Zackes Textedition 10:

Manchmal schreibe ich meine Gedanken auf irgendwelche Zettel, die ich oft vergesse. Wenn ich sie wieder finde, entstehen neue Texte. Wie diese. Meistens hab ich keinen Zettel zur Hand, oder ich komme nicht drauf, etwas aufzuschreiben.

 

28.12.01

Raucherklinik:

Seit geraumer Zeit muß bei der Erhebung soziodemographischer Daten angegeben werden, ob und wie viel man raucht. Es gibt ein zentrales, eigenständiges Raucherverzeichnis. Dies erlaubt eine bessere Erfassung aller in Frage kommenden Personen, als die bisherigen Erhebungen. Für die Beurteilung gibt es strenge Richtlinien. Die Entscheidungen sind unwiderrufbar, sobald sie ergangen sind. Sie sind letztlich durch die Mitwirkung der Betroffenen hinreichend legitimiert.

Diese haben sich nach ihrer Benachrichtigung in der zugewiesenen Klinik einzufinden. Es ist gestattet, einen Gegenstand von ideellem Wert mitzubringen. Alles Lebensnotwendige wird gestellt und es besteht kein Anspruch auf Individualität. Jeder wird gleich behandelt. Wer in der Öffentlichkeit hustet, macht sich verdächtig. Es ist mit einer baldigen Einweisung zu rechnen.

Die Betreuung läßt nichts zu wünschen übrig. Strenge Bettruhe ist vom ersten Tag an einzuhalten. Unruhige Personen werden fixiert. Die Tägliche Dosis wird stetig aber äußerst bedachtsam erhöht. Es besteht Rauchpflicht. Der Brandschutz ist zu hundert Prozent gewährleistet. Das verabreichte Genußmittel kann man im normalen Leben nicht käuflich erwerben. Nikotin und Teergehalt sind besonders hoch und von gleichbleibender Qualität.

Es wird jede nur erdenkliche medizinische Hilfe gewährleistet. Für besonders geschwächte Personen stehen Inhalationsgeräte zur Verfügung. Es wird rechtzeitig operiert. Amputationen werden nur von erfahrenen Fachärzten ausgeführt. Komplikationen traten bisher selten auf.

Jeder Liegeplatz ist mit einem Monitor ausgestattet. Über ein Steuergerät können Videos abgerufen werden. Die Auswahl hat sich bewährt. Sonnenuntergänge, unberührte Landschaften, vulkanische, unbewohnte Inseln, Wüsten und Felsenlandschaften in den Farben des Regenbogens, Holzköhler bei der Arbeit, die Niagara Wasserfälle oder der Rheinfall bei Schaffhausen.

Sobald das Komsumptionsniveau eines Patienten sinkt, wird er separiert, um die anderen nicht zu beeinträchtigen. Sein Soll wird an seinem Zustand angepaßt. Auch hier hat die Lebenserhaltung oberste Priorität. Meistens lassen sich in diesem Stadium alle wichtigen Organfunktionen steuern, da sie künstlich aufrechterhalten werden. Dieser Zustand ist somit relativ stabil.

Verstirbt der Patient, findet unmittelbar die Kremierung bei niedrigen Temperaturen statt. Ein paar Stunden lang steigt weißlicher Rauch in den Himmel. Nur wenig, leicht in sich zusammenfallende Asche, bleibt übrig.


 

01.01.02

Das Dojo:

Draußen am Vorderhaus hängt ein etwas verwittertes Schild. Darauf nur ein japanisches Schriftzeichen und die Besuchszeiten für Neulinge und Interessierte: Mittwoch 19 Uhr, dritter Hinterhof. Eine enge Einfahrt, Autos und Fußgänger passen nicht gleichzeitig durch.

Der erste Hof ist hell und aufgeräumt. Es sieht mehr nach Wohnen, als nach Gewerbehof aus. Im zweiten rostende Gitterboxen und große Holzspulen. Eine Druckerei, eine Stanzerei und etliche Büros. Etliche Firmenschilder neben dem Aufgang. Auch fehlende.

