vor und zurueck

ich erinnere mich noch genau an den tag, an dem ich den weissen falken das erste und letzte mal sah. ich ging damals in die wueste, um mich selbst in der einsamkeit zu finden und die vielzahl der gedanken, die in meinem kopfe tobte, in eine hoehere ordnung zu bringen. es war eine wanderung, wie ich sie gelegentlich unternahm, also etwas fuer mich sehr gewoehnliches. der sand rieselte durch meine offenen schuhe auf die fuesse, ich hatte bereits eine betraechtliche strecke zurueckgelegt, die sonne verschuettete ueberall ihr gold und die unbestimmtheit war mein ziel.

wenn der mensch so geht, geraet er leicht in eine art daemmerzustand: kraefte, die er sonst nicht spuert, wirken nun gewaltig auf ihn ein, lassen sein leben als eine geaenderte wirklichkeit erscheinen, vielleicht auch als einen traum, in dem man sich nur wie ein schemen bewegt und staendig zweifelt, ob man selbst tatsaechlich ist - wer oder was treibt einen voran? mit jedem schritt in das ungewisse macht sich das wesen freier von seinen ketten, der alltaeglichkeit, die nie etwas anderes als ein balken vor dem kopf sein kann.

es ist wohl auch dieser befreiung zuzuschreiben, dass sich das bewusstsein weitet. alles bekommt ploetzlich eine bedeutung. der sand ist nicht mehr nur sand, die sonne nicht mehr nur sonne, die felsen in der ferne nicht mehr nur felsen. in allem steckt der betrachter, stecke ich, und vieles, was sonst unbemerkt bleibt, findet den weg zu den augen, schleicht sich in den kopf und breitet sich dann in harmonischen wellen im ganzen koerper aus, laesst ihn in der einheit von innen und aussen schwingen.

in diesem zustand des friedens naeherte ich mich der felsengruppe. auch wenn ich ihr vielleicht schon einmal begegnet sein mochte, so offenbarte sie sich mir als gaenzlich neue erscheinung. schwarz und schmal reckten sich die einzelnen felsen wie verkrueppelte zeigefinger in den himmel, doch zu kurz waren sie, um loecher in die wolken zu bohren.

ruhig bewegte sich etwas weisses zwischen den felsen. es erregte meine aufmerksamkeit, ich gehorchte meinen instinkten und hatte die konturen schon bald als das identifiziert, was in meinem gehirn unter der bezeichnung falke abgelegt ist. vorsichtig naeherte ich mich dem vogel und war schon ganz gefesselt von seinem leuchtenden gefieder. wie war es erst, als mich sein scharfer blick aus dem klaren auge traf! da legte sich ein funkenspruehender zauber auf meine ganze seele, verwandelt ward ich im selben augenblicke, dass ich mich nicht mehr kannte. meine arme hatten sich zu fluegeln ausgewachsen, meine fueße wurden zu krallen, ein schnabel kruemmte sich an nases statt. so wurde ich also ein falke, hob zum fluge an und stuerzte mich dann in die felsen. dadurch aufgeschreckt, entwandt sich der weisse falke mit einem schrei in die wolken. noch lange durchzitterte das echo die luft und fegte wie ein harter wind durch meine federn.

als ich bemerkte, dass ich so alleingelassen werden musste, war mir die ganze lust am vogelsein schon gruendlich vergangen. ich suchte mir einen platz und landete meinen koerper weich im sand. bald schon hatte ich wieder eines menschen form angenommen und setzte vor mir schritt fuer schritt heimwaerts.

heute noch wundere ich mich oft ob dieser unglaublichen begebenheit.

© 2005-05-01 by Arne-Wigand Baganz

 


nihil est

tag und nacht hatte ich hesperien durchwandert und nur dieses eine ziel gekannt: den palast des juengst verstorbenen herrschers, in dessen vorhalle ich nun meine beiden beine in der fuer mich ueblichen art gestellt hatte. um mich herum reckten sich dorische saeulen bis an die mit allerlei malereien aufwaendig verzierte decke. inmitten dieser saeulen befand ich mich als weisser juengling, das goldene band auf meiner stirn, in der rechten hand den gruenen zweig, welchen ich unterwegs von einer zeder brach. sanft hatte der baum bei meiner untat geseufzt und ehe ich wusste, wie mir geschah, hatte er seine getrockneten glieder wie in einer seligen umarmung um meinen koerper gelegt. bald liess er mich los, und so setzte ich meinen weg fort. die erinnerung an diese begebenheit suchte mich noch lange in meinen traeumen heim, wobei mir die zeder oft als etwas gaenzlich unbestimmbares erschien, wie ein wesen ohne form, ohne namen - ganz ohne eigenschaften, eine bloße ahnung.

