22:17 15.08.00

Ich lese den Namen von der Chipkarte und stecke sie weg. Ich könnte jetzt meinen Namen so sagen, wie ich ihn gerade gelesen habe. Ich versuche, ihn nicht zu vergessen. Sobald ich etwas anderes denke oder aus Versehen frage, krame ich nach der Karte. Vielleicht habe ich sie nur deshalb.

Mehr steht nicht drauf, nur eine Nummer, die scheinbar nichts mit mir zu tun hat. Die steht bei allen drauf. Drinnen soll ein richtiges Bild von mir gespeichert sein. Ich habe es noch nie gesehen. Das auf der Karte ist nur ein Standardbild. Der Augenabstand ist maßstabgetreu. Manche haben eine Zahnlücke oder eine Glatze als unveränderliche Kennzeichen. Ich bin entweder ganz veränderlich oder völlig unauffällig.

Ich weiß nicht, ob ich es merken würde, wenn jemand meine Karte gegen seine austauschen würde. Meine Tür würde nicht mehr aufgehen und ich käme nicht mehr in meine Wohnung. Man sagt mir immer, ich solle mir keine Sorgen machen. Die Identität besteht aus Karte und Person. Niemand könne mit einer fremden Karte etwas anfangen. Das habe ich schon oft gehört. Doch wenn ich meine abgeben muß und wiederbekomme, bin ich immer besorgt. Dieses Gefühl werde ich nicht los. Erst, wenn ich wieder zu Hause bin.

Ich würde nicht nach Hause finden. Mit einer anderen Karte käme ich anderswo an. Ich käme in eine andere Wohnung, die nicht viel anders, vielleicht sogar, genau wie meine aussieht. Vielleicht weiß ich gar nicht, wie meine Wohnung aussieht, sobald ich sie verlasse. Normalerweise muß ich mir um nichts Gedanken machen. Alles ist in der Karte gespeichert. Kann ich noch denken? Ich müßte nichteinmal reden können, um irgendwas zu erledigen. Ich brauche nur die Karte.

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