20:57 04.06.00

Es gibt in Musikgeschäften jede Menge Bücher und Lernsoftware. Ich möchte jetzt trotzdem versuchen, weil Du eben gerade hier bist, Dir das für mich wesentliche des Songschreibens zu erklären. Das wird fast ganz ohne Theorie gehen. Zum einen setze ich voraus, daß Du schon etwas Gitarre oder Keyboard spielen kannst und ein wenig Ahnung von Theorie hast, zum anderen ist diese für das, was ich erkären möchte, gar nicht so wichtig.


Ein Song ist für mich ein vertonter Text. Du brauchst also einen Text. Falls Du selber einen zu schreiben beabsichtigen solltest, wird dieser viel singbarer, sobald Du anfängst, Silben zu zählen und die Verse (Songzeilen) gleich lang zu machen:

Ein

U-

fo

brach-

te

mir,

janz

jrü-

net

U-

fo-

bier.

Mit-

flie-

jen

woll-

te

ich,

be-

sof-

fen

jeht

dat

nich!

Ob sich das reimen oder auf Deutsch sein muß, ist Deine Sache. Auch das "Format". Ich bin mit meinen letzten Songs bei immer kürzeren Versen angekommen. Man kann mit drei, vielleicht sogar mir zwei Silben auskommen, was dem Text eine seltsame Dichte verleiht. Eine Zeit lang fand ich, wie in dem Beispiel, sechs Silben optimal. Für eine Strophe reichen vier Verse. Für ein Lied genügen zwei Strophen mit sechs bis acht Versen oder drei Strophen mit je vier Zeilen. Das heißt, zwölf bis sechzehn Verse reichen völlig aus, für einen Song. Ein guter Song braucht nicht ellenlang zu sein. Das hängt vom Charakter der Musik und letztlich vom Inhalt ab. Oft entsteht beides parallel. Wenn Du ganz gut bist, achtest Du auch auf die Wortstellung und den sich daraus ergebenden Sprachrhythmus. Dieser gibt Dir erste Hinweise auf den Rhythmus der Musik. Manchmal hört man diese beim lauten Rezitieren bereits im Hintergrund klingen. Schubert ging es so.


Ich kann es mir nicht verkneifen, zum Inhalt von Texten ebenfalls was zu sagen: Besser ist es, in einem Song eine Situation oder konkrete Dinge zu beschreiben, als abstrakte Statements loszulassen. Je konkreter ein Text ist, desto mehr Bilder erzeugt er im Kopf und desto eher findet er Gefallen. Niemand wird Deinen Song mögen, nur weil Du etwas richtiges und wahres zum Besten gibst. Wir alle haben, was Musik angeht, eine relativ passive, konsummäßige Haltung. Positiv ausgedrückt sind wir genießerisch.


Nun haben wir den Song schon halb fertig, rein theoretisch. Du brauchst nur noch die Musik. Wenn Du eine Tonleiter hast, hast Du auch Musik. Genauer: Wenn Du in der Lage bist, auf jedem Ton einer Tonleiter einen Akkord aufzubauen, der aus Tönen dieser Tonleiter besteht, dann hast Du eine gute Handvoll von zusammenpassenden Akkorden für Deinen Song. Ob Du Dich dabei streng an die herkömmlichen Regeln hälst und Akkorde nur aus Terzen bildest, ist wieder mal Deine persönliche Entscheidung.

Wenn Du eine solche Akkordabfolge spielen übst, vielleicht, weil Du noch lernst, wenn Du dabei zwischen den verschiedenen Akkorden hin und herspringst, erkundigst Du bereits den harmonischen Raum für Songs. Wenn Du singenderweise zu jedem Akkord den melodischen Raum austastest, bekommst Du schnell rein gehörmäßig ein Gefühl für die ganzen Zusammenhänge und Möglichkeiten, so daß Du Deinen ersten Song nur noch zusammenfummeln brauchst.

Wenn Dir das mit den Akkorden zu kompliziert erscheint, dann kannst Du einfach jeden Akkord in Dur, oder jeden in Moll greifen. Oder suche Dir ein paar Akkorde zusammen, die Dir als zusammenpassend erscheinen. Ordne sie der Tonhöhe nach, übe das Herumspringen und singe dazu. Solche Übungen sind enorm wichtig. Du kannst dazu Teile aus Deinem Text verwenden.

Nun gibt es noch eine Quelle für Baumaterialien. Jeder schleppt irgendwelche Riffs und Akkordfolgen mit sich rum. Oft klingt es gar nicht schlecht, doch es ist halt nur ein Schnipsel und Du hast keine Ahnung, wie es weitergehen könnte. Klar, loopen, den Text dazu runterrasseln, ein paar Schichten Klangsoße darüberkippen und fertig ist die ganz normale Allerweltsmusik mit Chartstauglichkeit.


Das Kompositionsprinzip, das ich hier beschreibe, besteht darin, eine Struktur aus Akkorden zu schaffen und darüber den Text rein assoziativ zu singen. Die Melodie ist am Anfang nicht auf den Ton genau festgelegt. Doch so sehr viele Möglichkeiten gibt es gar nicht. Nicht alle Töne einer Tonleiter passen "schön" zu dem jeweiligen Akkord. Das wirst Du beim Singen merken. Durch die Akkorde ist die Melodie weitgehend eingegrenzt und skizziert. Aus diesen Grund genügt guten Jazzern ein kleiner Zettel mit ein paar Akkorden drauf, um fantastische Musik daraus zu machen. Du könntest eine willkürliche Akkordfolge nehmen, vielleicht mit einem Akkord für zwei Textsilben und wenn Du Glück hast, klingt das sogar. Wenn Du ein bißchen improvisieren kannst, dürftest Du mit dem Songschreiben keine Probleme haben.

