Wenn Sie wirklich etwas von Blues verstehen, dann lesen Sie das folgende bitte nicht, oder Sie
machen beim Lesen die Augen ganz fest zu. Es geht hier nicht darum, was echter Blues ist, sondern
wieder "nur" um eine nachvollziehbare Anleitung.
Diese richtet sich in erster Linie an Leute, die gerade Gitarre lernen oder eine besitzen, mit
der sie jedoch nichts anzufangen wissen oder denen die Lust ausgegangen ist. Vielleicht kann man so
beginnen, falls das Schreiben eines Songs noch zu schwer ist.
Als ich vor über dreißig Jahren anfing, Gitarre zu lernen, da spielten sehr viele
Gitarre und es war ganz selbstverständlich, mit Blues anzufangen. Heute ist Blues wohl etwas
exotisches. Ich selber höre kaum noch Blues, doch ich höre ihn überall heraus. Warum
also nicht Blues erklären? Das soll wieder mit möglichst wenig Theorie vor sich
gehen.
Blues ist ein Improvisationssystem. Musiker, die sich vorher noch nie gesehen haben,
könnten einfach auf die Bühne gehen und zusammen spielen, ohne irgendetwas besprechen zu
müssen. Wenn einer anfängt, legt er damit die Tonart fest. Mehr Information braucht man
nicht.
Wahrscheinlich klingt Blues für Dich etwas komisch und gar nicht cool. Versuche es so zu
sehen, daß Blues womöglich seltsam und altmodisch klingt, aber Spaß macht und Dich
weiterbringt.
Um Blues zu machen, mußt Du die Bluesformel kennen und eine Tonleiter haben, mit der Du
dazu spielen kannst. Beides werde ich Dir erklären. Blues lernt sich am leichtesten zu zweit,
oder zur Not mit einem Kassettenrecorder. Einer spielt die Bluesformel, oder sagen wir den
Rhythmus, der oder die andrere improvisiert dazu. Noch jemand kann singen. Vielleicht wäre das
ein nettes Spiel für ne Party. Selbstgebrannter Schnaps und einen Abend lang nur Blues
spielen.
Die hat nichts mit Mathe, Chemie oder Zauberrei zu tun. Die Bluesformel ist eine vorgegebene
Akkordstruktur, eine Strophe. Die hat zwölf Takte und es kommen in ihr die drei Hauptakkorde
der Funktkionslehre vor: Tonika, Subdominante und Dominante. Die Tonika ist immer der Akkord auf
dem ersten Ton, also z.B. C-Dur. Die Subdominante liegt immer auf dem vierten Ton, das wäre
F-Dur. Die Dominante, immer auf dem fünften Ton, wäre G-Dur. Wir spielen alle Akkorde in
Dur. Nur in Moll ginge auch. Mit der Abfolge der Töne, mit c, d, e, f, g, a, h, c, kannst Du
Dir die Akkorde an den Fingern abzählen. Wenn die Tonika auf e liegt, dann ist die
Subdominante eben auf a und die Dominante auf h zu finden. Nur bei f und h solltest Du nicht
anfangen, so zu zählen. Mit so einem Blues würdest Du nicht nur bei mir äußerst
abtörnendes Hohngelächter ernten. Selbst innerhalb der biederen C-Dur Skala kann man
nicht beliebig transponieren, ohne sie erweitern zu müssen. Scheiß auf den Notenzirkus.
The Blues rules!
Die grundlegende Version der Bluesformel sieht so aus:
T / T / T / T / S / S / T / T / D / D / T / T /
In Worten: Vier Takte Tonika, zwei Takte Subdominante, zwei Takte Tonika, zwei Takte Dominante,
zwei Takte Tonika.
Schrammle das solange auf der Gitarre, bis Du die Formel wie einen Song drauf hast. Fange
einfach an. Klopfe den Takt mit dem Fuß. Der Rhythmus ergibt sich mit der Zeit von allein.
Nimm das auf oder bring es Deinem Mitspieler bei.
