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Zackes Textedition 1:
Hier biete ich in jugendlichen Jahren verfaßte Texte an. Die meisten lese ich heute
so, als ob sie nicht von mir wären. Ich hab damals viel geschrieben. Manches verstehe ich
nicht mehr, z.B. das Ende mit den vielen Uhren, oder es gefällt mir nicht.
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19.04.75
Die Flucht:
Du möchtest dich entfernen, doch der Grund bewegt sich unter deinen Füßen
dir entgegen. Du blickst dich um, dein Blick findet nirgendwo Halt. Die Richtungen sind Dir
entschwunden. Wohin bist du gelaufen, wie lange irrst du schon?
Du wendest deine Augen nach unten und suchst deine Spuren. Du erkennst weder Spuren,
noch das Unten. Bist du im Fallen, steigst du oder schwebst du?
Deine Furcht erscheint in der Gestalt eines freundlichen Menschen. Du bittest um Hilfe.
Die Gestalt gibt dir eine stehende Uhr. Du versuchst, sie aufzuziehen, wobei sich die Zeiger nach
der Bewegung deiner Finger drehen.
Du bittest erneut um Hilfe. Dein Mut gibt dir im Anschein eines Uhrmachers eine neue
Uhr. Als du sie aufziehst, bewegen sich die Zeiger anfänglich sehr langsam, gewinnen aber mit
der Spannung der Feder an rasender Geschwindigkeit.
Die Gestalt des freundlichen Menschen tötet den Uhrmacher mit deiner Hand und
reißt sich ihr Aussehen vom Gesicht. Du forderst deine Hand zurück. Die Gestalt gibt sie
dir und sie hält eine Schachtel für deine Uhren fest. Du legst sie hinein. Die Schachtel
ist augenblicklich überfüllt und du hälst immer noch zwei Uhren in den
Händen.
Die Gestalt hat nun eine Geburtszange im Gesicht und sagt dir, daß es sich bei den
vielen Uhren um jene handelt, die du in dem Leben, das vor dir liegt, einmal betrachten wirst. Sie
messen die Unendlichkeit.
Du entleerst die Schachtel. Die Uhren entfallen ihr in jeglicher Bewegung. Als sie nicht
enden, vermutest Du, in die Unendlichkeit geboren worden zu sein.
Dem ist nicht so, bekundet die Gestalt, das Fallen hat kein Ende. Jede Uhr sei für
jede mögliche Zeit gedacht und sie stehe noch. Die Unendlichkeit hat noch nicht angefangen. Du
wirst zuerst in deine Zeit geboren. Du wirst Uhrmacher werden.
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14.07.75
Die Wortfalle:
Achtung! Da kommt ein Wort,
ein lautes Wort, ein lebendiges Wort,
ein tötendes Wort!
"Gewalt"
Du bist tot!
Achtung! Du bist tot!
Da kommt ein Wort,
ein leises Wort, ein totes Wort!
"Du"
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18.04.75
Verwesung:
Zuerst war der Boden grün.
Dann verkündete der Mensch das Ende des Grüns
und rief das Zeitalter der Tiegel aus.
Er sammelte die Elemente des Bodens,
trennte sie nach ihren Eigenschaften
und brachte sie zu Schmelzen.
Aus der zähen Masse der Schmelztiegel
zog er Rohre und Stränge durch den Boden
und über diesen hinweg.
Anderen Tiegeln entschäumte Beton und Glas,
wälzte sich in Schichten vorwärts
und türmte sich auf,
bis kein Boden mehr zu sehen war.
Röhren und Leitungen trieben nun
durch die erstarrten Massen,
bewegten Energien und Wasser,
Waren, Nahrung und Fäkalien,
transportierten Daten und Nachrichten,
und beseitigten tote Abfälle.
Sie kamen und entschwanden endlos,
teilten und vereinigten sich,
wechselten Umfänge,
Tiegel füllend und entleerend.
Bildschirme schwollen an,
sogen Räume auf,
zeigten kristalline Verklüftungen,
Tiegel, Rohre und Leitungen
und eine glasige, dorrende Sonne.
Allmählich, nach einigen Halbwertzeiten
kommt Rost auf.
Beton wird spröde
und Kristalle zerfallen splitternd.
Die Elemente vermengen sich zu Staub,
werden von Wind ausgestreut
und Regen schwemmt sie in den Boden zurück.
