Ich bin vermutlich als Linkshänder auf diesen Planeten gekommen und wurde zum
Rechtshänder erzogen. Ich hatte verschiedene Schlüsselerlebnisse, die mich drüber
nachdenken ließen. Trotzdem habe ich irgendwann nur aus Jux angefangen, links Gitarre zu
spielen. Ich spielte damals schon mehrere Jahre und war ganz gut. Das neu spielen Lernen war eine
sehr wichtige Erfahrung. So sah ich ab da Anfänger mit anderen Augen und nutzte die Chance,
beim zweiten Mal einiges noch besser zu machen. Ich fing an, mich mit Theorie zu befassen.
Früher hatte ich mich überhaupt nicht darum gekümmert. Obwohl ich schon Stücke
schrieb, kannte ich nur wenige Griffe und hatte deshalb irgendwann das Gefühl, immer das
gleiche zu machen.
Als Linkshänder hat man Probleme, die nicht immer durch Umspannen der Saiten erledigt sind.
Dennoch möchte ich Dir Mut machen, wenn Du Dir ganz sicher bist, auch links zu spielen.
Vielleicht auch erstmal mit einer Probegitarre. Bei einer E-Guitarre braucht man an sich nur die
Intonation der einzelnen Saiten am Steg neu einstellen. Mit einem Stimmgerät ist das keine
große Aktion. Wenn man ganz verrückt ist, dreht man die Tonabnehmer um oder glaubt bei
einer Strat, nun den echten Hendrix-Sound zu haben. Viele Gitarren sind aufgrund ihrer Form und
wegen der Balance zum Linksspielen ungeeignet. Weil ich anfing, an Gitarren rumzuschrauben, baue
ich mir inzwischen meine Gitarren selber. Nur einen Hals hab ich noch nicht selber gemacht. Will
ich nichtmal, weil es diese edlen Teile aus Kohlefasern gibt.
Mein Verhältnis zur Theorie ist heute unorthodox. Mich interessiert mehr, wie die Akkorde
klingen, als wie sie heißen oder aufgebaut sind. Deswegen hoffe ich, hier nirgends einen
kapitalen Fehler eingebaut zu haben. Ich hoffe auch, daß Dich diese Akkorde faszinieren, falls
Du Dich noch nie systematisch mit Theorie befaßt hast. Das wäre tausendmal besser, als
wenn ich Dir erklären müßte, wie wichtig das Zeug ist. Doch vielleicht
überzeugt Dich dies: Es ist wie eine Sprache zu lernen. Plötzlich versteht man etwas.
Oder anders gesagt: Wenn Du die Grundlagen der Harmonielehre drauf hast, ist es z.B. leichter
für Dich, die Akkorde eines Stückes herauszukriegen, das Du nachspielen willst.
Es geht hier um diese Akkordfolge:
G-Dur/A-Moll/H-Moll/C-Dur/D-Dur/E-Moll/Fis-VD7/G-Dur
Die gelben Akkorde sind nicht all zu schwer und die solltest Du üben. Die Grünen sind
mehr zum Zeitvertreib, falls Dir auf die Frage nach dem Sinn des Lebens keine bessere Antwort
einfällt. Für manche Akkorde habe ich mehr als einen Griff aufgemalt. Die klingen
unterschiedlich, was man kompositorisch nutzen kann. Mir geht es aber mehr darum, daß Du auf
dem Griffbrett eine räumliche Orientierung bekommst, also weißt, wo die Akkorde liegen.
Außerdem kannst Du so sinnvoll greifen lernen und eine ganze Oktave von Akkorden auch auf dem
"kürzeren" Griffbrett einer Konzertguitarre unterbringen.
Natürlich gibt es noch viel viel mehr Griffe, allein, weil man Akkorde mehrfach umkehren
und mit zusätzlichen Tönen erweitern kann. Gitarrengriffe sind häufig Umkehrungen,
weil die Quinte meistens vor der Terz kommt. Umkehren bedeutet, die Terz oder die Quinte eine
Oktave tiefer oder höher zu legen. Bis in die Zeiten Bachs haben sich die Theoretiker darum
gestritten, ob diese Akkorde noch die selben sind, denn sie klingen anders und ein anderer Ton ist
der tiefste. Rameau, ein Zeitgenosse Bachs, erkannte aufgrund der harmonischen Zusammenhänge
als erster die Umkehrbarkeit von Akkorden. Dies ist jetzt aber nicht so wichtig, obwohl damals von
der Einstellung zu dieser Frage das berufliche Schicksal abhängen konnte.
Wie schlägt man diese Akkorde an? - Mache es Dir da nicht zu schwer. An Anfang genügt
es, wenn Du alle vier Saiten gleichzeitig zupfst. Die tiefste Saite mit dem Daumen, und die
folgenden mit Zeige- Mittel- und Ringfinger. Das ist so eine Art Zwickbewegung. Probiere es. Mit
diesem "primitiven" Anschlag bekommt man sehr schnell ein wunderbar feines Rhythmusgefühl, das
man so mit dem Plättchen nie haben wird. Das ist eben ein anderer Stil. Mit guten Krallen
(Fingernägel), hast Du fast den gleichen harten Ton. Ob Du später mehr oder weniger
komplizierte Arpeggios zupfst, ist Deine Sache. Sowas zu können ist nie verkehrt. Wenn Du ganz
sophisticated musizieren willst, kannst Du das Zupfen mit dem Plektronspiel verbinden, so wie es
der leider ebenfalls selige Rory Gallagher getan hat. Halte das Plättchen wie gewohnt zwischen
Daumen und Zeigefinger und zupfe mit den übrigen drei Fingern.
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