Hier ist noch eine etwas abgefucktere Version der Bluesformel, die natürlich mehr Spaß
macht aber schwieriger ist. Ich schreibe sie genau unter die erste, dann erkennst Du die
Veränderungen der Struktur besser:
Basic:
Crack:
T / T / T / T / S / S / T / T / D / D / T / T /
T / S / T / T / S / S / T / T / D / S / T / D /
Die Bluesformel hat zumindest traditionell auch für den Text eine strukturierende
Bedeutung. Die zwölf Takte lassen sich in drei Abschnitte zu je vier Takten aufteilen. Der
Text verhält sich folgendermaßen zu diesen Abschnitten: Im ersten wird eine Feststellung
getroffen. Im zweiten wird diese Feststellung wiederholt oder variiert. Im dritten Abschnitt wird
eine Folgerung daraus gezogen. Alle Strophen eines Blues Liedes halten sich an dieses Schema.
Ich gebe wieder nur eine Strophe vor, den Rest mußt Du machen:
Do it!
Ich hahab den Ufoblues,
T / T /
ich bin schon ganz nervös!
T / T /
Ich hab echt den Ufoblues,
S / S /
drum ich nervös sein muß!
T / T /
Tut nicht bald eins landän,
D / D /
sag ich: Habe zwei gesähn!
T / T /
Am besten besorgst Du Dir möglichst authenthische Bluesaufnahmen und hörst Dir sowas
mal von Könnern an: Blind Lemon Jefferson, Big Bill Broonzy, Leadbelly, Sonny Therry,
Lightnin'Hopkins, Elmore James, Otis Span und natürlich Jimi mit Redhouse oder C-Sharp Blues.
Dieses sind nur ein paar willkürlich herausgegriffene Beispiele. Ein guter Blues Sänger
kann seine Texte improvisieren, eben weil es das Textschema (Behauptung, Repeat, Folgerung) gibt.
Auf Parties kann dabei zur fortgeschrittenen Stunde ausgezeichneter Blödsinn zustande
kommen.
Die habe ich mir "damals" nach Gehör selber zusammengefummelt, indem ich probierte, zu
Bluesplatten mitzuspielen. Das ging relativ schnell, man braucht ja nur fünf Töne finden.
Ich wußte nicht, welche Tür ich mir damit aufgestoßen habe. Fast jeder Gitarrenheroe
spielt mehr oder weniger pentatonisch, vor allem, wenn's ganz schnell zugeht.
Für das Spielen mit pentatonischen Skalen ist die Gitarre vorteilhafter als das Klavier.
Auf dem Klavier ist durch die Tastenanordnung unsere abendländische Melodik vorgegeben.
Dafür ist es auf dem Klavier einfacher als auf der Gitarre, theoretische Zusammenhänge zu
erkennen, weil die Töne ordentlich nebeneinander liegen. Aus der Gitarrenstimmung wird man als
Anfänger nicht schlau.
Die pentatonische Tonleiter hat jene Struktur, die sich ergibt, wenn man bei einer Durtonleiter
die Halbtöne wegläßt, oder wenn man nur auf den schwarzen Klaviertasten klimpert.
Sie besteht aus kleinen Terzen (drei Halbtöne) und Ganztonintervallen. Zwischen den Terzen
liegen immer abwechselnd zwei Ganztöne oder einer. Das läßt sich ohne Noten
schön abstrakt so darstellen:
oder
Es gibt noch drei weitere Möglichkeiten, je nachdem, wo man den ersten Ton hindefiniert.
Diese beiden Varianten kommen oft vor. Als Tabulatur sieht die Pentatonische z.B. so aus:
Für Rechtshänder:
Bei einer Tabulatur sind die tiefen Töne unten, obwohl auf der Gitarre die tiefen Saiten
oben liegen. Die weißen Zahlen in den umfunktionierten Oen sind die Notennummern, also der
erste, zweite, dritte Ton. Die Zahlen links daneben stehen für Deine Finger. 1 bedeutet, mit
dem Zeigefinger zu greifen, 2 heißt Mittelfinger und der hat gerade Pause, 3 ist der
Ringfinger, 4 steht für den kleinen Finger. Greifen kannst Du das ganze irgendwo, auf dem
Griffbrett.
Falls Du auch ein Linkshänder bist:
Übe diese Tabulatur, bis Du die Tonleiter im Schlaf beherrscht.