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18.6.75
Das Gedicht:
Dumpfe Stille liegt auf den Häusern. Eine Sonne greift mit blaßrötlichen
Strahlen aus dem Halbdunkel. Laue, säuerliche Luft fließt ihr träge voran. Ein
richtungsloser Wind kreischt auf und zersplittert an Hauswänden zu Eis, das augenblicklich
verdampft. Die Luft nimmt ihren alten Geschmack an, die Stille ist schwerer und die Sonne hat sich
an ihrem Licht hochgezogen, das in grün bis violetten Tönen durch die flimmernde
Athmospäre bricht. Die Helligkeit wird kaum zunehmen.
An einem Morgen nach Sonnenaufgang, dessen Beschreibung der Alltäglichkeit wegen
nicht lohnt, werden Zeitungen ausgeliefert. Die Städter nehmen sie wie immer in Empfang,
vermögen ihren Inhalt aber nicht zu verstehen. Sie sind gewohnt, einzelne Worte und Zahlen,
nicht Sätze wie die folgenden zu lesen:
"Du blickst mit der Sonne. Deine Sprache ist das Rauschen von Wasser und Wind, der leise
Blätter bewegt. Das Wetter ist Deine Laune, die Erde Dein Ruhelager, das Meer Dein
Körper. Die Bäume sind Dein Haar, Menschen und Tiere Deine Gedanken, Tag und Nacht Dein
Ein- und Ausatem".
Gestern berichteten die Zeitungen noch von Schwinden des Naturanteils, von Ausstattungs-
und Versorgungsunterschieden, von Angst- und Stressdaten, und sie veröffentlichten das
tägliche Ergebnis des Neun-mal-eins-aus-zehn-Lotto. Am Vortag starben an Durst, Hunger,
Vergiftung, Verletzung und Alter, durch Waffen und Selbstmord, achthundertzehn Millionen,
achthunderteinundzwanzig Tausend, neunhundertsieben Städter. Die letzte bekannte, richtige
Lösung lautet, Acht, Eins, Null, Acht, Zwei, Eins, Neun, Null, Sieben.
Heute am dritten Tag, gibt es keine Zeitungen. In einer Bekanntmachung über
Fernsehen werden die Zeitungsredakteure wegen unerlaubter Berichterstattung gerügt. Gedichte
sind ab sofort verboten. Der absolute Wachstumsstop wird verkündet, die Gesamtzahl der
Städter soll in den nächtsten Jahren auf ungefähr achthundertelf Millionen sinken.
Die Natur wird rekultiviert und die Industrie wird länger ruhen. Von dieser Maßnahme wird
ein besser zu kontrollierender und gewinnbringenderer Neubeginn ausgehen.
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02.07.75
Das Anrecht:
Ich kann zwar, vielleicht sollte ich aber, nicht gehen, mich in einem Rollstuhl von Dir
schieben lassen oder einen Elektromotor aus- und einschalten, wild umherrasen, Dir mit dem
Überfahrenwerden drohen.
Vielleicht verstehst Du mich, im Rollstuhl besser oder überhaupt nicht, vielleicht
solltest Du, an Deinem Mitleid leiden, selber im Rollstuhl sitzen. Ich leide für mich allein,
das ist mein Leiden, es gehört mir, Du bekommst nichts davon.
Ich lebe in einer Stille, wie Du sie, nicht kennst, besitzt, Dir nicht vorstellen
kannst, ohne Dich zu fürchten. In meiner Stille gibt es Musik, die Du niemals hören
wirst, die nicht an Hören gebunden ist, die niemals nicht sein darf, mich niemals
stört.
Ich habe mir, das Sprechen abgewöhnt, angewöhnt nicht, und zu lächeln,
die Menschen in nicht und Lächelnde, zu unterscheiden und sage ihnen, wenn sie, mir trotzdem
sympathisch sind, mich vermutlich nicht ablehnen, daß ich nicht höre.
Ich möchte, kein Heiliger, ein Mensch, böse sein, Dich, reden lassen, nicht
verstehen, ein sinnloses Wort wiederholen, während Deine Lippen versuchen, mir zu
erklären, daß ich, vom Staat, eigentlich von Deinem Geld lebe, doch endlich
vernünftig reden solle.
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03.03.76
Feuer-Buddha:
Eine Pforte, deren Wiederschein, empfangen die Neulinge. Der Klosterhüter
beobachtet die ruhige Oberfläche des Tümpels, fordert das Durchschreiten beider Tore,
verschließt das eine, wenn es windet, regtnet, gebietet zu warten.