in der residenz des herrschers hatte wohl niemand mit meiner baldigen ankunft gerechnet, denn eine ganze weile stand ich da allein, unbeachtet, aber auch unverrueckbar. kein jaeher wind, kein sturm haetten mich davonfegen koennen. in meinem kopf bewegten sich nur wenige gedanken, meine als ueberaus sicher erlebte bestimmung musste mich wohl von ihnen befreit haben, und so konnte ich auf den rechten augenblick warten, in dem etwas geschah.

wieviel zeit vergangen war, seitdem ich die halle betreten hatte, konnte ich nicht sagen. ploetzlich aber trat eine veraenderung ein - eine art schatten schlich um die saeulen. ich zweifelte fuer einen augenblick an meiner wahrnehmung. wie oft geschah es, dass man eines ereignisses harrte und sich das gehirn, so ungeduldig es war, ganz ungebeten in diese angelegenheit einmischte und ein ereignis schlichtweg erfand, obwohl es doch gar nicht eingetreten war.

"als unser herrscher starb, starb auch das leben in seiner residenz. seitdem ist sie verlassen. die alte ordnung ist nicht mehr. die zahllosen berater, die eifrigen diener - dunkel redet man im nachbarreich davon, dass sie allesamt ins meer gegangen seien. was bleibt, sind nur einige mauern, saeulen, draußen der erst vor wenigen jahren angelegte weite garten. in einigen jahrhunderten wird dies alles vergessen sein, hier gibt es nichts mehr zu holen. aber du, hast du nicht ein goldstueck fuer mich?".

der dies zu mir gesprochen hatte, war der zu einem bettler gewordene schatten, der sich nun doch als wirklichkeit manifestiert hatte. ich schuettelte meinen kopf, drueckte dem bettler jedoch behutsam den zedernzweig, den ich bis dahin noch immer gehalten hatte, in seine haende. da blitzten seine augen fuer eine bruchsekunde auf und fast nahmen seine lippen die wohlbekannte form eines laechelns ein. stumm, wie auch ich es geworden war, nickte er mir dankend zu, wobei sich seine augen schlossen. dann ging er fort, verschwand schleppend zwischen den saeulen.

mein eintreffen hatte sich nun ganz anders als in meinen erwartungen gestaltet, je mehr ich jedoch meine gedanken um diesen umstand kreisen liess, um so blasser erschien mir mein frueheres vorhaben, bis ich letztlich nichts mehr wusste. so sehr ich mich bemuehte, es waren nur dieses schweigen und diese friedliche leere in mir, die sich wohl schon beim eintreten in die halle meiner bemaechtigt hatten.

was mich in den palast bewegte - es muss sich dabei um den klaren fluss des seins gehandelt haben, den wir menschen immer nur in den stillsten momenten gleich neben dem aufmuepfigen schlag unseres herzens wahrnehmen. durch saele und weite flure, treppen hinauf und hinab lenkten die schritte meinen koerper, bis ich nach dem verstreichen einer moeglicherweise laengeren zeit vor einem streng und dennoch kaum geschmueckten altar zum stehen kam. auf diesem lag ein in leder gebundenes buechlein. als ich es aufschlug, waren die seiten weiss und ich legte es wieder vorsichtig an seinen platz - um keinen aerger zu erregen; und da drehte ich mich etwas rascher um, weil ich ploetzlich befuerchtete, dass mich etwas beim betrachten der weissen seiten beobachtet haben koennte. ich blickte jedoch nur in den leeren saal, der mir nun viel heller als zuvor erschien - so, als haette sich eine kleine sonne in ihm ihren platz gesucht.
in der mitte des saales gewahrte ich einen laenglichen, blank geschliffenen marmorblock, auf dessen weisser oberflaeche sich kurz ein rabe zeigte und der dann wie in einem unergruendbaren schrecken davonflog. ein weilchen hoerte ich noch sein flattern, er mochte wohl in seiner flucht gegen die ein oder andere saeule, die sich ihm in den weg stellte, stoßen. waehrend meine gedanken dem raben ein stueckchen hinterherflogen, wurde es in dem saal stetig heller, so dass ich bald gezwungen war, meine augen zusammenzukneifen, um nicht in fuerchterlichen schmerzen zu erblinden. aber da gewoehnten sich die augen an dieses strahlen und eine eingebung verriet mir, dass ich im goldenen licht der ewigkeit stand, denn ich spuerte, wie seine waerme durch den raum drang, wie sie auch mich ergriff und sich alle formen aufloesten. als koerperloses wohlgefuehl schwebte ich einige zeitlose zeiten durch den raum, dann fanden die formen zu ihrer alten ordnung und ich sank mit dem ruecken auf den marmorblock.

am naechsten morgen besuchte mich erneut der bettler. er schleppte meinen leichnam hinaus in den garten, wo er ihn in ein bereits in der nacht ausgehobenes loch warf, das er dann geschwind mit erde fuellte und ueberhaeufte. bevor er die staette verließ, setzte er den zedernzweig in den huegel. er schlug bald wurzeln.
als zeder wird man sich meiner erinnern.

© 2005-01-19 by Arne Baganz

 
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