Auf dem dritten Hof viel Unrat. Gestelle von Fahrrädern, eines mit noch brauchbarem Sattel. Ein Stapel aufgeweichte Umzugskartone, ein schiefes Stahlregal, aber auch eine Gruppe unterschiedlicher Sitzgelegenheiten in versammelter Runde. Neben dem Eingang links eine Kiste mit Erde und rechts ein Faß. Aus beiden wuchert es üppig.

Das Schild hängt etwas hinter den Blättern verborgen: Dritter Stock, Mittwoch 19 Uhr, offen für jeden. Die Treppe ist abgegriffen und das Geländer erschreckend niedrig. Neben der von einem winzigen Stein am Zufallen gehinderten Tür ein weiteres, ähnliches Schild.

Drinnen, gleich hinter der Tür, ein Regal mit wenigen Schuhen und Platz für viele. Für jedes Paar gibt es ein Fach und eine Beschriftung, die kaum jemand versteht, die man sich aber merken kann. Oder man zählt die Fächer und Reihen wie Koordinaten. Einige Schritte weiter hängt ein schweres Brett an einem Gestell.

Die Wände sind ohne Putz, nur weiß gestrichen. Die Trennwände bestehen aus kleinen papierbespannten Fensterchen. Das Dojo beginnt mit einer Stufe. Ein zweiter Boden ruht auf dem stumpfen Fabrikbelag. An einer Wand das Bild eines Patriarchen.

Ein würziger Geruch füllt langsam den Raum. Das Parkett verwandelt sich in eine mühsame Einlegearbeit. Jemand hat lauter unregelmäßige Formen ausgesägt und aneinandergefügt. Dies muß ewig gedauert haben, als ob Zeit nichts wäre. An manchen Stellen blieben kleine Spalte frei. Die Holzstückchen sind ölgetränkt und sehen aufgequollen aus.

Es ist still. Niemand gibt sich Mühe, besonders still zu sein. Es ist still, weil nicht gesprochen wird und weil nichts den Verstand beschäftigt. Es gibt nichts. Nur die handgesägten Teile im Boden. In sitzender Augenhöhe sind die Wände leer. Es steht jedem frei, an die Wand oder in den Raum zu schauen. Man muß sich jedoch entscheiden.

Man darf jederzeit hinausgehen. Nur darf niemand hereinkommen, nachdem das Brett durch Schläge mit dem Holzhammer zum Klingen gebracht worden ist. Jemand steht auf und wartet im Vorraum auf den Meister. Der sagt: Du hast draußen gewartet. Du hättest drinnen mit dem Rausgehen warten können. Wir üben doch nur. Jeder verläßt das Dojo.


 

12.01.02

Das jüngste Gericht:

Jetzt geht es da vorne wieder mal nicht weiter und es sieht nach Regen aus. Man ist kaum trocken, versinkt immer noch in dem Matsch aus Scheiße und Schlamm und gleich muß es wieder von oben jauchen. Keiner weiß genau, wohin es geht. Es ist ein nicht zu überschauendes Gedränge und Geschubse. Jeder ist rücksichtslos. Klar, was kann uns noch passieren, wir waren tot.

Doch jetzt ist alles wieder da. Man fühlt und friert, spürt, wenn jemand einem tritt, wird müde, kriegt Hunger, muß mal. Das ist alles miserabel organisiert. Selten gibt es was. Sollen wir den Schlamm fressen? Ich werde mich beschweren, wenn ich an der Reihe bin. Wieso muß ich so viel altes Zeug mit mir rumschleppen? Wozu brauchen die meine Policen, Kontoauszüge und Steuerbescheide? Wer hat ausgerechnet diesen Kram so lange aufgehoben? Das ist doch alles wer weiß wie viele Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende verjährt.

Jemand behauptet, alles wäre gelaufen, wir sind längst in der Hölle. Schlimm genug ist es hier. Dann gibt es welche, die sich vordrängeln müssen. Manche tun so, als ob sie irgendwas wüßten, das sie niemandem sagen dürften. Niemand weiß was und jeder ist irgendwie sauer, weil er sich alles anders vorgestellt hat.