Die Unterweisung beginnt mit dem Erlernen des richtigen Sitzens auf der Ebene, setzt
sich in zunehmenden Schrägen fort, umfaßt die dem Willen unterzuordnende Atmung, die
Senkung des Pulsschages.
Nun läßt er sich, in den Blick ermüdenden Abständen, auf dem Band
nieder, hört anfänglich dessen leises, gleichförmig beruhigendes Knarren,
verspürt regelmäßig ein leichtes Anheben, das sachte Überkippen bei den Rollen,
ein jedesmal erliegendes Wippen, das zögerndere Hinauf, das Hinunter, bei Verfolgen des
Erdkörpers.
Die bedächtige Bewegung führt ihn durch weich versunkene, zwitschernde
Täler, an geschichtenflüsternden Bächen entlang, auf kahle Kuppen, in die Glut der
Sonne, durch das Schütten eines Wasserfalles, wo er seine Gesangsübungen beendet, in das
dunkle Innere eines Berges.
Schweigend erreicht er das Ende, die geschäftige Halle einer Verpackungsfabrik.
Eigentätige Arme ergreifen ihn, füllen ihn in die bereitstehenden, luftdichten
Geschenkkartons, zu den Fünfliterbenzinkanistern. Gegen Aufpreis zündet er sich selbst
mittels eines Drehholzes an.
Er ist, unbegrenzt haltbar, ohne Bedürfnisse, geruch-, geräuschlos,
temperaturunempfindlich. Seine Lage sollte während längerer Aufbewahrung nicht
verändert werden, da er sich an diese gewöhnt. Die äußere Hülle
schützt ihn vor Licht, ihr Entfernen bewirkt, daß er aus seiner Trance erwacht, sich auf
seine Bestimmung vorbereitet.
Sein Herstellungsort bleibt uns trotz allen Bemühungen verborgen. Gerüchte
vermuten in ihm nicht nur, gar keine Asiaten, sondern aus weltanschaulichen Gründen
ausgewanderte Wahrheitssucher.
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04.01.76
Zeitgemäßes Umgehen:
Sie treffen sich, aufgrund einer Zeitungsanzeige, wöchentlich, im obersten
Stockwerk eines Hochhauses, in Stadtmitte. Im Aufzug lesen sie die Worte wieder, für die sie,
trotz unterschiedlichem Alter, ihr Leben geben.
Der Unterricht, mit modernsten Methoden, in unverkrampfter Atmosphäre, umfaßt
Themen wie, über die Natur des menschlichen Erschreckens, das genaue Feststellen der Zeit ohne
Uhr, wie auch besondere Fragen, so das richtige Verhalten bei Unsichtbarkeit oder
Gelächter.
Ein Nebenraum birgt eine Tischlerei, in der jeder seinen Sarg zimmert, an dem nur nachts
gearbeitet werden darf. Sobald alle Teilnehmer fertig sind, mietet der Leiter, den jeder in jedem
vermutet, einen führerlosen Kleinbus.
Die Fahrt wird in der Art eines gemütlichen Ausfluges an Kaffeehäusern und
Sehenswürdigkeiten unterbrochen. Letzte Erinnerungen, laut lachende Unterhaltung, verwandeln
sich zunehmend in Stille, in Aufregung, ungeduldige Erwartung, heimliche Furcht.
Ein kleines, unbewohntes Dorf erwächst in der Dämmerung, geleitet zu dessen
verfallenem Friedhof, wo Fackeln grell leuchten. Wie sind wir hier hergekommen?
Neu ausgehobene Gräber öffnen den Boden, atmen einen kühlen Wind aus.
Leise Musik gibt sich als Stimme zu erkennen, fordert uns nochmals anhand einer Liste zu einer
förmlichen Willenserklärung auf.
Ein Kopf, ein Schuß fällt. Eine Schlinge wird langsam enger. Jemand ertrinkt,
bricht unter der Last eines Felsen zusammen, glühende Haken zerreißen einen
Körper.
Deine Flucht ist vergeblich, die Todesart kann frei gewählt werden, je nachdem, auf
welches weitere Dasein Du Dich in jener nun unerreichbaren Stadt vorbereitest.
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| Designed and made by Zacke. Thanks to photopool for bgpic. November 2000. |
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