Wenn Du einen Vers hinkriegst, schaffst Du den ganzen Song. Wie ich vorhin geschrieben habe, mußt Du komponieren als gestalten einer Zeitspanne auffassen. Vielleicht ist es erstmal einfacher, Akkorde zu schrammeln, bzw. in die Tasten zu drücken, als mit Riffs zu arbeiten. Doch wenn Du schon viele Riffs auf Vorrat hast, kannst Du mit denen Deine Strukturen aufbauen. Akkorde oder Riffs werden wie Perlen aneinandergereiht. Vielleicht sind drei bis vier unterschiedlich farbige Perlen besser, als ein Durcheinander von zwanzig. Wenn Du unterschiedliche Riffs einfach nur aneinanderhängst, kiegst Du schnell Probleme mit Rhythmus, Takt und Tonarten. Löse sie einfach! Vereinheitliche den Rhythmus, mache die Tonarten passend. Klar, das ist ein blöder Spruch. Manchmal ist alles reichlich vertrackt und von manchem löst man sich nicht gern, obwohl's nicht hinhaut.

Wenn Du nur Akkorde aufschreibst, ist es so ähnlich wie mit dem Melodieverlauf. Die ganze Musik ist erst skizziert, während Riffs bereits sehr konkrete Ausführungen sind. Bleiben wir bei Akkorden: Bleiben wir bei farbigen Perlen. Ich möchte bewußt keine konkrete musikalische Angaben machen. Kein: zwei Takte G-Dur, dann zwei A-Moll, zwei D-Moll und zwei wieder G-Dur. Aber, soetwas stellt schon eine Struktur dar. Mit Perlen: Rot, Gelb, Blau, Rot. Wenn das der erste Vers der ersten Strophe war, machen wir den zweiten Vers aus Bequemlichkeit genauso und den vierten auch. Nur der dritte Vers bekommt was anderes, damit man uns kein Loopen unterstellen kann: Gelb, Rot, Rot, Gelb.

Die erste Strophe sieht nun so aus:


rot, FreeVault, bearbeitet gelb blau rot

/A

rot gelb blau rot

/A

gelb rot rot gelb

/B

rot gelb blau rot

/A


Mit AABA habe ich die bequeme Struktur nochmal extra dargestellt. Du kannst sie auf den ganzen Song anwenden. Hast Du die erste, dann hast Du auch die zweite und die vierte Strophe. Dann brauchst Du nur noch die dritte zu komponieren. Rein textlich reichen dazu bereits zwei Strophen aus, weil die Struktur lediglich aus zwei Elementen besteht. Maximal passen vier Strophen rein. Oder drei und eine Wiederholung. Und wenn zwischen den Strophen Refrengs liegen, die sehr simpel sein können, dann ist der Song insgesamt gar nicht mehr so primitiv aufgebaut. Sowas zu spielen, erfordert schon etwas Disziplin und daraus entsteht echtes Können.

Unser erster Song ähnelt einem Fraktal. Eine einzige Struktur bestimmte auf verschachtelte Art und Weise die Struktur des Ganzen. Das muß natürlich nicht so sein. Das war nur ein Beispiel mit möglichst wenig Aufwand. Strophen sind in ihrem Binnenaufbau oft komplizierter aufgebaut. Oder noch einfacher, das gibt es auch. Es gibt halt alles, was es gibt. Auch Jimi hat mit der bequemen Struktur komponiert. AABA und ABAA kamen bei ihm als Strophenfolge (Liedform) vor.

Ein früher nicht unüblicher Trick, zu einer Variation (Strophe B) zu kommen, war es, zu transponieren, die Strophe einen Ton tiefer oder höher zu setzen. Falls es Dir anfänglich schwer fällt, eine Strophe hinzubekommen, kannst Du das mit einem Riff machen. Ob es dann nochmal klappt, die ganze Strophe zu transponieren ist fraglich. Ein wenig mehr sollte man sich eben doch einfallen lassen. Außerdem kann man einen guten Song nicht konstruieren und ich habe keine unumstößlichen Gesetze formuliert, wie das gehen soll. Ich wollte Dir nützliche Anregungen geben.

Totzdem und deswegen noch ein Tip: Ein Riff kannst Du sehr leicht variieren, indem Du nur einen einzigen Ton veränderst. Oft klappt das mit dem ersten oder letzten Ton. Das hängt von der Melodik Deines Riffs ab. Wenn Du nur zwei Varianten findest, dann hast Du drei zueinander passende Perlen, um einen interessanten Strophenaufbau zu gestalten. Aus ursprünlich nur zwei Riffs, kann so ein ausgebuffter Song entstehen. Eine Abfolge von Akkorden kannst Du genauso behandeln. Allerdings kommt man mit Akkorden leichter klar, wenn man ein wenig Ahnung von Harmonien oder ein Gefühl für sie hat. Lies nochmal nach, wie Du das trainieren kannst.


Ich hoffe, bei Dir ist alles angekommen, so ganz ohne Harmonielehre und konkrete Notenbeispiele. Es gibt weitere Wege, die zum Komponieren führen. Du kannst Blues spielen. Wenn die Bluesformel langweilig wird, ändere sie einfach. So entstehen sehr schnell eigene Songs. Rock'n Roll war an Anfang nichts anderes, als ein schnell und heftig gespielter Blues. Nimm einen fremden Song, ändere Text und Musik solange, bis es Deiner ist. Die älteste Lernmethode ist es, anderen auf die Finger zu schauen. Leider werden gute Songschreiber immer weniger. Doch es gibt zum Glück genug Vorbilder auf CD's. Du packst es.

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Kann mir jemand diesen Text in gutes Englisch übersetzen? Please mail.
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