Wo sind überhaupt die Frauen? Ich habe noch keine einzige gesehen. Gönnt man uns nichtmal den Anblick verschrumpelter Titten? Oder haben die irgendwo ihren eigenen Zug gehabt? Vielleicht hat man sie vor uns fertig gemacht. Ich weiß nichtmal, ob meine Frau die ganze Zeit neben mir gelegen hat, so wie es abgesprochen war. Als ich rauskam, sah ich sie nicht. Ich habe bis jetzt noch niemanden getroffen, den ich kenne. Man ist froh, überhaupt wen zu treffen, der ungefähr die gleiche Sprache spricht.

Die Engel erinnern mich an Polizisten mit elektrischen Schlagstöcken. Mit denen kann man gar nicht reden. Kommt man ihnen komisch gibt es gleich ein paar hundert Volt. Gestern haben sie einen brutal zugerichtet. Der Boden ringsrum blitzte noch, als sie weg waren. Gibt es eigentlich noch was anderes, was toteres, als tot sein? Der blieb jedenfalls liegen.

Es kommen immer wieder Gerüchte auf, daß die das Ganze nicht im Griff haben, weil es einfach zu viele sind. Angeblich sollen wir wieder eingeschläfert werden, bis sich die Lage etwas entspannt hat.

Es kommen immer mehr Neue dazu, wir werden nicht weniger. Ich bin einigen aus Versehen in die Fresse getreten, als sie gerade aus der Erde krochen. Gestern wurden es so viele, daß wir keinen Schritt weiter kamen. Raushelfen dürfen wir denen nicht. Sofort tauchen die Engel auf.

Wenn einer kurz zischt, weichen tausende zurück. Warum rennen wir sie nicht über den Haufen? Ich würde mich nicht wundern, wenn hinter ihren Visieren keine Gesichter wären. So schwarz wie die sind, kann wohl kein Mensch hindurchsehen. Teile dieser Monturen sah ich rumliegen. Vom Inhalt keine Spur. Dafür standen welche rum und ließen keinen nah rankommen.

Was passiert mit ihnen, wenn wir weg sind? Wie viele sind es? Ist mir aber egal. Jetzt teilen sie ein bißchen von dem Fraß aus. Man darf sich nichts aufheben. Sie nehmen einem alles ab und geben es jemand anderem. Kaut man ihnen zu langsam, brüllen sie: "Schluck endlich runter!" Sie behandeln uns alle gleich, ist das gerecht?


 

19.01.02

Über das Denken:

Du kannst alles bedenken und alles verstehen, alles wissen und doch kannst Du mit dem Denken allein nichts verändern. Du kannst Dir etwas ausdenken, das in Deiner Macht steht, Du kannst es immer wieder denken, doch nichts geschieht. Du mußt es erst durch Dein Handeln verwirklichen.

Ich habe vor einiger Zeit aufgehört zu denken. Das war gar nicht schwer. Seither fühle ich mich viel wohler. Mein Kopf ist frei. Früher war ich in mir eingesperrt. Wenn ich im Wald oder im Park spazieren gehe, fühle ich mich wie ein Teil davon. Ich bin genauso da, wie ein Baum oder wie das Moos, das einen Stein überzogen hat.

Wenn ich einen Vogel fliegen sehe, seinen Flügelschlag höre oder den Duft des feuchten Bodens rieche, dann überlege ich nicht mehr, warum mir das gefällt, sondern ich freue mich. Meine Erinnerungen könnte ich niemandem erzählen. Ich habe sie nicht vergessen, ich habe sie von den Worten getrennt.

Ich werde immer wieder erstaunt gefragt, wie ich denn reden könnte, ohne zu denken. Nun, - ich habe das Sprechen schon als Kind erlernt. Ich kann auch schweigen, wenn es nichts zu sagen gibt, oder wenn Worte nur ein vergeblicher Abglanz sind. Die schönsten Augenblicke meines Lebens waren stille.

