas Wasser mit der selben Wertschätzung.


Schneespuren:

Es hat geschneit
der Schnee blieb liegen.
Ich suche meine Spuren
vom letzten Jahr.


Rummelplatz:

Alles war im Stile der Vergangenheit. Keine High-Tech-Attraktionen. Nur was wirkliche Kinderherzen erfreut. Ein Karussell mit Ketten, eines zum auf Drachen und Schweinen reiten. Eine Losbude, wo jedes Los gewinnt. Allerdings nur Süßigkeiten. Die Preise waren kindgerecht. Vielleicht war alles pädagogisch wertvoll. Etwas abseits und weniger bunt, stand eine Zeitmaschine. Ich erwarb ein Billet. Es gab nur Zukunft und Gegenwart. Ich wußte nicht, welchen Knopf ich drücken sollte.


Kunst des Träumens:

Du kannst nichtmal träumen
Du träumst zu realistisch


Der Clown:

Zeitlebens hab ich mich für einen Musiker gehalten. In Wirklichkeit hat man mich als Clown geschickt. Nur hat mir das keiner voher gesagt.


Annonce:

Für unser alljährliches, großes
Kannibalen-Festival suchen wir
noch einige Personen ab 150kg.
Gute Bezahlung.
Chiffre: kbf-A 012


Wirklichkeit:

Die Glotze geht gerade kaputt, mein Weltbild bricht zusammen. Nun seh' ich aus dem Fenster. Ein Flugzeug stürzt langsam ab. Ist das nicht ein Film? Die Sonne scheint. Wer hat sie angeknipst? Ein Löwenzahn wächst aus einer Ritze. Wer hat ihn hineingepflanzt?


Die Scham der Zukunft:

Es wird eine Zeit kommen, da wird ein Loch im Beton das gleiche Gefühl hervorrufen, wie wenn sich jemand öffentlich entblößt.


 

08.12.2002

Pinkel-Zen:

Ob der Tee, wenn man die richtige Sorte überhaupt bekommt, nach Beachtung des Rituals, oder beim Trinken mit der geforderten Andacht, wirklich anders schmeckt, darüber könnte ich mit den Meistern lange streiten. Natürlich schmeckt der Tee nie anders als er eben schmeckt und alles ist nur so wie es ist. Es mangelt oft nur an unserer Wahrnehmung. Sich beim Pinkeln besser zu konzentrieren und dabei nicht über komplizierte philosophische Fragen zu grübeln, kann von praktischem Nutzen sein. Andererseits ist es im Freien für Männer von Natur aus schwierig, nicht auf die Schuhe zu pinkeln, egal wie man über die Buddha-Natur kleiner Hunde denkt. Kriegt eigentlich ein Hund den einen oder anderen Spritzer ab? Die kleinen bestimmt.

Man soll sich also immer auf das konzentrieren, was man gerade tut. Nun gibt es Tage, an denen es nicht sonderlich viel zu erledigen gibt. Ich hab mir angewöhnt, morgens immer gleich den Rechner zu starten und nach Mails zu schauen. Wenn diese beantwortet sind, lasse ich die Kiste an, die nun auch nichts weiter zu tun hat. Ich kann wenigstens Tee trinken.

Irgendwann macht sich ein Drang bemerkbar, den ich ignoriere. Kommt schonmal vor, wenn ich mit spannenden Dingen beschäftigt bin und mich nicht loseisen kann. Dann ist mir nicht nach Philosophieren. Jetzt hab ich Zeit. Ich stelle fest, daß keine Notwendigkeit besteht, die Toilette aufzusuchen. Wenn es absolut nicht anders geht, kann ich das immer noch.

Ich bereite ein neue Kanne Tee. Warum gibt es nirgends anständigen Sencha? Die jährliche Ernte wird wohl nur in Japan gesoffen. Dort sollen viel weniger Menschen als bei uns meditieren. Wozu also brauchen die den Tee? Die wissen gar nicht, wie toll grüner Tee mit Ingwer schmeckt. Es macht zwar Arbeit, frischen Ingwer in einem Steinmörser zu zerstoßen, dafür ist dies gesund.

