Es gibt in Musikgeschäften jede Menge Bücher und Lernsoftware. Ich möchte jetzt
trotzdem versuchen, weil Du eben gerade hier bist, Dir das für mich wesentliche des
Songschreibens zu erklären. Das wird fast ganz ohne Theorie gehen. Zum einen setze ich voraus,
daß Du schon etwas Gitarre oder Keyboard spielen kannst und ein wenig Ahnung von Theorie hast,
zum anderen ist diese für das, was ich erkären möchte, gar nicht so wichtig.
Ein Song ist für mich ein vertonter Text. Du brauchst also einen Text. Falls Du selber
einen zu schreiben beabsichtigen solltest, wird dieser viel singbarer, sobald Du anfängst,
Silben zu zählen und die Verse (Songzeilen) gleich lang zu machen:
Ein
U-
fo
brach-
te
mir,
janz
jrü-
net
U-
fo-
bier.
Mit-
flie-
jen
woll-
te
ich,
be-
sof-
fen
jeht
dat
nich!
Ob sich das reimen oder auf Deutsch sein muß, ist Deine Sache. Auch das "Format". Ich bin
mit meinen letzten Songs bei immer kürzeren Versen angekommen. Man kann mit drei, vielleicht
sogar mir zwei Silben auskommen, was dem Text eine seltsame Dichte verleiht. Eine Zeit lang fand
ich, wie in dem Beispiel, sechs Silben optimal. Für eine Strophe reichen vier Verse. Für
ein Lied genügen zwei Strophen mit sechs bis acht Versen oder drei Strophen mit je vier
Zeilen. Das heißt, zwölf bis sechzehn Verse reichen völlig aus, für einen Song.
Ein guter Song braucht nicht ellenlang zu sein. Das hängt vom Charakter der Musik und
letztlich vom Inhalt ab. Oft entsteht beides parallel. Wenn Du ganz gut bist, achtest Du auch auf
die Wortstellung und den sich daraus ergebenden Sprachrhythmus. Dieser gibt Dir erste Hinweise auf
den Rhythmus der Musik. Manchmal hört man diese beim lauten Rezitieren bereits im Hintergrund
klingen. Schubert ging es so.
Ich kann es mir nicht verkneifen, zum Inhalt von Texten ebenfalls was zu sagen: Besser ist es,
in einem Song eine Situation oder konkrete Dinge zu beschreiben, als abstrakte Statements
loszulassen. Je konkreter ein Text ist, desto mehr Bilder erzeugt er im Kopf und desto eher findet
er Gefallen. Niemand wird Deinen Song mögen, nur weil Du etwas richtiges und wahres zum Besten
gibst. Wir alle haben, was Musik angeht, eine relativ passive, konsummäßige Haltung.
Positiv ausgedrückt sind wir genießerisch.
Nun haben wir den Song schon halb fertig, rein theoretisch. Du brauchst nur noch die Musik. Wenn
Du eine Tonleiter hast, hast Du auch Musik. Genauer: Wenn Du in der Lage bist, auf jedem Ton einer
Tonleiter einen Akkord aufzubauen, der aus Tönen dieser Tonleiter besteht, dann hast Du eine
gute Handvoll von zusammenpassenden Akkorden für Deinen Song. Ob Du Dich dabei streng an die
herkömmlichen Regeln hälst und Akkorde nur aus Terzen bildest, ist wieder mal Deine
persönliche Entscheidung.
Wenn Du eine solche Akkordabfolge spielen übst, vielleicht, weil Du noch lernst, wenn Du
dabei zwischen den verschiedenen Akkorden hin und herspringst, erkundigst Du bereits den
harmonischen Raum für Songs. Wenn Du singenderweise zu jedem Akkord den melodischen Raum
austastest, bekommst Du schnell rein gehörmäßig ein Gefühl für die ganzen
Zusammenhänge und Möglichkeiten, so daß Du Deinen ersten Song nur noch
zusammenfummeln brauchst.
Wenn Dir das mit den Akkorden zu kompliziert erscheint, dann kannst Du einfach jeden Akkord in
Dur, oder jeden in Moll greifen. Oder suche Dir ein paar Akkorde zusammen, die Dir als
zusammenpassend erscheinen. Ordne sie der Tonhöhe nach, übe das Herumspringen und singe
dazu. Solche Übungen sind enorm wichtig. Du kannst dazu Teile aus Deinem Text verwenden.
Nun gibt es noch eine Quelle für Baumaterialien. Jeder schleppt irgendwelche Riffs und
Akkordfolgen mit sich rum. Oft klingt es gar nicht schlecht, doch es ist halt nur ein Schnipsel und
Du hast keine Ahnung, wie es weitergehen könnte. Klar, loopen, den Text dazu runterrasseln,
ein paar Schichten Klangsoße darüberkippen und fertig ist die ganz normale
Allerweltsmusik mit Chartstauglichkeit.
Das Kompositionsprinzip, das ich hier beschreibe, besteht darin, eine Struktur aus Akkorden zu
schaffen und darüber den Text rein assoziativ zu singen. Die Melodie ist am Anfang nicht auf
den Ton genau festgelegt. Doch so sehr viele Möglichkeiten gibt es gar nicht. Nicht alle
Töne einer Tonleiter passen "schön" zu dem jeweiligen Akkord. Das wirst Du beim Singen
merken. Durch die Akkorde ist die Melodie weitgehend eingegrenzt und skizziert. Aus diesen Grund
genügt guten Jazzern ein kleiner Zettel mit ein paar Akkorden drauf, um fantastische Musik
daraus zu machen. Du könntest eine willkürliche Akkordfolge nehmen, vielleicht mit einem
Akkord für zwei Textsilben und wenn Du Glück hast, klingt das sogar. Wenn Du ein
bißchen improvisieren kannst, dürftest Du mit dem Songschreiben keine Probleme haben.