Als nächstes zeige ich Dir einen anderen Fingersatz für die Pentatonische. Der geht
mehr längs als quer zum Griffbrett, hat ein paar Töne mehr und gestattet es, viel
herumzuwirbeln. Halte Dich bitte daran, mit welchem Finger welcher Ton gegriffen wird. Ein
sinnvoller Fingersatz erhöht die Treffsicherheit. Man kann spielen, ohne dauernd auf das
Griffbrett starren zu müssen.
Diesmal für Linkshänder zuerst:
Für Rechtshänder:
Ich habe keine Notennummern dazugeschrieben. Die sind sowieso unüblich. Da wo zwei
Fingerzahlen stehen, sind Rutschstellen. Du kannst mit den Finger des vorausgegangenen Tones um
einen Ganzton "weiterrutschen". Das ist jeweils ein anderer, je nachdem, ob Du von oben oder von
unten kommst. So sind die zwei Zahlen zustande gekommen.
Noch eine zum Abschluß:
Nun treiben wir es ganz bunt. Wir verlängern die Tonleiter auf jeder Saite nach beiden Seiten.
Das ergibt eine Gesamttabulatur. Auf der sind alle pentatonischen Töne drauf. So ein Teil
solltest Du eigeltlich aus rein pädagogischen Gründen als Übung selber zeichnen. Ich
übernehme das wieder mal für Dich, oder ich laß es von einem netten Kerl machen, der
im Andromeda-Nebel wohnt. Er langweilt sich öfter. So sieht das
für die Rechtshänder aus:
Für die immer zahlreicheren Linkshänder haben wir das:
Die Struktur wiederholt sich. Nach zwölf Bünden geht es wieder von vorne los. Leider
gibt es keine Endlosgitarren, sonst könntest Du von hier bis über den Atlantik spielen
und das Geld für den Flug sparen. Gleiche Töne sind mit gleichen Farben dargestellt. Wenn
Du Bock hast, kannst Du verschiedene Stellen dieser Tabulatur üben oder nachsehen, wie und wo
Deine Akkordgriffe hineinpassen und was das zu bedeuten hat. Früher oder später wirst Du
Halbtöne wieder offiziell einführen müssen. Dann bist Du ganz ohne Noten mitten in
der Harmonielehre.
Die Pentatonische wird in manchen Büchern als Negertonleiter bezeichnet und mag für
abendländisch überschulte Ohren primitiv klingen. Sie hat aber für die Improvisation
und für's Lernen einen unschätzbaren Vorteil: Sie paßt immer mehr oder weniger zu
fast allem!!! Wenn Du fleißig geübt hast und Deine Finger den Weg kennen, brauchst Du nur
mit dem Zeige- oder Ringfinger irgendwo auf den dicken Saiten den Grundton finden, und schon kannst
Du mitjammen. Do it, do the Blues!
Wenn Du mit der Pentatonischen einigermaßen zur Bluesformel improvisieren kannst, dann
versuche, die Bluesformel im Kopf weiterlaufen zu lassen und ohne Begleitung zu ihr zu spielen. Das
fördert Dein melodisches Gefühl. Du kannst weiter versuchen, in Deine Improvisation
Akkorde einzubauen. Du weißt ja welche an welchen Stellen. Das ist das tolle an der
Bluesformel. So wirst Du lernen, Rhythmus- und Melodiespiel zu mischen. So entsteht auf Dauer ein
differenzierter Stil. Du schrammelst nicht mehr nur rum, sondern kannst richtig Musik machen. Diese
Fähigkeit bleibt nicht auf den Blues beschränkt. Vom Blues aus stehen Dir viele Stile
offen. Von Reggae bis Funk und Soul, von Pop und Rock bis Heavy und Jazz. Der Blues steckt auch in
den Errungenschaften der neueren Vergangenheit. Punk, Hardcore, Grunge, Rap, Hiphop und viel Zeug,
das ich persönlich nicht mag, ist nichts anderes, als Großstadtkinder-Blues. Die
"amerikanisierte" Art, wie heute in fast jeder Musik gesungen wird, weist deutliche Züge des
Blues auf, selbst wenn sich manche Musik längst Jahrmillionen (Dollarmillionen?) vom Blues
entfernt hat.
Kann mir jemand
diesen Text in gutes Englisch übersetzen? Please mail.
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