Am liebsten male ich Bilder. Ich male nichts, was es gibt. Was es gibt, brauche ich nicht zu malen. Wenn jemand sagt, das sieht wie dieses oder jenes aus, darf er meine Bilder nicht sehen. Meine Bilder stellen nichts dar, sie sind etwas.

Manche sagen, ich würde denken. Nur wer selber denkt, kann soetwas behaupten. Ich denke selten. Meistens ist es nicht notwendig. Die meisten Menschen denken viel zu viel. Viel Denken macht nicht klüger. Oft begnügen sich die Menschen mit den Denken, statt zu leben.

Wenn man nicht dauernd über sinnloses Zeug nachdenkt, kann man viel besser nachdenken, wenn es notwendig ist. Man kann vieles viel besser tun, ohne zu denken.


 

Sommer 2001

Sonnengedichte:

Ich liege auf meiner Decke. Ich flechte Zöpfe in's Gras und streichle sie. Wenn ich gehe, drohe ich ihnen:"Bleibt ja wo ihr seid!"

Ich bewundere Dich. Plötzlich rauchst Du. Ich werde katholischer Priester und lese Dir die Totenmesse.


 

27.01.02

Gräber:

Frühmorgens werden die Gräber am fleißigsten geschaufelt. Wer weiß wirklich, was man den schönen langen Tag tut und was dies letztlich bewirkt. Schwester Schlaf hat noch erstaunlich lange das Regime in der Hand und übergibt an Bruder Tod. Man mißachtet sich, putzt die Zähne und eilt zur U-Bahn. Vielleicht wird tagsüber was gegessen, Hauptsache es kostet nicht viel und die Zeit vergeht pünktlich. Erwachen die Grabschaufler endlich aus ihrem Dämmerzustand, ist Feierabend. Man fragt nichtmal, wo das Leben geblieben ist.


 

27.01.02

Der Tofuweg:

Berlin hat es an den meisten Stellen so an sich, daß die Wege kurz sind. Man kann fast alles in der unmittelbaren Umgebung einkaufen. Dies gilt leider nicht für Tofu und andere Lebensmittel für Leute wie mich.

Ich könnte den Weg zum größten Teil mit der Straßenbahn zurücklegen. Doch es ginge kaum schneller. Der Laden ist dafür nicht weit genug entfernt. Da ich umsteigen müßte, würde die Wartezeit an den Haltestellen den Zeitgewinn des schnelleren Vorankommens zunichte machen. So habe ich mir angewöhnt, diesen Weg zu Fuß zu gehen. Ich nehme mir die unvermeidbare Zeit.

Erst geht es eine Weile gerade aus, da die Straße in der ich wohne keine Biegung macht. Vielleicht ist dies das einzige, was mir an ihr gefällt. Bald erreiche ich ein noch zu DDR-Zeiten erbautes modernistisches Kino. Es gibt zwei Wege, daran vorbei zu gehen. Meistens wähle ich den rückwärtigen. Nicht nur, weil mir so die bunte Scheinwelt am Eingang erspart bleibt. Hinten gibt es mitten im Asphalt eine Insel mit ein paar wenigen Bäumen und einem Weg, der zuerst nur ein Trampelpfad war. Hier haben wir gesiegt. - Der Boden ist mit Efeu überwuchert und bekommt dadurch die Würde eines Friedhofes. Der Weg ist kurz, doch ich genieße jeden Millimeter.

Nun geht es seitlich am Kino vorbei, gegenüber liegt ein Altersheim. Die in meiner Wohngegend allgegenwärtigen Haselnußbäume, die man auch hierher verbannt hat, sind noch zu schwach, um die Wahrnehmung der Stadt angenehmer zu gestalten. Anders verhält es sich mit den Linden.

Nach einem Wechsel nach links strecken sie schon von weitem ihre Arme einladend aus. Sie trotzen dem Lärm und dem Dreck des Verkehrs. Ihre Kraft ist unglaublich. Gerne geben sie davon ab, wenn man unter ihnen hindurchläuft. Die Gehwegplatten liegen lose und holprig. Trete ich am Frankfurter Tor aus dem Schatten der Bäume, geht die gelbliche Beleuchtung im unergründlichen Rhythmus an und aus.