Wenn Du einen Vers hinkriegst, schaffst Du den ganzen Song. Wie ich vorhin geschrieben habe,
mußt Du komponieren als gestalten einer Zeitspanne auffassen. Vielleicht ist es erstmal
einfacher, Akkorde zu schrammeln, bzw. in die Tasten zu drücken, als mit Riffs zu arbeiten.
Doch wenn Du schon viele Riffs auf Vorrat hast, kannst Du mit denen Deine Strukturen aufbauen.
Akkorde oder Riffs werden wie Perlen aneinandergereiht. Vielleicht sind drei bis vier
unterschiedlich farbige Perlen besser, als ein Durcheinander von zwanzig. Wenn Du unterschiedliche
Riffs einfach nur aneinanderhängst, kiegst Du schnell Probleme mit Rhythmus, Takt und
Tonarten. Löse sie einfach! Vereinheitliche den Rhythmus, mache die Tonarten passend. Klar,
das ist ein blöder Spruch. Manchmal ist alles reichlich vertrackt und von manchem löst
man sich nicht gern, obwohl's nicht hinhaut.
Wenn Du nur Akkorde aufschreibst, ist es so ähnlich wie mit dem Melodieverlauf. Die ganze
Musik ist erst skizziert, während Riffs bereits sehr konkrete Ausführungen sind. Bleiben
wir bei Akkorden: Bleiben wir bei farbigen Perlen. Ich möchte bewußt keine konkrete
musikalische Angaben machen. Kein: zwei Takte G-Dur, dann zwei A-Moll, zwei D-Moll und zwei wieder
G-Dur. Aber, soetwas stellt schon eine Struktur dar. Mit Perlen: Rot, Gelb, Blau, Rot. Wenn das der
erste Vers der ersten Strophe war, machen wir den zweiten Vers aus Bequemlichkeit genauso und den
vierten auch. Nur der dritte Vers bekommt was anderes, damit man uns kein Loopen unterstellen kann:
Gelb, Rot, Rot, Gelb.
Die erste Strophe sieht nun so aus:
/A
/A
/B
/A
Mit AABA habe ich die bequeme Struktur nochmal extra dargestellt. Du kannst sie auf den ganzen
Song anwenden. Hast Du die erste, dann hast Du auch die zweite und die vierte Strophe. Dann
brauchst Du nur noch die dritte zu komponieren. Rein textlich reichen dazu bereits zwei Strophen
aus, weil die Struktur lediglich aus zwei Elementen besteht. Maximal passen vier Strophen rein.
Oder drei und eine Wiederholung. Und wenn zwischen den Strophen Refrengs liegen, die sehr simpel
sein können, dann ist der Song insgesamt gar nicht mehr so primitiv aufgebaut. Sowas zu
spielen, erfordert schon etwas Disziplin und daraus entsteht echtes Können.
Unser erster Song ähnelt einem Fraktal. Eine einzige Struktur bestimmte auf verschachtelte
Art und Weise die Struktur des Ganzen. Das muß natürlich nicht so sein. Das war nur ein
Beispiel mit möglichst wenig Aufwand. Strophen sind in ihrem Binnenaufbau oft komplizierter
aufgebaut. Oder noch einfacher, das gibt es auch. Es gibt halt alles, was es gibt. Auch Jimi hat
mit der bequemen Struktur komponiert. AABA und ABAA kamen bei ihm als Strophenfolge (Liedform)
vor.
Ein früher nicht unüblicher Trick, zu einer Variation (Strophe B) zu kommen, war es,
zu transponieren, die Strophe einen Ton tiefer oder höher zu setzen. Falls es Dir
anfänglich schwer fällt, eine Strophe hinzubekommen, kannst Du das mit einem Riff machen.
Ob es dann nochmal klappt, die ganze Strophe zu transponieren ist fraglich. Ein wenig mehr sollte
man sich eben doch einfallen lassen. Außerdem kann man einen guten Song nicht konstruieren und
ich habe keine unumstößlichen Gesetze formuliert, wie das gehen soll. Ich wollte Dir
nützliche Anregungen geben.
Totzdem und deswegen noch ein Tip: Ein Riff kannst Du sehr leicht variieren, indem Du nur einen
einzigen Ton veränderst. Oft klappt das mit dem ersten oder letzten Ton. Das hängt von
der Melodik Deines Riffs ab. Wenn Du nur zwei Varianten findest, dann hast Du drei zueinander
passende Perlen, um einen interessanten Strophenaufbau zu gestalten. Aus ursprünlich nur zwei
Riffs, kann so ein ausgebuffter Song entstehen. Eine Abfolge von Akkorden kannst Du genauso
behandeln. Allerdings kommt man mit Akkorden leichter klar, wenn man ein wenig Ahnung von Harmonien
oder ein Gefühl für sie hat. Lies nochmal nach, wie Du das trainieren kannst.
Ich hoffe, bei Dir ist alles angekommen, so ganz ohne Harmonielehre und konkrete Notenbeispiele.
Es gibt weitere Wege, die zum Komponieren führen. Du kannst Blues spielen. Wenn die
Bluesformel langweilig wird, ändere sie einfach. So entstehen sehr schnell eigene Songs.
Rock'n Roll war an Anfang nichts anderes, als ein schnell und heftig gespielter Blues. Nimm einen
fremden Song, ändere Text und Musik solange, bis es Deiner ist. Die älteste Lernmethode
ist es, anderen auf die Finger zu schauen. Leider werden gute Songschreiber immer weniger. Doch es
gibt zum Glück genug Vorbilder auf CD's. Du packst es.
Kann mir jemand
diesen Text in gutes Englisch übersetzen? Please mail.
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