Den Drang hab ich wohl vergessen, als er sich erneut relativ heftig bemerkbar macht. Mir fällt aber immer noch kein Argument ein. Die Toilette ist viel zu nah. Hätte ich ein Etagenklo, was es hie und da in dieser Hauptstadt und Weltmetropole noch gibt, müßte ich den Weg berücksichtigen.

Wenn es zu spät wäre, erübrigt sich der Gang zur Toilette und einer zur Waschmaschine wäre angebrachter. Oder erstmal duschen. Es soll ganz viele Leute geben, die beim Duschen pinkeln. Manche tun dies im Schwimmbad. Schade, daß es darüber nur ungenaue Spekulationen und keine exakten Statistiken gibt. Jedenfalls ist niemand wirklich allein auf dieser Welt. - Ob ich die dritte Kanne auch noch schaffe?

 

08.12.2002

Geistergesichter:

Wem ist es noch nicht so ergangen? - Man schaut zur Wand oder auf den Teppich und plötzlich wird man von einem Gesicht angegrinst. Die Holzspäne in der Rauhfasertapete oder das gemuschelte Muster des Teppichs ergeben ein Gesicht. Man hat tausendmal hingesehen und doch sieht man es jetzt zum ersten Mal. Wenn man nach solchen Gesichtern sucht, kann es sein, daß man lange suchen muß. Oft erkennt man die Gesichter nur bei bestimmten Lichtverhältnissen.

Als Kind habe ich viele solcher Gesichter gesehen. Nicht nur im Putz von Wänden. Ich entdeckte sie in festgetretener Erde, in einem Sandhaufen oder in der Maserung von Holzbrettern. Selbst aus den Falten eines Vorhanges oder eines hingeworfenen Handtuches konnte mir ein Geist erscheinen. Die waren alle freundlich zu mir. Ich hab mich über sie gefreut und mir nichts weiter gedacht.

Solche Gesichter haben etwas mit unserer Wahrnehmung zu tun. Es ist eine selektive Wahrnehmung. Ich habe viel mit graphischen Mustern experimentiert. Ich weiß, wie schnell wir Symmetrien und Wiederholungen erkennen können. Sie fallen uns auf, bevor wir das Ganze wahrgenommen haben. Ähnlich sind wir in der Lage, in einem Wirrwarr Linien zu erkennen, die zusammen gehören oder zusammen passen. Die Frage ist nur, warum das mit den Gesichtern manchmal funktioniert und manchmal nicht.

Ich habe gerade eben wieder so ein Gesicht gesehen. Ich habe es fotographiert. Auf einem meiner Regale liegt eine Bambusflöte, die ich vor Jahren selber gemacht habe. Zwei der Grifflöcher haben sich in Augen verwandelt. Die dunklen Ablagerungen um die Grifflöcher sehen wie der Schatten in den Augenhöhlen aus. Die Bemalung der Flöte tut ihr übriges. Ein katzenartiges Wesen wohnt nun auf meinem Regal.

Vielleicht sollte ich solche Fotos sammeln. Ich weiß nur nicht, ob andere Menschen die Gesichter erkennen würden.

Kleiner Exkurs:
Unser Gehör, das manchmal auch "Geisterbilder" erzeugt, bringt noch viel erstaunlichere Leistungen zustande. Ein Ton kann gar nicht kurz genug sein, als daß wir nicht dessen Tonhöhe erkennen könnten. Zumindest hören wir, ob es ein tiefer oder ein hoher Ton ist, selbst wenn er nur wenige Schwingungen dauert. Ein paar Millisekunden genügen, um die Tonhöhe sehr genau festzustellen.

© Designed and written by Zacke. December 2002.