In diese Richtung lassen mir die Ampeln ausreichend Zeit, auf die andere Seite der Kreuzung zu gelangen. Meistens ist es grün, selten muß ich lange warten. Ich habe die Linden in Verdacht, denn in der anderen Richtung ist es immer rot und die Zeit reicht nie.

Hinter der Kreuzung werde ich von ihnen wieder freundlich emfpangen. Was wäre dieser Weg ohne diese Linden! Einen Teufel würde ich mich um all die klugen Sprüche scheren, nach denen der Weg selber das Ziel sein soll.

Nun muß ich eine Kreuzung mit zwei Ampelphasen überwinden. Mein Weg wechselt rechts herum in eine selbst am Tage düstere Straße. Hier treten sich Imbisse, Restaurants und Kneipen gegenseitig auf die Füße. Das ist nicht mehr meine Welt, obwohl ich hier kaum auffalle. Hier bekomme ich mit, wie Scenebewohner heute aussehen. Viel hat sich nicht gerändert. Es gibt immer noch Punks mit Hunden und hüsche Mädchen, die heute morgen noch Kinder waren. Hier wird nicht nur geboren. Hier stirbt alles, was nicht an der Freizeit verdient.

Ich muß nochmal links rum, vorbei an einem mich an dieser Stelle störenden Straßencafe, das für sich genommen bestimmt ganz nett ist. Ich wechsle die Straßenseite, Ampeln gibt es hier nicht. Plötzlich ist der Trubel vergessen. Die Gegend ist einfach nur heruntergekommen. Nirgends liegt so viel Hundescheiße auf dem Trotoir. Da wo früher ein selbstorganisierter Abenteuerspielplatz war, steht heute ein Palast mit Sozialwohnungen. Vielleicht spielen die Kinder sowieso nicht mehr. Sie sind längst erwachsen und wohnen mit ihren Hunden darin.

Das letzte Stück Gerade-Aus endet, wenn ich die Tür meines Tofu-Ladens aufmache und freundlich begrüßt werde. "Fünf Stück, wie immer!", sage ich. Hier gibt es außerdem frischen Ingwer, grünen Tee und guten Tinto Albali, falls mir jemand auf diesem Weg gefolgt sein sollte. Normale Sachen gibt es auch.

Den Rückweg müßte ich eigentlich noch öfter üben. Ich sehe nicht viel, will nur möglichst rasch nach Hause. Außerdem, - was gibt es überhaupt besonderes, auf diesem Weg?


 

27.01.02

Nachruf zur Lebenszeit:

Er ist gemessen an dem, was er erreichen könnte, ein Versager. Er ist sich selten der Bedeutung seines momentanen Handeln bewußt. Vor allem dann nicht, wenn es darauf ankommt.

Er verfügt über viele außergewöhnliche Begabungen. Einige davon hat er bis zur Meisterschaft trainiert und anschließend verkümmern lassen. Jemand anderes wäre mit seinen Fähigkeiten genau das geworden, was er sich erträumt. Ihm ist alles zuwider, was mit Geldverdienen zu tun hat. Dabei wäre er gerne reich, um in den Tag hinein leben zu können.

Er kennt keine Langeweile. Er langweilt sich nichtmal dann, wenn er nichts tut. Dafür haßt er es, zu warten. Er haßt es, über die Zeit nicht verfügen zu können und an einen Ort gebunden zu sein. Verfügt er über Zeit, läßt er sie ungenutzt verstreichen.

Er macht auf alle Menschen einen trügerisch ruhigen und vernünftigen Eindruck. Dabei reagiert er oft äußerst unberechenbar, kann plötzlich sehr laut werden und seine Mitmenschen zu Tode erschrecken.

Er nimmt sich selber nie wirklich ernst. Er begreift nicht, daß er es ist, der dieses Leben lebt. Seine Ziele bleiben stets eine Projektion in die Zukunft. Diese schiebt er fortwährend vor sich her, um sich so deren Unerreichbarkeit zu beweisen.

Im Gegensatz zu seinen großen Träumen ist er anspruchslos. Ihm würde es genügen, in der Sonne zu liegen und gut zu essen. Nur deshalb und nicht aufgrund menschlicher Größe ist er gegen die Laster der Zivilisation immun geblieben.

Das einzige, worin er wirklich konsequent ist, sind seine ethischen Ansprüche. Er vetritt zwar nicht die Werte seiner Eltern, trotzdem hat er sich nie von deren Verboten befreit. Er ersetzte sie lediglich durch eigene und weicht Gewissenskonflikten aus, statt sich zu entscheiden.

Anderen Menschen geht er am liebsten aus dem Weg. Er hat keinen Bedarf an sozialen Kontakten. Er kann sich wochenlang einschließen und verläßt nur zum Einkaufen das Haus. Als Einsiedlermönch hätte er kaum Probleme.

Er ist nicht in der Lage, zu anderen Menschen eine dauerhafte Beziehung aufrechtzuerhalten. Die besten Freunde verliert er schnell wieder aus den Augen. Liebe ist für ihn ein Fremdwort, egal ob die zu bestimmten Menschen oder zu den Menschen an sich.

In einzelne, völlig sinnlose Dinge, steckt er all seine Energie. Dazu gehört zum Beispiel diese Homepage.


 

01.02.02

Winter 2001:

Es war zufällig der Nachmittag des 24. Dezember und vielleicht ein Geschenk. Es hatte geschneit. Alles sah weiß aus. Ich habe ein paar Winterfotos gemacht, wie ich sie mir seit längerem gewünscht hatte. Allerdings hätte keine Flocke weniger fallen dürfen. Es reichte gerade eben, um alles mit Weiß zu überdecken und sich wie im Winter zu fühlen.

Ich zog los, besuchte Torsten auf dem Friedhof und schaute mir die alten Gräber an. Sah, wie der Schnee die Vergangenheit zudeckte. So gefiel sie mir ebenfalls. Seltsamerweise sahen die Fotos von diesem raren Wintertag so aus, als ob sie vor über hundert Jahren gemacht worden wären.

Wie immer, zog ich zum Park weiter. Es war ein wenig kalt, was die Illusion eines richtigen Winters weiter nährte. Schließlich fing es zu schneien und zu stöbern an, ohne daß der Schnee mehr wurde. Vielleicht wurde er aus Kostengründen vom Friedhof herübergeweht. Es wurde immer umständlicher, mit klammen Fingern die Kamera auszupacken und zwischen Kapuze und hochgeschobener Brille zu klemmen. Dennoch landete keine einzige Schneeflocke auf meinem Objektiv. Zumindest ist auf den Bildern keine zu sehen.

An diesem Nachmittag sind mir einige Leute begegnet. Daß so viele lieber die Wunder der Natur bestaunen, als kitschigen Kram an einen Weihnachtsbaum zu hängen, beruhigte mich. Daß Kinder an so einem Nachmittag draußen herumtollen, ist hingegen nicht ungewöhnlich.

Endlich hieß die Rodelbahn zurecht so. Ein paar Jungs im Alter von Torsten waren da am Gange. Sie erreichten mit ihren Schlitten erstaunliche Geschwindigkeiten. Womöglich haben sie geschummelt und die Kufen angewärmt. Ich knipste ihnen zweimal hinterher. Dabei sah ich fast nichts, so viel Schnee blies mir der Wind in's Gesicht. Ich befürchtete, beide Bilder wären verwackelt. Als ich sie zu Hause auf meinen Rechner lud, war ausgerechnet eines von diesen schnellen ein wahres Meisterwerk, das keinerlei Nacharbeit bedurfte.

Mittlerweile werden die Tage länger und der Frühling ist schon in Arbeit, wie Armin neulich bemerkte. Auf Schnee und noch ein paar Winterbilder machen, muß ich nun etwas länger warten.


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